Ausgabe 
9.4.1937
 
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An einen ftretmb.

Hilt Ueberfenbung eine» alten Buches.

Bon Eduard MörIk«.

Jiingst Ich in eines Kaufherrn Kram Li» Pfund Tabak zu Haien fallt Die Ladendirne, jung und srifch, Bescheidentlich stund hinter»! Tisch Und wag mir i» bedächtiger Ruh' Mein braun, siisi dustend Kräutlein zu; Derweilen schaut' ich gähnend, stumm, Sa rings mich Im Gewölbe! um; Da lag am Baden nächst zur -and. Wurmstichig, alt, ein Foliant, Dergleichen wähl zum Packen und Wickeln Die Krämer blätternde zerstückeln. Mit Andacht grützt' ich allsagleich -ans Sachsens Halde Musenslrelchl O schad' um sa viel edle Reim'I Sa galdner Weisheit -vnigseim In Staub verschütt'tl Mer mag es sehn, Dem es nicht salll' zu -erzen gehn! Schön'» Mägdlein", rief ich,ach und eil Verkauft mir die Schnurrpseisereil" Sie lächelt spöttisch vor sich hin, Ob ich auch wohl bei Sinnen bin?

Das ist ja Schund, Derr, mit Vergunst, Dach, stehl'» Euch an, habt Jhr's umsunsl!"

Ich sagt' ihr Dankes Ueberstutz: Hält' gern gedankt mit einem Kuss, Schleppt' meinen Schah heim unterm Arm, Und gleich draus las, weil ich noch warm Da war denn viel und allerlei: Im got'schen Schnitt, Mythologel, Kamedi, Tragedi dazu, Macker versohlt nach'm Baurenfchuh. Mit Wundern las ich, was er red'!

Von einem Dänenprinz Arnlek.

Nun ich mich sattsam durchgewühlt, Sinnend das Werk in -änben hielt, Gedacht' ich dein zumal und meint', Der Fund wär' just für folchen Freund. Ein fromm Gemüt oft liebt und ehrt, Was vor der Welt nicht geller» wert.

gerissen hat, wandern dem alten -errenhau

9 von

uns

gehöriges Pensum zumuten kann. Ich Quelle zu sitzen. Und beim Betrachten

Alfred Kudin.

Ium 60. Geburtstage des Künstler» am 10. April. Von Reinhard Piper.

spitzes Glackentürmchen ragt aus

Kubins Arbeitszimmer liegt im ersten Stock. Aus zwei Fenstern eman über den sich selbst überlassenen Garten hinweg. An dem einen

[ter steht der kleine Zeichentisch mit Stotzen von Wler, In einem Glas stecken die vielen ^eichenfedern, am anbern bie Rahmaschlne und der Arbeitsstuhl von Frau Kubin. Zwei weitzgeslrtchene Schranke beraen die vielen Mappen mit den Zeichnungen.__

Siele öffnet Kubin nun und legt Blatt um Blatt vor mich hin. Cr hat be frWren Gelegenheiten meine Unermüdlichkeit in. Ans-Hauen er- probt und weife, das, er mir ein r-

freue mich, einmal wieder an der . _

^^r'beflinnt'rnit den beiden Zeichnungen des Sechs, und Siebenjährigen den einxlaen die sich durch Zufall aus jener Zeit gerettet haben Damals hoben Eltern dergleichen noch nicht auf. Da Ist zuerst die Bekämpsuna der Drachensamitie. -underte von Kriegern l'nd gegen sie einflefefit Während der riesige Drachenvater von einem hohen ®ertift au# mit ®feilen beschossen wird, zerren an seinem Schwanz brei Kohorten von Lanzenträgern setzen ihm ,u.. Das Blut slietzt m Str m Die Drachenmutter steckt nur den Kop au» der -^öljle, aber d)onl|t il)r das Maut mit Stricken zusammengeschnürt, eine tofomohue m vor aelvannt es hilft nichts, sie mutz heraus. Und auch das arme Sranjen kind blutet schon unter wiitenden Axthieben «Dian feat ben Cinbrurf, W Drachen seien die gutmütigsten Tiere von der Welt, wenn man sie n. in Ruhe Hetze.

