<5inkehr.
Don Ludwig Uhland.
Bei einem Wirte wundermild. Da war ich jüngst zu Gaste; Ein goldner Apfel war fein Schild An einem langen Aste.
Es war der gute Apfelbaum, Bei dem ich eingekehret;
Mit süßer Kost und frischem Schaum
Hat er mich wohl genähret.
Es kamen in sein grünes Haus
Viel leichtbeschwingte Gäste;
Sie sprangen frei und hielten Schmaus Und sangen auf das beste.
Ich fand ein Bett zu süßer Ruh'
Aus weichen, grünen Matten;
Der Wirt, er deckte selbst mich zu Mit seinem kühlen Schatten.
Nun fragt ich nach der Schuldigkeit, Da schüttelt er den Wipfel.
Gesegnet sei er allezeit
Bon der Wurzel bis zum Gipfell
Abschied vom neuen Kontinent.
Ein Reisebericht von Heinrich Hauser.
Heute nacht fuhr ich von Perth nacb Freemantle. Auf dieser Durchquerung von dreißig Kilometer menschlicher Wohnstätten sah ich etwas, was für uns erstaunlich ist: die Einwohner schliefen im Freien. Die Bungalow-Veranden waren mit Leinwand verhängt; Licht schimmerte hindurch, und überall, wo ein Spalt offenstand, sah man Betten und Schläfer. So schlafen jetzt im Hochsommer wohl die meisten Australier.
Cs ist heiß, sogar sehr heiß zwischen elf und fünf Uhr; man merkt das, wenn man nach einem kleinen Marsch schweißüberströmt ist. Aber das ist das Sonderbare und das Herrliche an dem Klima hier: die Hitze ermattet nicht; vielleicht kommt das von der Trockenheit der Luft. Kopfschüttelnd über soviel Nachlässigkeit hatte ich bisher die stählernen Leitungsmasten angesehen, weil fie ohne jeden Rostschutz, ohne Farbe dastanden, bis mir ein Telegraphenarbeiter erklärte, daß das hier nicht nötig sei. Der Stahl roste so wenig, daß die Masten zwanzig Jahre und länger halten.
Am Spätnachmittag setzt beinahe regelmäßig ein starker, kühler Seewind ein; man nennt ihn hier den „Doktor-Wind". Er macht die Abende angenehm und verhilft Freemantle und Perth zu ihrem Ruf, die gesundesten Städte der Welt zu sein, wo es Epidemien fast gar nicht gibt. Die Abendkühle bewirkt, daß die Städte, auch die kleinen, bis Mitternacht voller Leben sind; viele Menschen sind auf den Sttaßen, viele Cafes und sogar Läden sind offen. Um Mitternacht kaufte ich mir die frischen Feigen und die prächtigen Nectarinen zum Frühstück.
Ich hätte auch noch ein spätes Abendbrot bekommen können, etwa einen Salat von den unglaublich großen Hummern, die aufreizend rot in den Schaufenstern liegen, für einen Schilling oder nicht viel mehr.
Am Tage hatte ich einen Ausflug gemacht, der mich seckzig Kilometer aus Perth hinaus nach dem „Wunderland des Westens' führte, dem Yanchep Park Meilen und Meilen von brennenden Waldern glitten an uns vorbei. Nicht wie ein Waldbrand bei uns, ein Meer von Rauch und Flammen mit einem Aufgebot von Feuerwehr ringsum — nein: diese lockeren, parkartigen Wälder mit ihren Gummibäumen (eine Art, die kein wertvolles Gummi liefert) und ihrem Gestrüpp brennen anders. Das Feuer, das man aus trockenem Buschwerk um die dicken Stamme entzündet, zehrt ganz langsam; es flackeri und schwelt tagelang, wochen- lana, vielleicht monatelang. Ein langsamer Vernichtungsprozeß, der E ' 'nfterwälder zurückläßt; viele Stämme gestürzt, andere noch auf- re.- aber schwär, verkohlt mit kahlem Gezweig. Stockt die Rodungsarbeit in diesem S^dium (was oft geschieht), so ist es rührend zu sehen, wie die mächtigen Bäume, oft nur noch mit ein paar Fasern an ihren Wuseln hängend, von neuem zu treiben versuchen.
