er

die Bayern."

Sonnenuntergang.

36. Kapitel.

Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf feinem Granfeer Bahn­hof eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor. Engelke hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt, denn es war inzwischen recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke tat dem Alten, in dessen Coups die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte, der draußen wehende Ostwind überaus wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein. Schon tags zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht zumute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das Stern- geslimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen dunkle, groteske Schatten über den Weg, während er die nach links und rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern

Heiß Wasser is nid) mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann ja ne Kasseroll ausstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.

Nein, nein, Engelke, nicht so viel Umstande. Das mag ich nicht. Und den Petroleumkocher, den erst recht nid); da kriegt man bloß Kopfweh und ich habe schon genug davon. Aber bringe mir den Kognak und kaltes Wasser. Und wenn man dann so halb und halb nimmt, dann is es gut, UlS Engelke brachte^was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging I>UGrafd)lif auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach und taufte nur noch fo hin. So kam endlich der Morgen heran.

Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte, schleppte sich Dubslav mühsamlich von feinem Schlafzimmer bis an den Frühstes» tilch Aber es schmeckte ihm nicht.Engelke, mir ist schlecht; der Fuß ist geschwollen, und das mit dem Kognak gestern abend war auch nicht richtig/Sage Martin, daß er nach Gransee fährt und Doktor Spanholz mitbringt. Und wenn Spanholz nicht da ist der arme Kerl kutschiert in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es nicht, dann fall er warten, bis er kommt." . ,

Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Spanholz war tmn« lich auf Landpraxis und kam erst nachmittags zurück. Er atz einen Bissen und stieg dann auf den Stechliner Wagen.

Na, Martin, was macht denn der gnädige Herr?

,Zoa, Herr Doktor, ick möt doch feggen, he seiht en beten Der- ännert ut; em wihr schon nid) so recht letzten Sunndog, un doa muht he joa nu grab nach Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een nach Berlin mutz, denn is okk ümmer wat los. Ick weet mch, wat [e doa mit'n ollen Minschen moaken."

Ja Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie sich denn. Und dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bißchen ge­pichelt haben. Und vorher die kalte Kirche. Und dazu so viele feine Damen. Daran ist der gnädge Herr nicht mehr gewöhnt, und dann will er fid) berappeln und strengt sich an, und da hat man denn gleich was weg.

Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vor- fuhr Svonholz stieg aus, und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze, darin er freilich das einzige an ihm, das diese Wirkung ausübte wie ein Perser aussah.

So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an seinem Kamin und sah in die Flamme.

,Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land. Es geht ,etzt scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. Natürlich Influenza. Ganz oerdeubelte Krankheit."

Na, d i e wenigstens hab ich nicht."

Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht an. Nun, "0 Dubslav wies auf fein rechtes Bein und sagte:Stark geschwollen. Und das andre fangt auch an."

,Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?

Dubslav zog fein Beinkleid heraus, den Strumpf herunter und sagte: Da is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen Also was andres." ~ «

Spanholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und sagte bann:Nichts von Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Diät, wenig trinken, auch wenig Wasier. Das verdammte Wasser drückt gleich nach oben, und dann haben Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar Tropfen. Bitte bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier." Und dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück Papier ab und schrieb ein Rezept.Ihr Kutscher, das wird das beste sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren."

Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr Spanholz als­bald wieder in feinen Mantel. Engelke half ihm und sagte dabei:Na, Herr Doktor?"

Nichts, nichts, Engelke!" m

Martin mit feinem Jagd wagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen und fo ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stabt zurück, von wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte.

(Fortsetzung folgt.)

alles besten, was ihm der zurückliegende Tag gebracht hatte, belebte. Da sah er wieder die mit dem roten Teppich belegte Hatel-Marmortreppe mit dem Oberkellner in Gesandtschastsattachöhaltung, und im nächsten Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für einen zur Feier geladenen Konsiftorialrat gehalten hatte. Daneben aber stand die blasse, schöne Braut und die reizende bieg- und schmiegsame Melusine. Ja, der alte Barby, wenn er auf die sieht, der hats gut der kann es aushalten. Immer einen guten und klugen Menschen um sich haben, immer was hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das ist was. Ader ich! Hch für meinen Teil, gleichviel ob mit ober ohne Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gefetzt, als Kind, weil ich faul war und als Leutnant, weil ich nicht recht was hatte. Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie, die mir Stab und Stutze hatte sein können, und durch all die dreißig Jahre, die feltbem tarnen und gingen, blieb mir nichts als Engelke (der noch das Beste mar) imb meine Schwester Adelheid. Gott verzeih mir 5, aber em Trost war die nicht; immer bloß herbe roien Holzapfel."

Unter solchen Betrachtungen fuhr er in bas Dorf em unb WU gleich danach vor der Tür feines alten Hauses. Engelke war schon da, half ihm und tat fein Bestes, ihn aus der toteren Wolfsfchur heraus- zuwickeln. Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei nut ben Fußen, warf seinen Staatshut den er unterwegs, weil er ihn brutfte, wohl hundertmal verwünscht hatte mit ersichtlicher Besrietagung beiseite und sagte gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer:Ach, das >s recht, Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten Men fchen gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten noch heißes Wasser ist? Son fester Grog, der sollte mir jetzt passen; ich friere Stein

Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was werben I Ö"unb Sie glauben", matf ber Graf hier, ein,an dieser scharfen Oui'tzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?"

