Das hat sich nicht abgenutzt. Es sind Feiertagstassen geblieben aus denen man Schluck für Schluck den Sonntag trinkt. Das Alltagsgeschirr sah ich nicht. Es werden irdene Schüsseln und Krüge sein. Man macht nicht viel Aufhebens davon. Sie essen in der Stille, — oft auf dem Feld.
Oben und unten wohnen Mieterinnen, ,ede in einem Zimmer. Es ist wie ein A yl. Im Giebel steckt die „Bahnmeisterin". Der Mann ist an dreitziq Jahre tot. Bahndammwärter war er. Sie sagt, er war der beste aller Menschen. Die Rente, die er hinterlieh, reicht für sie zum Leben, aber ich sah sie nie müßig. Ich habe sie nicht gefragt wieviel Kmder sie gehabt, aber wenn sie über den Hof zur Pumpe geht und das Wasser heraufholt und sich breithüftig biegt und stämmig ihre Last tragt, meint ich, ein Dutzend müßte es fein. , . .
Ich war in ihrer Stube: helle, gestärkte Gardinen — em Tisch mit fröhlich tariertem Tuch — eine große, weibschwarze, blanke Katze, di« sich am Wirkrock reibt, solange die Bahnmeisterin spricht, — und em Stuhl am Fenster — mit Blumentöpfen davor, ein Fußschemel darunter, daneben das ewige Strickzeug. Ich war oft dort und habe nach diesem und jenem gefragt. Ja und nein, meinte sie und hatte em Lächeln, das über die ganze Welt zu reichen schien.
Wenn ich wieder ging, faßte ich das Geländer, so kärglich kam ich mir vor neben dieser tief in sich so starken Frau. Sie hat viermal einen Schlaganfall gehabt, und ihr Mund ist schief gezogen, aber sie wird nicht häßlich. Sie liegt ihre Zeit und schleppt sich dann zur Pumpe, bis e» wieder glatt geht. Helsen darf keiner. Wozu, sagt sie, es geht von allem.
Unten wohnt ein bleiches Geschöpf, eine Landlehrerin, eine wandelnde Krankheit jeden Morgen um acht und jeden Mittag um eins. Sie ist em Stadtmensch, aber schon hat sie die Weisheit ihrer Umgebung gelernt: daß das Kranksein allenfalls zum Tode, zum Leben aber nicht tougen will. In ihren runden, wässrigen Augen hat sich darum lauter Willen geballt. Eine kleine, tlimprige Laute mit bunten Bändern, die ledoch herzlich spielen kann, hilft über die Zeit. Das Fenster ist vom Weinlaub fast zugedeckt. Es macht sie noch blasser, aber sie lächelt. Ehrlich gemeinte Freundlichkeiten spielen in fadendünnen Fältchen rings um Die Augen.
„Sie ist elend", sagen die anderen, das bedeutet: sie wird keiner "o^Auchb die alte Stumpfen ist ein Stadtmensch, aber aus anderem Holz. Sie ist einmal Erzieherin bei weiß Gott was für feinen Leuten gewesen. Sie geht in die neunzig, und wenn sie über den Hof kommt, lagt sie einem das Gruseln ein. Es läuft ein leibhaftig spindeldürres Gerippe über den Hof, aber sie läuft immer. Wenn man fo nah steht, daß man das Muster ihres schwarzen Filigranhäubchens verfolgen kann, das den blanken Schädel zudeckt, meint man, statt der Haut fei Pergament über das reine Gebein gezogen. Auf die spitze Nase mit messerdunnem Rucken drückt eine große, moderne Hornbrille, unter der ein Paar unheimlich bewegliche und kluge Augen leuchten. Ich habe noch nie vordem solch einen Menschen gesehen. Husch, ist sie auf schwarzen, dünnhäutigen Schuhen und zwei kraus, zwei glatt gestrickten Ringelstrumpfen über den Hof — und verschwunden. Man denke, neunzig Jahre! Sie macht Handarbeiten und verschenkt sie. Das ganze Dorf ist ihr befreundet, nur, wenn jemand die Pilze mit der Wurzel herausreiht, wird sie vollgeladen gallig. Ich kann mich nicht genug wundern, woher sie solch arge Lebenskraft nimmt. Immer, wenn ich wiederkomme, meine ich, nun muhte sie tot ein, aber sie ist nach wie vor. „Das macht die Landluft , sagt sie, und ihr vollendet schönes Gebiß klappt vergnügt. Don den gräflichen Kindern erzählt sie oft, daß das weihe Fischü an ihrem Stehkragen bebt. „Ich bin aus ostpreußischem Schrot und Korn und trinke die gute Lust hier eimer- meife, dabei bin ich ein Landmensch geworden." Das sagt sie ost, und manchmal muß ich denken, daß viele den Tod nicht so wichtig nähmen, wenn sie die alte Stumpfen lachen sehen könnten. .
