Es geht nicht mehr', sagte er.Es hat keinen Sinn.' '

Ja, ja, noch eine halbe Stunde. Denk an die Ostwand, DU Wasch» lappen, an das Biwak in der OftwanD!"

Es fällt mir allmählich schwer, immerfort zu trösten. Das Mädchen wenn ich oorübergehe, lächelt es mir zu, aber dann merke ich plötzlich, daß es immer so lächelt, wie eingefroren. Ich reibe ihr die Wangen mit Schnee. , u , ... . , .,

Und zuletzt bin ich selbst schon so stumpf und fo müde, daß ich gar nicht sehr erschrecke, wenn ich nun den Kameraden nicht mehr unten sitzen sehe. Ich suche das Band mit den Augen ab. Da bemerke ich Tritte gegen die Brücke zu. Er hat sich losgeseilt, denke ich, er will einen Ausweg finden. Aber er wird nicht weit kommen, ich muß mich auf die Brücke legen und muh verfuchen, ihm das Seil zu bringen. Das Band wird rasch schmäler, einige seiner Tritte sind schwarz, da ist er durchgetreten. Ich lege mich hin und rufe:Hallo!"

,Za, hier!"

Was ist los?"

Kann nicht weiter!"

Schweigen.

Hast du Platz?",

Wenig. Friere ein. Aus, mein Lieber!

Eine Weile kämpse ich mit einer schwarzen Welle von Mattigkeit und Schlaf. Dann fällt mir etwas ein, ich habe das Gefühl, es fet em aus­gezeichneter Gedanke.

Warte", rufe ich,du kannst gut da unten meinen Rock haben!

"Laß den Rock oben, du hast ihn ebenfo nötig!"

Achtung! Halt die Augen jetzt offen, er kommt!

Das war gut, mit dem Rock! Ich friere gar nicht mehr arg. Der Wind zupft an meinem Hemd, außerdem fchneit es >etzt, ich fehe deutlich Flocken fallen, große weihe Schneeflocken. Es wird grau um mich, grau und warm und dunkel.

Lange nachher wache ich auf. Lichter, Fackeln, eine Menge Leute. Jemand zwängt mir etwas zwischen die Zahne, 'S liege nackt auf dem Zelttuch, und meine Haut schmerzt wie verbrannt. Ich richte mich auf, ja, da liegt auch er neben mir auf dem Schlitten, mein Kamerad, weih verbunden und in Decken gedreht. Ich lache und winke ihm zu, und dann fchlafe ich wieder----------------

Oie Tragödie einer Königin.

fiatoline Mathilde von Dänemark.

Bon ErnstvonNiebelfchütz.

ImFranzösischen Garten" der kleinen hannoverschenStadt Celle erhebt sich ein fiqurenreiches Marmordenkmal, lieber dem runden Sockel steht eine mit dem Brustmedaillon einer schönen Frau geschmückte Urne. Das von Goethes Lehrer Oeser im Jahre 1776 geschaffene Monument ist dem Andenken der Königin K a r o l i n e M a t h i I d e von D a n e m a r k gewidmet, die einsam und verlassen und nur noch der Wohltätigkeit lebend 1775 in Celle gestorben ist. , . . .

Aus diesem abgeschiedenen Plätzchen des Schlohparks endet eine der blutigsten und menschlich erschütterndsten Tragödien der Weltgeschichte.

Im Herbst 1766 lief eine englische Fregatte in Kopenhagen em. Ihre kostbare Fracht war die damals erst fünfzehnjährige Schwester des regieren­den englischen Königs Georg HL, Tochter der Prinzessin Auguste v o n S a ch s e n - G o t h a und des bald nach ihrer Geburt verstorbenen Prinzen Friedrich von Wales. Die Fürstentochter wie eine Ware verhandelnde Ehepolitik ihrer Zeit hatte in dem 17jährigen König Chri­st i a n VII. von Dänemark einen Gatten für sie erkoren. Das Schicksal hatte dem nicht schlecht veranlagten jungen Manne den bösen Streich gefpielt, ihn in einem Alter zur Regierung kommen zu lassen, in dem em an sich genußsüchtiger Charakter der Kandare bedarf. Christian ergab sich bald einem wilden Lotterleben, dessen Wirkungen auf die Konstitution des Königs auch die junge, lebensfrohe Fürstin bald genug davon überzeugten, was für ein früboergreifter Wüstling der Mann war, an den man sie gekettet hatte. Rach Erfüllung ihrer politischen Pflicht, dem Lande einen Thronfolger zu schenken, sah sich Mathilde immer mehr vernachlässigt. Kein Wunder, daß sie auf den Gedanken kam, sich des widerwärtigen Lebensgefährten wenigstens vorübergehend zu entledigen. Sie bewog Christian zu einerBildungs"-Reife, die den König durch Deutschland, Frankreich, Holland und England führte. Ohne daß Mathilde es ahnen konnte, fchürzte sich auf dieser Reise auch für sie selber der tragische Knoten. Christian hatte nämlich in Halle den Arzt Johann Friedrich Struensee kennenqelernt und Gefallen an dem gewandten jungen Manne gefunden. Er nahm ihn mit nach Kopenhagen und präsentierte ihn der Königin als ihren Leibarzt. Das Berhältnis zwischen Christian und Mathilde erhielt nun die bekannte Figur eines unregelmäßigen Dreiecks: Christian Ma­thilde Struensee! Das Spiel kann beginnen.

Struensee, der nicht auf den Kopf gefallen war, sah bald, daß sich in dem korrupten Staate und noch viel korrupteren Hose Möglichkeiten Des Fortkommens boten. Schlau und völlig unbedenklich, wie er war, wußte er sich bald in das Vertrauen Mathildes einzuschmeicheln und es sogar durchzusetzen, daß ihn der Königsgimpel, der in seiner Einfalt gar nicht ahnte, welcher Art die Suppe war. die er sich da einzubrocken begann, zum Vorleser der Königin ernannte. Was aber bei einer gemeinsamen Vetture herauskommt, wenn Der Vorleser ein unternehmender Mann und d'e Zu­hörerin eine unverstandene junge Frau ist, weiß >eder, der das menschliche Herz kennt, und in Kopenhagen war sich alle Welt bald über d'e Art der Beziehungen zwischen Mathilde und Struensee im klaren ausgenommen natürlich 'der, den es am meisten anging. Mathilde hat sich in das Abe - teuer ganz ohne Berechnung gestürzt. Zur ewigen Unehre aber w-de. Struensee gereichen, daß er die Siebe der Königin nur als Mitte zur Befriedigung seines politischen Ehrgeizes benndte, Gewiß hat er die Frau, die Ihm alles zum Opfer brachte, in feiner Weste geliebt, aber fein Ehrgeiz reichte weiter. Sein Ziel war der Staat, und wieder zeigte sich

Seil Notdürftig mit unseren Brettern und Stöcken gesichert, schiebe kch mich langsam hinaus. Vorhin habe ich von der Brücke weg einen Blick in die Kluft geworfen. Sie ist drei Meter breit, auf beiden Seiten überroädjtet, auch die Wände sind mit kleinen Vorsprüngen besetzt, und in dreißig Meter Tiefe fchließt ein brückenartiges Band die Schlucht bis auf einen schmalen Spalt, der den bodenlosen Abgrund öffnet. Das alles weiß ich, aber trotzdem begreife ich nicht sofort, was ich jetzt fehe: au diesem Band liegen nebeneinander die beiden Skier, und dazwischen ist nichts, ein schwarzes Loch! ..... _ .

Ich muß augenblicklich zurück, da ist wirklich kerne Sekunde zu ver­lieren Wir haben vierzig Meter Seil, viel zu wenig für eine fo schwierige Arbeit Auch das ist gewiß wer an das Seil geht, muß unten bleiben, bis Rettung kommt, unsere Kräfte reichen nicht, ihn heraufzubringen. Natürlich will ich es fein, ich bin der Jüngste und der Leichteste. Da ist nur noch ein Mädchen und ein Mann mit einem grauen Bart, die beiden andern hocken im Schnee und zittern vor Frost, von ihnen ist nicht viel zu erwarten. Genug, wenn man sie fortschicken kann, damit sie die Hüttenleute verständigen. Und dann habe ich noch meinen Kameraden

Bleib du oben", sagt er.Ich verstehe das nicht recht, sichern und so. Laß'mich hinuntergehen", meint der Freund.

Er hat recht, es ist auch nicht Zeit für einen müßigen Zank, und ich werde das wirklich gut besorgen, die Arbeit am Seil. Er bekommt alles, was wir an Wolle und Segeltuch auf dem Leibe haben, und eine Minute später läuft uns dreien langsam das Seil durch die Hande. Die Sicherung mit den Skiern bewährt sich gut, aber das Seil schneidet in die Wachte ein, und das ist gefährlich. Ich muß mich an das freie Ende hangen, muß vorkriechen und versuchen, einen Stock unterzuschieben. Vom Rande aus sehe ich den Mann in der Spalte schweben! Schneller! Es muß schneller gehen. Ich krieche zurück, eine Weile später lockert sich das Se,l. Was ist?", rufe ich hinunter.

Tot!", sagte der Freund.

Er hat das Band vorsichtig untersucht und abgetreten, es halt. Die junge Frau liegt jetzt vor ihm, er reibt und arbeitet an ihrem Körper nichts! Es sind zehn Minuten seit dem Sturz vergangen.

