Wäre ich meinem ersten Antrieb gefolgt, so hatte vielleicht das Unheil das bereits über uns allen hing, abgewendet werden können Ich hatte , ihn aus dem Kloster Santa Engracia entfernt, ehe er lener^Sesessenhett verfiel, die uns das Verderben bringen sollte.
Aber ich glaubte, Zeit zu haben, es war mir nicht befchieden, sie zu finden, und so sollte sich denn wieder an uns selbst Miguels Weisheit bewähren, daß die Zeit unser Schicksal ist. .
Die Familie Goicoechea war mir eng befreundet meinen Jugendtagen in Zaragossa. Zu dem Bund zwischen mir und Miguel hatte ich damals als Dritter Zapater gesellt, durch ihn war als Vierter Martino Goicoechea hinzugekommen. Wir hatten I°ne verwegene Bande geb det die auf Abenteuer ausging und anderen ähnlichen Rotten nächtliche Straßenschlachten lieferte, von denen eine [o blutig ausging. Damals war ich auch in die Familie Goicoechea emgefuhrt worden, und sie war später in ein noch näheres Verhältnis zu mir getreten indem mein Sohn Francesco Javier eine der Töchter meines alten Freundes zur b^°Das°Haus, in dem ich Wohnung suchte, lag nahe dem Ufer des Ebro. Auf der Umfassungsmauer des Gartens sah ein Türmchen, von dem man den Fluh und die jenseits gelegene Dorstadt Arrabel überblickte und die Batterien sehen konnte, die der Feind drüben gegen dieStadt auf- gesührt hatte. Ich versorgte zunächst mein Pferd. Im Hof trieb sich ein halbes Dutzend von fremden Dienern herum, denen ich es übergab und deren Einwendungen, daß im Stalle kein Raum mehr sei, ich erst ent- frÖ 2Us ich" das Haus betrat, merkte ich sogleich, daß es ebenso überfüllt war wie der Stall. Es wimmelte von Menschen, die ganze weitlausige Verwandtschaft der Goicoecheas, die in der Umgebung Zaragosfas ansässig war, hatte sich vor den Franzosen in die Stadt gefluchtet und hier zusammengedrängt. Ich konnte gerade zur Rot noch em Unterkommen fintiert, aber es war keine Rede davon, für noch einen Menschen, und I gar einen Verwundeten, Platz zu schassen. .
Im übrigen war die Aufnahme, die mir bereitet wurde, keineswegs besonders freundlich. Meine Schwiegertochter war noch vor Beginn der Belagerung nach Zaragossa gekommen um die Zeit, bie mein Sohn geschäftehalber in Cadiz weilte, bei ihrer Familie zuzubnngen S e gehörte, wie Francesco felbst, zur Partei Bayeus, und o hatte sie die ganze Mißstimmung gegen mich hieher verpflanzt und alle bamit ange- ftetft Mein alter Freund Martino war, obwohl im gleichen After rote ich ein müder Greis geworden und sah mit glanzlosen Augen und schiafsen Gliedern in einem Lehnstuhl am Fenster. Die Herrschaft im Haus hatten die Frauen an sich gerissen, und sie waren alle darin einig, daß ich ein schlechter Gatte und verworfener Mensch sei Etwa zehn oder zwölf Weiber jeden Afters saßen an einem langen Tftch und hatten Körbe mit Patronenhülsen vor sich stehen, die sie mit Vnlver füllten. Die dazugehörigen Männer trugen die Kugeln herbei, die sie draußen in der Küche gegossen hatten und paßten sie den Hülsen auf. Das lebhafte Geplauder, in dem sie miteinander bei meinem Eintritt begriffen gewesen waren, verstummte, als sie meiner ansichtig wurden, und wie auf Verabredung taten alle miteinander nach notdürftiger Begrüßung und einigen knappen Fragen nach dem Aniah meiner Anwesenheit in Zara- gossa und dem Wunsch, der mich in dieses Haus geführt hatte, als wäre ich nicht vorhanden. Gewiß hätten die Männer nicht ungern mehr erfahren und sich mir freundschaftlich genähert, aber die strengen Blicke ihrer Weibsleute befahlen ihnen, sich zurückzuhatten und mir ihre Nichtachtung zu bezeigen. , „ ...
Ich mußte für mich selbst sorgen und fand, nachdem ich das ganze Haus durchttöbert hatte, in einer abgelegenen, dunkeln Kammer wo offenbar schon zwei andere schliefen, noch einen Platz auf vem Fußboden Mit Hilfe meines Mantelfackes richtete ich mich so wohnlich ein, als es gehen wollte, holte mir mit dem Recht des Krieges aus der wohl- bestellten Speisekammer einen geräucherten Schinken, einige ®urfte unö Brot und hielt zunächst eine reichliche Mahlzeit. Die Leute, die vom Land hereingekommen waren, hatten große Vorräte an Lebensrnitteln mit= gebracht, und so war der allgemeine Mangel in diesem Haus noch nicht fühlbar geworden. Unter den obwaltenden Umständen in dem ungastlichen Quartier länger zu verweilen als bis ich gesättigt war, hielt ich nicht für nötig Aber eben im Begriff, das Haus zu verlassen, um nach dem Kloster Santa Engracia zu gehen, horte ich aufgeregtes tohrn- menqetDirr unb freubige Nufe aus bem Zimmer, wo alle beim Patronen- machen beisammen waren. .
Neugierig trat ich ein und sah, daß es Saniago Sas war, dem die frohe Erregung galt. , v ,
Die Art, wie der Mönch begrüßt wurde, zeigte mir, daß man ihm eine schwärmerische Verehrung entgegenbrachte Er war hier geistlicher Berater Freund des Hauses und Freiheitsheld in einem Er wurde umdrängt, gefeiert und bewirtet. Leutselig und aufgeräumt ging er um den Tisch unb lobte die fleißiaen Arbeiterinnen, klopfte die Rücken der Weiber und ließ sich die Kugeln zeigen, die von den Männern gegoßen
Nun lag Fuentes mit durchschossenem Bem im Lazarett, und das heitere Zaragossa war von zum Aeußersten entschlossenen Menschen erfüllt, seine Häuser waren von den Geschossen der Franzosen arg mitgenommen, Schutt lag in seinen Straßen, es war von einem Wall von Feuer umgeben und von einem Feind bedroht, der hier innen Hunger und Krankheit zum Bundesgenossen hatte, und der niemand verschonen wurde, wenn er die Stadt in die Gewalt bekam. „. ,
Das Haus der Familie Goicoechea stand nahe der Kirche Nuestra Sennora del Pilar, durch die ganze Breite der Stadt vom Kloster San Engracia getrennt. Am liebsten wäre ich gleich zu Miguel gelaufen, aber bie9Entfernung war zu groß, und so sehr ich darauf branntc, sogleich nach meinem Freunde zu sehen, so glaubte ich doch, Zunächst mein Pferd und mich unterbringen und uns einigermaßen .einrichten zu mussem Ueberbies wollte ich mich auch ertunbigen, ob nicht Fuentes aus bem Lazarett in das Haus meiner Freunde verbracht werden konnte. Es wäre mir ein Glück gewesen, ihn in meiner Nähe zu haben und an seiner Pflege
,^Ach" Exzellenza", rief mir Saniago nach, „wollen Sie uns Der- ^Jch^entgegnete ein wenig scharf, daß ich meinen Freund Fuentes im Lazarett besuchen wollte. ~ . ... , , .
, Bleiben Sie nur", sagte der Mönch, „Ihr Freund ist gut aufgeho- bem Er kann gar nicht besser aufgehoben sein."
Es waren dieselben Worte, die ich von der Pastrana gehört hatte, und ich muß gestehen, daß mir bei ihrer Wiederholung durch den Mönch ein leiser Schauer durch die Seele lief. „
„Immerhin", erwiderte ich, „er wird sich freuen, mich zu sehen.
Saniago Sas schaute mich mit seinen kleinen Augen an, denen die Blicke wie winzige, spitzblitzende, zielsichere Pfeile entflogen i „Sie wissen wohl nicht, daß ein strenger Beseh! ergangen ist: die Mannschaften bur- fen ihre Quartiere nicht verlassen?" . .
Nun hätte ich ja wohl entgegnen können, daß ich ein freiwilliger Kämpfer war. Ich gehörte wohl nicht gerade zu den Offizieren, aber„ich rechnete mich auch nicht zu den gemeinen Soldaten und glaubte mid) nicht an das gebunden, was diese band. Das alles hatte ich sagen ton nen aber ich wollte mich nicht in eine Auselnandechtzung mit dem Mönch einlassen, vor all diesen Leuten, die schon aufs äußerste zu mißbilligen schienen, daß ich ihm zu widersprechen gewagt hatte. Es kam vielleicht auch noch hinzu, daß er darum wußte, wie meine Te>nähme an dem Freiheitskampf zustande gekommen war. All dies hielt mich zurück unb erzwang ihm meinen unwilligen Gehorsam.
Ich konnte ja auch ganz gut warten, bis er sich entfernte und dann immer noch tun, was in meinem Belieben stand , .
Saniago Sas beendete ruhig feine Mahlzeit, stand bann auf und ^^„Betteben^Exzellenza auch nicht zu vergeßen", sagte er, ,chaß Si« das Sakrament genommen haben " . lllh>
Nun wohl, ich hatte das Sakrament genommen, aber ich glaubte, mich auch ganz brav gehalten zu haben.