5-n diese Wälder eingeschnitten liegen zu beiden Seiten der Straße Weingärten. Die Reben werden nicht am Hang, sondern auf flachem Grund spalierartig aezogen. Der Boden ist Sand; es war er taunlid) zu sehen, wie der Wein daraus gedieh. Die Sonne tut das Beste in diesem Land. Hühnerfarmen sahen wir viele, und überall, wo Seen oder Sümpfe mit grünen Ufern durch die Wälder schimmerten, weidete Vieh. Eine Autokarte von ganz Australien, die ich mir beschaffte, zeigt fo viele und so große Seen, wie ich mir nicht hatte träumen lassen.
Panchep Park ist ein Naturschutzgebiet. Die Urlandschaft ist in ein Netz von Autostraßen und hübschen Wanderwegen eingefaßt; sie enthalt Seen. Dutzende von gewundenen kleinen Wasserläufen. Inselchen, Felsschluchten und große natürliche Felshöhlen. Um das Naturwunder von Felshöhlen mit Stalaktiten in künstlichen Lichteffekten zu sehen, brauchen wir nicht nach Australien zu fahren. Sie dienen hier dem Fremdenverkehr genau wie bei uns, mit der Steigerung, daß >n einer Hohle sogar ein Kabarett zu finden ist. „ .. -
Viel interessanter war mir das Tierleben, vor allem die zahllo en fast zahmen Wildvögel. Vor einem der drei hübschen kleinen Hotels grafte ein Känguruh, auf der Veranda eines zweiten watAelten große weiße Kakadus mit gelben Schöpfen durstig von einem Bieralas z andern. Auf der Anfahrt des dritten nahmen Wildenten em Staubbad,
fo daß die Autos im Vogen um sie herumfahren mußten. Außer Hotels, Tennisplätzen und Freibädern gibt es Wochenendhäuschen, die man mieten kann: ausrangierte Straßenbahnwagen. Natürlich sind sie von Veranden umgeben, und manchmal hat man zwei nebeneinander gesetzt mit einem gemeinsamen Dach: der Raum zwischen ihnen ist dann die Garage.
Der Raum des Naturschutzgebiets ist aber so groß (für einen Fußgänger ganz unerschöpflich), daß die menschliche Aktivität sich angenehm in der Natur verliert.
Eine australische „Charakterpflanze", in diesem Park und überall, ist der „Blackboy" — von Farmern gehaßt, von Hausfrauen hochgeschätzt, ein seltsames und trügerisches Gewächs. Es sieht aus wie eine Palme, ist aber keine. Aus einem palmenartigen Strunk, der oft kaum aus dem Boden schaut und oft drei oder vier Meter hoch wird, schießt ein großes Grasbüschel. Die Halme sind so trocken, daß sie zwischen den Fingern brechen wie dünnes Glas. Mitten aus dem Büschel ragt ein meterhoher Blütenstengel, ähnlich unserer Königskerze. Der „Blackboy" wuchert massenhaft im Unterholz und deckt auch riesige Flächen, wo der Boden fo arm und trocken ist, daß nichts anderes sonst wachsen will. Der Farmer zieht die Strünke mit Pferden oder mit dem Trecker aus dem Boden, aber immer neue wachsen nach. Der röhrenartige Strunk ist so weich und so spröde, daß er unter einem Fußtritt zerspringt, aber er ist so harzreich, daß die Hausfrauen ihn zur Feuerung gut brauchen können.
Menschen waren genug im Park, aber ich war der einzige, der zu Fuß herumspazierte. Die anderen fuhren auch die hundert Meier vom Hotel zum Strand im Auto. Es wächst eine Generation heran, die rapide den Gebrauch ihrer Beine verlernt. Ich war ja leider nicht im „Innern", aber so weit ich kam aus dem Murray oder sonstwo: ich brauchte nur stillzustehen und zu lauschen, um irgendwo in der Ferne das Pochen eines Motors zu hören. Der Motor erschließt Neuland; der Mensch folgt nur nach — in einer Wolke von Auspuffgas.
Ich vergaß von Perth zu erzählen, der Stadt Perch. Der gedruckte Führer, den der freundliche Mann im staatlichen „Tourist Bureau‘r mitgab, fagt freimütig, daß in der Anlage der Stadt, 1825, Fehler begangen worden feien. Das ist wahr, die City hat weder die Weite von Adelaide noch die imponierend amerifanifdje „Skyline1* von Melbourne. Sie ist nicht schön mit ihren verhältnismäßig engen Sttaßen, ihren rasselnden Trambahnen, chrer regellosen Bebauung im Stil der neunziger Jahr«. Ich wurde an englifche Provinzstädte erinnert, mehr als anderswo in Australien, auch an manche mitteldeutsche Industriestädte, in der unschönen Uebergangsperiode, da eine Mittelstadt sich zur Großstadt häutet.