Kubin wohnt auf dem Lande, jenseits der bayerischen Grenze, schon im Oesterreichischen Er ist mir nach Passau entgegengekommen, und nun fährt uns der Zug durch das bewaldete Tal des mächtig drängenden lehmgelben Inn. Wernstein mit seiner hohen barocken Marlensaule unten am Flutz ist bald erreicht. In der Schlucht, die ein Bach zum Inn hi», untergerissen hat, wandern wir auswärts lieber «nme Wiesen näher,! wir p - - - - Zwickledt, dem Wohnsitz Kubin». Ein

Lärchenwipseln. Ein breiter gewölbter

Nachdem Kubin» Jugend von heilige» Krisen bin und her geschüttelt worbe» war er hatte sich al» Photograph und al» Soldat versucht und einen abenteuerlichen Selbitmordnersuch gemacht , hatte der Baler, ein Bermessungsbeamter In Zelt am See, geglaubt, der Sohn, der Idjon al« Knabe so viel gezeichnet, könne lchlietzlid) al« Zeichenlehrer sein Brot verdienen. So kant Kubin nach Tlündjcn. Die Alte Pinakothek versetzte ihn in einen Taumel. Er hatte vorher noch nie ein uilrflidje» Gemälde gesehen. In der Malschule lernte er mir korrekte Akte zeichnen.

Eines Tages ging er in» Kupferstichkabinett. Er hatte etwas von Max K Unger gehört und lieft sich seine Radierungen vorlegen. Da» brachte den Utnfchwung. Er hatte gar nicht gemutzt, dast man als Künstler jo etwas machen könne und dürfe.Dann kamt ich ja die Träume und Visionen, die mich Überfallen, auch so direkt zu Papier bringen!" Diese Erkenntnis durchzuckte Um wie ein Blitz. Er konnte plötzlich iinsagbare« machen. In einem Sd)assensransd) entstaitden viele Hunderte von Blättern.

Kubin legt Zeichnungen au» dieser ersten Periode vor mich aus den Tisch. Man hätte damals die Entwicklung, die sein Talent genommen hat, nicht Voraussagen können, diesen Weg in die Fälle, in da» sich immer wieder erneuernde Schassen

Da ist ein verbissene» -an» unter liefen, drückenden Wolkenzügen. (Ein Wolf aber e» ist kein Wals, on einem Wolf wüßte man doch, was man von ihm zu erwarten hättet ein Tier, viel fremder al» ein Mots, streift lautlos vorüber, Saud stäubt hinter ihm aus.

Ich erzähle Kubin, das, Id) ost mit Besuchern die Zeichnungen, die Id) von Ihm habe, ansehe und bann immer wieder da» Wort vom Vierfall hören mutz. Kubin erwidert:Denen, die mir von Verfall reden, könnte man entgegnen: Nehmt euch vielmehr an mir ein Beispiel, wie Ich mit den Dämonen der Unterwelt fertig geworden bin. AI» Ich diese Blätter zeichnete, war Id) sehr gesährdet. Alle» vor mir war in Dunkel gehüllt. Nur indem Id) bie Gefahr darstellte, konnte ich sie bezwingen. Ich sage den Menschen mit meinen Blättern eigentlich nicht« andere« al«: So einfach, wie Ihr glaubt, ist die Welt nicht. Ick) Hebe da» Vermummt« und Maskenhafte oer Dinge. Meine Traumwelt ist so real wie die Wirk­lichkeit. Der Untergrund, aus dem sie aurttelgt, ist mein starke« Natur- gesicht. Aber Ich zeichne die Natur nicht ab. Was ist Natur? Zur Natur gehört für mich vor allem das Leben aus bem Lande unter primitiven Menschen. Ich lebe mit Bäumen und Tieren. Wie oft habe Ich mit meiner Frau ein Reh aufgezogen. Ein» hatten wir sechs Jahre, e« bekam mehr- mal# Junge bei uns. Es ging zur -ochzeit In ben Wald and kam immer wieder zu uns zurück. Id) möchte bleie erste Periode nicht noch einmal durchmachen, trotzdem sie künstlerisch so sruchlbar war. Id) war zu sehr in mir selbst gefangen. Die -elrat rettete mich, sie brachte die Wendung zum Objektiven. Die Dinge um mich kamen endlich In Ord- ""yieue Mappen öffnen sich. Eapriccio», Tragikomödien, Idyllen, Mär­chen. Ein Orbis pietu» der beseelten und der unbeseelten Welt. Wo hört bas Unbcfeelte auf, wo fängt das Beseelte an?

