Wie jung ist dieser Kontinent! Wie relativ ist der Begriff des „historischen"! Und jetzt wurde es Zeit für mich, diesen Kontinent zu verlassen; auf neun Uhr war unsere Abfahrt festgesetzt. Ich fuhr zum Hafen, kaufte den letzten großen Arm voll Obst und die letzte Flafche australischen „Sauternes" als kurzlebiges, aber schönes Andenken.
Langsamer rasselten schon die Dampswinden auf der „Hamm"; die letzten Hundert von 4000 Wolleballen wurden aufgeheißt vom Kai, je vier auf einmal. Aus den Ladeluken kam der strenge und eigentümlich heiße Geruch von roher Wolle. Fast lautlos ging das Stauen der Ballen, weich und elastisch wie Bälle fielen und kollerten sie, gepreßt, in Sacktuch genäht und von schmalen Eisenbändern zusammengehalten
Es ist eine seltsame Stunde, die letzte, bevor ein Schiff den Hafen verläßt. Noch sind die Luken offen, noch wird geladen, aber an Land warten schon die Frauen der Schauerleute. Flutlichter schneiden Lichtkegel aus der Nacht, weiße Anzüge leuchten auf, etwas gespenstisch, weil die dunkel verbrannten Gesichter unsichtbar bleiben Nackte, schweißige Oberkörper glänzen; Heizer gehen über Deck mit klappernden Pantinen, den Zipfel des um den Hals geschlungenen Schweihtuchs zwischen den Zähnen. Leise zischt der hochgespannte Dampf; von Zeit zu Zeit entweicht der Ueberschuß aus dem Sicherheitsventil mit einem tiefen, bärenhaften Brummen. Ein leises Zittern hebt manchmal durch den Schiffsleib, verhaltene Kraft und Spannung. So beben auch die Flanken eines Pferdes, das gesattelt wird. In der Kajüte sitzt der Kapitän mit dem Lotsen zusammen; man hört die beiden Männer lachen in gemütlicher Unterhaltung, die den ganzen Abend dauern könnte, aber da klopft der Erste Offizier an die Tür und meldet, daß der letzte Ballen an Bord ist.
Die Flutlichter erlöschen, die Positionslaternen glühen auf; der Schattenriß des Dampfers hebt sich ab gegen den Nachthimmel. Eine Tröffe nach der anderen wird gelöst, klatscht ins Hafenwasser, wird von den Winden eingerollt. Die Gangway klappt sich an die Schisfsflanke wie die Klinge eines Taschenmessers; die Ladebäume sinken, schwanken über ihren Haltern, fallen mit einem letzten Ruck hinein, und ein Dröhnen geht durch ihr Stahlrohr, wie der zufriedene Seufzer, mit dem ein müder Mann ins Bett steigt.
Der Schlepper gleitet längsseits und nimmt das Tau. Ich beuge mich über die Reling und sehe, da ist schon ein breiter schwarzer Streifen zwischen Kai und Schiff. Losgelöst sind wir, unabänderlich von einem Erdteil losgelöst. Ich habe die Fiasche geöffnet, der starke, herb-süße Wein flieht ins Glas: „Auf dein Wohl, Australien! Und Dank für alle Gastlichkeit, für alle Freundschaft, für das Stück Weltbild, das ich hier empfangen habe!"
Oie Rettung der Kohe.
Erzählung von Friedrich Schnack.
4jer Kleinbauer Perkhammer war ein Sonderling. Viel redete er nicht, (ein zufammengekniffener Mund ließ selten ein Wort heraus.
Da aber jeder Mensch, auch der verschlossenste und graueste Eigen- brödler etwas nötig hat, daran er sein Herz hängen kann, hielt sich Perkhammer einen Hund und eine Katze. Der Hund war weder schön noch rassig: ein struppiger Dorfköter, dessen Blut von Vorväterzeit her nicht ganz sauber war; aber die Katze hätte feto ft vor dem Urteil der Kenner bestehen können: sie hatte ein tiefschwarzes seidenglänzendes Fell, und ihre Gestalt war lang und geschmeidig.
Nun fordert jedoch die Gerechtigkeit, zu erwähnen, daß Perkhammer dem Hund mehr zugetan war, als der Katze. Der Hund "brachte ihm größeren Nutzen — er bewachte Haus und Hof, zog manchmal den kleinen Karren und holte auch dann und wann, sobald ihn die Jagdlust verführte, einen jungen Hasen aus dem Feld. Der Nutzen der Katze war nicht so fühlbar: sie fing eben Mäuse. Das gereichte der Kornkammer zum Vorteil. So wie der Nutzen in seinem Wert sich abstufte, so stufte sich auch Perkharnrners Liebe ab: zuerst der Hund, dann die Katze
Mehr als Perkhammer an den Tieren hing, liebten Hund und Katze einander. Sie waren miteinander ausgewachsen, unzertrennliche Freunde. Wo der Hund sich aufhielt, weilte auch die Katze, und hatte sich eines von beiden einmal auf eigene Wege gemacht, suchte ihn das andere.
Sie kannten allerlei Spähe und Vergnügungen. Zwar waren sie nicht sonderlich erfindungsreich, doch wurden sie ihrer alten Scherze niemals überdrüssig. Da gab es einen Rest Gummiball, den der Hund heirn- geschl.eppt hatte. Er ließ sich hin- und herzerren, und packte man ihn mit Katzen- und Hundepfoten, dehnte er sich und schnappte weg, wie lebendig, was wiederum mit der Hasenpfote aus der Küche nicht möglich war. Doch roch sie nach Wild und Blut. Gummi und Hasenpfote wanderten im ganzen Haus umher; sie wurden durch Stube und Küche geschleift, durch den Hausgang geschleudert, die Bodenstiege hinauf, auf dem Dachboden hergesegt und die Stufen mit Krach wieder hinunter — überallhin. Bald war in diesem fröhlichen Wettstreit und Pfotenspiel die Katze Siegerin, indem sie die Beute auf die Seite riß, verfolgt von ihrem Freund, der nicht leer ausgehen mochte — bald gewann der Hund bei der Katzbalgerei, wobei er, von der blitzschnellen Freundin bedrängt, im Uebermut Gummi oder Hafenpfote in die Luft schleuderte und wieder aufschnappte: er war ebenso schnurrig wie gewitzt, und sie nicht weniger schlau und flink. Selten, daß einmal das Spiel in Ernst Umschlag — und dann gefchah es gleichsam aus Versehen.
War der Bauer daheim, hielt sich das Vergnügen in Grenzen. Ihr Herr duldete nicht, daß die beiden das Haus sozusagen umkehrten, es sah überdies kunterbunt genug darin aus. Trieben sie es Zedoch einmal ärger, als ihrem Herrn angenehm, bekam der Hund eine hinter die Ohren, er war eben der Verständigere, und so war der Nachteil auf seiner Seite. Sobald der Bauer aus dem Haus war, ging es los. Die beiden Tiere rasten in Stube und Küche umher, tollten, bellten, raunzten.
knurrten, kratzten und schabten, balgten sich um Gummi und Hasenpfote, und trieben einen solchen Unfug, daß oft die Stühle, von ihren Sprüngen umgeworfen, dagelegen, wenn ihr Herr heimkam
Eines Tages hatten sie es ganz toll getrieben. Die Katze, verfolgt von ihrem Gefährten, war in die Küche entwischt und auf die Küchenanrichte gesprungen. Aber o weh! Sie war in einen Satz von Tellern hineingefegt, von denen ein paar auf die Steinfliefen hinunter knallten, und darüber erschrocken, hatte sie auch noch den irdenen Milchtopf auf den Boden gefegt. Alles in Scherben. Der Hund, der schon an der Anrichte emporspringen wollte, zuckte bei dem Lärm zusammen und stand starr wie ein begossener Pudel Ihm war nicht geheuer. Er hatte eine dunkle Erinnerung an irgendeine Schüssel, die vor langer Zeit entzwei gegangen war, und damals hatte es Prügel gesetzt. Sein Spieleifer war gedämpft, und als bald darauf fein Herr ins Haus trat, lief er ihm mit einem schlechten Gewissen entgegen: er duckte sich, wie wenn er sich unansehnlich machen wollte
Dem Bauern stieg sogleich ein Verdacht auf: mißtrauisch sah er auf seinen Hund, und als er in die Küche kam, gewahrte er die Bescherung. Er geriet in Zorn. Der Hund, nichts Gutes ahnend, hatte sich blitzschnell hinausgedrückt hinter die Bodenstiege, und die Katze saß spinnend auf dem Fensterbrett.
Der schöne Milchtopfl Zwei Teller außerdem zerbrochen. Was für ein Schaden. Er hätte am liebsten .. Nein! Die Wut hinunterschluckend fällte er das Urteil. Er schlurfte in den Schuppen, einen kleinen Sack holend. Es kann nun nicht verschwiegen werden, daß Perkhammer in diesem Augenblick für andere kein gutes Beispiel in der Tierliebe abgegeben hätte. Die Tiere hatten ihm Schaden verursacht, und also hatte sich auch, im ersten Zorn, seine Liebe zu ihnen abgekühlt. Es war nur gut, daß niemand zugegen war, außer dem Hund. Hier würde niemand etwas Gutes gelernt haben
Der Hund hinter der Bodenstiege steckte die Schnauze vor, zog die Lust ein und beobachtete scharf das Tun seines Herrn. Der kam mit dem Sack in die Küche, wo die Katze saß. Der Hund sah nicht, was sich da abspielte, der Rücken des Bauern verdeckte die Aussicht. Eins, zwei, drei: da war das Schlimme auch schon geschehn. Der Bauer hatte die Katze gepackt und in den Sack gesteckt. Das Tier wußte nicht wie ihm geschah. Es wälzte sich im Sack und kratzte am Stoss, aber das hals nun alles nichts, der Bauer hatte den Sack zugebunden, was etwa hieß: Lebwohl du Katzenwelt, ade du Mäuseerde!
Der Hund jedoch war gar nicht so dumm, als er die Katze nicht mehr am Fenster bemerkte, und sah, wie sich der Sack in der Hand seines Herrn bewegte, wie sich darin etwas herumwälzte und ungebärdig und verzweifelt herauswollte. Mit einem Schlag begriff er, daß da etwas Furchtbares geschehn sollte. Die innerlichste Natur meldete Gefahr. Seine Nasenlöcher sogen mit der Luft eine schreckliche Witterung ein. Er senkte, wie geprügelt, die struppige Schnauze. Dann trottete er hinaus in den Hof, wo er sich hinter der Karre verkroch.
Der Bauer schloß die Tür und ging mit dem Sack fort. Aber ehe er noch hinter dem Buschwerk verschwand, wo der Pfad hinunterlief zum Fluß, kam der Hund hinter dem Karren vor und folgte langsam mit kläglich eingezogenem Schwanzstummel. Der Bauer war an den Fluß gekommen. In großem Bogen schleuderte er das Bündel hinaus ins Wasser. Dann ging er rasch fort und verschwand hinter dem Weiden- gebüsch auf dem Weg zum Dors.
Der Hund hatte alles mit angesehn. Er hatte sich auf die Hinterbeine gesetzt und den Kopf schräg hochgerissen, Angst in den Augen und mit schärfster Anspannung seiner Jagdsinne. Dann schnellte er vor, mit einem Satz, unbemerkt von ■ seinem Herrn, sprang er in den Fluß. Keuchend und mit ganzer Kraft schwamm er auf das braune Bündel zu, das sich mit heftigen Stößen, schon halb versunken bewegte. Näher und näher. Dieser Hund! Dieser struppige Dorfköter! Man darf sich vorstellen, wie feine dumpfe Tierseele aufglühte und feinen Muskeln Ausdauer und Kraft verlieh. Er riß die Schnauze auf, feine weißen Zähne blitzten, fein Atem dampfte, und erwischte den Sack. Ihn aus dem Wasser zerren, festhalten und mit zurückgerecktem Kopf sich umwenden, geschah in einem Augenblick. Rasch zum User! Hier zerbiß er das Geweöe und mit den starken Pfoten nachhelfend, erweiterte er die Deffnung. Endlich konnte er die schwer mitgenommene Freundin aus ihrer fürchterlichen Lage befreien. Sie begann sogleich damit, sich zu putzen und zu lecken, der Hund half mit, er leckte und bügelte mit der Zunge den klatschnassen Rücken. Dann liefen sie miteinander heim.Am Spätnachmittag kam der Bauer zurück. Sein Hund lag im Hof auf einem Hausen Stroh und die Katze dicht bei ihm. Der Hund hatte sich um die Freundin herumgebogen und wärmte ihr das Fell. Der Bauer riß die Augen auf, und mit den äußeren zugleich die inneren. Er konnte einen Blick tun tief, tief ins Geben, das weiterreichte als das feine. Das war wahrhaft feine Katze. Er schüttelte den grausträhnigen Kopf und schsurfte in die Küche. Hier stellte er sich an das Fenster und blickte zu seinem Hund. Der lag und rührte sich nicht. Es ist doch bloß ein Hund ... dachte er, und in seiner Miene flimmerte ein Licht, wie wenn ihm ein geheimnisvoller Blitz in die Seele geschlagen hätte. Ein fremdartiges Gefühl befiel ihn. Das war ihm unangenehm. Er eilte auch gleich darauf in die Scheuer, wo er etwas zu tun fand. Aber die Katze wurde nicht ein zweites Mal in den Sack gesteckt.
August-Inserat.
Von Theodor Storm.
Die verehrlichen Jungen, welche Heuer Meine Aepfel und Birnen zu stehlen gedenken, Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Womöglich insoweit sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten Mir die Wurzeln und Erbfen nicht zertreten.
V-^i»rwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.


