Ausgabe 
9.4.1937
 
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M)ern, mit allen Arten Stahlfedern. Ich habe mir angewöhnt, mll den Federn immer zu wechseln, so vermelde ich jede Routine. Ich möchte keine Phrasen in meinem Strich haben, er soll immer von neuem er­rungen werden. Sehr wichtig ist auch das Papier. Es muß mir Hemm­nisse entgegensetzen. Ich begreife nicht, wie man auf glattem, hartem Papier zeichnen kann. Altes Bütten versetzt mich immer in einen ge­linden Rausch. Glücklicherweise konnte mir mein Vater riesige Stoße hundert Jahre alter ausrangierter Katasterblätter verschaffen, die wahr­haft unverwüstlich sind, man kann sie schaben, waschen, strapazieren wie man will. Ich glaube, ich darf auf einen schönen, gelösten Altersstil hoffen. Alles, was Effekt ist, tritt mehr und mehr zurück, alles wird Immer stiller." .

Abends fitzen wir um den Tisch unter der Lampe. Kubm bringt alte Familienbilder. Schon auf einem Kinderbildnis mit der Schwester hat er das merkwürdigemondhafte" Gesicht, von dem Carofsa so schön schreibt. Ich meinerseits möchte sagen, er hat das Gesicht eines Knaben und zugleich das eines Weifen.

Wir find uns einig in der Klage darüber, daß nur noch wenig Menschen sich die Zeit nehmen, Bilder zu betrachten. Daumier zeichnete und malte noch Männer, wie sie an einem Tisch sitzen und zusammen Mappen beschauen. Solche Mappenbeschauer gibt es kaum noch. Welch wunderbare Stimmung geistiger Konzentration war darinl Wer hat heute noch Mappen, um Zeichnungen darin aufzuheben? Wer holt sie hervor? Aber die Kunst ist deshalb nicht weniger da. Wie es Menschen gibt, die fingen ober reiten miffen, so gibt es auch Menschen, die zeichnen müssen. Der eine Künstler reicht dem anderen Generationen hindurch die Hand. Der Schatz mehrt sich unabsehbar, und wie nun Kubin die Blätter zusammenschiebt, um sie in den Schrank zurückzulegen, da weiß Ich: er wird nie aufhören zu zeichnen, solange er eine Feder halten kann.

Zur Taufe.

Von Theodor Storm.

Bedenk es wohl, eh du sie taufst!

Bedeutsam sind die Namen: Und fasse mir dein liebes Bild Nun in den rechten Rahmen. Denn ob der Nam' den Menschen macht, Ob sich der Mensch den Namen, Das ist, weshalb mir oft, mein Freund, Bescheidne Zweifel tarnen;

Eins aber weiß ich ganz gewiß: Bedeutsam sind die Namen!

So schickt für Mädchen Liesbeth sich, Elisabeth für Damen;

Auch fing sich oft ein Freier schon Dem Fischlein gleich am Hamen, An einem ambraduftigen, Klanghuften Mädchennamen.

Erstes Gartenglück im Jahr.

Von Karl Wagner.

Endlos schien der Winter zu sein, wenn wir auch in diesem Jahr durchaus nicht das hatten, was man einen harten Winter nennt; aber nun geht dafür das Blühen um fo schneller. Die Erde dampft, wenn die warmen Strahlen der Sonne darauf fallen, wie ein frisch gepflügter Acker. Glänzend braun liegt umgegrabene Erde da, herbe duftend, immer stärker wird das Grün der Stauden und Sträucher, und oft hat man Mühe. Schritt zu halten mit dem vorwärtstreibenden Leben des Gartens. Erft sind es leise Schleier, die sich um die Zweige weben, bann verbreitern sie sich, werben dichter, unb eines Tages liegt ein grüner Schimmer über Baum unb Strauch.

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In allen Schattierungen von Grün tritt es aus den Knospen heraus, untermalt mit Braun unb Rot. Die Rinbe schwillt auf im Drängen des Saftes, das Gelb der Hängeweiden leuchtet weithin, ehe der Blattbehang es wieder zudeckt. Rosa Pfirsiche, goldene Kornelkirschen und weiße Zier- kirschen stehen sonnendurchleuchtet gegen den blassen Himmel. Japanische Quitten werden zu brennenden Büschen, und gelbe Forsythien strecken ihre blütenbehangenen dünne Triehe weit herab. Der Blütenreichtum unter den Gehölzen ist reicher als meist angenommen wird. Die Rhodo- benbronblüte beginnt und erstreckt sich bis in den Juni hinein, Hecken­kirschen. Schneeball, Andromeda, Sternmagnolien, Mahonien, Spiraen, Clematis. Ginster und Zierapfel geben dem Monat bas Gepräge.

