Was er in Bayonne gemacht hat und ob er in Murats Auftrag hin- qinq, weiß ich nicht. Aber als er von Bayonne zuruckkam, beruh eie mir Rofetti, scheint es zwischen Murat und ihm einen heftigen Auftritt gegeben zu haben. Rofetti hörte, wie Murat gebrüllt und ihm Vorwürfe ^SkboIiHmhte leise vor sich hin. „Nun/ dieser Argensola hat ja den Bayonner Mißerfolg durch eine andere wackere Tat bald wieder wett- qemacht. Fuentes ist kein schlechter Fang für die Franzosen.
Ja ich konnte an den Zusammenhängen kaum mehr zweifeln. Ich hatte auf der Rückreise Umwege machen müssen, ich war von den Franzosen aufgehalten worden; ich hatte Zeit verloren, drei Tage, Argensola war mir zuvorgekommen und hatte sie genützt.
Das lästige Sitzen in den weichen Polstern des Diwans war mir unerträglich geworden, ich war aufgesprungen und lief im Zimmer ^^Beruhige dich"/ rief Siebold, indem er mich an der Schulter packte und zum Stehen brachte: „was uns zunächst obliegt, ist zu überlegen, wie wir Fuentes helfen können. Wo hält man ihn gefangen?
In dem Augenblick, in dem die unmittelbare Beziehung zu mir unterbrochen war, erstarrte Endeslant auch schon wieder im Bann der Pflicht. Seine Miene verschloß sich: „Im Kloster Monserrat", sagte er zögernd. Und dann fügte er hinzu: „Aber ich bitte dich, nichts von mir zu verlangen, was meiner Pflicht zuwiderläuft."
„Rein, nein", beschwichtigte Siebold, „wer konnte auch nur entfernt daran denken, dich in einen solchen Zwiespalt zu stürzen." Den ganz leisen, spöttischen Ton, der in seinen Worten mitklang, bemerkte wohl nur ich. „Was ich von dir verlangen möchte, kannst du unbeschadet deiner Pflicht tun." . m
Der deutsche Leutnant sah seinen Oheim mit unvermindertem Mißtrauen an: „Was verlangst du von mir?" .
Nun ich meine, wir können doch nicht den Dingen einfach ihren Laus lassen. Wir müssen irgend etwas unternehmen, um Fuentes zu Hilfe zu kommen. Oder wir müssen uns zumindest Klarheit darüber verschaffen, was man mit ihm zu tun beabsichtigt. Was soll Fuentes von seinen Freunden denken, wenn mir, keinen Finger für ihn rühren, wenn wir kein Wort für ihn einlegen?"
Gewiß, das mußten wir, nun war die Zeit gekommen, da sich meine Freundschaft bewähren mußte.
„Wir müssen versuchen, Murat davon zu überzeugen, daß es ein Unsinn wäre, gegen Fuentes scharf vorzugehen. Die Klugheit verlangt von ihm, nichts zu tun, was die Spanier noch mehr reizen könnte. Eine einzige falsche Maßregel, und hier geht alles in die Luft. Glimmende Lunten an Pulverfässern muß man austreten, nicht noch anfachen, wenn man die Explosion vermeiden will. Goya ist der Nächste dazu, das Murat mit allem Nachdruck zu sagen. Jeden anderen Fürsprecher würde Murat vor die Tür setzen oder ihn gar als einen Mitverschworenen ansehen. Ich glaube — Goya genießt da eine Art Ausnahmestellung, seine Harmlosigkeit ist einigermaßen erwiesen. Und er kann sich, um sein Eintreten zu rechtfertigen, auf die Dankbarkeit berufen, die er Fuentes schuldet."
„Und was soll ich dabei tun?", fragte der Leutnant.
„Wenig. Du sollst Goya Zutritt zu Murat verschaffen. Selbst oder durch deinen Freund Rosetti. Das ist alles."
Nach kurzem Ueberlegen nickte Endeslant: „Das kann ich tun!"
Ich drückte ihm dankbar die Hand. Ob Murat meiner Fürsprache besonderen Wert beimessen, und ob es mir gelingen würde, dem Schicksal des Freundes eine günstigere Wendung zu geben, das konnten wir nicht wissen, aber der Weg, dxn Siebold einschlagen wollte, war wohl der nächste und einzig gangbare. Es kam eine Beruhigung Über mich, daß ich nicht müßig bleiben mußte. Wenn ich mich seinetwegen selbst verdächtig machte oder einer Gefahr aussetzte, so beglückte mich das nur.
Siebold drückte wieder auf einen Knopf. Ein von mir bisher nicht bemerktes Türchen in der Wand öffnete sich, und der Doktor zog einen kleinen Wagen aus der Nische, den er auf Rädern bis vor unsere Sitze rollte. Flaschen und Gläser standen darauf, Teller mit Ordubres: Sardellen, Oliven und Radieschen, aus einem verdeckten Fach nahm er gebratenes Hammelfleisch, das frisch vom Rost zu kommen schien. „
Wir machten uns, ich mit Heißhunger und gesegnetem Durst, über die Speisen und den Wein und besprachen dabei die Einzelheiten von Siebolds Vorschlag.
Als Endeslant und ich ausbrachen, dämmerte es bereits.
Im Haustor hielt mich Siebold zu einem kurzen Flüstern zurück. Sein Kopf deutete nach dem voranschreitenden Leutnant: „Auf ihn dürfen wir nicht rechnen."
Der junge Tag trug die Farben von Martinas Kleid, in dem sie mir an unferm letzten Abend entgegengetreten war: Grau und Rosa. Wir warteten im Aschengrau der Straßen, und über unfern Köpfen zwischen den Häusern war der Himmel geflockt von rosafarbenen Wölkchen. Ich weiß noch, daß mir die Uebereinstimmung eben jetzt freudig auffiel, da ich ermutigt und mit neuer Hoffnung aus dem Kraftbereich meines Freundes Siebold kam.
Es drängte mich den Weg durch die Calle de las Carretas zu nehmen.
An Martinas Haus, das mit verschlossenen Fenstern ganz still im grauen Dämmern lag, waren nur vereinzelte Kugelspuren zu sehen. Es trug keine Zeichen eines Kampfes, die Mörtelbrocken und Ziegeltrümmer stammten von Nachbarhäusern, von denen einige arg mitgenommen zu (ein schienen. Gottlob, ich durfte denken, daß Martina wohlbehalten in ihrem Bett lag.
Wir kletterten über die Reste der Barrikade auf die Plaza San Andres. Ein französischer Doppelposten an der Kirchenmauer leistete Endeslant die Ehrenbezeigung.
Der Leutnant wies auf große schwarzbraune Flecke auf dem Pflaster vor der Kirche und an der Wand, auf Spritzer von derselben Farbe und aus Klumpen einer weißgrauen Masse auf der weiß-roten Tünche des Gemäuers. Er sagte auch etwas, aber mein Gehör war wieder
schlecht geworden, ich verstand ihn zuerst nicht. Aber bann sah ich ihm scharf auf den Mund und begriff endlich: was da Pflaster und Wand befleckt hatte, war Blut und Hirn von Spaniern.
Die Männer, die man mit den Waffen in der Hand ergriffen hatte, waren hier an die Wand gestellt und niedergeschossen worden. Der Doppelposten hütete den Platz, daß er nicht als ein heiliger Ort des Todes von Freiheitskämpfern dem Volk zur Stätte der Verehrung werde. Die Franzosen wollten verhindern, daß dieses Blut, dessen Spuren man zur Warnung nicht beseitigt hatte, von der Menge angebetet werde. Die Strafe sollte sichtbar bleiben, die Rache aber sollte sich hier nicht entflammen dürfen. , .., . .
Und plötzlich, während wir noch baftanben, füllte sich mir ber Platz mit Gestalten. Ich sah eine Gruppe französischer Solbaten mit den ®e- wehren im Anschlag stehen und vor ihnen an ber Mauer ein Haustein von Männern. Ueber schon Hingesunkenen solche, bie sich in Verzweiflung aufbäumten, stolz Ausgerichtete unb stumpf Ergebene, solche, die ihre Gewänber aufriffen unb solche, bie bem unbarmherzigen Feinb im letzten Augenblick ihre ganze Wut und ihren Haß ins Gesicht schleuderten. Einer in einem weißen Hemd kniete schreiend mit ausgebreiteten Armen in dem Leichenhausen, ein menschliches Andreaskreuz als grell beleuchteter Mittelpunkt der blutzerwühlten Düsternis. Die ganzen Greuel des Krieges zusammengedrängt in die eine Vision dieses Bildes.
Dieses Bild, das sich meiner bemächtigt hatte, half mir über die nächsten Tage hinweg. Ich machte einen raschen Gang auf den Friedhof zu Rosalbas frischem Grab, ich legte Blumen nieder und betete voll Inbrunst für die arme Seele, die nun von dieser blutbefleckten Erde genommen war. Und bann kehrte ich roieber zu meinem Bild zurück.
Ich lief in bie Calle be las Carretas, um Martina zu sehen. Entschlossen unter einem Vorwand von Geschäften roenigftcns mit Avila zu sprechen, hoffte ich vielleicht einen flüchtigen Schimmer ihres Wesens zu erspähen und etwas über ihr Befinden zu erfahren. Das Haus war noch immer fest verschlossen. Von den Nachbarn, die verschüchtert in ihren Häusern hockten, konnte ich zuerst keine Auskunft erhalten, endlich fand sich ein Gemüsehändler an der Ecke, der mir sagte, daß Avila und seine Frau eine Reise angetreten hätten. Er hatte gesehen, daß sie einen Wagen mit zwei Maultieren bestiegen hatten unb fortgefahren waren. Wohin? Wie lange es her mar? Wo sich bie alte Dienerin und ber Hausknecht befanden? Das wußte er nicht, wer, beim heftigen Blut Christi! hatte in diesen Tagen Zeit, sich um solche Dinge zu kümmern? Der Antichrist war über Spanien hereingebrochen, man muhte trachten, bas nackte Leben zu retten.
Ich begab mich zu Alvilas Druckerei, wo man doch etwas von bem Verbleib bes Besitzers wissen mußte. Sie lag in einer andern Straße im Hintergrund eines verwahrlosten, mit Gerümpel angeräumten Hofes. Durch bie schmutzigen und zerschlagenen Fensterscheiben sah ich, bah ber Werkstattschuppen leer war. Kein Mensch war an den Pressen zu sehen, alle Geräte lagen wirr burdjeinanber wie im Augenblick eines hastigen Ausbruches hingeworfen. Der mürrische Schuster in feinem Kellerloch sagte mir, seit Tagen fei die Arbeit eingestellt.
Ich ging heim und warf mich mit Eifer auf mein Bild. Aber plötzlich trieb es mich bann roieber fort. Zwei-, dreimal des Tages suchte ich die Calle de las Carretas auf und jedesmal malte ich mir aus, dah ich nun endlich das Haus offen und Martina sehen würde. Mein« Gewißheit zerschellte jedesmal an ber schrecklichen Enttäuschung.
Das Bilb war mein Glück. Ich arbeitete mit Ingrimm baran, ich löste mich darin auf, und es half mir über bie Qual bes Wartens und ber Enttäuschung hinweg, bie mich sonst zermürbt hätten.
Am vierten Tag kam Siebolb, um mir zu sagen, daß ich zu Murat kommen solle. Er fand mich in meiner Werkstatt unb, während ich mir, noch von ber Raserei der Arbeit erschöpft, bie Hänbe säuberte, betrachtete er mein Vilb.
,^)ast du schon einen Namen dafür?" fragte er.
„Wie es heißen soll? Der zweite Mai!"
„Gut! Gut! Der zweite Mai." Er legte mir beide Hände auf bie Schultern unb drehte mich zu sich herum, fo baß ich fein Gesicht nahe vor bem meinen hatte, uralt, faltig unb von einem seltsamen Licht erhellt. „Francesco!" sagte er, „ich weiß jetzt, welches die Kraft ist, die dich beschützt und gegen die selbst die Singdogmo wenig vermag! Es ist deine Kunst! Hüte dir deine Kunst!"
Ach, meine Kunst, dachte ich, wenn meine Kunst etwas wert wäre unb eine Macht hätte, so sagte sie mir, wo ich Martina finde. Zum Teufel ... meine Kunst, sie betäubt mich bloß.
Siebolb gab mir einen Rippenstoß, ber mich ermuntern sollte: „Jetzt geht es um Fuentes!" Ja, nun ging es um Fuentes. Ich raffte mich zusammen, zog mir mein Hofkleid an, und Gabriel fuhr uns in meiner Verline zum Schloß.
Wir sanden den Grohherzog von Berg hn inneren Hof, damit beschäftigt, sich ein Pferd vorfuhren zu lassen. Es war dunkelbraun, unansehnlich, mochte vierzehn bis fünfzehn Jahre alt fein, unb ich bemerkte sogleich, daß es einen kleinen Auswuchs am rechten Ohr hatte. Als ber Reitknecht mit ihm burch den Hof lief, sah ich, daß es ein wenig hinkte.
Murat (ah es wohl auch, denn er sagte kopsschüttelnb etwas, offenbar mit Bezug auf bas Pf erb, zu bem Mann, ber neben ihm stand.
„Das ist Farnesio", flüsterte mir Siebold zu, „das Pferd, das ber dicke Karl Murat geschenkt hat. Weiß Gott, ein schäbiges Geschenk."
Ich antwortete ihm nicht, denn ich war völlig davon in Anspruch genommen, den Mann zu betrachten, mit dem Murat über bas Pferd sprach. Sein noch einigermaßen jugendliches Gesicht war gedunsen, blaßgelb mit tiefliegenden Augen, gleichgültig und bösartig zugleich und von allen Lastern unterwühlt. Ich hatte den Mann schon gesehen, aber vielleicht hatte ich ihm so wenig Beachtung geschenkt, daß mir nicht ganz zum Bewußtsein gekommen war, welchen Abscheu er mir einflöhte. Wie er sich zediert in den Hüften drehte und mit einem dünnen Stöckchen auf bie Fehler des Pferdes zeigte, war er mir in einem kaum erträglichen Grad widerwärtig. (Fortsetzung folgt.)


