die Marionette von Königs willen, ihm alles zu gewahren, was der unbändige Sinn des Giinstlings begehrte, zuletzt auch den Grafentitel und die Macht eines unbeschränkt regierenden Kabinettsmmlsters, Als solcher hat S t r u e n s e e auch manche für Dänemark heilsame Reformen durch- zusühren versucht. Aber das alles geschah mit der dilettantischen Ungeduld des Theoretikers, die keine Frucht reifen läßt und schließlich dahm führte, daß die Unzufriedenheit allgemein wurde und um so heftiger nach einer gewaltsamen Explosion drängte, als die unerlaubten Beziehungen Struen- sees zur Königin den Gegnern die schärfste Waffe in die Hand gaben. Denn daß in diesem Staate Dänemark nicht bloß manches, sondern alles faul war, konnte jetzt auch den Blindesten nicht mehr verborgen bleiben.

Die Geschichte der Höfe kennt manche Palastrevolution, aber keine widerwärtigere und für die Verschwörer beschämendere als diejenige, die am 16. Januar 1772 im Kopenhagener Königsschlosse den Sturz Struen- sees und Mathildens herbeiführte. Die Ausführung lag in den Händen einiger Offiziere und Junker, unter denen der Graf Rantzau und der Baron Schack-Rathlow ihren guten Namen mit Schande befleckten. Mit einem von der Königspuppe erpreßten Haftbefehl in der Hand, drangen die Verschworenen um Mitternacht gleichzeitig in das Schlaf- gemach der Königin und in das Struenfees, wobei der Minister sich rote ein richtiger Poltron anstellte, Mathilde dagegen eine Seelengroße an den Tag legte, die ihren Peinigern die höchste Achtung, wenn nicht vor der Königin so doch mindestens vor dem Weibe hätte einslößen müssen. Mit edlem Zorn widersetzte sie sich dem Ansinnen, sich aus dem Bette heraus verhaften zu lassen. Als sie sieht, daß kein Sträuben hilft, springt sie ans Fenster, um sich herabzustürzen. Man zerrt sie wieder in das Zimmer hinein, schlägt die verzweifelt sich Wehrende brutal zu Boden und traktiert sie mit Fußtritten. Dann wird sie, halb ohnmächtig, von rohen Männer­fäusten in die bereitstehende Kutsche geschleppt und als Staatsgefangene in die Festung Kronborg abgeführt.

Wenn das ekelhafte Schauspiel der Verhaftungsszene noch zu überbieten war so ist es durch die skandalöse Art geschehen, wie man S t r u e n s e e den Prozeß machte und die Aussagen der^Kvnigin dazu benutzte, den Ver­haßten vollens zu vernichten. Aus die heuchlerische Zusicherung seines Lebens gestand der Elende die sträflichen Beziehungen zu der Königin und unterschrieb zitternden Herzens das Protokoll, das feinen Liebesverrat enthielt Mit diesem Schanddokument eilt Baron Schack nach Kronborg und will auch Mathilde zu einem Geständnis zwingen. In dem Wahn, den Geliebten noch retten zu können, leugnet sie standhaft. Da präsentiert ihr Schack das Protokoll und sagt, nun werde man Struensee auch noch den Prozeß wegen Verleumdung der Königin machen. Jetzt erst gesteht sie, wieder aus Liebe zu dem Manne, der sie verraten, und ohne die Teufelei zu durchschauen, die ihr das Geständnis entrissen hat.

So schamlos man die Königin betrog, so wenig dachte man natürlich daran, Struensee das gegebene Versprechen zu halten. Am 25. April erging das Bluturteil: dem Johann Friedrich Struensee solledie rechte Hand und darauf der Kopf lebendig abgehauen, sein Körper gevierteilt und aufs Rad gelegt, der Kopf und die Hand aber auf einen Pfahl gesteckt werden". Die dänische Tragödie war zu Ende.

Nicht ganz. Denn gern hätten die schmachbeladenen Sieger dieser Palastrevolution ihrer gefällten Königin das gleiche Schicksal bereitet, wenn sich nicht König Georg III. von England schützend vor die Schwester gestellt hätte. Auf seine Vermittlung hin wurde weiland Dänemarks Königin des Landes verwiesen und ihr die Erlaubnis erteilt, nach Deutsch­land zu gehen, wo sie in dem hannoverschen Celle ein Asyl fand. Das Leben hatte sie, wenn auch gewiß nicht ohne eigene Schuld, schwer miß­handelt. Der Tod war milder. Schon nach dreijährigem, durch helfende Liebe gesegneten Aufenthalt, erlöste er sie von einem Dasein, dessen Er­innerungen zu schwer auf ihr lasteten. Erst vierundzwanzig Jahre war sie alt und schon eine gebrochene Frau.

