Ausgabe 
10.12.1937
 
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tfr^er (Schnee.

Von Heinrich Lersch.

Heute Abend tarn auf meine Stube Wild gestürmt mein kleines blondes Mädchen, Lacht und tollt; auf ihren schmalen Bäckchen Sind, zwei Rosen herrlich aufgebläht.

Komm doch, komm doch, siehst du, wie der Schnee fällt?" Schnell hat die Gardine sie verschoben:

Stadt und Berge tragen weihe Mützchen, Und die Donau führf schon Treibeis mit sich."

Wieder ist sie weg. Ich steh am Fenster, Seh sie mit den Buben tollen, wirbeln, Wirft mir einen Ballen an die Scheiben, Lacht und lacht und dreht mir eine Nase ...

Oer gestohlene Weihnachtsbaum.

Von Hans Fallada.

riirde achtzehn Kilometer in die Kreisstadt auf den Weihnachtsmarkt sichren müssen, zur Besorgung eines Baumes, der ihm vor der Nase vuchs und das tat er erst recht nicht und den Spaß gönnte er Knie- t,scheu erst recht nicht. Blieb also nur die unmögliche Hoffnung auf den Weihnachtsmann und seine Wunder, die die Kinder hatten.

Gleich hinter dem Dorf ging es bergab, einen Hohlweg hinunter. In den Wald hinein. Manchmal kamen die Kinder hier nicht weiter, über dm schönen saufenden Gleiten vergaßen sie den Weihnachtsmann und liefen immer wieder bergan. Heute aber sprach Thomas zum Schwester- tfcn:Nein, es find nur noch drei Tage bis Weihnachten, und du weißt, later hat noch keinen Baum. Wir wollen sehen, daß wir den Weihnachts­mann treffen." So ließen sie das Schlitteln und traten in den Wald. S»as der Thomas aber nicht einmal dem Schwesterchen erzählte, war, ttß er Vaters Taschenmesser in der Joppe hatte. Mit sieben Jahren wer- bin die Kindern schon groß und fangen an, nach Art der Großen ihren Öffnungen eine handfeste Unterlage zu verschaffen.

Der alte Kakeldütt war das, was man früher einSubsekt nannte, Nhrscheinlich, weil er so oft das Objekt behördlicher Fürsorge war. Aus bim mickrigen Leib wuchs ihm ein dürrer, faltiger, langer Hals, auf dem er, vertrocknetes Häuptlein wie ein Vogelkopf nickte. Wenn der Herr ldudjäger sagte:Na, Kakeldütt, denn komm mal wieder mit! Du wirst I« wohl auch allmählich alt, daß du vor den sehenden Augen von ßrau ihftern ihre beste Leghenne unter deine Jacke steckst' dann krächzte kikeldütt schauerlich und klagte beweglich:Ein armer Mensch soll es Dhl nie zu was bringen, was? Die Pastern hatne Pieke auf mich, Herr Landjäger, wie? Natürlich in allen Ehren und ohne Beamten- Meibigung, was?" Und bei jedemWie" undWas' ruckte er heftig mit dem Häuptlein, als fei er ein alter Vogel und wollte hacken. Aber « wollte nicht hacken, er ging ganz folgsam und auch gar nicht unzu- treben mit. . , ~

Wir aber als Erzähler denken, wir haben unsere Truppen nun gut In Stellung gebracht und die Schlacht gehörig vorbereitet: Hier den alten ißrfter Kniebusch, der gern Tannenbaumdiebe fangt. Dort ben Vater Sagge, in Verlegenheit mit einem Saum. Ziemlich versteckt das an- ridjige Subjekt Kakelbütt mit großer Finbigkeit für fragwürdigen Vrol- nrverb, und als leichte Truppen, die das Gefecht eröffnen, Thomas mit bern Schwesterchen, ziemlich gläubig noch, aber immerhin mit einem nicht einwandfrei erworbenen Mester in der Tasche. Im Hintergrund aber finerfeits die irdische Gerechtigkeit in Gestalt des Lanchagers und die fnnnlische, vertreten durch den Weihnachtsmann.