Zuweilen kommt die Frau Störchin auf den Hof, mit pfirstchglattem Gesicht, auch schon über sechzig, aber stramm und froh im Dienst. „Es ist eine Lust", sagte sie, wenn sie mit der Tasche kommt und von einem wieder kugelrunden Kindchen zu erzählen weiß. Das sind alles ihre
"einmal habe ich sie besucht. Der Wald spielte zu den Fenstern herein, und jedesmal, wenn die Tür aufging, strömte Harz- und Kiefernluft mit. Das Bett fiel mir auf, ein breites, einschläfriges Himmelbett, aber jo sauber unter schlohweißem Seinen, daß man es mit Freude an sehen muhte. „Wenn mal eins krank zur Welt kommt", sagte die Störchin, „nehme ich es her, hier wird es gesund", und der Mann, der vor lauter Gepslegt-Werden selber wie ein eben gebadetes Kleinkind aussah, strahl e sie aus himmelblauen Augen an. „Ich habe einen guten Mann', lobte die Frau. Ich starrte auf ihr mit Wasser fest an den Kopf geklebtes Haar und sah auch alles andere ringsum, dachte dabei an meine Tag für Tag gewickelten Locken und an viel anderes, das mir auf einmal so überflüssig erschien ... vor diesen beiden, guten, sich von Herzen liebenden eCU3d) Darf den Totengräber nicht vergessen. Er kommt auch bann und wann aus den Hof. Mit ihm beratschlagen die Alten, denn sieJehen es ihrem Leibe an, wenn sie reif geworden. Sie wünschen sich Efeu ooer Fetthenne oder rote Begonien, und er muh ihnen sein Wort geben. Daß er sie gut pflegen wird. Eine Tannenhecke bestellen sie um das Grab, damit die Sögel darin fingen. '
Der Totengräber hat einen mit Schnupftabak gepuderten Batt. Stundenlang ackert er und denkt für die anderen die Breite und Tiefe des Todes ab. Da braucht er die Stärkung. Man spricht nicht ungern mit ihm, er hat eine friedliche Art. Ich muh immer auf (eine Hanoe sehen, die so viel bergen müssen. Es sind Ackerhände — mit viel Schwielen. Gute Hände. ... •„
Sie haben alle gute Hände, von denen ich sprach, und es ist em herrlicher kleiner Bauernhof und ein wunderschönes, stilles Dorf, uno immer, wenn ich wieder gut und stark und einfach werden und Den Glauben an der Menschen ewige Berufung bestätigt finden will, gehe icy dorthin.
eimmtl treffe ich sie alle ... Gib mir das Messer, Junge, damit ihr wenigstens nicht leer nach Hause geht. Ist der brr recht, Rogge? Schneidet sich elend schlecht mit ’nem Messer, das nächste Mal bringst du besser ’ne Säge mit. Junge, weißt du, einen Fuchsschwanz ....
Kniebusch —!" schreit Rogge förmlich. Aber aus diesen Streit der beiden brauchen wir uns nicht auch noch einzulassen, er ist schon alt und wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch sehr viel alter werden
Jedenfalls faßte Thomas auf dem Heimwege seine Meinung dahin zusammen: „Ich glaube, cs war doch der Weihnachtsmann, Baker. Sonst hält' er doch nicht so verschwinden können, BakerI Wo der Hund mit war." , _.... , _ „
„Möglich, möglich, Tom," bestätigte Herr Rogge
Aber Vater, flauen denn die Weihnachtsmänner Weihnachtsbaume k
Ach, Tom —!" stöhnte Herr Rogge aus tiefstem Herzensgründe — und war sich nicht im klaren darüber, wie er diesen Wirrwarr m feines Sohnes Herzen entwirren sollte. Aber schließlich war m drei Tagen Weihnachten. Und vor einem strahlend en Tannenb aum und einem bunten Bescherungstisch werden alle Zweifel stumm und alle Kmder- herzen gläubig.
