Ausgabe 
10.9.1937
 
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Stimme:Wohl bin ich Bertuccio Nenolo, den du vielleicht auch in dem Meeresgründe begraben glaubtest, und der erst seit kurzer Zeit der schmäh« hcten Gefangenschaft des wilden Morbasian entgangen; SBertuccto Nenolo, bei dich ausnahm und nicht ahnen konnte, daß die unvernünftigen Diener, die Bodoeri abschickte, als er das ihm verkaufte Landhaus m Besitz nehmen wollte, dich hinausstoßen würden aus dem Hause. verblendeter Jung ling! du stehst an, die Waffen zu ergreifen gegen e,ne despotisch-- Kaste, deren Grausamkeit dir den Vater raubte? Ja, gehe t;in in ben Hof des Fontego, es ist deines Vaters Blut, besten Spuren du noch schauen kannst auf den Steinen des Bodens. Als die Signorie den deutschen Kaufleuten das Kaufhaus, welches du unter dem Namen des Fontego kennst, Über­mächte, wurde jedem, dem man Gemacher emraumte, verboten, dm Schlussel bei der Abreise an sich zu behalten, et mußte sie bei dem Fontegaro ) las en. Diesem Gesetze hatte dein Vater entgegengehandelt und war schon.deshalb schwerer Strafe verfallen. Als nun aber bet der Ruckkunst des Vatersbie Gemächer geöffnet wurden, fand sich unter seinen Waren eine Kiste vene- tianischer, falsch ausgeprägter Münzen. Vergebens beteuerte er eme Un­schuld, es war nur zu gewiß, daß irgendein hämischer Teufel, vielleicht der Fontegaro selbst, die Kiste hineingebracht hatte, um deinen Vater zu ver­derben Die unerbittlichen Richter, mit dem Beweise, daß die Kiste in deines Vaters Gemächern gefunden, zufrieden, verurteilten ihn zum Tode! Auf dem Hofe des Fontego wurde er hmgerichtet. Auch du wärst nicht mehr, wenn die treue Margareta dich nicht rettete. >jch,, deines Vaters treuester Freund, nahm dich auf; damit du dich der Signorie nicht selbst verraten möchtest, verschwieg man dir deines Vaters Namen. Aber nun, nun An ton Dablbirger, nun ist es 3°^, nun ergreife die Waffen und räche an den Häuptern der Signor,e den schmählichen Tod demes Vaters." Antonio, vom Geist der Rache beseelt, gelobte den Verschwornen Treue und unbezwingbaren Mut. Es ist bekannt, daß der Schimpf, den Bertuccio Nenolo von dem über die Seerüstungen gesetzten Dandulo, der ihm bei einem Streit ins Gesicht schlug, erfahren, ihn bewog, nut dem ehr­geizigen Schwiegeriohn sich wider die Signorie zu verschworen. Beide, Nenolo und Bodoeri, wünschten dem alten Falieri den Fürstenmantel, um selbst mit ihm zu steigen. Man wollte (so war der Plan der Verschwornen) die Nachricht ausbreiten, die genuesische Flotte liege vor den Lagunen. In der Nacht sollte dann die große Glocke aus dem Markusturm gezogen und die Stadt zu erdichteten Verteidigungen gerufen werden. Auf dieses Zeichen sollten die Verschwornen, deren Anzahl beträchtlich und durch ganz Venedig verbreitet war, den Markusplatz besetzen, sich der Hauptplatze der Stadt bemächtigen, die Häupter der Signorie ermorden und den Dogen als souveränen Herzog von Venedig ansrufen. Der Himmel wollte aber nicht, daß dieser Mordanschlag gelingen und die Grundverfassung des be­drängten Staates durch den alten, von Stolz und Uebermut entflammten Falieri in den Staub getreten werden sollte. Die Versammlungen auf der Giudecca in Falieris Hause waren der Wachsamkeit de? Rats der Zehen nicht entgangen, aber unmöglich blieb es, etwas Gewisses zu erfahren. Da rührte einen der Verschwornen, einen Pelzhändler aus Pisa, Bentian geheißen, das Gewissen, er wollte feinen Freund und Gevatter, den Nicolao Leoni* * 39), der im Rate der Zehen faß, vom Untergange retten. In der Abenddämmerung begab er sich zu ihm und beschwor ihn, in der Nacht nicht das Hans zu verlassen, es möge auch geschehen, was da wolle. Leoni, von Argwohn ergriffen, hielt den Pelzhändler fest und erfuhr, als er in ihn drang, den ganzen Anschlag. In Gemeinschaft mit Giovanni Grademgo und Marco Gornato40 * 42) berief er nun den R,< der Zehen nach San Salvator ), und von hier aus wurden in weniger «'s drei Stunden Maßregeln ergriffen, die alle Unternehmungen der Verschwornen im ersten Auf glimmen ersticken mußten.