Hm?es" ä^sich Unb roenn so, so wär es schließlich ein Glück, daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor b,e^3d)rZVmiflnwne\nnißoIbemar, der einen stark liberalen Zug hat (ich' kann es nicht loben und mags nicht tabcln), oft über diese Sache gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also für Experimente .;. 5Run 9 P inzwischen bas bessere Teil erwählt, unb wahrenb mir hier sprechen, ist er schon über Trebbin hinaus Sonberbar, ich bin nicht allzuviel gereist, aber immer, wenn ich an biesem märkischen ^st vorbei­kam, halt ich bas Gefühl: .jetzt wirb es besser, jetzt tast bu frei. 3d]i tann sagen, ich liebe bie ganze Sanbbüchse ba herum, schon bloß aus biesem StUDeÖr' alte Gras lachte behaglich.Unb Trebbin wirb sich von dieser Ihrer Schwärmerei nichts träumen lassen. Uebrigens Haden Sie recht. Jeher lebt zu Hause mehr ober weniger wie in einem Gefängnis unb will weg. Unb doch bin ich eigentlich gegen bas Reisen überhaupt unb speziell gegen bie Hochzeitsreiserei. Wenn ,ch so Personen m ein Eoupö nach Italien einsteigen sehe, kommt mir immer em Dankgestihl dieses höchste Glück auf Erben' nicht mehr mitmachen zu muffen. Es ist doch eigentlich eine Qual, unb bie Welt wirb auch wieder davon zuruckkommen; über kurz oder lang wird man nur noch reifen, rote man m den Krieg zieht oder in einen Luftballon steigt, bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens willen. Unb wozu beim auch? Es hat feinen rechten I Zweck mehr. In alten Zeiten ging ber Prophet zum Berge, letzt vollzieht sich bas Wunder, und der Berg kommt zu uns. Das Beste vom Parthenon lieht man in London und das Beste von Pergamum in Berlin, unb wäre man nicht fo nachsichtig mit ben lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, fo könnte man sich (am Kupfergraben) im Laufe des Vormittags m Mykenä unb nachmittags in Olympia ergehn."

Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber hoch zugleich auch ein wenig betrübt, Sie fo bezidiert gegen alle Reiferei zu fmben. Ich stand nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, m meine alte Kate, bie meine guten Globfower unentwegt ein .Schloß nennen.

Ja, lieber Stechlin, Ihre .Kate', bas ist was anbres. Unb um Ihnen ganz bie Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich nicht emgelaben hatten (eigentlich ist es ja noch nicht geschehn, aber ich greife bereits vor), fo hält ich mich bei Ihnen angemelbet. Das war schon lange mein Plan.

In biesem Augenblick ging braußen bie Klingel. Es war Melusine.

Bringe ben Vätern respektive Schwiegervätern aöetfdjonfte Gruße. Die Kinber sinb jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg, die große Luther- beziehungsweise Apfelkuchenstation, hinaus, unb in wenigerals jmet Stunden fahren sie in den Dresbner Bahnhof ein. O diese Glücklichen! Und dabei verwett ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin zurück. Vielleicht sogar nach mir."

, Kein Zweifel", sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber suhr fort:Ehe man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt, sehnt man sich noch einmal gründlich danach zurück. Freilich, Schwester Armgard wirb weniger davon empfinben als anbere. Sie hat eben ben liebenswürdigsten unb besten Mann, unb ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich noch im Abschiebsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische Madonna treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu wie verklärt aussah. Und das sind ich einfach unerhört. Warum, werden Sie mich vielleicht fragen. Nun denn, weil es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine Madonna fo extrem zu freuen, roenn man eine Braut ober gar eine junge Frau zur Seite hat, unb zweitens, weil bieser geplante Galeriebesuch einen Mangel an Disposition unb Oekonomie bebeutet, ber mich für Wolbemars ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt boch am Ende nach der agrarischen Seite hin, unb richtige .Dispositionen' betauten in ber Land­wirtschaft so gut wie alles." .

Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ es nicht dazu kommen unb fuhr ihrerseits fort:Jedenfalls das ist nicht roegju« disputieren fährt unser Waldemar jetzt in das Land der Madonnen hinein und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften antreten; roenn er sich aber schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird er, wenn er in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Cafä Eavour eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo Borghese Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: eine Berliner Zeitung, denn wir werden jetzt Weltstadt unb wachsen mit unserer Presse schon über Charlottenburg hinaus ... Uebrigens läßt, wie das junge Paar, so auch die Baronin bestens grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin, die grab Ihnen ganz befonbers gefallen würde. Glaubt eigentlich gar nichts und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig unb ist boch richtig unb reizend zugleich. All die Süddeutschen sind über­haupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die natürlichsten, sind