Wir mässen warten. Es ist schneidend kalt, der Wind weht stärker, und dabei haben wir fast nichts auf dem Leibe. Das Mädchen halt sich tapfer unsere Dame. Wir lösen einander am Seil ab, laufen herum und schlagen mit den Armen wie große frierende Vögel. Von Zeit zu Zeit krieche ich hinaus und frage:Wie steht es?"

3a, gut! Wie spät ist es?"

Zwei Uhr vierzig." Drei Uhr. Die beiden Leute sind zur Hütte abgefahren. Wenn alles gut geht, kann in drei Stunden Hilfe da sein. Aber wir warten auf die vier Burschen, die noch vom Gipfel kommen müssen. Zu sechst können wir versuchen, unfern Mann heraufzuziehen. Um halb vier Uhr sehen wir sie oben auf der Scharte. Wir brüllen alle laut und winken, endlich fehen sie uns und kommen mit großartigen Schwüngen angeftäubt.

Unglück! Jawohl! Habt ihr Seil? , r

Nicht viel, zehn Meter." Aber es sind vier handfeste Kerle, sie kratzen sich hinter dem Ohr und sehen sich um also los! Es geht langsam, Stück um Stück. Nach acht Meter müssen wir es aufgeben. Der Mann hängt schlecht im Seil, es würgt ihn ab, fo bringen wir Sn nicht lebend heraus. Er knüpft jetzt eine Schlinge, tritt hinein und haUsiS fest Wieder ziehen wir, unendlich langsam, und nun ist er unter der Wachte angelangt Nun muß er pendeln, und im richtigen Augenblick muffen wir ihn mit einem Ruck aus der Spalte schnellen. Ich liege wieder vorn und rufe: Achtung! Jetzt! Nichts. Ich muß selbst zurück. Und jetzt noch einmal, mit äußerster Kraft Achtung! Plötzlich aber taumeln mir alle zurück, und vor uns liegt die leere Schlinge auf dem Schnee.

Schweigen ... *

Einen Augenblick verläßt mich alles, Mut und Verstand, ich hocke nur da und sehe diese Schlinge vor mir und begreife gar nichts mehr. Dann areift jemand nach dem Seil, ich schüttle ihn ab und krieche sofort wieder hinaus Es ist diesmal ein langer Weg, vieles fällt mir em. Ich stehe im Fels und höre den Tritt meines Kameraden, feinen Atem unter mir an lange Nächte im Zelt denke ich, und daß wir Freunde waren, ein Leben hindurch. Dann sehe ich ihn unten liegen wahrhaftig, das Band hat gehalten. Er liegt über Der Toten, mit ausgebreiteten Armen, regungslos. Ich rufe ihn an.Peter", rufe ich,hörst Du?" Stille

Ich muß sofort hinunter, Denke ich. Aber wahrenD ich mich zuruck- schiebe, bewegt er Den Arm, krümmt sich, roenbet Den Kopf.-BleibI , chreie ich,bleib liegen!" Da ist ja die Spalte neben ihm, die bodenlose Tiefe Die tote Frau hat ihn aufgefangen, vielleicht hat sie ihn gerettet. Jetzt hockt er an der Wand, fein Gesicht ist zerschlagen, er stöhnt und wiegt Den Kopf. Gebrochen? Nein, nichts ist gebrochen, er hat nur Schmerzen in Der Brust. Wir geben ihm roieber bas Seil, unb er bmbet sich fest. Warten. Es ist knapp vor fünf, noch eine Stunbe, wenn wir Glück Haden. Aber es glückt nichts an biefem Tag. Wir sinb langst im Schatten, bie Kälte wächst. Ich schicke alle weg. Fahrt ab, bringt Leute! Vielleicht ist noch gar niemnnb unterwegs, Gott weiß, wohin Die beiben geraten sinb Aber bas Mäbchen will bleiben, bas Mäbchen hat Mut. Singen. Zählen bis hunbert. Rufen unb Schreien. Auf Der Wachte liegen unD fragen, immer Dasselbe: Wie geht es?

Katt! Die Füße werben steif. Dauert es noch lange? Ich habe noch eine Zigarette, bie werfe ich hinunter. Sechs Uhr. Ich laufe ein Stück bergab. In zwei Stunbcn wirb es buntel, bas ist bann wohl bas Cnbe. Wir sinb alle entsetzlich mübe, ich spüre ben Schlaf wie Gift in meinem Schäbel. Immerhin, ich barf nicht nachgeben, ich barf ben alten Mann hier nicht hocken lassen mit bem Kopf zwischen ben Knien. Ich muß ihn auf­rütteln unb anbrüllen, unb bann muß er eine Ohrfeige bekommen. Der Mann mit Dem grauen Bart. Das ermuntert ihn roieDer. Ich Darf auch Den FreunD nicht zu lange allein lassen. unD wenn er nicht antwortet, werfe ich ihm Schneeklumpen auf Den Rücken.