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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937 Zreitag, den 9. Iuli n»mmor 53
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GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT •
ROMAN VON KARL HANS STROBL
7. Fortsetzung.
Sos war es, was mich plötzlich wie mit einer Stimme anrief unb mich zunächst in Verwirrung setzte. Aber ich wollte mich nicht verwirren lassen, irgenb etwas in mir leistete Widerstand unb suchte sein Heil in Gewißheit über die äußeren Umstänbe.
„Ich verstehe dabei noch immer nicht", sagte ich, ,/wie man in Bayonne von meinem Brief wissen konnte?"
Du warst es, mein junger Freund Endeslant, der mir auf diese Frage die Antwort gab.
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Ich hatte die Frage kaum getan, als es irgendwo so heftig zu läuten begann, daß ich zusammenfuhr. Ich suchte die Glocke. Sie hing über der Tür unseres Zimmers, aber das war keine unserer gemächlichen, behaglichen Hausglocken, die durch einen Zug an der Klingel in Bewegung gesetzt werden, das war ein verrückter kleiner Teufel von Klöppels der schwirrend gegen ein Metallschälchen loshämmerte, so daß er vor lauter Geschwindigkeit säst unsichtbar wurde.
Siebold erhob sich, ging zur Tür und drückte auf einen der Knöpfe, die dort in der Nähe jenes schon zweimal benützten Hebels angebracht waren.
Ich hörte, wie sich die schwere Haustür unten ächzend öffnete unb mit einem Seufzer wieder schloß und wie Schritte die Treppe hinaufkamen.
„Ich kann keine Diener um mich brauchen", sagte Siebold auf meinen verwunderten Blick, „wer die Menschen so gründlich kennt wie ich und weiß, wie wenig ihnen zu trauen ist, wird trachten, sie immer mehr durch Maschinen zu ersetzen."
Gleich darauf tratest du ein, Melchior (Enbeslant, unb begrüßtest uns. „Wer hat mir geöffnet?" fragtest du, ebenso verwundert wie ich.
Siebold machte eine unbestimmte Handbewegung, die diesen ganzen Raum, die gespannten Drähte, die leuchtende Halbkugel an der Decke, vielleicht das ganze Haus mit umfaßte. „Mein unsichtbarer Diener", sagte er. Aber er ließ sich auf keine weiteren Erklärungen ein unb fragte: „Was bringst du uns, Melchior?"
Du wirst nun erlauben, mein junger Freund, daß ich im weiteren Verlauf dieser Niederschrift von dir in der dritten Person berichte. Ich weiß nicht, was dir von den damaligen Ereignissen in Erinnerung geblieben und was dir in Vergessenheit geraten ist, ich weiß nicht, was dir damals schon bekannt war, was du erst später erraten oder erfahren hast, und was dir bis heute unbekannt geblieben ist. Unb anstatt dich jedesmal zu fragen: weiht du noch? Erinnerst du dich?, will ich deinen Anteil an den damaligen Begebenheiten erzählen, wie er mir im Gedächtnis steht, als sei diese Aufzeichnung nicht für dich bestimmt, sondern als wärest du nur eine der handelnden Personen unter anderen.
Du — also der Leutnant Melchior (Enbeslant sah seinen Oheim an and sagte: „Ich weiß nicht, welche Ziele du mit deinen Aufträgen vertilgst, und du kennst mich gut genug, um dir denken zu können, daß 'ch mich schlecht zu Späherdiensten, zum Nachspüren unb zu Heimlichkeiten eigne. Wenn ich mich zu solchen Dingen hergebe, so tue ich es angern, nur weil ich dir zu Dankbarkeit verpflichtet bin, unb in^ der Loraussetzung, daß ich nicht gegen eine beschworene Pflicht verstoße."
Ich merkte, daß sich der Leutnant diese wohlgesetzte Rede vorher fest Ungeprägt hatte, daß er, mit ihr bewaffnet, gekommen war, um sich Einern eigenen Gewissen gegenüber sicherzustellen. Es war fest und gut lesprochen und paßte ganz zu dem ruhigen, aufrechten Wesen des jungen Mannes. Der Doktor sah ihm auch ganz gelassen ins Gesicht und sagte !ütig: „Wenn ihr nur auch immer wüßtet, was das ist: die Pflicht. (Es - (nbt darin Unterschiede, es gibt nähere, engere und höhere, übergeord- i ete Pflichten, unb manchmal stehen sie miteinander im Widerspruch oder Meßen sogar einander aus. Ihr aber starrt manchmal wie gebannt auf die nächste, engste, belanglofefte Pflicht und verratet darüber die lohere. Welche Pflicht stünde höher als die, seinem Volke, dem man alles wrdankt, zu Glück unb Kraft zu verhelfen? Ihr aber haltet es für eure ii " flicht, Napoleon zu dienen. Unter all den Uebettaten dieses Menschen
•t es die größte, daß er euch das Bewußtsein genommen hat, Deutsche 3* sein. Er schleppt euch als Bundesgenossen auf feine Schlachtfelder, I e- zwingt euch, feine Helfershelfer zu fein und euer Blut für feine tuflifdjen Pläne zu vergießen, er hat euch blind gemacht für eure höhere
Uicht. Wenn ich Napoleon hasse, so ist es vor allem darum. Er hat sich den Vorteil eurer Fürsten und Herren verbündet, und eure Fürsten unb Herren schicken euch hieher, um dieses Land niederzuwerfen, das für seine Freiheit kämpft. Gegen Napoleon wäre jedes Mittel gestattet, ohne daß die Pflicht..."
„Erlaube..." sagte der Leutnant unb machte ein so abweisendes Gesicht, daß der Doktor nicht fortfuhr.
„Nun gut", sagte er, „wir wollen darüber nicht streiten. Nur so viel, daß ich selbstverständlich nichts verlange, was du als pflichtwidria in deinem engen Verstände empfindest."
Der Leutnant schwieg eine Weile verstimmt. Dann stellte er den Sabel zwischen seine Knie und legte die Hand auf den Korb. „Ich habe mich also, deinem Wunsch gemäß, mit Rosetti zum Wein gesetzt..."
„Rosetti ist Murats Adjutant", wars mir Siebold zu.
„Und habe erfahren, daß Fuentes in feinem Haus verhaftet worden ist, als er der Generaljunta folgen wollte, die ihren Sitz von Oviedo nach Sevilla verlegt hat."
Der Name meines Freundes durchstieß mir die Brust wie ein glühendes Messer. Was für ein Freund war ich, daß ich über der Trauer um mein Kind, der Besorgnis um Martina, zuletzt dem Zorn über die Verleumdungen gegen mich der Bedrängnis vergessen hatte, in der sich Fuentes befand? Hatte ich mich nicht seiner Liebe und seines Vertrauens auf immer unwert gemacht?
„Es ist also wahr, er ist gefangen?" stammelte ich.
„Ja, er wollte nicht wie die anderen von Oviedo nach Sevilla gehen, ohne sich in Madrid aufzuhalten. Er kam in der Verkleidung eines vbst- vcrkäufers und wollte nur eine Stunde bleiben ... da hat man ihn ergriffen."
„Wie konnten die Franzosen wissen, daß er in Madrid war?" fragte Siebold.
Der Leutnant zuckte die Achseln: „Rosetti wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus. Da wartete ich, bis er genug Wein getrunken hatte, unb bann begann ich ihn damit aufzuziehen, daß Murat wohl die wichtigen Dinge nur seinem Kammerdiener onoertraue unb nicht seinem Adjutanten ..."
„Sehr gut!" lobte Siebold.
„Sa fing er an zu prahlen, was er alles von Murat wisse. Nein, der Großherzog habe gar keine Geheimnisse vor ihm. Er lachte über Spanien und meinte, daß auch hier für Geld alles zu haben fei, sogar Kronen. Ferdinand und Karl hätten auf den Thron gegen eine hübsche Abfindung unb erkleckliche Jahresrenten verzichtet. Nachrichten, die man brauchen könnte, seien natürlich weit billiger zu haben."
„Hat er einen Namen genannt?"
„(Er hat auch schließlich einen Namen genannt."
„Welchen?"
Der Leutnant schien zu überlegen, ob er weitersagen dürfe, was ihm von einem Kameraden beim Wein anoertraut worden war. Obzwar auch ich darauf brannte, den Namen zu erfahren, gefiel mir doch, daß Endes- lant wieder auf die Stimme dessen zu horchen schien, was er für feine Pflicht hielt. Zuletzt aber sagte er doch mit einem Rest von Widerstreben: „Er hat den Namen Gil Argensola genannt." Und wie um sich zu entlasten, fuhr er fort: „Ich wäre wohl auch selbst auf diesen Namen gekommen, denn dieser Mann hat in der letzten Zeit merkwürdig oft Zutritt zu Murat verlangt und erhalten."
Ich fühlte, ohne daß ich aufzuschauen brauchte, Siebolds Blick auf mir. „Ist bas nicht dieser Mensch", sagte er langsam, „der immer in Gesellschaft der ... wie heißt sie doch gleich ... Isabel (Eotberana gesehen wird? Ein Spieler, Weiberheld unb Nichtstuer ... begreiflich, daß er Geld braucht. Das ist die rechte Zeit für Leute dieser Art, um auf leichte Manier Geld zu verdienen."
Und bann setzte Siebold nach einer Weile hinzu: „Das ist natürlich wieder ein Schlag gegen dich, Francesco!"
„Wieso gegen Goya?" fuhr der Leutnant auf. Er liebte mich, das ersah ich daran, wie er plötzlich ganz anders wurde, als er erfuhr, daß es sich auch um mich handelte.
„Ich glaube annehmen zu dürfen, daß man Goya treffen will, indem man ihm feinen Freund nimmt."
„Wer sollte das wollen?" fragte (Enbeslant heftig atmenb.
„Ich weiß es nicht", sagte Siebold vorsichtig, „ich sehe noch nicht klar. Unb feit wann geht dieser Argensola bei Murat aus und ein?"
(Enbeslant bachte scharf nach. Nun hatte er keine Bebenken mehr, zu sagen, was er wußte, feine Liebe zu mir drängte alles andere in den Hintergrund. „Ich glaube, feit er aus Bayonne zurück ist."
Ich sah überrascht auf unb las auf Siebolds Gesicht lächelnde Genugtuung. „Ich dachte es mir", sagte er ruhig. „Dieser Argensola war also in Bayonne!"
Er nickte mir zu, da hatte ich nun meine Antwort.
Man brauchte Endeslant nicht mehr zum Erzählen aufzufordern:


