Ausgabe 
10.5.1937
 
Einzelbild herunterladen

Noch die größeren Städte sind dörflich beschaulich, und die Bauten, die aufmerken lassen, findet man nicht so sehr in ihnen wie in versteckteren Dörfern, deren dunkle Holzkirchen vornehmlich sagen dir etwas von der hier eigenen Schau.

Dies Land erlebt der Jäger wohl am besten, der die Rebhühner und Fasanen aufspürt, den das Rotwild lockt und die Ente. Der mutz nun durch endlose Weidenkulturen, über Brüche hinweg mit den Birken und hohen Wacholdern, um Moore dann; die Heide trifft er hier und dichte Wälder, weite Wiesen wieder und Fließe und Gräben und umschilften Fluß, auf lange schmale Halbinseln verirrt er sich, und dann tun sich weit die Seen vor ihm aus, er fährt mit dem Kahn durch das Schilf, und am Abend im Dorfkrug, wenn er die Sagen und Spukgeschichten hört und auch bei politischen Gesprächen mittut, die bei der nahen Grenze und dem Zöllner am Tisch nun doch ein wenig bemerkenswerter sind, dann fühlt er sich aus einmal selbst wie hier zugehörig, und dann ahnt er auch, warum es die Grenzmärker so wenig hinauslockt: sie haben hier alles, die Frauen, die Männer, was ein Leben erfüllt und was es zur Sage macht.

Wir lieben unsere Heimat und geben sie nicht leicht preis, um eines besseren Lebens oder Verdienstes willen. Es zieht auch noch jeden zurück. Denn wir alle sind noch Bauern, denn wir sind alle noch Fischer, und wir sind alle noch Jäger. Und könnten wir das alles auch noch woanders sein, eins bleibt uns hier vorbehalten: auf Grenzwacht stehen und Ko­lonisator fein.

Der Fremde spricht uns oft von der Melancholie der Landschaft. Sie aber bedrückt uns nicht. Sie fängt uns wohl ein, und sie zieht uns nach in die Fremde, sie läßt uns nickst los, sie summt uns ihr Lied, bis wir wiederkehren, aber sie bedrückt uns nicht.

Wie ist nun das Lied dieser Landschaft? Anders als das am Rhein, anders als das in den Bergen oder am Ufer der See. Es kommt aus den Wäldern her, wie ein großes Rauschen ober wie der Ruf eines Wasservogels am Abend oder wie die Musik eines Karussells hinter dem Kiefernwald im nächsten Dorf.

Wir lieben die Fahrt mit Pferden, zu Wagen und Schlitten, wir lieben das Schilfgrün im Frühling ebenso wie die Nebelmorgen und die weite Bräune der abgeernteten Felder mit den Kartoffel- und Rübenmieten und den hohen Getreideschobern. Unsere Landschaft gibt viel. Im März schon ernten wir. Da schneiden wir die rötlich-braunen, die grünen Weidenruten, bald mähn wir die Wiesen, während das Korn uns schon wächst, und ist auch das eingefahren, währt es so lange nicht, und wir laufen Furche um Furche ab hinter den sich drehenden Gabeln der Kartoffelmaschine, um auch hier einzuernten, dann kommt der Winter früh, und wo wir sonst nicht hinkamen, auf dem Moor ist nun Eis, und das Rohr wird geschnitten. In den Wäldern schlägt man das Holz.

Wenn mit ihren Wagen die Bauern zu Markt fahren in unsere kleine Stadt, an jedem Freitag, dann wissen wir alle: dies gehört uns wie ihnen, und obwohl ich kein Bauer bin und keiner der Gutsbesitzer, ich bange um die Ernte so wie sie, und wenn da der eine auf dem Platz in den Kasten greift und an den Hinterbeinen eines der quietschenden Ferkel sto.lz in die Höhe zieht, ich freue mich mit ihm über all das rosane Leben aus feinen Ställen wie die Karpfen und Schleien, Aale und Hechte im Zuber des Fischwagens: dies alles ist Grenzmark, dies alles ernäht uns wie die mit Körben und Weidenfesfeln hochbepackten Leiterwagen, die zu gleicher Zeit und täglich aus der Stadt hinausfahren in alle Welt.

Dies ist unser Brot, dem gilt unsere Arbeit. Wald und See und Bruch Und Schilf und schwebender Reiher, o Heimat in vielfältiger Schöne, dich lieben wir. Im Blick des Bauern, im Blick des Fischers, im Blick des Ackerbürgers noch und des Beamten steht dein Schicksal als bas eigene große. Wieviel noch mehr baoon zu sagen wäre, bu gebietest zu schweigen. Wer sehen will, ber komme Wer von bir mehr aussagen will, ber tue es wie bu, in ber Sage allein; bie Wölber rauschen, bie Seen lächeln besonnt, unb ber Reiher entschwebt unb fährt nleber anberswo im Schilf.

