Ausgabe 
10.9.1937
 
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GietzenerZamiliendliitter

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 == Zreitag, den. September Nummer 70

Doge und Dogaresse.

Erzählung von E. T. A. Hoffmann.

Schluß.

Pietro meinte, baß bas gar nicht anginge, da der Doge ihn kenne und eben nur ihm ilch anvertrauen wolle; endlich, als Antonio mit dem wilden Zorn wie er aus dem von tausend Liebesqualen aufgeregten Gemüt bervor- sprudelte, chn ihn drang, wie er ganz unsinnig schwur, daß er der Gondel nachsprrngen und ihn herabreißen werde ins Meer, da rief Pietro lachend- Ei, Signor Antonio! Signor Antonio! wie habt Ihr Euch verguckt in die schonen Augen der Dogaresse!" und willigte ein, daß Antonio mitkommen solle als fern Gehilfe beim Rudern; er wolle die Schwere des Fahrz-ugs sowie kränkliche Schwäche Vorschüßen bei dem alten Falieri, dem so bei solcher Fahrt das Gondeln immer zu langsam ginge. Antonio rannte fort, und kaum war er wieder an der Brücke in schlechten Schifferkleidern, mit gefärbtem Gesicht, einem langen Zwickelbart über die Lippen gehängt, als der Doge herabstieg mit der Dogaresse, beide in herrlichen bunten glanzenden Kleidern.Wer ist der fremde Mensch dort?" fuhr der Doge den Pietro zornig an, und nur die heiligsten Versicherungen Pietros, daß er heute eines Gehilfen bedürfe, konnten den Alten endlich bewegen, zu erlauben, daß Antonio mitgondle.

Es pflegt wohl zu geschehen, daß gerade im Uebermaß alles Entzückens, aller Seligkeit das Gemüt, wie gestärkt durch die Macht des Augenblicks, sich selbst bezwingt und den Flammen gebietet, die aus dem Innern heroor- lodern wollen. So vermochte Antonio, dicht neben der holden Annunziata, berührt von dem Saume ihres Kleides, seine Liebesglut zu verbergen, indem er mit kräftiger Faust das Ruder regierte und, größeres Wagstück scheuend, kaum die Geliebte dann und wann flüchtig anblickte. Der alte rs-alieri schmunzelte und lächelte, küßte und streichelte die kleinen weißen Hündchen der holden Annunziata, legte den Arm um ihren schlanken Leib. Mitten auf dem Meere, als der Markusplatz, das prächtige Venedig mit all seinen stolzen Türmen und Palästen sich vor den Schiffenden ausbreitete, da erhob der alte Falieri das Haupt und sprach, indem er mit stolzen Blicken umherschaute:Ei, mein Liebchen, ist es nicht schön, zu schiffen aus dem Meer mit dem Herrn, mit dem Gemahl des Meers? Ja, mein Liebchen, sei nicht eifersüchtig auf die Gattin, die demütig uns aus ihrem Nacken trägt. Hör' nur das süße Plätschern der Wellen, sind das nicht Liebesworte, die sie dem Gemahl zuflüstert, der sie beherrscht? Ja, ja, Liebchen, du trägst meinen Ring am Finger, aber die da unten bewahrt in ihrem tiefsten Busen den Trauring, den ich ihr zuwars."Ach, mein fürstlicher Herr", fing Annunziata an,ach, wie sollte denn die kalte böse Flut deine Gemahlin sein? Es wird mir gar schauerlich zu Mute dabei, daß du dich dem stolzen herrischen Element vermähltest." Der alte Falieri lachte, daß Kinn und Bart wackelten.Aengstige dich nicht, Täubchen", sprach er dann,besser ruht uch s ja wohl in deinen weichen, warmen Armen als in den, eiskalten Schoß der Gattin da unten, aber schön ist's, zu schiffen auf dem Meer mit dem Herrn des Meeres." In dem Augenblick, als der Doge dies sprach, fing eine ferne Musik zu säuseln an. Hebet die Meereswelle gleitend, kamen näher die Töne einer sanften Männerstimme, es wurden die Worte gesungen:

,,Ah! senza amare

Andare sul mare

Col sposo del' mare, Non puo consulare.

Andere Stimmen fielen ein, und in stetem Wechselgesange wurden jene Worte immer und immer wiederholt, bis der Gesang wie im Hauch des Windes starb. Der alte Falieri schien auf den Gesang gar nicht zu achten, er erzählte der Dogaresse vielmehr sehr weitläufig, was es mit der Feierlichkeit am Himmelfahrtstage, wenn der Doge, von dem Bucentoro den Ring hinabwerfend, sich dem Meer vermähle, für eine Bewandtnis habe.

Er sprach von den Siegen der Republik, wie ehemals Istrien und Dal­matien erobert worden unter der Regentschaft Peter Urseolus des Zweiten^'), und wie in dieser Eroberung jener Feierlichkeit erster Ursprung liege. Achtete nun der alte Falieri aber nicht auf jenen Gesang, so ging dafür seine Er­zählung ganz verloren der Dogaresse. Die saß da, den Sinn ganz zugewen- bet den süßen Tönen, die über das Meer schwammen; sie starrte, als der Gesang geendet, mit seltsamem Blick vor sich hin, wie jemand, der aus tiefem Traum erwacht, die Bilder noch zu schauen, zu deuten strebt, die ihn um- ßnmelten. ,Senza amare senza amare non puo consolare", lispelte Me leise, und Tränen glänzten wie helle Perlen in den Himmelsaugen, und Seufzer entflohen der Brust, die auf und nieder wallte vor innerer Be- «emmung. Noch immer in vollem Schmunzeln und Lächeln forterzählend, crat der Alte, die Dogaresse an der Seite, heraus auf die Balustrade vor

*) Pietro II. Orseolo, Doge von 9911009, war der ersteBräuti­gam der Adria gewesen, der er sichvermählt" hatte, als er 998 mit großem «epränge in den Krieg auszog, in dem er ganz Dalmatien unterwarf.

semem Hause bei San Giorgio Maggiore und gewahrte nicht, wie, von selt­samen dunklen Gefühlen im Innern angeregt, Annunziata sprachlos, den tränenschweren Blick in ein fernes Land gerichtet, wie im Traume neben ihm stand. Ein junger Mensch in Schifserkleidung stieß in ein muschelartig gewundenes Horn, daß die Töne weit üher das Meer hin hallten. Aus dies Zeichen näherte sich eine andere Gondel. Unterdessen war ein Mann der emen Sonnenschirm trug, und eine Frau herangetreten, und so begleitet schritt der Doge mit der Dogaresse nach dem Palast. Jene Gondel landete, Marino Bodoeri mit vielen Personen, unter denen sich Kaufleute, Künstler ja Leute aus der niedrigsten Volksklasse befanden, stieg aus und folgte dem Doge.