Alle an ihren Plätzen? Also los! rffn

Das erste, was man durch ben bick mit Schnee gepolsterten, stillen &lb hört, ist: Ritze-Ratze, Ritze-Ratze... Kakelbutt erfahrener auf binnen Pfaben als ber siebenjährige Thomas, weiß, daß em lonnem Mn sich schlecht mit einem Messer, gut mit einer Sage von ben an» stammten Wurzeln lösen läßt. Herr Rogge, >n.Zwiespalt mit sich, Mt nach Pelzkappe und Handstock: Hat man keinen Tannenbaum, l-nn man sich doch welche im Walde beschauen Kniebusch stopft seine ßeife mit Förstertabak, ruft den Plischi und geht gegen Jagen el zu, die Forstarbeiter Buchen schlagen. Die Kinder hoben unter

I Mterbüfd) im Schnee ein Hasenlager gefunden, hinten ist es zart gelb dich gefärbt.Osterhas Piefch gemacht!" jauchzt Schwesterchen |;fe gichtige Brammen aber hat schon zwanzig Pfennig M den Kakel' i bud, der ihr weißwohlwas besorgen soll, bereitgelegt. Ritze-Ratze ... ^M-Ratze...

richt und zweitens gönnte er Kniebusch nicht die Freude, oder er ~ auf den Weihnachtsmarkt

i, der ihm vor ber Nase

Ein wesentlicher Unterschieb zwischen Kindern und Erwachsenen Ist ter, baß bie Großen ungefähr wissen, was sie vom Leben zu erwarten toben, bie Kinder aber erhoffen noch das Unmögliche. Und manchmal Gehalten sie damit sogar recht.

Seit Mitte Dezember der erste Schnee gefallen war, dachte Herr Rogge wieder an ben Weihnachtsbaum und die alljährlich wiederkehren- ien enblosen Schwierigkeiten, bis er ihn Haden würde. Die Kinder aber lahmen allmorgendlich ihre kleinen Schlitten und zogen in den Wald, len Weihnachtsmann zu treffen. Natürlich war es einfach lächerlich, daß is in diesem Lande mit Wald über Wald keine Weihnachtsbäume geben J.'llte. UeberaU standen sie, sie wuchsen einem gewissermaßen in Haus, ijof und Garten, aber sie gehörten nicht Herrn Rogge, sondern ber Forst- terroaltung. Der alte Förster Kniebusch aber, mit dem Herr Rogge sich fbrigens verzankt hatte, verkaufte schon längft keine Baumscheine mehr. -Wozu benn?" fragte er.Es kauft ja doch keiner einen. Und wenn f? sich ihren Baum lieber ,so besorgen, habe ich doch den Spaß, sie zu Zwischen, und ein Taler Strafe für einen Baum, den ich ihnen aus len Händen und mir ins Haus trage, freut mich mehr als sechs Fünfziger fitr sechs Baumscheine." So würde also Herr Rogge sich entweder den Raumso" besorgen müssen was er nicht tat, benn erstens stahl er

Förster Kniebusch bie akustischen Verhältnisse in einem Walde sind unübersichtlich Förster Kniebusch ruft leise den Hund und windet. I bu schwarzes Hasenklein! War das nun drüben ober hintenf Warte, warte.. .*

Ritze-Ratze...

Thomas unb das Schwesterchen horchen auch. Schnarcht der Weih­nachtsmann wie Vater? j^at er Zeit, jetzt zu schnarchen? Friert er nicht? Erfriert er gar unb abe der bunte Tisch unter ber lichter- leuchtenben Tanne?

Ritze-Ratze...

Herr Rogge hat bie Fußspuren seiner Kinder gefunden und vergnügt sich damit, ihre Spuren im Schnee nachzutreten, mal Schwesterchens, mal Brüderchens. Auch er findet das Hasenlager, auch er spitzt die Ohren. Thomas wird doch keine Dummheiten machen? denkt er. Ich hätte doch in die Stadt fahren sollen.

Ach nee, ach nee", stöhnt ganz verdattert Kakeldütt, wackelt mit dem Vogelkopf und starrt aus die Kinder.Wer seid denn chr? Ihr seid wohl Rogges?"

Das ist der Weihnachtsbaum", sagt Thomas ernst und betrachtet die kleine Tanne, die mit ihren dunklen Nadeln still im Schnee liegt.

Weihnachtsbaum Weihnachtsbaum", brabbelt Schwesterchen und sieht den ollen Kakeldütt zweifelnd an. Ist das ein echter Weihnachts­mann? Enttäuschung, Enttäuschung ins Leben wachsen heißt ärmer werden an Träumen.

Ich habnen Baum schein vom Förster, du Roggejunge", nerteibigt sich Kakeldütt ganz unnötig.

Hilfst du mir auch bei unserer Tanne?" fragt Thomas und greift in bie Joppentasche.Ich hab ein Messer."

In Kakeldutts Hirn erglimmen Lichter. Rogges haben Geld. Sie zahlen nicht nur zwanzig, sie zahlen fünfzig Pfennig für einen Weih- nachtsbaum. Sie zahlen eine Mark, wenn Kakeldütt oen Mund hält. Natürlich, Söhning", krächzt er und greift wieder zur Säge.Nehmen wir gleich ben?"