Da ist zum Beispiel dieSchletzbude", In der, wenn der Schutz ge­hörten hat, die Eisenbahn burd) ben Tunnel rasselt, der -Irsch springt, der Trompeter bläst ober das Schiss untergeht. Aber ber alle Boron, her da« Gewehr an die Backe legt, und die Sdüetzbudensrmt, die an ber Kasse fitzt, sind ja selber nur Figuren In dieser rasselnde» Schletzbude "j Wenn Kubin dieFeindlichen Brüder" zeichnet, so braucht der Be­trachter keinen Roman dazu. Die Feitchsd)asl liegt Im Strich, in bem ausgerunbeten Rücken de» einen und bem zusammengezogenen be» "" Der'Zauberkünstler" steht mit seinem Stäbchen verlegen lächelnd auf dem Podium. Er reift nur noch in der Provinz, sei» Frack ist abgetragen: Er weitz: auch die Provinz glaubt Ihm nld>t mehr. Aber sie lächelt dock) noch, lind so bars er auch noch lächeln

Der junge Slmpllzlssimu« spielt, am Boden kauernd, In der -litte be« Einsiedler». Der yal einen uralten Schlafrock an, sitzt in einem uralten Lehnstuhl und lieft In einem uralten Buch. Ein Rade hockt auf dem Tifch, sein Schnabel ftötzt fcharf und schwarz In den Raum.

Zwei Dorfmädchen verfohlen mit Ihren Pantoffeln einen weibstollen Knecht Man hört ihr brelftlmmlgeo Geschrei. Entscheidend ist da nicht die Dorsgeschichte, man könnte sie auf hundert Arten zeichnen, and keine wäre knbinlsch. Nur Kubin aber täfel ben pantortelfchwingenden nwgeren Arm auf diese Weife ansholen, und gerade auf diese Welse kounnt eo an.

Braucht Kubin Geschid)ten? Er zeichnet einen allen Mutshof. Ein -euwagen steht vor der Scheune, ein Wanderer kommt müde die Stratze her ein -und drückt sich herum, Pappeln ragen auf. Nicht« passiert. Und die Zeichnung ist ebensosehr Stück der Kubinscheu Welt wie das Nachlbild wo ber nackte Elementargeist Im magischen Schein am Wege ausgllmm'l und das Pferd des Reiters scheuen macht.

Kubin könnte tagelang so sortfahren und ein Blatt nad) dem andern vor mich hinlegen. Da klappert ee In der mehlbestaubten allen Mahle, bie Schlange erschreckt die jungen Vögel Im Nest, der arabische Pr nz tänzelt aus roelfeem Zelter, windige Gesellen streichen burdm Gebüsch, bie Vogelscheuchen tun sich zusammen und machen einen Ausflug, der pfeildurchbohrte Greis reckt seinen Kops klagend zum Dimmet, r.nntfche Legionäre durchreiten den Danubius, ber verbummelte Zauberer kehrt wieder Helm zu seinem alten Drachen.

Kubin macht nie ins einzelne gehende Naturstudien. nur ganz kurze Bleistiftnotizen in Taschenbücher, er notiert zum Beispiel, wie ein Kopftuch ge altet wird, wie eine Baumwnrzel fld) um einen i in leg . (Es inb Stenogramme, Gedächtnishilfen, künstlerisch ganz unlntere Hanl. Er nimmt die Nalurforrnen eigentlich nur mit bem Auge ans Richt zeichnend, nur sehend srlsd)t er seinen Formenvorrat aufIch glaube keiner hat llch so ausschlietzlid) der Feder hingegeben und lie so tut ivlert wie ich. 2d) zeichne mH Nabenledern, Gänsesebern, Truthahnfebern, Rohr«