MhenerZamilienbliitter
Nummer 87
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang l937___________ Montag, den 8. November
ugenre ©
ROMAN
mnöet
von Honore de Balzac
16. Fortsetzung.
»Was wollen Sie denn, daß ich tun soll?"
ba§ ift "id)t '"eine Sache. - Sagen Sie es ihr
„Fräulein, Ihr Herr Vater möchte seine Güter weder teilen, noch ver- noch ungeheure Abgaben für das bare Geld, das er etwa besitzt bi ahlen. Aus diesem Grund müßte er also davon Abstand nehmen, die &We’ ganzen Vermögens zu machen, das sich he.ite ungeteilt Mscheu Ihnen und Ihrem Herrn Vater befindet..."
tkd zu ftirechen?"^ bie*er Sad)e 0anj i'cher, um so davon vor einem
„Lassen Sie mich doch reden, Gründet."
»Ja, ja, mein Freund. Weder Sie noch meine Tochter wollen mich aus-
Vmdern, nicht wahr, Töchterchen?" 1
Herr Cruchot, was habe ich zu tim?" fragte Eugenie ungeduldig. . •’j*un / Ipflte der Notar, „es müßte dieser Akt unterzeichnet iverden, E ff" Sie auf die Erbschaft Ihrer Frau Mutter verzichten und Ihrem -i er den Nießbrauch der zwischen Ihnen ungeteilten Güter lassen würden, »mn bloßes Eigentum er Ihnen zusichert..."
„Jäh verstehe nichts von all dem, was Sie mir sagen", antwortete Meme. „Geben Sie mir den Akt und zeigen Sie mir die Stelle, wo ich merschreiben muß."
■ Granbet sah abwechselnd den Akt und seine Tochter, seine Tochter Mi den Akt an und empfand dabei eine so heftige Gemütsbewegung, daß Mch ern paar Schweißtropfen abtrocknete, die ihm auf die Stirn getreten
Töchterchen", sagte er, „wenn du, anstatt diesen Akt zu'unterzeichnen,
-! " Eintragung sehr teuer ist, ohne Vorbehalt auf die Erbschaft deiner , verzichten wolltest und dich hierin auf mich verlassen für die Zukunft, piore mir das lieber. Ich würde dir dann alle Monate eine hübsche große wte von hundert Franken geben. Schau, du könntest so viel Messen lesen PIlM, als du nur magst für alle, für die bu es willst... Was? hundert Mi len monatlich, in Livres ?"
j lJch will alles tun, was Sie wünschen, Vater."
Fräulein", sagte der Notar, „es ist meine Pflicht, Sie darauf anfmerk- Mqu machen, daß Sie sich berauben ..."
! ^ch, lieber Gott!" sagte sie, „was macht mir das aus?"
.Nuhig, Cruchot! — Es ist gesagt, es ist gesagt!" schrie Gründet, nahm
>and seiner Tochter und schlug damit in die seine. „Eugenie, du nimmst
F'E,Zurück,t du bist ein rechtschaffenes Mädchen, was?"
^>ßte sie überschwenglich und erdrückte sie fast in seinen Armen.
urein Kind, dn schenkst deinem Vater das Leben; aber du gibst Wvieder, was er dir geschenkt hat: wir sind quitt. So sollen sich Geschäfte ' »,^'En. Das Leben ist ein Geschäft. Ich segne dich. Du bist eine tugendhafte i rZ' b’e ir,ren Papa sehr lieb hat. Tu jetzt, was du willst. — Auf morgen t sj.'ffffhot", sagte er zu dem erschrockenen Notar. „Sehen Sie zu, den '! ff Verzichtleistung in der Gerichtskanzlei gut vorzubereiten."
"u nächsten Tag, gegen Mittag, wurde die Erklärung unterzeichnet, Mi? öle Eugenie selbst ihre Beraubung vollzog. Jedoch hatte der alte t öt >Ber *ro^ seinem Worte am Ende des ersten Jahres noch nicht einen ff, ""hundert Franken herausgerückt, die er seiner Tochter so feierlich i^- pochen hatte. Daher konnte er auch nicht umhin zu erröten, als Eugenie
Scherz davon sprach; er stieg eifrig in sein Kabinett hinauf, kam Ute* hielt ihr ungefähr ein Drittel der Kleinodien hin, die er feinem abgenommen hatte.
ftKleine", sagte er in einem Ton voller Ironie, „willst du das ffe zwölfhundert Franken haben?"
Vater, wirklich? geben Sie sie mir?"
si > ? ■ "ffe dir ebensoviel im nächsten Jahr bringen", sagte er und warf (dJ ;n ff Schürze. „So wirst du in kurzer Zeit alle Berlocken von ihm fty? ' fügte er hinzu und rieb sich die Hände, glücklich, daß er auf das
L s^ner Tochter spekulieren konnte.
[eh; ■ ^erhin fühlte der Greis, obwohl er noch rüstig war, die Notwendig- ^ Tochter in die Geheimnisse des Haushalts einzuführen. Während
ii^ ^' solgenden Jahre ließ er sie in seiner Gegenwart die Einzelheiten [c „ u!e bestimmen und die Abgaben entgegennehmen. Er machte sie
'N und der Reihe nach mit den Namen und der Größe seiner Gehöfte
O . N""s Jahre verstrichen, ohne daß irgendein Ereignis in dem einförmigen ff e" Eugenies und ihres Vaters besonders hervortrat. Es waren immer ff^^en Tätigkeiten, misgeführt mit der chronometrischen Regelmäßigkeit der Schlage der alten Wanduhr. Die tiefe Schwermut Fräulein Grandets war fiir niemanden em Geheimnis; aber wenn auch jeder die Ursache davon ahnen konnte, so hatte, doch niemals ein von ihr ausgesprochenes Wort die Vermutungen gerechtfertigt, die sich alle Gesellschaftskreise von Saumur ff betc"' "ff das Herz der reichen Erbin beschwerte. Ihre einzige ff ff* u"d ein paar von deren Freunden/dw Mbi» in K8 ■tm ^ni‘fe eingeführt hatten. Sie Hütten ihr beigebracht, E °u spielen und kamen jeben Abenb, um ihr Spielchen zu machen ^m J"hr 1827 war ihr Vater gelungen, ba er bie Beschwerben feiner Gebrech- Jff'".ff..Geheimnisse seines territorialen Vermögens ein- S"! mch sagte ihr, sie solle sich im Fall von Schwierigkeiten an ben N°tar Cruchot wenden dessen Rechtlichkeit er kannte. Darauf mürbe ber Hn^-eQb/^ ffes Jahres, in seinem zweinnbachtzigsten, von
ffff ^ffn*8 hofallen, bie schnelle Fortschritte machte, ©raubet wurde ff"" .ff rgerm anfgegeben. Beim Gedanken daran, daß sie bald in ber Welt allem stehen würbe, hielt sich Eugenie sozusagen noch nüber rum ffff- uubschloßdies letzte Baub ber Zuneigung 7ock7fester.LNl/rem ®ebanfentrei§, mte in bcm aller liebenden Frauen, mar die Liebe itire w7e t' ffb "'cht da. Wundervoll mar sie in ihren Sorgen
“ff Aufmerklamketten für ihren alten Vater, dessen Fähigkeiten anfingen ÄnJa ffffa v ff*3 sich instinktiv erhielt. Und auch der Tod dieses ffffff stach nicht von seinem Leben ab. Am frühen Morgen ließ er sich hff ffff rffn *etff Rimmers und die Tür seines Kabinetts rollen,
