Das Volksbuch vom Doktor Faust.
Von Walter Schwerdtfeger.
Vor 350 Jahren, im September 1587, erschien das erste Volksbuch vom Doktor Faust.
„Nach dem nun viel Jar her ein gemeine und große Sag im Teutsch- land von Dort. Johannis Faust! Abenthervren gewesen, vnd allenthalben Nachfrage nach gedachtes Fausti Historia bey den Gastungen und Gesellschaften geschieht", erschien vor 350 Jahren aus der Michaelismesse 1587 in Goethes Vaterstadt Frankfurt a. M. der erste Druck der „Historia von D. Johan Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwartz- künstler". Der Verleger, der die Handschrift von einem Freunde in Speyer erhalten haben wollte, war der Buchdrucker Johann Spies, aus dessen Offizin vor allem lutherische Zeitschriften hervorgingen; und so sollte dieses Buch denn auch „fürwitzigen und Gottlosen Menschen zum abscheuwlichen Exempel und treuwherziger Warnung" dienen.
Faust war nach diesem Buch der Sohn eines Bauern aus der Umgegend von Weimar — Spiel des Zufalls: auch hier die Berührung mit dem Leben Goethes. In Wittenberg studierte er Theologie, legte dann aber „die $)■ Schrift ein weil unter die Bonck" und wurde ein Weltmensch, „ein Astrologus vnnd Mathematicus, vnd zum Glimpfs ward er ein Arttzt". Von Wissensdrang getrieben, nahm er, wie das alte Buch poetisch sagt, Adlersflügel, „wollte alle Gründ am Himmel und Erde erforschen". Um über die Grenzen menschlicher Erkenntnis hinauszugelangen, verschrieb er sich schließlich dem Höllengeist Mephistopheles.
Herr Gott behüt", vermerkte der fromme Johann Spies am Rande des Pakets. Weitschweifig berichtet das Buch von den religiösen und naturwissenschaftlichen Unterredungen Fausts mit dem Teufel, von seinen Reisen und „was er mit seiner Nigromantia gethan vnd gewircket", bis er endlich, als seine Frist abgelaufen war, in einem Dorfgasthaus bei Wittenberg vom Bösen zerschmettert worden sei. „Also endet die gantze wahrhafftige Historia Doctor Fausti".
Dieser Mann, dessen Name uns Inbegriff ewigen Menschheitsstrebens geworden ist, hat wirklich gelebt. Von einem Doktor Johann oder auch Jörg Faust Pud mehrere geschichtliche Nachrichten überliefert. Danach läßt sich sein Leben ungefähr durch die Daten 1480 und 1450 abgrenzen; er ist also unmittelbar Zeitgenosse Martin Luthers gewesen, der in den „Tischreden" auch einmal eines „Schwartzkünstlers Faustus" gedenkt. Das Bild, das die zeitgenössischen Berichte ergeben, trägt gänzlich das Gepräge jenes widerspruchsvollen, gärenden Jahrhunderts, in dem die geistige Struktur des Abendlandes eine entscheidende Wandlung erfuhr. Symbolhaft ist es auch, daß man Faust irrtümlich mit dem Begründer des Buchdrucks, Gutenbergs Geschäftsteilhaber Johann Fust, gleichsetzte. Alchimist, Gelehrter, Wahrsager und Quacksalber: so zog er durch die Lande; den Geistlichen ein Aergernis, „ein schmarotzer, den Melanchthon ein scheißhaus vieler teufet pflog zu nennen, ernehrete sich von seiner gauckeley". Die großen Humanisten, an die er sich heranzudrängen suchte, machten aus ihrer Geringschätzung kein Hehl. Aus einem Schulamt in Kreuznach, das Sickingen ihm übertragen hatte, soll er verjagt worden fein. Mancherorts ließen sich große Herren das Horoskop von ihm stellen. Andere Städte wiesen ihn aus als lästigen Scharlatan; so steht in den Ratsprotokollen von Ingolstadt: „Am Mittwoch nach viti 1528, ist einem der sich genannt Dr. Jörg Faustus gesagt, daß er seinen Pfennig anderswo verzehre, und hat angelobt, solche Erfordernis für die Obrigkeit nicht zu ahnden noch zu äffen."
Schon bei feinen Lebzeiten fpann sich um diesen Faust der Schleier der Sage. Die ungewissen und widersprechenden Nachrichten über seinen Tod bestärkten den Glauben des Volkes an fein Teufelsbündnis. So wurde die Gestalt des alten Vaganten allmählich der Kriftallifations- kern der verschiedensten Sagenmotioe. Ueberlieferungen aller Länder und Zeiten wurden mit ihm verknüpft; Taten des Paracelsus, des Zauberers Simon und des Albertus Magnus wurden auf ihn übertragen. Oertliche Sagen (Erfurt, Nürnberg, Auerbachs Keller in Leipzig) und volkstümliche Schwänke kamen hinzu und beeinflußten schon die Mitteilungen der Zeitgenossen, so daß der geschichtliche Faust uns oft nur durch das Prisma solcherart umgestalteter Berichte sichtbar ist.
Die Rechnungsbücher von Buchhändlern des 16. Jahrhunderts und die vielen Nachdrucke, die das Fauftbuch noch im Erscheinungsjahr erfuhr, erweisen den großen Absatz; wenn auch übereifrige Lutheraner den unbekannten Verfasser schmähten und beklagten, „daß unsere buchtrücker dörffen ohne schew und schäm solche bücher auspengen und gemein machen". Uebersetzungen gelangten nach England und regten Marlowe, Shakespeares bedeutendsten Vorläufer, zu einer Faust-Tragödie an, die durch die wandernden englischen Komödianten nach Deutschland gebracht wurde. Nach einer umfangreichen Bearbeitung des ersten Faustbuches, „mit homiletischen Betrachtungen durchwäsiert und mit gravitätischen Gelehrsamkeiten gespickt", durch den Schwaben G. R. Widmann, stellte der Nürnberger Arzt Nikolaus Pfizer jenes Buch zusammen, das Goethe später als Quelle gedient hat. Hier findet man auch zum erstenmal das Gretchenmotiv angxdeutet. Ein „Christlich Meynender" ungenannter Verkoster machte davon einen Auszug, von dem die letzten volkstümlichen Bearbeitungen der alten, romanhaften Historia ausgehen, jene Hefte, die „wegen des großen Abgangs mit stehenden Lettern auf das schrecklichste Löschpapier saft unleserlich gedruckt" wurden und für ein paar Kreuzer 'n den Buden der Büchertrödler zu haben waren.
Diese Hefte mochten die erste Bekanntschaft Goethes mit der Faustsage vermittelt haben. Nachhaltigere Anregung empfing er in Leipzig und Straßburg durch die Aufführung des Spiels, das sich im Lauf der zwei Jahrhunderte vom Bühnendrama zum Spielplanstück der umherziehenden Orahtpuppenspieler gewandelt hatte. Theodor Storm hat in der Er- öhlung „Pole Povpenspäler" eine solche „Faust"-Aufsührung geschildert. So bat Lessing den Faust kennengelernt, so die Dichter des „Sturm »nd Drang", die ihn zum Helden wählten.
Schon in Lessings Entwurf, der bis auf wenige Bruchstücke verloren ft- siegen nicht mehr die Geister der Hölle. „Triumphiert nicht!" ruft ihnen
ber Engel zu, ihr habt nicht über Menschheit und Wissenschaft gesiegt: die Gottheit hat dem Menschen nicht den edelsten der Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen."
Durch Goethes Lebenswerk erfuhr die Sage ihre Vollendung. Aus der rohen Materie des alten Faustbuches ist der tiefste Gehalt germanischen Wesens, wie er au^ Dürers Blatt der Melancholie spricht, zur Form gereift. Die Gestalt des wandernden Marktschreiers hat sich gewandelt und veredelt, und rouioe zum Inbegriff des zu letzter Erkenntnis strebenden nordischen Menschen.
Aschaffenburg.
Von Wilhelm Haufenstein.
Man begreift, daß Drang und Schub der Völkerwanderung an dieser Stelle innegehalten haben; war es nicht die Lombardei, so war es doch die linde Luft, das linde Wasser, die natürliche Fruchtbarkeit, der sanfte Himmel des Maintals. Das hohe Ufer ist eines der lieblichsten Gestade in aller deutschen Landschaft. Der Fluß macht ein Knie: da unten fließt er hin, und dort drüben, hergebogen, noch ein zweites Mal. Man mag nicht daran zweifeln, daß schon die stürmenden Vorfahren den zarten Reiz des Naturbildes empfnnbey haben müssen. Auch die Mainzer Kirchherrn, als sie nach der Jagd im Spessart gelüstig an diese Ufer traten und den Gedanken faßten, zeitweilig gerade hier zu residieren. Kunst half der Natur, im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts entstand das mehr als stattliche Schloß — glorreiche Fermate der Architektur über dem hellen Glückston der Landschaft. Da steht das Schloß über dem Ufergesenke wie nur je: rot, großartig, dazu behaglich, eine vollendete Mischung aus Herr- schaftlichkeit und Gemütlichkeit, aus Autorität und Wohlwollen. Schon fränkische Könige hatten dort ihr Jagdschloß gehabt — und sicher nicht nut wegen der jagdlichen Gelegenheit am Eingang des weiten, einsamen Waldes, sondern gewiß auch wegen der ausnehmenden Liebenswürdigkeit der Gegend.
Freilich war eine lange Zeit vergangen, als dieser kostbare süddeutiche Weltwinkel vollkommen gemalt wurde. Ein alemannischer Handelsplatz, den die vorbestimmte Lage an einem schiffbaren, übersichtlichen und also besonders gastlichen Wasser begünstigt hatte, war in die Gewalt erobernd heranprallenber Franken gefallen; dann waren, wie gesagt, fränkische Fürsten mit Vorliebe hergekommen; endlich die mainzischen Kirchenherrn bis hin zu jenem Freiherrn Friedrich Karl Joseph von Erihal, dem in der Aschaffenburger Stiftskirche ein klassisch-klares und doch noch barock bewegtes weißes Marmor-Grabmal gesetzt ist, und bis zu Karl von Dalberg, des Reiches letzten Kurerzkanzler, dem Nachfolger Erthals auf dem Stuhl von Mainz. Erst in des 18. Jahrhunderts zweiter Hälfte, als Rousseau den Blick vom Papier auf Bäume, Berge und Gewässer richtete — damals erst kam der Maler Ferdinand Kobell daher, und ihm, so scheint es, blieb es Vorbehalten, das schönste Bild der Aschaffenburger Landschait zu malen, das je gemalt worden ist. Es hängt im Schloß.
Ich kann nicht finden, daß es ein wirklich beziehungsreicher Gedanke war, als Ludwig der Erste von Bayern, der letzte klassische Liebhaber dieser Stadt und Gegend, von einem „bayrischen Nizza" sprach; aber ich habe gefühlt, daß der Parkweg vom Schloß zur Villa hinüber, ein Parkweg mit rotem Sandsteingemäuer und mit Rebenlaub, mich zu stimmen wußte, als wäre ich in Meran ober in Bozen.
Indes: die Dinge bestehen ja nicht bloß in ihren Beziehungen, und man muß sie auch in ihrem Eigenen zu nehmen suchen, wenn man sie erwerben will. Und in der Tat: das große rote Schloß ist eigentümlich genug. Ein starkes, schier festungsmäßiges Viereck ist in den rechten Winkeln mit vier mächtigen Türmen verstärkt und ausgezeichnet, denen gebuckelte Schieferhelme schon barock aufsitzen. Inmitten ragt noch ein besonders schöner älterer Turm hervor. Mag das Einzelne renaifsancemäßiger Verzierung auch bloß modisch und also ohne eigentliche Spannung der Form, des Lebens, sein: die Gliederung des Ganzen ist vortrefflich, bis hinauf in die prunkenden, von der Eitelkeit der Renaissance ausgeformten Giebel. Das Innere weist eine noble Einfachheit, vorab im Vestibül, wo schlichte rote Säulenstellungen von einfachem weißem Gemäuer umschlossen sind. Die Säle bergen eine beträchtliche Gemäldegalerie: sie sührt von den alten Deutschen, unter denen Hans Salbung wohl ben stärksten Ton trägt, bis zu Rembranbt unb ben Hollänbern bes siebzehnten Jahr- hunberts, um bann mit Lonbschaftern vom Rang bes genannten Kobell ober bes kurmainzisch-frankfurtischen Vebutenmalers Christian Georg Schüz abzuschließen. Eine treffliche graphische Sammlung ist an Stichen reich unb vollenbs an Buchmalereien, in benen jener mäzenische Karbinal Albrecht von Mainz, ber Sranbenburger, ber nämliche, der in Grünewalds Erasmusaltar großartig auftritt, eine auffallende Rolle spielt. Es ist nicht unwesentlich, ja, es verstärkt das Bild des Orts, daß auch dieser höchst repräsentative Kirchenfürst des sechzehnten Jahrhunderts auf diese Stätte (und übrigens auch auf die Hauptkirche) bezogen ist.
In einer der Vitrinen liegt ein handgeschriebenes Exemplar des „Wilhelm Teil", mit einer eigenhändigen Widmung des Dichters an Karl von Dalberg ausgestattet, ben feinen, für bie Politik zu schwachen Mann, ber, nach ben Säkularisationen aus Mainz Derbrängt, feinen eigentlichen Sitz in Aschaffenburg zu nehmen genötigt war, um ihn schließlich in Regensburg unb noch, als napoleonischer Großherzog, in Frankfurt zu finben. Er war ber Bruber jenes Mannheimer Jntenbanten Wolfgang Heribert von Dalberg, ber bie „Räuber" zu spielen wagte.
Darf ich gestehen, baß ich dem pompejanischen Haus, bas Lubwig ber Erste 1842 burch Friebrich Gärtner beginnen ließ, kein säuberliches Gefühl entgegenbrachte? Aber wahr ist, baß ber Takt, mit bem ber Platz ber Villa in berounbernbem Abstanb von Schloß unb Lanbschast ausgesucht warb, nur mit bantbaren Empsinbungen erfüllen kann. Auch lohnt allein schon die tiefsblaugrüne Figur einer Zeder, bie einen Garten vom Gestabe bes Mittelmeers schmücken würbe, ein Verweilen am pompejanischen Hause.
Die fleigenben Straßen werben von Stiegen aufgefangen. Giebliges Fachwerk zeichnet bie echte fränkische Stabt alten Herkommens. Einige schwere Steinhäuser, rot, kräftig gemauert, scheinen biefer untersränki- schen Stabt eine Wenbung ins Nürnbergische zu geben, sie nach Osten hin