Saniago fchüttelte den Kopf. ,Lch habe es ganz deutlich gesehen daß Sie immer in die Luft geschossen haben. So werden Sie fernen Fran- zosen erlegen und Ihr Gelübde nicht losen."
Ich stand starr. Welche Verwegenheit, zu behaupten, daß ich nicht ehrlich gekämpft hatte. Am liebsten hätte ich ihm meine Antwort mit ber Faust gegeben. Aber war ich nicht im Grunde em Gefangener der Inquisition nur an langer Seine freigelassen, um zu kämpfen unb immer wieder durch einen Ruck daran erinnert, rote es um mich ItanOf Trotzdem wollte ich meiner Entrüstung Luft machen, ober Saniago ließ mir nicht Zeit zur Erwiderung. Er nickte mir zu und schickte sich an zu gehen Von allen Anwesenden begleitet, verließ er bas Haus. Ich beugte mich aus bem Fenster und sah den Haufen unten vor bem Haustor Heben die Leute erdrückten den Mönch fast mit ihrer Begeisterung, sie wollten alle feinen Segen haben, sie küßten die Aermel unb den Saum feiner Kutte und warfen sich vor ihm auf die Knie
Plötzlich sah ich einen Menschen die Straße hinablaufen. Es war em Hornist Gerade vor Goicoecheas Haus blieb er stehen und schmetterte ein gellendes Alarmsignal Dann rannte er weiter.
Saniago hob den Kopf und erblickte mich am Senjter
Sehen Sie, Excellenza", rief er mit einem schiefen Lächeln, „rote gut "es ist, daß Sie geblieben sind. Kommen Sie rasch!"
Ich nahm meine Waffen unb begab mich nach dem Sammelplatz unserer Truppe auf der Plaza de San Pedro Nolasco. Es schien ein gewaltiger französischer Angriff in Gang gekommen zu fein. Du Pf donnerten die Geschütze rings um die Stadt, in das Knattern des Klein gewehrs platzten die dicken runden Stoße der Bomben. Die Luft bebte über unseren Köpfen.
Truppen zogen vorbei und riefen uns zu. Die Aufregung des Kampfes erfaßte auch mich und wühlte mein Blut auf
Wir wurden aus dem Portillotor geführt und in das Schloß A ig- feria geworfen, um es gegen die Franzosen zu hatten, die es heftig
wurden „Brav, brav ... und vergeßt nur nicht über jede neue Schmelze sieben Vaterunser zu beten, damit jede Kugel einen Franzosen trifft.
Einige Weiber liefen fort, um dem hochgeehrten Gast etwas zu Essen zu holen. Sie deckten chm rasch ein kleines Tischchen und wahrender es sich schmecken ließ, standen seine Bewunderer em ihn und verfolgten jede seiner Bewegungen, sein Kauen unb Schmatzen wie eine heilige Handlung. Nachdem ich das eine Weile mit angesehen und mich über die Veränderung gewundert hatte, die mit der Weiberherrschaft über das sonst so freisinnige und mönchsfeindttche Haus gekommen war, wollte
bestürmten. *
Das Schloß Aljaferia stammte aus ber maurischen Zeit. Ein viereckiger fester Bau mit vier kleinen Türmen, geschützt durch einen eyr breiten unb tiefen Graben, lag es als starkes Bollwerk vor beii Stal» und war mit bem Portillotor unb dem Sanchotor durch SaufgraDen verbunden. Sein Erbauer, der Scheich Abu Dschafar Achmed, hatte es aufs prächtigste geschmückt, es war dann spater Schloß der Könige vo Aragonien gewesen und bann Palast der Inquisition, nun lagen Soldaten in den märchenschönen Räumen, unb bie Geschosse ber Franzosen nim inerten sich wenig um die Kostbarkeiten, bie sie zerstörten
Ich hatte meine Strohschütte im ©ran Salon, unb es blieb mir 4« genug, mir die Azulejosmuster des Fußbodens, die Verzierungen maurischen Galerie unb die Hol.zdecken mit den geschnitzten „Rosetten, von deren jeder ein Pinienapfel herabhing, fo genau einzupragen, mb ich noch heute jede Einzelheit zeichnen konnte.
Wir lagen vierzehn Tage in diesem Schloß. in
Gleich am zweiten Tag hotten bie Franzosen die ^ufgroben tn unserem Rücken genommen und uns von ber S adt abgeschnitten. ro bekamen weder Mundvorrat noch Munition noch irgendeine Nacyrnp aus ber Stadt, wir waren auf uns selbst angewiesen.
(Fortsetzung folgt.)