das sicher voll Gold mar. Dort blieb er bemegungslos, aber mit Aengstlichkeit ZI ff 8a £ ff ff 'hu besuchten, bald bie eisenbeschlagene Tür. Er ließ sich über bas geringste Geräusch, bas er hörte, Rechenschaft ablegen, und zum großen Erstaunen bes Notars hörte er feinen Hunb im Hof gähnen. ®r eff ffffff seiner scheinbaren Starrheit am Tage unb in ben Stunden, mo bie Pachter empfangen Abrechnungen mit ben Meiern gemacht ober Qinttungen ausgestellt merben mußten. Alsbann bemcgte er feinen Rollstuhl, bis er sich gegenüber ber Tür seines Kabinetts befand. Er ließ sie sich von seiner Tochter öffnen unb machte barüber, baß sie heimlich selbst bie Sacfe mit Silber anfemanber stellte unb bie Tür abschloß. Dann begab er s"h seinen Platz zurück, schmeigsam, sobalb sie ihm ben kostbaren Schlüssel mtebergegeben hatte, ber immer in ber Tasche seiner Weste steckte unb beit er von Zeit zu Zeit befühlte. Inzwischen verdoppelte fein alter Freund, ber Notar,'ni Bewußtsein, baß bie reiche Erbin notmenbigermeife feinen Neffen, ff" .Präsidenten, heiraten mürbe, menn Charles nicht wiederkehrte, seine Fürsorge unb Aufmerksamkeiten: er kam alle Tage, um sich ben Wünschen @ranbet§ jur Verfügung zu stellen, ging in feinem Auftrag nach Froibfonb, zu ben Gutem, zu ben Wiesen, zu ben Weinbergen, verkaufte bie Ernten unb uermanbelte alles in Golb unb Silber, bas sich heimlich mit ben im Kabinett aufgestapelten Säcken vereinigte. Dann kamen bie Tage bes Todes- küinpfes, mo ber kräftige Körperbau des Alten mit bem Untergang rang. Er wollte m ber Ecke am Feuer sitzen bleiben, vor ber Tür seines Kabinetts. Alle Decken, bie man auf ihn legte, zog er eng an sich heran, rollte sie auf und sagte zu Nanon:
„Steck das fest, fest ein, damit man mich nicht bestiehlt."
Wenn er bie Augen öffnete, in bie sich fein ganzes Leben geflüchtet hatte, richtete er sie ülsbalb auf die Tür feines Kabinetts, wo seine Sckätze verborgen lagen, wobei er zu seiner Tochter sagte:
„Sinb sie brin? Sinb sie brin?" mit einem Tonfall, ber eine Art panischer Furcht verriet.
„Ja, Vater."
„Wache über bas Gold! — Leg Gold vor mich hin."
Sie breitete ihm Louis auf den Tisch aus unb so blieb er ganze Stunben, dw Augen auf bie Louis gerichtet, so wie ein Kinb, bas anfängt zu feilen, stumpfsinnig benfelben Gegenstanb anblickt; unb wie ein Kind brachte er ein mühsames Lächeln hervor.
„Das erwärmt mich", sagte er manchmal, unb auf feinem Gesicht erschien ein Ausbruck von Glückseligkeit.
Als ber Pfarrer der Gemeinde kam, um ihm die letzte Oelung zu spenden, belebten sich seine Augen wieder, bie seit einigen Stunben erloschen schienen, beim Anblick bes Kreuzes, ber Leuchter, bes silbernen Weihwasserkessels, ben er starr ansah unb seine Geschwulst bewegte sich zum letztenmal. Als bet Priester seinen Lippen das vergoldete Kruzifix näherte, um ihn das Abbild Christi küssen zu lassen, machte er eine schreckliche Gebärde, um es an sich zu reißen, und diese letzte Anstrengung kostete ihm das Leben. Er rief Eugenie, >ie er nicht sehen konnte, obwohl sie neben ihm niebergefniet war unb seine schon kalte Hand in ihren Tränen'


