SicheimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang H95Z
Montag, den HO. Mai
Nummer 56
Der GteGlin
ORomon von Theodor Kontane
29. Fortsetzung.
„Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort gibt: »Der Deutsche luggt, wenn er hässlich wird'."
„Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte."
„En quoi vous reussissez ä merveille.“
„Aber meine Herren", warf Pusch hier ein, den die ganze Streiterei natürlich entzückte, „könnten wir nicht das Kriegsbeil begraben? Pro- poniere: Begegnung auf halbem Wege; shaking Hands. Nehmen Sie zurück, hüben und drüben."
„Nie", donnerte Cujacius.
„Jamais‘‘, sagte Wrschowitz.
Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten die Tete, Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger Entfernung. Szilagy war vorsichtigerweise abgeschwenkt.
Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte sich, dem jungen Graubündner auseinanderzusehen, daß Eujacius ganz allgemein den Ruf eines Krakeelers habe. „Je vous assure, Monsieur le Baron, il est un fou et plus que ga — un blagueur.“
Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu wollen. Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick danach von der Front her die mit immer steigender Heftigkeit ausgestoßenen Worte hörte: Kaschube, Wende, Böhmake.
35. Kapitel.
Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von der Barbyschen Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Fromme! aufgebrochen, so daß sich, außer dem 'Brautvater nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand. Dieser hatte sich — Melusine war vom Bahnhofe noch nicht wieder da — vom Eßsaal her zunächst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die Loggia zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu seh» and einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn denn auch schließlich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem Staunen über den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte: „Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns näher miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht erst zehneinhalb: wir haben also noch beinah anderthalb Stunden."
Und dabei nahm er Dubslav Arm, um ihn in sein Wohnzimmer, das bis dahin als Estaminet gedient hatte, hinüberzufllhren.
„Erlauben Sie mir", fuhr er hier fort, „daß ich zunächst mein halb kingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl strecke: es hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und namentlich das Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden. Bitte, rücken Sie heran. Es ging während unseres kleinen Diners alles so rasch, und ich wette, Sie sind bei dem Kasfee ganz erheblich zu kurz gekommen. Der Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen des modernen Menschen immer das wichtigste: da wird dann der Kaffeezeit Manches abgeknapst."
Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel.
„Jeserich, noch eine Tasse für Herrn Stechlin und natürlich einen Kognak oder Cuvagao ^oder lieber die ganze .Benediktinerabtei', — Witz ton Cujacius, für den Sie mich also nicht verantwortlich machen dürfen ... Seiber werde ich Ihnen bei diesem „zweiten Kaffee' nicht Gesellschaft leisten können; ich habe mich schon bei Tische mit einer lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel gestellten Apollinarisflasche begnügen müssen. Aber was hilft es, man will doch nicht auffallen mit all seinen Gebresten."
Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und j«ß, eine Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade gegenüber. Jeserich kam mit der Tablette.
„Den Kognak", fuhr der alte Barby fort, „kann ich Ihnen empfehlen: noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit einem Franzosen un- gkniert sprechen und nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig »och mit dabei?"
, „Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem Regiment war ich lange heraus. Nur als Johanniter."
■ „Ganz wie ich selber."
„Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig", fuhr Dubslav fort, «such rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das, was mir zeit- lebcns, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als. wünschenswert gefehlt hotte: Fühlung mit der großen Welt. Cs heißt immer, der Adel gehöre "lif feine Scholle, und je mehr er mit der verwachse, desto besser sei es. 2as ist auch richtig. Aber etwas ganz Richtiges gibt es nicht. Und
so muß ich denn sagen, es war doch was Erquickliches, den alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer nur flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude. Sie nennen ihn jetzt den .Großen' und stellen ihn neben Friedericus Rex. Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht er nicht ran. Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt, mein ich, in gewissem Sinne den Aus- schlag, wenn auch zur .Größe' noch was anders gehört. Ja, der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem Punkte sind ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, wie wir immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für sich und für das Land oder, wie er zu sagen liebte, ‘für den Staat,. Aber daß wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten, das ist eine Einbildung."
„Ueberrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören."
„Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? Wir hatten die Ehre, für König und Vaterland hungern und dursten und sterben zu dürfen, sind aber nie gefragt worden, ob uns das auch paffe. Nur bann und wann erfuhren wir, daß wir .Edelleute' feien und als solche mehr .Ehre' hätten. Aber damit war es auch getan. In feiner innersten Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren bei Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist sehr kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber Graf, find ich unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer, weil alles, was geschah, weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und Selbstentschließung hatte. Ich bin nicht für die patentierte Freiheit der Parteiliberalen, aber ich bin doch für ein bestimmtes Maß von Freiheit überhaupt. Und 'wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch in unseren Reihen allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei — besonders auch rein praktisch- egoistisch — am besten stehn."
Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav aber fuhr fort: Uebrigens, das muß ich sagen dürfen, lieber Graf, Sie wohnen hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer; ein entzückender Blick und Fremde würden vielleicht kaum glauben, daß an unsrer alten Spree so was Hübsches zu finden fei. Die Niederlassung-- und speziell die Wohnungsfrage spielt doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt, immer stark mit, und gerade Sie, der Sie so' lange draußen waren, werden, ehe Sie hier dieses Visavis von unserer Jungfernheide wählten, nicht ohne Bedenken gewesen fein. In bezug aus die Landschaft gewiß und in bezug auf die Menschen vielleicht."
„Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken. Aber sie sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach langen, langen Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurückkam, und vieles gefällt mir auch heute noch nicht. Ueberall ein zu langsames Tempo. Wir haben in jedem Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand ist, da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend, aber sicher. Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige Witterung Haden, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube, Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht."
,Lch glaub es nicht", sagte Dubslav.
„Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit der Sache war?"
„O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Ader es würde ihm zu schwer gemacht worden sein. Rund heraus, er wäre gescheitert"
„Woran?"
„An feinen Freunden vielleicht, an feinen Feinden gewiß. Und das waren die Junker. Es heißt immer, das Junkertum fei keine Macht mehr die Junker fräßen den Hohenzollern aus der Hand, und die Dynastie züchte sie bloß, um sie für alle Fälle parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang vielleicht auch richtig gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig, es ist heute grundfalsch. Das Junkertum (trotzdem es vorgibt feine Strohdächer zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich flickt), dies Junkertum — und ich bin inmitten aller Loyalität und Devotion doch stolz, dies sagen zu können — hat in dem Kamps dieser Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine andre Partei, die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter ist mir's, als stiegen die seligen Ouitzows wieder aus dem Grabe herauf. Und wenn das geschieht wenn unsre Leute sich auf das besinnen, woraus sie sich seit über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was erleben Cs heißt immer: .unmöglich'. Ah, bah, was ist unmöglich? Nichts ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den 18. März für möglich gehalten, für möglich in diesem echten und rechten Philisternest Berlin! Cs kommt eben alles mal an die Reihe: das darf nicht vergeßen werden. Und die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen? Ader jeder glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter Umständen auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an, unsren