Dem Antonio war es aufgetragen, mit einem Trupp nach dem Markus­turm zu gehen und die Glocken anziehen zu lassen. Sowie er hinkam, fand er den Turm stark besetzt von Arsenaltruppen, die, als er sich nahen wollte, mit Hellebarden auf ihn eindrängen. Von plötzlichem Todesschreck ergriffen, stäubte sein Haufen auseinander, er felbst entwifchte in der Dunkelheit der Nacht. Dicht hinter sich hörte er Tritte eines Menschen, der ihm nachfetzte, er fühlte sich ergriffen, fchon wollte er den Verfolger mederstoßen, als er bei einem plötzlich aufschimmernden Licht den Pietro erkannte.Rette dich" rief dieser,rette dich, Antonio! in meine Gondel! es ist alles verraten Bodoeri Nenolo sind in der Gewalt der Signorie die Tore des herzoglichen Palastes geschlossen der Doge eingesperrt m fern Gemach wie ein Verbrecher bewacht von seinen eignen treulosen Tra­banten fort, fort." Halb sinnlos ließ sich Antonio hineinschleppen in die Gondel. Dumpfe Stimmen Klirren der Waffen einzelne Angstrufe dann trat mit der tiefsten Finsternis der Nacht lautlose schauer­liche Stille ein. Am anderen Morgen erblickte der von Todesschrecken zer­malmte Pöbel das entsetzliche Schauspiel, das jedes Blut in den Adern gerinnen machte. Der Rat der Zehen hatte noch in derselben Nacht das Todesurteil über die Häupter der Verschwornen, die ergriffen worden, gefällt. Erdrosselt wurden sie auf dem kleinen Platze zur Seite des Palastes von der Galerie herabgelassen, wo der Doge fönst den Feierlichkeiten zu­zuschauen pflegte ach! wo Antonio vor der holden Annunziata schwebte, wo sie von ihm den Blumenstrauß empfing. Unter den Leichnamen be­fanden sich Marino Bodoeri und Bertuccio Nenolo. Zwei Tage nachher wurde der alte Marino Falieri von dem Rate der Zehen verurteilt und auf der sogenannten Riefentreppe des Palastes43) hingerichtet.

Wie bewußtlos war Antonio umhergeschlichen, niemand griff ihn an,

»») Kein italienisches Wort; Hoffmann meint offenbar den Vorsteher

oder Verwalter des Fondaco.

39) Ein Kürschner aus Bergamo war es, der den Patrizier Nikolaus Lioni warnte.

40) Historische Persönlichkeiten.

«) San Salvatore, die schönste Gewölbekirche Venedigs, stand zu Falieris Zeit noch nicht, sondern wurde erst 150634 erbaut.

42) Die berühmte Scala bei Giganti, deren Bau aber erst 1485 begonnen

wurde.

denn niemand kannte ihn als einen der Verschwornen. Als er des alten Falieri graues Haupt fallen fah, da fuhr er auf tote aus schwerem Todes- träum Mit dem Schrei des wildesten Entsetzens, mit dem Ausruf: Annunziata I" stürzte er in den Palast, durch die Galerien. Niemand hielt ihn auf, die Trabanten starrten ihn an wie betäubt von dem Fürchter- lichen, das sich soeben zugetragen. Die Alte hinkte ihm entgegen, laut jam- memd und klagend, sie ergriff feine Hand, noch einige Schritte, und er trat mit ihr in Annunziatas Gemach. Da lag die Arme entseelt auf den Polstern. Antonio stürzte hin zu ihr, er bedeckte ihre Hande mit glühenden Küssen, er tief die Geliebte mit den süßesten, zärtlichsten Namen. Da schlug sie die holden Himmelsaugen langsam auf, sie sah Aritomo erst war es, als musie sie sich auf ihn besinnen, doch plötzlich raffte sie sich auf, umschlang ihn mit beiden Armen, drückte ihn an ihre Brust benetzte ihn mit heißen Tranen küßte seine Wangen seine Lippen.Antonio mein Antonio >ch liebe dich unaussprechlich ja es gibt noch einen Himmel auf Erden! Was ist des Vaters des Oheims des Gatten Tod gegen die Seligkeit deiner Liebe o laß uns fliehen von dieser blutigen Mordstatte! So tief Annunziata, zerrissen von dem bittersten Schmerz und der gliihendsten Liebe. Unter tausend Küssen, unter tausend Tränen schwuren sich die Lieben- den ewige Treue, sie vergaßen die furchtbaren Ereigniffe der schrecklichsten Taae, den Blick von der Erde abgewandt, schauten sie auf ,n den Himmel, den ihnen der Geist der Liebe erschlaffen. Tie Alte riet, nacf) GI)toggia ju fliehen, Antonio wollte dann zu Lande in umgekehrter Richtung weiter herauf nach seinem Vaterlande. Freund Pietro verschaffte ihm eme kleine Barke, die an der Brücke bei der Hintern Seite des Palastes angelegt wurde. Eingehüllt in tiefe Schleier, schlich Annunziata, als es Nacht geworden, mit dem Geliebten, von der alten Margareta, die in der Kapuze reiche Juwelenkästchen trug, begleitet, über die Treppen hinab. Unbemerkt kamen sie an die Brücke, stiegen sie hinein in die Barke. Antonio ergriff das Ruder, und fort ging es in schneller, rüstiger Fahrt. W,e em fröhlicher Liebesbote tanzte der Helle Mondesfchimmer auf den Wellen vor ihnen her. Sie waren auf hoher See. Da begann es seltsam zu pfeifen und zu saufen m hvher Luft finstere Schatten kamen gezogen und hingen sich wie dunkle Schleier über das leuchtende Antlitz des Mondes. Der tanzende Schimmer, der röhliche Liebesbote, fank herab in die fchwarze Tiefe voll dumpfer Donner. Der Sturm erhob fick und jagte die düstern, zusammengeballten Wolken mit zornigem Toben vor sich her. Hoch auf und weder flog die Barke.O hilf, o Herr des Himmels!" schrie die Sitte. Antonio, des Ruders nicht mehr mächtig, umschlang die holde Annunziata, die, von seinen glühenden Küsten erweckt, ihn mit der Inbrunst der seligsten Liebe an ihren Busen druckte. O mein Antonio! o meine Annunziata!" So riefen sie, des Sturms nicht achtend, der immer entsetzlicher tobte und brauste. Da streckte das Meer, die eifersüchtige Witwe des enthaupteten Falieri, die schäumenden Wellen wie Riesenarme empor, erfaßte die Liebenden und riß sie samt der Alten hinab in den bodenlosen Abgrund!

Als der Mann im Mantel aus diese Weise seine Erzählung geendet hatte, sprang et schnell auf und verließ mit starken, raschen Schritten das Zimmer. Die Freunde saben ihm stillschweigend und ganz verwundert nach, dann traten sie aufs neue vor das Gemälde. Der alte Doge fchmunzelte sie wieder an in törichtem Prunk und faselnder Eitelkeit, aber als sie nun der Dogaresse rechts ins Antlitz schauten, da gewahrten sie wohl, wie die Schatten eines unbekannten, nur geahnten Schmerzes auf der Lilienstirn lagen, wie sehn- süchtige Liebesträume unter den dunklen Wimpern hervorleuchteten und um die süßen Lippen schwebten. Ans dem fernen Meer, aus den duftigen Wolken, die San Marco einhüllten, schien die feindliche Macht Tod und Ver- derben zu drohen. Tie tiefere Bedeutung des anmutigen Bildes ging ihnen klar auf, aber auch alle Wehmut der Liebesgeschichte Antonios und Annun- ziatas kehrte, jo oft sie das Bild auch noch anblicken mochten, wieder und erfüllte ihr innerstes Gemüt mit süßen Schauern.

Spruch.

Von Martin Damh.

Wir kommen aus der Ewigkeit Und wachsen langsam in die Zeit. Wir kommen alle aus Gottes Hand Und gehen wieder in Gottes Land.

Dazwischen liegen Tag und Nacht Und Glück und Kampj und manche Schlacht, Dazwischen liegen Glanz und Not Von unsrer Wiege bis zum Tod.

So müssen wir durchs Geben gehn Und aufrecht unfern Gott bestehn, Damit nach unferm letzten Jahr Zurückbleibt, was unsterblich war.

Unsterblich ist das treue Herz, Die Ehre, rein und hart wie Erz, Unsterblich ist der Liede Glut In unferm Wort und unferm Blut.

Ob reich, ob arm, hoch und gering, So lassen wir manch ewig Ding Zurück für die, die nach uns sind, Für Volk und Reich und Kindeskind.