von den Dächern herab zu antworten, fo entfernt Hangen ihre Stimmen. In der Mittagspause und abends nach Ladenschluß wuselten fie in Haufen und Rotten über den Altmarkt und durch die Seestrahe, ameisenartig, eilia geheimtuerisch. Sie trieben sich bei den Blumenweibern Herum, den Zeitungsfrauen, horchten, spürten, schwatzten, als sei eine Verschwörung angezettelt. Dann wieder setzte es Seilereien die Lehrlinge hatten vorübergehenden Jungen ihre Mützen von den Kopsen gerissen, und stets waren es braune Mützen, wie einige verstörte Chefs zu bemerken glaubten. Von der durch Klick entfachten Bewegung waren nun auch die übrigen Gassenbünde ergriffen worden und endlich der ganze .^Herzmerenblick . Die einen erzählten den andern eine abenteuerliche Geschichte, die sich um die Mütze gewoben hatte. Don dieser Geschichte sickerte aber nicht die ge­ringste Spur in die Oeffentlichkeit. Wer nicht zu .Herzmerenblick gehörte, erfuhr sie nicht, und wer Mitglied war, schwieg. (Forts, folgt.)

Dcrocffcn.*

Bereits um neun Uhr kam ein Straßenjunge zu Frau Mittwoch mit einer braunen Wollmütze.

Hier ist die verlorene Mütze!", rief er.

Zeig her! Wo ist der blaue Fleck?"

Ein schwarzer Fingernagel an einem braunen Finger deutete auf Das blaue Merkmal. . ..

Richtig, da war der blaue Fleck, genau am Hintern Rand. Sie nahm die Mütze und zahlte die Belohnung aus. Der glückliche Finder verduftete. Nach einer Halden Stunde tarn ein zweiter Junge mit einer braunen Woll­mütze und einem blauen Fleck darauf. Auch er wollte die Belohnung haben.

Du Schlauberger", schalt sie,die richtige Mütze wurde schon abgegeben, iu

Reingefallen!" antwortete der Junge.Sie haben die falsche eingelöst. Meine ist die richtige, ich hab sie am Altmarkt gefunden."

Die Zeitungsfrau machte große Augen. Wahrheit? Schwindel? Aber als sie noch mit dem Jungen verhandelte, stellte sich schon wieder einer mit einer braunen Wollmütze an ihrem Stand ein. Da wurde sie ganz schrecklich zornig. Sie fauchte, und Schnurr tat desgleichen. Er fauchte einen voruber- ftreunenben Köter an, sie die beiden Mützenfinder. Ob sie sich vielleicht einen Mützenladen anlegen solle? Ob sie ein Fundbüro sei? Man Wolle sie wohl prellen, sie zum Narren halten? Gauner, Tagediebe, Straßenschlmgel alle! Sie fetzte den Anschlag vom Mast herunter, um ihn den Jungen um die Ohren zu schlagen. Die waren aber bereits außer Reichweite, im Straßengewimmel, das sie verschlang.

Hier hast du die verwünschte Mütze!" knurrte sie, als um Mittag Ali mit dem Essen erschien.

Ali prüfte das Fundstück.

Leider die falsche, Tante!" .

Dann mag er eben die aussetzen, fünfzig Pfennig ist sie noch wert. Wahrscheinlich eine geflaute."

Und so kam Klick wieder zu einer braunen Wollmütze.

