Jahrgang 1937
Montag, den 9. August
Nummer 6(
zur Geltung zu Begrüßung, und Calle del Coso schreienden und
bei
Ich die
An Stelle meines Freundes nahm Saniago Sas die den Dank des Oberkommandanten entgegen.
und gestoßen, ein Dutzend Soldaten vom Regiment Ferdinand der Siebente folgte rasselnd und klirrend.
- . ei,n armseliger, schlotternder Mensch, der als Angeklagter vor seine Richter hingedrängt wurde. Die Knochen standen ihm aus dem Leib der Schädel war von pergamentfarbener Haut überzogen, und die Haare schienen ihm ausgefallen zu sein, sie standen nur in einzelnen Büscheln zwischen den grindigen Krusten, mit denen sein Kopf bedeckt war Schon letzt mehr tot als lebendig machte er den Eindruck eines Schwerkranken Em baumlanger bärenstarker Riese von Mensch hatte ihn beim Kragen gepackt, und es war wohl dieser Griff, der ihn ausrechthielt und vor dem Zusammenbrechen bewahrte.
„Enrique Aarza", begann der alte Dominikanermönch mit einer bunnen, zitternden Greisenstimme: „Du bist angeklagt, ein Feind des Vaterlanbes zu fein, ein Verräter Spaniens. Du hast zu mehreren Personen geäußert, daß es unnütze Grausamkeit sei, so viele Menschen hinzu- opfern, du hast dich darüber beklagt, daß die Lebensmittel knapp zu werden daß die Krankheiten um sich zu greifen beginnen. Du hast schließlich versucht, aus die Stadt, die du verteidigen sollst, zu entweichen Du hattest gewarnt sein können durch das Schicksal jener, die schon vor - r, a:[s_5einbe des Vaterlandes verurteilt werden mußten. Du hast ver- IW' Furcht und Zweifel auszustreuen in die Herzen dieses tapferen Volkes. Rechtfertige dich, Enrique Parzal"
Der Angeklagte antwortete so leise, daß ich nicht vernehmen konnte, was er sagte. Aber das Volk hörte es und brüllte vor Empörung auf.
Roch einige Male ging Frage und Antwort hin und wider.
«> Arhör war nur kurz, Zeugen wurden nicht vernommen, das ganze Volk legte Zeugnis gegen den Angeklagten ab. Die geistlichen Richter neigten ihre Kopfe zu kurzer Beratung zusammen, dann stand der greife Vorsitzende auf und faltete die Hände über der Brust
„Enrique Uarza", sagte er, „das geistliche Gericht, berufen durch den Willen unseres rechtmäßigen Königs Ferdinand des Siebenten und des Volkes von Zaragossa hat dich als Feind des Vaterlandes schuldig befunden des Todes. Wir übergeben dich der weltlichen Gerechtigkeit."
Ungeheuerliches Johlen des Volkes spendete Beifall und erstickte einen einzelnen gellenden Schrei unweit von mir. Ich sah vom Rücken meines Pferdes, daß eme Frau zusammengebrochen war. Während um sie ein kurzes Wühlen in der gedrängten Masse entstand, erhoben sich die Mönche und der Zug schwarzweißer Kutten verließ langsam das Gerüst.
Schnell war Dio Jorge vor den Verurteilten getreten und brach das weiße Stäbchen über seinem Haupte. Da geschah etwas Unerwartetes Der schwächliche, schlotternde Mensch dort oben riß sich aus dem Griff des Riesen, sprang an den Rand der Bühne und schrie in Wut und Angst und Verzweiflung: „Meine Kinder ... Hunger ... ich habe .. "
Er kam nicht weiter. Blitzschnell hatte ihm der baumlange Kerl einen Sack über den Kopf gestülpt und ihn zu Boden gestoßen. Während zwei andere die um sich schlagenden Arme festhielten, warf der Henker einen Strick um den Hals des Verurteilten, fetzte den Fuß in feinen Racken und Zog die Schlinge zu, daß ihm die Muskeln an den Armen anschwollen
Das Zappeln verzückte bald unter Tritt und würgendem Zug
Das war mein Wiedersehen mit Zaragossa, der Stadt meiner Jugend.—
Wir erhielten Befehl, in Rotten abzutreten und uns in unsere Quartiere kühren zu lassen. Ich erklärte dem Offizier, der die Zettel austeilte, daß ich eines Quartiers nicht bedürfe, sondern selbst Unterkommen zu finden hoffe.
Die Woge der Menschen, die von der Plaza de la Seo wegströmte, nahm mich mit sich fort, und eben als ich gegen sie anzukämpfen begann um in meine Richtung abzubiegen, gewahrte ich die Pastrana, die auf den Stufen eines Hauses nach irgend etwas Ausschau zu halten schien
Ich schlug mich zu ihr durch. „Wo ist Graf Fuentes?" rief ich ihr durch den Lärm der Menge zu.
Sie zwinkerte und nickte: „Ich habe Sie gesucht, Exzellenz«, um Ihnen zu sagen, daß Ihr Freund gut aufgehoben ist. Er kann gar nicht besser aufgehoben fein."
„Wo ist er?"
»Er ist im Kloster Santa Engracia. Dort ist ein Lazarett eingerichtet worden. Es gibt dort Aerzte, Verbandzeug und fromme Schwestern für die Pflege der Kranken. Seien Sie außer Sorge."
Ich murmelte etwas von Dank,- selbst der Dienst, den die Pastrana meinem Freunde geleistet hatte, vermochte nichts über den Abscheu, der mir die alte Hexe so widerlich machte.
„Und Sie, Exzellenza", rief sie mir nach. „Sie werden wohl bei Goicoechea Wohnung suchen?"
Ja, Zaragossa war die Stadt meiner Jugend. Das Dorf Fuenietodes, wo ich geboren bin, liegt in der Nähe, Zaragossa war den Bauern meiner Heimat die große Stadt, die Stadt. Hier war ich Schüler des prächtigen Luzon y Martinez gewesen, hier war der Schauplatz meiner Jugendstreiche mit Miguel; ich hatte gehofft, mit ihm durch die Straßen zu gehen und jede Heiterkeit und jeden Unfug jener Jahre noch einmal auszukosten.
Wir ließen in dem übel zugerichteten Kloster eine Besatzung zurück und ordneten uns zum Einzug. Von der Porta del Duque an empfing uns eine dichte, jubelnde Menschenmenge. Wir marschierten zwischen zwei Mauern von Menschen, die sich gebärdeten, als hätten wir den Sieg bereits entschieden. Sie jubelten uns zu und schütteten von Fenstern und Dächern Blumen über uns aus. Aus der Plaza de San Miguel hielt Palafox, der jugendliche Held Zaragossas, zu Pferd, neben ihm saß ein vierschrötiger Bauer auf einem Grauschimmel, das war Jorge Jbort, den das Volk Tio Jorge nannte, den Onkel Jorge. Natürlich fehlten auch drei oder vier Mönche nicht, die bescheiden zu Fuß babeiftanben, aber barauf bebacht waren, ihre Anwesenheit beim Volk bebeutfam ~ ' bringen.
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
16. Fortsetzung.
Es gab ein hartes Ringen, ehe ber Feinb von uns abließ, erst Tagesanbruch war ber britte Sturm abgeschlagen.
Als ich roieber in bas Refektorium zurückkam, war Miguel fort, erfuhr, bah ihn bie Pastrana mit Hilfe einiger Leichiverwunbeter in Stabt gebracht hatte.
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Auf ber Plaza be la Seo machten wir Halt. Zuerst glaubte ich, bas Menschengewimmel fei fo arg, baß wir eingekeilt wären unb nicht weiter könnten, aber bann kam ber Befehl, aufzuschließen unb ben Platz im Viereck zu umstellen. Als mir in Reih unb Glieb baftanben, sah ich,' baß inmitten bes Platzes ein großes Holzgerüst aufgeschlagen war. Stufen führten hinaus, an einem langen Tisch, ber sich oben befanb, saßen zwölf Dominikanermönche mit ber ernsten unb strengen Miene von Richtern. Die ganze Veranstaltung hatte bas Ansehen eines Tribunals, vor bem eine öffentliche Veranstaltung ftattfinben sollte, unb ich würbe halb inne, daß ich mich nicht getäuscht hatte.
Quälenb überkam mich bie Erinnerung, baß ich schon einmal vor iurzem ein solches Viereck vor mir gesehen hatte, einen solchen Tanzplatz des Tobes, eingehegt von einem Zaun ftarrenber Waffen.
Sobalb mir unsere Reihen geschlossen hatten unb in ber Menge, bie sich hinter uns bicht zusammenballte, Ruhe eingetreten war, bestieg Balafox bie Tribüne, gefolgt von Tio Jorge unb feinen geistlichen Unter«
„Mitbürger!" begann er mit lautschallenber Stimme, „ßanbsleute, apfere Berteibiger von Zaragossa unb ihr, helbenmütige Kämpfer für bas Snterlanb, bie ihr neben bie Feinbe niebergeroorfen habt, um zu uns zu ommen! Wir haben alle geschworen angesichts Gottes, ber Jungfrau von >er Säule unb aller Heiligen bes Himmels, baß wir biefe Stobt bis zum ; etzten Blutstropfen unb bis zur letzten Mauer bes letzten Hauses ver- obigen werben. Wir wollen alles ertragen, Beschießung, Stürme, Wunben mb Tob, Branb, Krankheit unb Hungersnot, unb wir werben bem Feinbe ßiberftanb leisten, beim unsere Jungfrau von ber Säule hat uns Rettung verheißen. Aber wir haben auch geschworen, baß als Feinb bes Vater- wnbes gilt, wer sich weigert, bie Waffen zu ergreifen, wer sich aus ber Stabt zu flüchten versucht, wer bie von ber Jungfrau verheißene Rettung bezweifelt, wer auch nur von Uebergabe rebet. Wer bas tut, ist ein Feinb bes Vaterlanbes, unb sei er unser Freunb, Vater, Sohn ober Bruber, Kutter ober Schwester, Mann ober Weib, Greis ober Kinb. Unb mir haben ein Gericht eingesetzt, biefe zwölf frommen unb ehrwürbigen Väter, darüber zu richten, wer als Feinb bes Vaterlanbes ben Tob verbient."
Palafox wandte sich zu den Mönchen, die um den Tisch saßen. „Ehr- ttiirbige Väter, bas Volk von Zaragossa bittet burch mich um euer Urteil uäer einen Vaterkanbsverräter, wie es sich gebührt, öffentlich als Beispiel nab Warnung."
Der uralte Mönch, ber ben Vorsitz bes Gerichtes zu führen schien, hob Me bürre, gelbe Hanb, anzusehen wie bie Hanb bes Tobes selbst. Ein ■Wann mürbe von brei ober vier anbern die Treppenstufen hinaufgeschoben
Dann setzten wir unseren Einmarsch fort; bie breite entlang, bann bie Calle be Don Jaime, immer zwischen jauchzenben Menschenmassen. Ich verstanb, wir sollten
—t ben Belagerten gezeigt werben, wir hatten uns burch ben Feinb burchgeschlagen, unser Anblick sollte bem Volk unb ben Verteibigern Mut machen.
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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger


