Ausgabe 
10.12.1937
 
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GietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 Hreitag, den lv.vezember Nummer 96

Die Insel öer fünf Millionen Pinguine Don Lherrg kearton

Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten

1. Fortsetzung.

Zweites Kapitel.

Pinguine zu Land« und zu Wasser. Reisen. Ein Musterexemplar der Nature Schutzfärbung. Jagd auf Fische. Der große Wanderzug.

Wer über Pinguine schreibt, pflegt (wie auch ich es im ersten Kapitel tat) zu sagen, daß sie wie befrackte Herren auchehen, und ihre Vorderansicht mit weißem Hemd und weißer Weste, weißen Hosen und schwarzen Schuhen zu vergleichen. In einem Punkt aber stimmt dieser Vergleich nicht, denn man kann eigentlich nicht sagen, die Pin­guine sähen aus, als ob sie Hosen trügen. Im Gegenteil man sollte meinen, daß sie einen sogenannten Humpelrock trügen.

Daß sie so wirken, liegt an ihren ungemein kurzen Beinen, durch die ihr Körper sich nur wenige Zoll über den Boden erhebt. Daher machen sie beim Gehen ganz kurze Schritte, torkeln, während ein Fuß nach dem andern sich hebt, abwechselnd nach rechts und links, und bringen es im Gegensatz zu dem stolzen Gang^von Landoögeln, wie dem Strauß, nur zu einem höchst unbeholfenen Watscheln. Und haben sie es gar einmal eilig, dann lassen ihre kurzen Beine sie ganz und gar im Stich, so daß sie sich aufalle Biere" niederlassen und mit einem Paar Füßen und einem Paar Flossen rasch vorwärts humpeln müssen.

Ich schicke das voraus, um zu zeigen, daß, wenngleich der Pinguin mehr als die Hälfte des Jahres auf Inseln zubringt, das Land sicherlich weder sein natürliches Element noch seine wahre Heimat ist. Auch in der Luft ist er nicht zu Hause, denn obzwar ein Vogel, hat er keine Flügel und kann nicht fliegen.

Sein Element ist die See. Zu Lande bewegt er sich nur ungeschickt und schwerfällig fort, und fliegen kann er überhaupt nicht; zu schwimmen vermag er aber fast so rasch wie der Haifisch, und der grimmigste Sturm hat für ihn keine Schrecken. Wenn man ihn gelassen auf dem flutenden Wasserspiegel dahintreiben sieht, ist er nicht mehr komisch, sondern ganz Schönheit; den Kopf hält er erhoben, ungefähr wie eine Ente. Dann beschließt er plötzlich zu schwimmen .und hinab stößt der Kopf, die Flossen breiten sich aus, und wie ein Blitz gleitet er durchs Wasser, ein dunkler Streif dicht unter der Oberfläche.

Wenn er sich nicht auf einer Insel aufhält (und das tut er nur zum Brüten oder zu einem sonstigen ganz bestimmten Zweck), lebt er weit draußen im Meer, irgendwo in jenem riesigen Wassergebiet, das die Landkarte als Südfee bezeichnet. Dort schwimmt er herum, sucht sich die Fische, die seine einzige Nahrung bilden eine besonders olreiche kleine Sardinenart. Alle hundert Meter etwa taucht er einen Augenblick zum Atemholen empor und versinkt dann sofort wieder. Mit anbrechender Nacht kommt er an die Oberfläche, läßt sich in der Haltung einer Ente treiben und schläft. , .

Daß er wirklich ein Meervogel ist, geht auch aus den weiten Strecken hervor, die er durchmißt: Die Schwarzfußpinguine, die auf dieser Insel leben, sind an verschiedenen, über zweitausend Meilen ausemanüer- liegenden Punkten beobachtet worden, und wir haben Grund anzunehmen, daß ein Vogel das eine Jahr bis zur Insel Kerguelen schwimmt, die nur fünfhundert Meilen oberhalb des südlichen Polarkreises liegt, wah­rend er im folgenden Jahre weit in den Norden hmauf, ins zum Golf von Madagaskar, schwimmt oder vielleicht auch durch schwere Sturme dorthin getrieben wird. - ... . , ..

Solche ungeheuren Reisen sind natürlich nur möglich durch die außer­ordentliche Geschwindigkeit, mit der der Pinguin sich f°rtbewegt. und die unermüdliche Ausdauer, die ihm hundert Meilen täglich anscheinend als ein Kinderspiel erscheinen lassen. Er bewegt sich denn Schwimmen ausschließlich durch seine Flossen fort; d,e ausges reckten Fuße benutzt er zum Steuern. Sobald er untertaucht, hat er fein Sckpvimm-

kostüm, damit ihm das Salzwasser nicht an empfindliche Stellen w Augen und Ohren bringt. Es besteht aus einer wirklich hervorragenden Einrichtung, durch die sich ein durchsichtiges Häutchen über feine Augen schiebt, sobald er unter Wasser geht, und einer weiteren, in ihrer Ein­fachheit ebenfalls vollkommenen Vorkehrung, wie die Natur sie so haus g anwendet, um seine Ohren zu schützen: diese sondern em Oel ab, das die

schindelartig angeordneten Federn an jener Stelle in eine völlig wasser­dichte Hülle verwandelt.

Wirklich, die Natur hat es mit dem Pinguin gut gemeint; sie könnte ihn geradezu als Musterexemplar ihrer Kunstfertigkeit ausstellen we­nigstens was ihre nautische Abteilung betrifft. Am Halse hat er eine kleine Tasche; will er tauchen, dann füllt er diese Tasche und läßt sich genau nach dem Verfahren, das der Mensch für die Unterseeboote an­wendet sinken.