Inzwischen hatten die Lehrlinge aus der Webergasse ihre Freunde vom Altmarkt aufgerufen. Die zwei Bünde hatten eine Vereinbarung auf gegen­seitige Unterstützung getroffen. Die Lehrlinge vom Altmarkt wiederum waren an andere Gassenbünde angegliedert, und alle von ganz Dresden bildeten den StadtbundHerznierenblick", so genannt, weil seinen vielen scharfen Lehrlingsaugen kein Vorfall in der Stadt entging: sie blickten durch Herz und Nieren. Die von der Webergasse und dem Altmarkt waren zusammen dreißig Köpfe, sechzig listige Jungenaugen durchforschten das Verlustgelände. Kreuz und guer, gleich jungen Dachsen und Murmeltieren in Höhlengängen, durchschnüffelten sie die Häuser am Altmarkt und der Seestraße. Wo man sie nicht vermutete, tauchten sie auf und verschwanden ebenso rasch wieder. In den Apotheken, Konditoreien, CasSs, Hutgeschästen, Zigarrenläden, Eisenwarengeschäften, Modemagazinen, in den Blusen- höufern und bei den Buchhändlern: überall erschienen mit irgendwelchen Aufträgen und Grüßen diese Stadt-Wichtelmännchen, um nach der ver­lorenen Wollmütze zu suchen. Die Fahrstühle sausten hinaus und herunter. Türen und Fenster flogen auf und zu, Packzeug. Stroh, Holzwolle, Papier und Sitten wurden durchwühlt, Handkarren, Abfalltonnen herumgeruckt, umgestoßen und ausgeschüttet. In den Fluren und vor den Türen war ein beständiges Getuschel. Die Hausmeister reckten argwöhnisch die Halse, Stielaugen machten die Verkäufer, die Lehrherren guckten über ihre Brillen: was hatten bloß die Lausbuben? Was war bloß m die Lehrlinge gefahren? Bald richteten die Burschen ihre Augen angestrengt auf hie Fußböden, als ob sie nach verlorenen Stecknadeln suchten, bald glotzten üe starr in Winkel und Ecken oder zu den Fenstern hinaus aus die Straße und die Vorübergehenden. Bloß bei ihrer Arbeit waren sie nicht. Wenn man sie brauchte, waren sie nicht da; rief man nach ihnen, schienen sie

Kalendarium.

Don Joses Weinheber.

Es schneit und schneit den Jänner lang.

Dem Kind in dunkler Stube Ist vor der Stille bang.

Was raunt im Rohr? Schon Februar.

Ein Alter geht zur Kirche In seinem weißen Haar. Schwermütiger Regen, kommt der März. Was kann die erste Blume

Gegen das müde Herz.

Windschwankende Birken hn April.

Schon weiß der Knabe zu lächeln. Wenn er meinen will.

Amsel im Flieder und wieder Mai. Ewig im leuchtenden Abend Stehen und schwören die Zwei.

Und waldiger Juni, wartend, schwül, Die taufenbfternigen Nächte Zeigen dem Mann ein Ziel.

Aehren im Juli. Der Mohn überm Rain. Ties horcht das Weib in die Segnung Seines Leibes hinein.

Ein Donnerschlag durch den weiten August, Der Grübler wird sich mit Grauen Seiner Grenzen bewußt.

Septemberhimmel, ein Schwalbenzug. Heim will der Wandrer: Die Erde Ist nicht mehr groß genug.

Die Gärten verbluten, Oktober, im Wind.

O, daß der Trunkne sich endlich Aus seinen Abgrund besinnt.

Novembernebel. Ein Rabe schreit.

Der Lauschende flieht betroffen

Vor seiner Einsamkeit.

Vom Himmel flockt's dezemberlind. Und Friede den Menschen aus Erden, Die guten Willens sind.

Kameraden.

Von Karl Heinrich Waggerl.

Kurz nach Mittag haben wir den Gipfel verlassen. Wir saßen dort lange in einer geschützten Mulde auf unseren Brettern. Vier Leute ein Mädchen und drei Männer. Der Wind zog von Osten her scharf über den Grat, durchdringend und eisig falt, ein guter Wind, der auf Ordnung hielt und nichts Ungehöriges duldete, fein Geschrei und fein Geplapper hier. 4000 Meter über der Welt. Als wir abfuhren, war niemand mehr auf dem Gipfel, nur ein paar junge Burschen. Denen machten wir Platz in unserer Mulde.