Oer Mond im Leben der Völker.

Von Heinz Heil.

Der in ber Nacht wanbelnbe, bas Verborgene sehende, in seiner Er­scheinung unberechenbare, veränderliche Mond hat zu allen Zeiten unb bei allen Völkern in Religion, Mythologie, Sage unb Märchen eine außerordentlich große Rolle gespielt. Er beherrschte das Feuchte, Regen und Blut beim Menschen, Fruchtbarkeit unb Wachstum, war Herr über Geister unb bie Toten, über bie Träume unb galt vielfach als Zeitmesser. Roch heute feiern wir Ostern am ersten Sonntag nach dem Vollmonde, der auf die Frühlingstag- unb Nachtgleiche fällt.

Wenn uns heutigen Menschen, wie man es kürzlich beobachten konnte, ein tiefer Einbruch verllleibt, wenn z. B. ein Riesenhof um ben Monb sich lagert unb sich um ben Manb plötzlich kreismäßig ein in­tensiv strahlenber Kranz in ben Regenbogenfarben legt, um ebenso plötz­lich zu verschwinben, um wieviel mehr müssen die alten unb ältesten Völker in ihrer Vorstellungskraft von all ben anbern, uns heute ge­läufigen Monberfcheinungen beherrscht gewesen sein: Stellen wir uns

doch solgenbes vor: Sein ber Sonne entgegengesetzter Lauf, feine

Phasen, sein Verschwinben unb fein Wieberaustauchen, in ewigem

Wechsel, seine Verfinsterung burch ben Schatten ber Erbe, wie mir

es heute wissen. Eine köstliche Sage erzählt, wie ber Manb, van feinen Feinben verfolgt, immer weiter nach Osten wanbert, bem Antlitz ber Sonne zu, um schließlich, am Ostmeere angelangt,' zu verbrennen (b. h. in ben Strahlen ber aufgehenben Sonne unterzugehen), wobei seine Asche zu Schmuckvögeln (Morgenröte?) unb fein Herz zum Mor­genstern wirb. Bei ben Verfinsterungen werben auch bie Alten be­obachtet haben, baß ber Monb bei seiner totalen Verfinsterung sehr

selten völlig unsichtbar wird; meist erscheint er in einem kupferroten Lichte. Auf Grund der Tatsache, baß der Mond aber die Sanne total verfinstern kann, wurde dem Mond sogar vielfach Uederlegenheit über die Sonne zugesprochen.

Das bem Mond zugeschriebene Geschlecht ist im allgemeinen insbe­sondere bei den am Meere wohnenden Völkern der Erde weiblich, bei den Festlandsbewohnern männlich. Auf bie Ausnahmen einzugehen, würde zu weit führen. Teils ist er der Bruder der Sonne, teils seine Schwester, manchmal Gatte oder Gattin, Geliebter ober Geliebte. Im Zusammenhang bamit sei eine patagonische Sage erwähnt, bie bie Monbflecken zu erklären versucht: Sonne unb Monb sind der Sage nach feindliche Ehegatten, die sich bauernd verfolgen, seitdem die als Sonnengott gedachte Sonne bem weiblich gedachten Monde einmal eine Ohrfeige gegeben hat. Daher bie Mondflecken!

Teils erblickt man in den Priesterfürsten eine Inkarnation des Mondgottes, teils steigen im Wandel der Kulturgeschichte Im heroischen Zeitalter Menschen als Mondgötter zum Himmel auf.

Es sind aber nicht nur Götter und Göttinnen, sondern oft nur einfache Menschen. Aus demManne Mond" wird oft auch eine Frau ober ein Mann im Monb. Eine weit verbreitete Ursprungssage u. a. auch in ber Prosa-Ebba, erklärt bie Monbflecken als einen ober zwei Menschen, bie in ben Monb versetzt würben. Die christliche ßegenbe hat einen während des Gottesdienstes Holz stehlenden Mann in den Monb entrückt unb ihm ein Reisigbünbel aufgebürbet.

Da, wo ber Mond als Weib gilt, wirb im Monbe vielfach eine Spinnerin ober eine Weberin angenommen, so bei ben Algonkin-Jn- bianern, ben Mexikanern, ben Jnbern, in Jnbonesien. Aegyptens Göt­tin Reith, bie Göttin von Sais, bereu Schleier kein Sterblicher lüftete, wird mit bem Weberschiffchen bargestellt. Kleinasien unb Griechenland haben auch roebenbe Monbgöttinnen. Weitgehenbe Kulturmischungen, wie sie sich im Laufe ber Iahrtausenbe vollzogen haben, lassen aber auch in ßänbern, wo ber Mond männlich ist, Spinnerinnen in ben Mond versetzt sein. Im alten Germanien gibt es bie Berta, Bertraba ober Berchta, bie Spinnerin, bie in ben Monb entrückt wirb. Märkische Sagen versetzen eine Frau in ben Monb, weil sie zur unrechten Zeit spann, italienische unb beutsche Märchen lassen ben Monb Spinnräber verschenken.