Auch ist er mit jener bemerkenswerten Geschwindigkeit ausgerüstet, die dem doppelten Zweck dient, ihn in feiner Nahrungssuche zu unter­stützen und ihm die Flucht vor feinen Feinden zu ermöglichen das heißt im Wasser. Wie ich weiterhin erzählen werde, hat er zu Lande Zwei Hauptfeinde; im Wasser fängt ihn (wenn er nicht auf feiner Hut ist) der Polyp, und auch der Hai und andere große Fische stellen ihm nach. Soweit mir bekannt, ist nie jemand tatsächlich Zeuge eines Kampfes zwischen Hai und Pinguin geworden sofern das WortKampf" an* gewendet werden kann, da es sich doch nur um eine Verfolgung und ein Zubeißen handelt ich habe aber oft die verhältnismäßig gelindeste Folge solcher Angriffe zu Gesicht bekommen: einbeinige Pinguine. Ich denke mir, sobald Haifisch und Pinguin einander ansichtig werden (und die Pinguine haben ein außerordentlich scharfes Auge) hebt die Jagd an. Ist der Pinguin völlig ausgewachsen und in guter Form, dann hat er erhebliche Aussicht, davonzukommen; andernfalls ist der Verlust eines Beins ein niedriger Preis für das Leben.

Allgemein scheint die Ansicht zu herrschen, daß Geschwindigkeit die einzige Schutzwehr eines schwimmenden Pinguins ist, ich bin dessen aber nicht so sicher. Meiner Ansicht nach hilft ihm vielleicht auch, wie bei so vielen wilden Geschöpfen, eine Schutzfärbung. Der Pinguin ist hinten schwarz und vorn weiß. Solange er aufrecht dasteht, scheint das keinen besonderen Sinn haben, beim Schwimmen aber sieht sich die Sache anders an. Ein Haifisch, der sich dem Pinguin von oben nähert, würde ihn gegen die Dunkelheit tiefer Gewässer kaum unterscheiden können; kommt er ihm aber von unten her entgegen, dann wird das Weiß nicht von der verhältnismäßig hellen Färbung betT himmelüberwölbten See abstechen.

Das weiße Brustgefieder des Pinguins würde ihm also auch als Schutz dienen, wenn er auf dem Wasser treibt während welcher Zeit er, da er dann oft schläft, einen solchen Schutz zweifellos ganz besonders nötig hat.

Da der Pinguin immer unter Wasser schwimmt, bemerkt er wohl die durch einen Fischschwarm an der Oberflhche hervorgerufene Verdunke­lung aus der Ferne nicht; doch sieht er wohl einen solchen Schwarm unter Wasser und wird ihn sicherlich, da er ein scharfes Auge hat, schon von weitem sehen. Wahrscheinlich verteilen die Pinguine sich über eine beträchtliche Strecke (etwa wie Treiber auf der Jagd oder vielleicht besser gesagt wie Geier auf ihrem Beutezug), so daß einer aus ihrer Schar wohl immer einen Schwarm sichtet.

Ist das geschehen, so verbreitet sich die Nachricht davon auf irgendeine unerklärliche Weise, fo daß innerhalb weniger Minuten Hunderte von Pinguinen zusammengeschwommen sind und zum Angriff übergehen. Di« Fische sind klein, und natürlich ist ihr Schicksal besiegelt, sobald sie ein­mal entdeckt sind. Die Pinguine hacken nicht zu, sie verschlucken den ganzen Fisch auf einmal, und wenn es geht, halten sie dann auch gleich eine tüchtige Mahlzeit. Hieraus verteilen sie sich wieder, falls die Speise­karte doch nicht ganz gehalten hat, was sie versprach, oder sie steigen zur Oberfläche empor, wenn siegenug haben und nicht mehr können".

Neugierig ist der Pinguin auf See fo gut wie zu Lande, und um seine Neugier zu befriedigen, begibt er sich auch in Gefahr, falls etwas Merkwürdiges zu beaugenscheinigen ist. Nähert sich ein Schiff, dann kommen gleich die Pinguine angefchwommen, tauchen auf und blicken in die Höhe wie eine Gruppe von Touristen, die eine Kathedrale besichtigen; haben sie sich aber allzu nahe herangewagt, dann schreckt sie gewöhnlich das Geräusch der Schraube, und wie auf Befehl macht die ganze Schar kehrt und verschwindet.

DieNervosität" des Pinguins kommt vermutlich daher, daß tue meisten seiner Feinde rasch und fast lautlos ankommen, so daß er auf alle Fälle nach dem Grundsatz handelt, erst Reißaus zu nehmen und die Sache hinterher zu untersuchen. Klatscht neben ihm etwas ins Wasser, dann zögert er keine Minute. Wahrscheinlich ist es nur ein Malagash oder ein Tölpel, der sich aus fünfzig Meter Höhe wie ein Stein hat herabfallen lassen, um einen Fisch zu attackieren; es kann aber ebensogut ein Feind sein, und dann hat es schlimme Folgen, wenn man auch nur einen Augenblick zu lange wartet.

Oft kommen die Pinguine wochenlang nicht in die Nahe der Küste; wie weit ihre Reise ober auch fein mag, einmal ist doch die Zeit für sie da an Land zu gehen. Denn mag einem Vogel die See noch so vertraut sein feine Eier kann er dort nicht legen, noch feine Brut in ihr groß- zieh'eu. Dazu braucht er festen Boden. Folglich suchen die Pinguine In-