Oer Gpiel;eugschmher.
Von Otto B r ü e s.
An vielen kargen Tischen Erwächst aus bangem Druck Mit Farben, zauberfrischen, Spielzeug und Christbaumschmuck. Zerschrundne Hände schütten Das Tagewerk zuhauf, Und aus den nledern Hütten Trägt's einer zum Verkauf.
Und mancher kann nicht scherzen Und schnitzt mit Gram und Groll, Was fremde Kinder herzen Schon bald, des Jubels voll.
Dann spricht wohl eine Alte Im Dorf das Gnadenwort, Und streichelt Furch' und Falte Aus jedem Antlitz fort:
Weil wir den Kindern dienen, Ist unser Tun geweiht... Wer dient so treu noch ihnen In seiner Erdenzeit?
Die Kindlein zu sich kommen Ließ Christus, unser Held ... Er hat die wahrhaft Frommen Zu ihrem Schutz bestellt.
Leute von einem Hof.
Ostpreuhische Skizze von Frieda Peltz.
Meine Heimat ist schön — mit ihren Aeckern und Heiden — mit ihren Wäldern und Seen — umsäumt von blauem Meer und weißem Sand. Tausendfach ist ihr Antlitz, und man zeichnet es nicht aus, aber in den Menschen hat es ein deutliches Gepräge gesunden.
Viele kommen fremd und mit harten Augen in dies Land und vergessen, daß das Herz sehen muß. Viele auch haben verlernt, zu sehen und sich des Gesehenen aus Herzensgrund zu freuen.
Auf einem Hügel liegt ein kleines Dorf. Bis der Kirchturm vorkommt, ist es eine Weile Weg. Es ist dies der Sonnabendweg für die Dörfler, der Weg zu Stadt und Markt, dann und wann einmal auch ein Reifeweg, zu den Töchtern und Söhnen hin. .
Auf des Hügels Spitze, dem Friedhof gegenüber, steht em Bauernhof, am Tor eine Linde. Sie ist das Erste, sie war am Anfang, war Schutz vor Ungewitter und ein Wohnort guter Geister. Es schlägt sie niemand ab, als könnten die Toten darüber erwachen.
Das Zweite ist der Hund, ein braver, zottiger Köter, als er jung war, mit Tollen hinter Kühen und Schafen her, jetzt, im Alter, an der Kette.
Das Dritte ist Hefa, ein junges Mädchen. Sie ist hübsch und braucht keinen braunen und roten Schminktopf. Sie ist — wie sie ist. Das weite, grüne Licht und der Morgen- und Abendtau haben sie so gemacht.
Es ist kein Knecht da und keine Magd. Der Vater ist der Knecht, sie selber die Magd. Dabei sind ihre Glieder rank und geschmeidig geworden, fo daß sie im Lauf aus des Pferdes Rücken springt und Sattel und Zaum nicht nötig hat. Das hat sie nicht gelernt. Das ist in sie hineingewachsen.
Der Vater spricht wenig. Er ist viel krank. Da muß er mit Schwelgen bie Kraft wieder einsparen. Wenn er nicht mehr an die Arbeit kann, legt er sich gewiß zum Sterben. Es muß gepflügt werden und gesät und gemäht. Sein Halm, der nicht wichtig und angesehen wäre. Hinter dem Pflug geht bas Mädchen. Ihr roter Rock weht über dem Feld. Das ist wie ein altes Bild einer Zeit, in der Frauen sich eins fühlten mit der demütig bereiten Erde, von der sie ihres Wesens Art erlernten.
Das Vierte ist die Frau. Die Mutter, müßte ich sagen. Sie ist überall dort, wo jemand fehlt. Ein schönes, starkes Gesicht l)at sie, eine große, wohlgeformte Rase und einen verschlossenen Mund. Sie spricht mit den Augen, die tiefblau und feucht sind wie der See im Land. Oft, wenn ein Kleines mich gufgescheucht, wurde ich unter diesen Augen still, in denen hundert gezwungene Lasten klares Licht geworden sind. Dor ihnen wurde alles groß ober klein.
Im Haus brinnen gibt es große Tassen mit viel Gold und Silber.
Perantwortlich: Dr. HanS Thhriot. - Druck und Derlag: Drühlsche Univerfttätsdruckerei R. Lange. Gießen.