Wer könnte je bies eigenartige Gefühl vergessen, bas uns an einem ersten Frühlingsnachmittag überkommt, wenn die Luft schon in warmen Wellen aufsteigt unb boch noch bie Kühle ber hinter uns (iegenben winter­lichen Wochen in sich bewahrt zu haben scheint! Die ersten Falter malen Farbenkleckfe auf die weißen Kissen ber Schleifenblume, Bienen summen unermüblid) von Blüte zu Blüte, hoch in ber Luft liegt ein Vogelsingen, unb Sonnenschein wechselt mit bunflen Wolken. Dieses stürmische Drängen, dies Schwanken zwischen Hell und Dunkel gehört mit zum Schönsten der Frühlingszeit. Im Aus u >d Ab dieser Äprilwochen liegt ein Reiz, wie er so leicht nicht wieder im Garten zu finden ist.

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Jeder Gang durch den Garten zeigt ihn jetzt angefüllt mit bunten Tönen, wie sie das farbenhungrige Auge lange nicht mehr wahrgenommen

hak. Die weißen Schneeglöckchen und Märzbecher sind nun verblüht. Sie konnten zwar schon mitten im Winter zum Teil das Aufblühen nicht mehr abwarten, aber jetzt stehen sie im Höhepunkt ihres Flors. Zwischen runzlichen Blättern schieben sich bie kurzgestielten gelben Blüten; klar leuchten sie mit ber buntleren Mitte auf dem braunen Grunb ber Erbe, kaum höher als bas nur wenige Zentimeter hohe Laub. Aber sie stehen in bichten Horsten, unb gerabe diese Primelecke gehört mit zum Schönsten des ganzen Frühlingsgartens.

Ihre Nachbarn sind Leberblümchen, bie zum Teil noch ihre blauen Knospen geschlossen halten. Ausfällig ist das immergrüne Laub; dunkel­grün, daneben braun, sogar rotbraun liegen die Blätter in ihrer drei- lappigen Form am Boden. Ein warmer Tag genügt, die Knospen zum Deffnen zu bringen. Dann ist aus der Hängeform eine sechsteilige Blüte geworden, die einem mit ihrem weißen Staubgefäßkranz entgegenstrahlt. Die offene Blüte wird man aber nur während des Tages sehen, abends schließen sie sich gegen die Einflüsse der Nacht, die den Staubgefäßen schaden könnten. Es handelt sich hier um bie gleichen Kräfte, bie bie Krokus sich abenbs schließen läßt, bie noch am Tage unter den warmen Strahlen ber Sonne sich weit öffneten. Auch diese kleinen Zwiebelblüher stehen immer noch in unverminderter Kraft auf dem Rasen, auf dem sie mit ihren gelben und sogar buntetoioletten Tönen einen bunten Teppich bilden. Aber es ist gut, daß ihr Blühen in eine Zeit fällt, in ber ber Rasen noch nicht wächst. Er würbe halb bie Blüten zugebeckt haben. In ber Wirklichkeit geht es ihnen an ihrem natürlichen Stanbort, ben Alpen unb Gebirgen Süddeutschlands zwar nicht besser, ba sie hier auch Matten unb Wiesen bewohnen. Als Dritter im Bunde blüht neben Kissenprimeln und Leberblümchen der hohle Lerchensporn, ber seinen Namen von ber hohen Knolle hat. Es ist nicht gerabe ein sehr auffallenber Flor, ben die etwa 30 cm hohe Pflanze in diese Wochen schickt, aber sie wirkt reizvoll durch ihre zierlich gespornten, purpurnen ober weißen Blüten unb das zarte fein verteilte Laub. Alle diese Pflanzen fühlen sich am wohlsten, wenn sie in einem Boden stehen, auf dessen Oberfläche Jahr für Jahr das Laub ber Bäume fällt, bas fo ben schönsten natürlichen Humus bilbet.