In einem Punkt aber haben die Väter der Stadt keinen Fehler begangen: sie haben die schönste Lage ausgewählt, die man sich denken kann. Zwölf Meilen von der Küste hat der Swan-Fluß zwischen waldgrünen Hügeln eine Seenkette gebildet. Auf flachen Landzungen, die weit in die Seen reichen, und an den Uferhängen dehnt sich das größere Perth mit seinen Vorstädten, überaus weitläufig mit viel Fährverkehr von Ufer zu Ufer, der Alstergegend von Hamburg nicht ganz unähnlich. Die Üfer der Seen und vor allem der Strand am Meer sind mit dem schönsten weißen Sand gesegnet. Die Bademöglichkeiten sind einfach unbegrenzt; merkwürdiger- und glücklicherweise sind Haie sehr selten an diesen Küste, natürlich gibt es auch haisichere Badeanstalten.
Auf den Höhen der Stadt entlangwandernd, etwa in dem weitgedehnten Kingspark, hat man ein Panorama, das sich fast mit dem von Rio de Janeiro messen kann. *
Ich ging in den Zoo, um all die australischen Tiere zu sehen, die ich leider nicht in Freiheit beobachten konnte Känguruhs gibt es dort in ganzen Herden, und von vielen Arten. Ich hatte sie bet uns zu Hause nicht so „unbefangen" gesehen; kein Wunder, hier sind sie zu Hause. Faul lagen sie in den Sand gestreckt, die langen Beine elegant gebebnt oder Übereinandergeschlagen, den zarten Hals etwas erhoben, das Näschen schnüffelte und die komisch kurzen Vorderbeine ließen vornehm, die Krallen herunterhängen. Ich kann mir nicht helfen, ich wurde an einen furchtbar seinen Badestrand voller Badeschönheiten erinnert; die Breit- büftigteit des Geschöpfs trug zu dem Eindruck bet und die Wonne des Sonnenbades war jedenfalls dieselbe, auch das Spielen mit den eigenen Fingernägeln. Dann kamen sie träge angehoppelt, eigentümlich schlangen-, haft in der Bewegung, der Rumpf geformt wie eine Sektflasche mit dem Schwerpunkt ganz im Achterviertel. Sie richteten sich auf. ganz menschlich. steckten ihre Köpfe durchs Gitter, ließen sich (raufen und griffen mit ihren kleinen Pfoten nach meinen Händen. Sie waren reizend sie bettelten um Erdnüsse, genau wie Hunde mit dem Schwanz wedelnd, und doch sand ich nicht die Zuneigung, die Sympathie in mir, die wir fonst zu einem freundlichen Tiergeschöpf empfinden. Der lange Eidechlen- fchwanz, das Fremdartige der gleitend-sprunghaften Bewegung — das ganze Tier gehört einer anderen Erdperiode an Es steht uns fern, fern wie die Saurier, und etwas wie ein vererbtes Grauen stößt uns ab von der Tierwelt jener Zeit.
Aehnlich ging es mir mit dem „Wombat", dem maulwurfsplumpen australischen Bären und mit dem Emu, diesem gewaltigen Vogel ohne Flug, der sehr aufgeregt vor der Kamera auf und ab stolzierte mit unwirschen tiefen Baßlauten in der Kehle. Dagegen ist der Koala, dieser lebende Teddybär, etwas so Entzückendes im Ausdruck und in seiner Siebe zu seinen Jungen, daß sich das mit Worten gar nicht beschreiben läßt Kauft eine Photographie von ihm, oder, wie ich es tat, winzige Koala-Puppen aus Känguruhfell, die man als Wärmer über die Frühstückseier stülpt. *
Ich kaufte eine Abendzeitung und fand darin ein Bild und einen Artikel von einem achtzigjährigen Haus, das abgerissen werden sollte. Es schien ein Ereignis; das Für und Wider wurde erörtert, als handele es sich um eine historische Windmühle ober um eine alte Burg bei uns.