Antonio konnte kaum den andern Abend erwarten, weil er auf frohe Botschaft hoffte von seiner geliebten Annunziata. Endlich, endlich hinkte die Alte herein, setzte sich keuchend in den Lehnsessel, schlug die dürren Knochenhände einmal über das andere zusammen und rief:Tonino ach Tonino, was ist denn geschehen mit unserrn armen Täubchen? Sowie lch heute hineintrete, liegt sie da auf dem Polster mit halbgeschlossenen Augen, das Köpfchen aus den Arm gestützt, nicht schlummernd, nicht wachend, Nicht krank, Nicht gesund. Ich nahe mich ihr: ,Ei, gnädige Frau Dogaresse, spreche ich, was ist Euch denn Schlimmes begegnet? schmerzt Euch wohl noch dre kaum geheilte Wunde?' Aber da blickt sie mich an mit Augen Somno! mit Augen, wie ich sie noch gar nicht gesehen, und kaum hab' ich hlnemgeschaut tn die feuchten Mondesstrahlen, so bergen sie sich hinter dre serdnen Wimpern wie hinter dunkles Gewölk. Und dann seufzt sie aus tiefster Brust und kehrt das holde, blasse Antlitz der Wand zu und lispelt leise, ganz leise, aber so wehmütig, daß es mir gerade ins Herz sticht: .Amare amare ah, senza amare! Ich hole mir einen Stuhl, ich setze mich hm zu ihr, ich fange an, von dir zu erzählen. Sie hüllt sich ein in die Pol­ster die schnelleren und schnelleren Atemzüge werden zu Seufzern Ich sag's ihr unverhohlen, daß du verkleidet bsi ihr warst in der Gondel, daß ich dich, der vor Liebe und Sehnsucht verschmachtet, nun ungesäumt ju ihr bringen würde. Da fährt sie plötzlich auf von den Polstern, und indem ein Strom heißer Tränen aus ihren Augen stürzt, ruft sie heftig: ,Um Ehristus, um aller Heiligen willen nein nein, ich kann ihn nicht sehen Alte! ich beschwöre dich, sag' ihm, er solle niemals, niemals mehr sich mir nahen niemals, das sag' ihm, er solle Venedig verlassen, schnell ver- lassen. »Nun, fall' ich ihr ins Wort, ,nun, so muß denn mein armer Tonino sterben.' Da sinkt sie, wie von den unsäglichsten Schmerzen gefaßt, in die Polster und schluchzt mit von Tränen erstickter Stimme: Muß ich beim nicht auch sterben des bittersten Todes?' Da trat der alte Herr Falieri ins Gemach, und ich mußte mich auf seinen Wink entfernen." Sie hat mich verworfen fort fort aufs Meer!" schrie Antonio auf in heller Verzweiflung. Die Alte kicherte und lachte nach ihrer gewöhnUchen Art und rtef:Du einfältig Kind, du einfältig Kind wirst du denn nicht geliebt von der holden Annunziata mit aller Inbrunst, mit aller Liebesqual, die jemals em weiblich Herz ergriff? Einfältig Knäblein, morgen am tiefen Abend schleiche dich tn den herzoglichen Palast. In der zweiten Galerie rechts der großen Treppe wirst du mich finden und dann wollen wir sehen, was sich weiter begibt."

Als Antonio, bebend vor Sehnsucht, am andern Abend die große Treppe hinaufschlich, war es ihm plötzlich, als wolle er einen Ungeheuern Frevel beginnen. Ganz betäubt, vermochte er kaum zitternd und schwankend die Stufen zu ersteigen. Er mußte sich dicht vor der ihm bezeichneten Galerie an eine Säule lehnen. Plötzlich umfloß ihn heller Fackelschein, und noch ehe er seinen Platz verlassen konnte, stand der alte Bodoeri dicht vor ihm, von einigen Dienern begleitet, die Fackeln trugen. Bodoeri sah dem Jüngling starr ins Angesicht und sprach dann:Ha! du bist Antonio, man hat dich herbestellt, ich weiß es, folge mir nur! Antonio, überzeugt, daß die Zusammenkunft mit der Dogaresse verraten, folgte nicht ohne Zagen. Wie erstaunte er, als, in ein entferntes Gemach getreten, Bodoeri ihn um­armte und von dem wichtigen Posten sprach, der ihm anvertraut worden und den er noch in dieser Nacht mit Mut und Entschlossenheit behaupten olle. Sein Erstaunen ging aber in Angst Über und Entsetzen, da er erfuhr, daß schon feit langer Zeit eine Verschwörung wider die ©ignorie gereift, an deren Spitze der Doge selbst stehe, daß, wie es in Falieris Hause auf der Gludecca beschlossen, noch in dieser Nacht die ©ignorie fallen und der alte Marino Falieri als souveräner Herzog von Venedig ausgerufen werden olle. Antomo starrte den Bodoeri sprachlos an, dieser hielt des Jünglings Schweigen für eine Weigerung, teilzunehmen an der Ausführung der ent» etzlichen Tat, und rief entrüstet:Feigherziger Tor! aus dem Paläste kommst du nun nicht mehr, entweder du stirbst ober ergreifst mit uns bie Waffen, aber sprich erst mit biefem! Aus bem bunflen Hinfergrunbe des Zimmers trat eine hohe, eble Gestatt hervor. Sowie Antonio bas Antlitz des Mannes, ben er nur erst im Schein bet Kerzen bemerken und erkennen konnte, erblickte, stürzte er nieder auf die Knie und rief, ganz außer fich leibst gebracht durch die nicht geahnte Erscheinung:O heiliger Herr des Him­mels, mein Vater Bertuccio Nenolo, mein teurer Pfleger!" Nenolo hob ben Jüngling auf, schloß ihn in seine Arme unb sprach bann mit sanfter