Ja wir haben eine prächtige Fahrt über lockeren Firn, ich überquere zuerst auf einer Brücke die Wanbfluft unb schwinge ab, um meine fiameraben zu erwarten. Eine Weile stehen wir ba unb frieren erbärmlich, es ist ein Riemen gerissen, unb außerbem wollen wir letzt unsere Gefährtin an bas Seil nehmen, bie Dame. Es ist eine verteufelte Arbeit, mit weißgefrorenen Fingern einen bicken Riemen burch bas Stemmloch zu ziehen, ich tümmere mich sebenfalls lieber um bas Seil. Dabei finbe ich Zeit, ein wenig Umschau zu halten. Wir haben unterwegs einige Leute überholt, eine junge Frau mit ihren beiben Brubern. Es ging nicht eben gut mit bieser Frau, vielleicht war sie abenbs in ber Hütte ein wenig gar zu luftig gewesen, unb jetzt ist sie mube unb stürzt viel zu häufig auf bieser ersten Strecke. Aber ba fommen schon ihre Begleiter über bie Schneebrücke-, sie halten linfs von uns an, unb weiter rückwärts sehe ich auch die junge Frau, von dort weg hat sie es leicht

Ich wende mich meinem Freunde zu, der mit seinem Riemen nicht fertig wird. Während wir da zusammengedrängi stehen unb hastig arbeiten, spüre ich plötzlich ein unbehagliches Gefühl im Rucken, und im gleichen Augenblick hören wir einen Ruf von der Spalte her, nur einen leichten Schrei. Ich wende den Kopf und sehe ja, ich sehe eine Spur, die geradeaus über den Hang läuft ^unb in der Spalte endet.

Das geschieht um zwei Uhr nachmittags. Wir halten die beiden Begleiter der Verunglückten an, die im ersten Schrecken blindlings an den brüchigen Rand der Spalte laufen wollten. Ich gehe sofort an das

Aufmerksam lauschten sie den geflüsterten Worten. Eie kratzten sich hinter den Ohren, zogen nachdenkliche Gesichter, aber ber Gelopreis lockte, Unb Ihr ^ch*nun ane^meine Spürnasen", sagte Klick.Geht halb an bie Arbeit!" m

Wirb gemacht!", versicherte Bernharb.

Die Webergasse soll zeigen, was sie kann! , ries Backers Alfteb.

Gung!" , , ...

Kwai!", erscholl es laut unb unternehmungslustig.

Die Versammlung war zu Ende. Wie bie Wiesel liefen bie Lehrlinge ouseinanber. Klick turnte bie Stiege hinauf. .

Gum, ... Kwai ..., bachte ber Stabtsekretar Nipperklem, ber miß­trauisch aus seinem Fenster heruntergeblickt unb bie Jungen beobachtet hatte. Ich möchte bloß wissen, was bie Lausejungen wieder ausgeheckt haben. Wie bie Spitzbuben führen bie eine Sprache. Der Rädelsführer ist natürlich ber Frechling Klick. Nipperklein reckte feinen mageren Vogelhals. Wie ein Storch steckte er seinen spitzen Kops in bie Lust. Aber er würbe nicht klüger, so sehr er sich auch anstrengte, bie Webergasse aus unb nieber zu spähen, es wäre benn zum erstenmal gewesen, daß er von geheimen Vorgängen in ber Oeffentlichkeit etwas erfahren hatte. Mürrisch schlug er sein Fenster zu unb riß an der Vorhangschnur

Am nächsten Morgen, als die Zeitungstante Mittwoch um sieben Uhr ihren Stand bei dem großen Betonmast der Straßenbahn am Postplatz bezog, wunderte sie sich über ein Plakat am Mast. Es war in der Nacht oder ganz frühzeitig hingehängt worden. Auf dem Pappdeckel war m Druckschrift deutlich getuscht: Braune Wollmütze vor längerer Zeit am Att- martt verloren, ©rtennungsmerfmal blauer Fleck am Hinteren Rand. Abzugeben gegen Belohnung, ba Anbenken, an biesem Zeitungsstanb.

Eine Stunbe später überbrachte ihr ein Zeitungsjunge einen Bries. Sie las:Liebe Tante Mittwoch, bas Plakat stammt von mir. Die Mutze habe ich verloren. Sollte sie jemanb bei dir abgeben, zahle ihm beiliegende fiinszig Pfennig." Dank. Klick." , _

Sie zuckte die Achseln und sagte zu ihrem bernsteingelben Kater:Der Klick und seine Mütze! Die Geschichte kenn ich. Hol ihn der Kuckuck! Aber er ist ein braver Kerl, weil er das Andenken an seine Mutter so hoch halt. Schnurr, nimm dir ein Beispiel! Hast sicherlich deine Mutter schon langst