Notzeit.

Eine Tiergeschichte von Otto A l s ch e r.

Eine Unruhe ließ den Luchs nicht abwarten, bis die Nacht über den Urwald hereinbrach. Trotzdem er in der Tiefe der Felsen ganz von der Außenwelt abgeschlossen war, fühlte er, daß sich im Walde etwas ver- ättdert hatte, Drohendes heraufgezogen war, das ihn zu starkem Wach­sein zwang.

Der Luchs erhob sich, stand einen Augenblick lauschend, schüttelte miß­mutig den Stummelschwanz und glitt dann langsam dem Ausgange zu.

Sobald er an die Krümmung des Felsganges kam, fühlte er den eisigen Druck der Winterluft. Die hatte sich feit der Vornacht verändert. Und schon vernahm er ein eiliges Rieseln und Rauschen gegen die Felsen. Starker Schneefall hatte begonnen.

In kleinen, harten Körnern rasselte der Schnee nieder. Dicht und wie ein geballtes Gewölk tauchte es aus der Dämmerung auf, fuhr hasUg nieder und verschwand gleich in der weißen Decke des Bodens. Zeitweilig trieb es auch fauchend gegen die Felsen an, dann wieder fiel es in senk­rechter ununterbrochener Eile.

Der Luchs hielt sich nicht viel mit Haken und Widergängen auf, er wußte, daß der Schneefall sogleich seine Spur verdecken würde, mit wenigen Sprüngen hatte er den Waldrand erreicht und tauchte in das Dunkel zwischen den Stämmen ein.

Unschlüssig, wohin er sich wenden solle, begann der Luchs seinen Beute­gang. In dieser Nacht mußte er seinen Hunger für viele Tage stillen können, denn er wußte, jetzt kam die schwere Hungerzeit, in der alles Beutewild in Schluchten und Windbrüchen verkrochen unter Schnee aus- b irrte, bis sich die pulvrige Masse gefetzt oder einige Sonnentage die Schneedecke verharschten und wieder der Weg zur Aesungssuche frei wurde. In diesen Wochen wird auch er fasten müssen.

Mit einem zischenden Rasseln schlug der Schnee an die Stämme der w efenbrnfjen an. Obwohl die Nacht schon gekommen war, ließ fahles

Schneelicht alles rings im Wolde sichtbar bleiben, so daß der Luchs nur geduckt hinschlich.

Es war ganz still im nächtlichen Walde. Kein Laut erhob sich über das eintönige Rauschen, auch die Eulen regten sich nicht, nur von fern, von den Höhen, kam wie leises, verwehtes Klingen das Geheul von ^Noch immer schnürte der Luchs nur zögernd durch den Wald. Er chlich wohl gegen den Wind an Dickungen und das dichte Gesperre von Fallholz an, suchte die Wurzelhöhlen eines Steilhanges ab, doch ohne die Hoffnung etwas zu finden. Bis es ihm auf einmal zu Bewußtsein kam, daß hier, an der Ostseite der Hänge, gegen die der wachsende Sturm anschnitt, kaum eine Beute zu finden sein werde, weil sich die Rehe und Wildschweine wohl schon in den Schluchten der Westseite verkrochen haben. Da beschloß auch er, über die kahlen, weiten Höhen des Bergrückens auf die andere Seite hinüberzuwechfeln.

Wie der Luchs den Hang empor, durch lichten Eichenbestand aufwärts zog, vernahm er ein rasches Kommen. Das ununterbrochene Sausen des Schneefalls ließ ihn nicht erkennen, was für ein Tier es war. Er drückte ich hinter einen Stamm. Als er den einzelnen Wolf erkannte, erhob er ich, um diesem in den Weg zu kommen. Wie immer erfüllte ihn, et. em tarieren Tier gegenüber, prickelnder Kampfwille, der Wolf aber, dem der wagende Mut des Luchses fehlte, wich aus, weil ihn der Hunger noch nicht kühn gemacht hatte. So zogen die beiden Tiere aneinander oorbei, ühlend, daß bald die Zeit da war, wo sie zu erbitterten Gegnern wurden.

Aber der Luchs wußte, daß ihm der Wolf von der Ferne folgen würde, schon um ihm die Beute streitig zu machen. Und er wußte auch, daß er, wenn er einen Gefährten fand, sie über ihn herfallen würden. Darum zog er, als er die Waldgrenze erreichte, diese entlang, um nicht die kahlen, weiten Höhen zu überschreiten, wo er gegen die Wölfe chutzlos war. . r .

Eine schmale Senkung, die von hohen Felstürmen übersät war, betrat der Luchs. Hier schlug der Sturm mit freier Wucht an, hohe Schnee­wächten hatten sich gebildet, durch die nur schwer vorwärtszukommen war. Fauchend und heulend überdeckte immer wieder neues Schneegewölk, das ihm, dicht einfackend, jedes Sichern verhinderte. Darum sprang er auf einen freien Felsblock, um Ausschau zu halten. Da hörte er hinter sich ein Keuchen und Lausen drei Wölfe hetzten ihm nach.

Nun wurde es ernst. Den rettenden, jenseitigen Wald konnte er vor den Verfolgern nicht mehr erreichen, ihnen in dem hohen Schnee zu entkommen war auch unmöglich, aber wenn er sich auf dem blankgewehten Felsbrocken hielt, kam er röscher vorwärts als sie.

Mit weiten Sprüngen setzte der Luchs auf den Felstrümmern hin. Mit seinen scharfen Krallen konnte er sich auf den vereisten Steinen halten, kreuz und quer wühlte er seinen Weg, bevor die Wölfe, immer wieder versinkend im Pulverschnee heran waren, befand er sich schon wieder auf einem anderen Felsbrocken.

Schon nahe dem jenseitigen Waldrand ragte ein Felsturm auf, nicht hoch, aber doch so weit, daß kein Wolf mit einem Sprung die Spitze erreichen konnte.

Dicht vor dem nächsten der Wölfe gelangte der Luchs zu dem Fels- (eget - mit hohem Satz schnellte er hinauf, der Wolf sprang ihm nach, konnte sich aber an der glatten Wand nicht halten und stürzte in den aufstiebenden Schnee zurück. Doch schon waren auch die zwei anderen Wölfe da, jagten um den Felskegel herum, einer versuchte sich auch im verwitterten Gestein emporzuarbeiten, kam aber kaum zwei Meter hoch, als er auch schon ausglitt und zurückfiel.

Der Luchs hatte auf der windgefchützten Seite des Felsens eine Nische gefunden, in der er sich gerade bergen konnte. Schrillend, dröhnend schnitt der Sturm am Felsen vorbei, schlug brausend in die kahlen Wipfel des nahen Waldes, der schwarz in der Nacht stand.

Der Luchs ruhte tn seiner Nische. Es war, als habe er die Wölfe vergessen, er sah nicht einmal zu ihnen hinab, ließ kein Fauchen, keinen Grollton hören und bemühte sich nur, in seiner Nische sich soviel als möglich vor dem Sturm zu schützen. Daß ihn die Wölfe gehetzt, ihn hier belagerten, regte ihn nicht auf, denn nun war ja die Notzeit da, in der jedes Lebewesen zum Gegner, zum Mittel, den Hunger zu stillen, wurde.

Der Luchs erwachte aus feiner Verkrochenheit. Er spähte umher, sah das dicht jagende Schneegewölk rings, die Wölfe, die auf einen Haufen zusammengedrängt unter ihm warteten, und die immer mehr aufwachfende Schneedecke. Da war auch das Bewußtsein feiner Wehrhaftigkeit wieder da, seine listige Ueberlegenheit, die kein Sichergeben kannte.

Er durste sich hier nicht festhalten lassen, denn bald kam auch er in der hohen, lockeren Schneemasse nicht mehr weiter, und es wurde ihm unmöglich, eine Beute zu machen. Diese Bedrohung aber machte ihn hellsichtig.

Htnabspringen und den Kamps mit den drei Wölfen aufnehmen das war ein verzweifeltes Sichergeben! Auch ein einfaches Davonschleichen war unmöglich, denn die Wölfe würden es sogleich merken, sobald er den Erdboden berührte. Doch seitwärts die Reihe von Felsblöcken, an die meterhoch der Schnee herangeweht war? Wenn er die unbemerkt er­reichte, war er bald trn Walde unten.

Der Luchs wartete den nächsten Sturmstoß ab. Brausend, dröhnend kam es heran, finster und geballt verschloß das Schneetreiben alles, da wagte er den Sprung, warf sich seitwärts weit in die weiße Pulvermasse, dle sogleich über ihm zusammenschlug. Aber er erhob sich nicht daraus, unter dem Schnee wühlte er sich vorwärts, zwanzig, dreißig Gänge, nun stieß er an die ersten Felsen an, sicherte einen Augenblick nur Kopf und Lauscher durch die Schneedecke stoßend kein Verfolger war zu hören, weiter kroch der Luchs, dicht an die Reihe der Steintrümmer gedrückt, nun kam die erste Zunge der Büsche und abgestorbenen Buchen, der Luchs erhob sich, schüttelte sich, obwohl der Sturm ibn noch immer mit dem Ge- körne überschüttete, und ohne nochmals zu sichern,Llitt er in den Wald hinein.

rcrantwortlich- vr. Hans Tbtzriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Universität S-Vuch- und Steindruckerei, A. Lana«. Gießen.