Herr Rogge auf der einen, Förster Kniebusch auf ber anderen Seite ben Tannen enttauchend, sehen nur noch Thomas unb Schwesterchen. Keinen Kakeldütt.

Thomas!" ruft Herr Rogge drohend.

Rogge!" ruft Kniebusch triumphierend.

Nanu!" wundert sich Thomas und starrt auf die Neste, die sich noch leise vom weggeschlichenen Kakeldütt bewegen.

Der Sachverhalt aber ist klar: ein abgeschnittener Baum, ein Junge mit einem Messer in ber Hand ...

Ich freue mich, Rogge", sagt Kniebusch unb freut sich ganz unver­hohlen.Stille biste, Plischi!" kommandiert er dem Hund, ber in die Schonung zieht unb jault.

Du glaubst>doch nicht etwa, Kniebusch?" ruft Rogge empört.Tho­mas, was haft du getan? Was machst du mit dem Messer?"

Seinem Messer, Rogge", grinst Kniebusch.

,f)ier warn Mann", sagt Thomas unerschMert.Mo ist der Mann hin?"

Weihnachtsmann!" kräht Schwesterchen.

Kinder zu erziehen, ist nicht leicht Kinder norm Antlitz trium­phierender Feinde zu erziehen, ist ausgesprochen schwer.Komm einmal her, Thomas", sagt Herr Rogge mit aller verhaßten väterlichen Auto­rität.Was machst bu mit meinem Messer? Woher hast bu mein Messer?" er gerät unter bem Blick des andern in Hitze.Wie kommt die Tanne hierher? Wer hat dir gesagt, du sollst eine Tanne abschneiden?"

Hier warn Mann", sagt Thomas trotzig im Bewußtsein guten Gewissens.Vater, wo ist der Mann hin?"

Weihnachtsmann weg!" kräht Schwesterchen.

Sollst bu lügen, Tom?" fragt Herr Rogge zornig.Ekelhaft ist so was! Komm, sage ich dir ..." Unb mit aller väterlichen Konsequenz eilt er mit erhobener Hand auf den Sohn zu. Ausgerechnet angesichts von Kniebusch als Waldfrevler erwischt! Nichts mehr scheint eine väterliche Tracht Prügel abwenden zu können.

Haft mal, Rogge!" sagt Forster Kniebusch mit erhobener Stimme und zeigt mit bem Finger auf den frischen Baumstumpf.Das ist ge­fügt unb nicht geschnitten." Rogge starrt.Wo hast bu die Säge, Junge?"

$)ier warn Mann", beharrt Thomas.

Und recht hat der Junge und bu hast unrecht, Rogge", freut sich der Kniebusch.Da die Spuren das sind nicht deine und nicht meine. Unb du hast überhaupt meistens und immer unrecht, Rogge. Damals, als mir uns verzürnt haben, hattest bu auch unrecht. Fische können nicht hören! Du bist rechthaberisch, Rogge, unb was war hier für ein Mann, Junge?"

Ein Mann."

Und wenn ich dieses Mal unrecht hab', aber ich habs nicht, denn wozu hat er das Messer? damals hatte ich doch recht. Unb Fische können sehr wohl Horen ..."

Unsinn in den Kuscheln muß er noch stecken, Rogge! Los, Plischi, such, bu guter Hund! Los, Rogge, den Kerl zu fassen, soll mir zehn Weihnachtsbäume wert sein. Los, Junge, sah deine Schwester an, wenn bu ihn siehst, schreist bu!"

Unb los geht die Jagd, immer durch bie Tannen, wo sie am dicksten stehen. . . , ,

Weihnachtsmann!" ruft Schwesterchen. Die Tannennadeln stechen, unb der Schnee stäubt von den Zweigen in den Nacken.

Also laffm wir es", sagt nach einer Viertelstunde Forster Kmebusch mißmutig.Weg ist er. Wie in den Boden versunken. Du kannst doch die Tanne brauchen, fünfzig Pfennig zahlst du, unb so hat das Forst­amt wenigstens was von dem Gefachter."

Aber wo ist die Tanne? Dies ist ber Platz, denn hier steht der Stumpf aber wo ist die Tanne?I bu schwarzes Hasenklein!" Jagt Forster Kniebusch verblüfft.Der ist uns aber über, Rogge! Hott sich noch ben Baum, während wir hier auf ihn jagen. Na warte, Freundchen wenn ich dir mal wieder begegne! Denn die Katze läßt bas Mausen nickt, und