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Wenn man einmal bie in biefer Woche vorherrschenden Farbe» in der Natur an sich vorüberziehen läßt, dann stellt man leicht fest, daß das Blühen in ber Hauptsache auf zwei Farben gestellt ist: Blau mit allen Tönen unb Gelb mit allen Abweichungen zum Grün unb Braun. Wunber- voll ist bas Blau im Leberblümchen, ber kleinen, leiber viel zu wenig bekannten Frühlingsschelle mit ben oietblütigen, fast violetten Blüten­ähren; aber am ausgeprägtesten finbet man es jetzt im schmalblättrigen Lungenkraut (Pulmonaria angustifolia). Noch rosa in ber Knospe, geht eine eigenartige Umtönung mit ber Blüte vor sich, ©obalb sie vollgeöffnet dasteht, ist sie in ein leuchtenbes Dunkelblau gehüllt, bas doppelt auffällig wirkt, weil sich fast stets rosa getönte Knospen am Stiel mit ben weich­haarigen Blättern finben. Dieses Lungenkraut steht daher am besten auch immer allein, nicht zusammen mit dem gebräuchlichen Lungenkraut, (Pulmonaria officinalis). Wohl tritt auch hier eine Blaufärbung auf, aber sie ist boch immer überbeckt vom Rot ber Knospe, bas sich auch auf ber offenen Blüte nie ganz verliert.

Die schönste Ergänzung am blaublühenben Lungenkraut ist bagegen bie Kissenprimel, benn'in biefem Zusammenklang von Blau unb Gelb liegt bie augenblicklich größte Blütensteigerung bes Gartens. Der Grunb ist wohl in ber Sattheit ber blauen Lungenkrautfarbe zu suchen, ber Einbruck gelber Kissenprimelblüten, bie neben ben kleinen Blüten des Frühlingsvergiß­meinnicht (Omphalodes verna) stehen, ist lange nicht mehr so stark. Viel­leicht weil bie Blüten an sich viel kleiner sind unb biefe Kleinheit auch nicht burch bie vielen Einzelblüten wettmachen können, bie sich gewöhnlich an einem Polster finben, bestimmt aber burch bie Zartheit bes Himmelblau, bas noch burchscheinenber gemacht wirb burch bie weiße Mitte. Die Blüten kommen außerdem auch kaum aus dem Laub heraus. Das Gelb liegt noch immer in ben Blüten bes Winterjasmins, dessen vierkantige, weit- auslabenbe Zweige langsam anfangen, Knospen zu spitzen. Es leuchtet aus bem Steingarten hervor, wo bas Hungerblümchen feine kleinen Blütentrauben zwischen bem Gestein über immergrünen Rosetten trägt, finbet sich Im Grüngelb ber kleinen Schaftbolbe, bie, obwohl heimisch, noch kaum den Weg in unsere Gärten gesunden hat, unb hängt mit einem leichten Braun von ber Haselnuß herab, bie ihreLämmerchen" im Winbe schaukeln läßt. Unb wer genau hinsieht, erkennt auch dann die etwas angeschwollenen weiblichen Knospen, an deren Spitze ein paar purpurrote Fäden heraushängen, die Narben, die immer noch auf Be­stäubung durch den Wind warten, obwohl die Zeit schon weit vorge­schritten ist und die Kätzchen zum Teil schon braun werden ließ.

Aber die Kornelkirsche neben ihr steht dafür noch im Höhepunkt ihres Flors. Unzählige goldgelbe kleine Blüten find hier gebüschelt am kahlen Zweig verteilt und leuchten schon von weither durch bas Unterholz, wo der Seidelbast seine letzte Schönheit zeigt Noch haben bei ihm die kleinen, dicht gedrängt sitzenden, ungestielten Blüten ihren alten, wundervollen Duft bewahrt, doch das Rosenrot der Blüten ist schon im Verblassen, und an der Spitze bringen bie ersten Blattknospen burch, bie bie Zweige bedecken. Die größte Ueberraschung aber erlebt man da, wo die Küchen­schelle ihren Platz hat. Lange Zeit schien es zwar so, als ob aus den wollig-behaarten Knospen nichts anderes werden würde, nun stehen sie weit offen ba, zwar noch immer in einen seidigen Pelz gehüllt, doch darüber erheben sich die violetten Blüten, und wenn man von oben hineinsieht, bann erkennt man auch die Fülle der gelben Staubgefäße, die im Schutz der Blütenblätter auf die Insekten warten. Auch hier haben wir es mit einem ausgesprochenen Sonnenblüher zu tun, der der Sonne in ihrem Lauf folgt, unb es ist immer von neuem wie ein kleines Wunder, zu sehen, wie die Blüten mit dem Weiterschreiten des Tages sich neigen, um wieder geschlossen dazustehen, wenn der erste kühle Hauch dieser Frühjahrsabende über den Garten kommt.

Beran iw örtlich vr. Hans Tbyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univ erlitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».