Neben Männern unb Frauen im Monbe findet sich aber auch der Hase, oder ein Kaninchen und andere Tiere im Monde. Vielleicht des­wegen, um dem Gott der Fruchtbarkeit das für den Menschen als irdisches Sinnbild der Fruchtbarkeit geltende Tier, wie Hase oder Ka­ninchen, beizugeben?

In einer von diesen der Mondkultur eigenen Hasenfabeln entdecken wir eine dritte Deutung für bie Entstehung ber Monbflecken. Ein In­fekt war vom Monbgotte mit einer Botschaft beauftragt worben, sand aber auf feinem Wege zur Erde ben Tob. Der Hase wurde als Ersatz geschickt, richtete aber diese Botschaft falsch aus. Hierfür nahm der Mondgott den Hasen bei den ßöffetn, und schlug ihm mit der Axt die Hasenscharte. Der Hase war aber nicht faul. Mit feinen Pfoten zer­kratzte der sich heftig wehrende Hase dem Mond das Gesicht derartig, daß heute noch die Flecken sichtbar sind. In einer andern Sage nimmt der gute Mond, als er mit seiner Sichel tief am Himmel stand und dem Zweige eines Brotbaumes glich, zur Zeit einer Hungersnot eine Frau mit ihrem Kinde zu sich auf, als sie ihn um einige der fleischigen, dicken Früchte hat.

Viele Vorstellungen der alten unb ältesten Völker über ben Ein­fluß des Monbes auf die uns umgebenbe Natur, bas Wetter, bas Meer, ja, auf ben Menschen selbst, ragen noch tief in unsere eigene Gedankenwelt hinein. Manches davon mag Aberglaube sein. Viele Vorstellungen hat jedoch die neuzeitliche Wissenschaft bei ihren Unter­suchungen über bie große Bebeutung rhythmischer Perioben in ben Vor­gängen unseres menschlichen Seins unb in benen ber großen Welt, des Makrokosmus, als richtig bestätigt.

So hat man z. B. feftgefteUt, daß bas vom Monbe reflektierte Sonnenlicht bei der Reflexion vom Mondepolarisiert" wird. Dieses polarisierte ßicht, dessen Schwingungen im Gegensatz zu dem ßichte der Sonne, in einer Ebene vor sich gehen, steigert den Zerfall von Stärke, wodurch das Wachstum gefördert wird. Und das, obwohl der Mond rund 400 000 Kilometer von uns entfernt ist und obwohl fein ßicht 600 OOOfach schwächer ist als das Sonnenlicht!

lieber der Erde heranreifende Pflanzen werden demnach mit vollem Recht zur Zeit des Vollmondes gesät bzw. gepflanzt, reife Früchte eben­falls mit Recht bei abnehmendem Monde geerntet. Die Wissenschaft hat fest- gestellt an Hand ihrer Statistiken, daß die Zahl der Naturkatastrophen zur Zeit des Neumondes, wenn, von der Erde aus gesehen, der Mond (unsichtbar) zwischen Erde und Sonne steht, bedeutend größer ist, als zur Zeit des Vollmondes, eine den Alten fängst bekannte Tatsache, wissenschaftlich untermauert! DieErduhr" geht, laut Alwin Dres- ler, feit 1925 um 45 Sekunden nach, sie geht langsamer. Die Ursache dieser Rotationsschwankung mag wohl auf die Anziehungskraft von Sonne und Mond in Verbindung mit den kleinen erdnahen Planeten zu suchen fein, ßiegen hierin vielleicht die abnormen Witterungsschwan- tungen begründet?

Auch beim Menschen sollen, wie bei einer Reihe von Tieren (Pa- lolowurm, einigen anderen Weichtieren) nach dem schwedischen For­scher Snante Ärrhenius die Perioden eine Rolle spielen bei oer Geburtenzahl unb der Empfängnis.

So sind wir Menschen in eine Welt hinein verflochten, bienach ewigen ehernen Gesehen ihres Daseins Kreise vollenbet"; wir ringen unb streben, um unser ßeben barnach einzurichten, um ben Weg aus bem Dunkeln ins Helle zu finben.

Verantwortlich. Dr. Hans Tbhriol. Druck und Verlag: Drützl'sche Universitäts.Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen.