m(ah in Schnürleibchen, langen Wespentaillen und bauschigen Röcken mit angeschnittenen Schleppen; einige tragen hohe Spitzenfontangen, an­dere kostbare Seidenhauben mit kostbaren Steinen. Hinter ihnen sitzen oder stehen die Männer im Just-au-Corps, einem enganliegenden Rock mit langen Schößen, auffallend großen Aermelaufschlagen und breiton Taschenklappen, dazu enge Kniehosen, lange Seidenstrumpfe, Zierliche, mit Schnallen oder Flügelschleifen geputzte Schuhe und würdige Locken- ^Eine Schelle scheppert durch den Saal. In einem anmutigen Pagen­kostüm tritt die Neuberin aus dem Vorhang, erläutert mit wenigen Worten das Kommende und gibt ein Zeichen. Langsam, ab und zu stockend hebt sich der verwitterte Vorhang in die Hohe und gibt den Blick frei auf einen Scheiterhaufen. Unter Musik wird dieser ange­zündet. Von rechts naht ein Zug vermummter Gestalten, die Musik wird feierlicher Einer trägt auf einer Stange den Hanswurst voran, eine Strohpuppe in einem aus vielen hundert Flicken zusammengesetzten Gewand; die Vermummten haben alle Stricke in der Hand, die der Puppe um Hals und Arme und Beine geschlungen sind Wre ein müder Altersschwacher schwankt der traurige Popanz zu dem Holzstoß hin und wird unter dumpfem Gemurmel in die rauchende Flamme geworfen. Nun fchreitet von der anderen Seite die Neuberin daher in dem Gewand der deutschen Muse, nimmt neben demGeloder" Aufstellung und spricht in ihrer gedehnten Art das von ihr selbst verfaßte Todesurteil, während der Rauch des Feuers durch das rückwärtige Fenster abzieht:

Fahr hin, unrühmlicher altmodischer Geselle, Hanswurst und Harlekin! Du stirbst aus dieser Stelle. Mit deinem Zotenkram hast du uns lang traktieret Und unsre Sittsamkeit genügend attaquieret. Einmal stirbt alles aus, sogar die Schweinerein. Wir wollen künftighin mit Anmut ernster sein.

Weitere symbolische Zeremonien folgen, alle drücken die grenzenlose Ver­achtung des alten Pickelhering aus, ihm wirddie Strafe für das von ihm seit Jahrhunderten angerichtete Unheil". Am Ende kommt Professor Gott­sched begeistert auf die Bühne und drückt der Neuberin stumm die Hand ^"chier und da findet das mutige Vorgehen der Neuberin Nachahmung, schläft aber mancherorts bald wieder ein; immer heftiger werden ihre Gegner, darunter nicht selten gelehrte Köpfe. Sie bleibt ihren Grundsätzen treu und gerät in immer tiefere Not. Sie führt die ersten Stücke des jungen Lessing auf, aber das Volk will anderes. Kriegswirren tun das übrige, ihre Gesellschaft löst sich auf, dann stirbt ihr treuester Lebens­gefährte, ihr Mann, Johann Neuber. Freunde nehmen die Verarmte auf, die sich einen kargen Unterhalt mit Gelegenheitsversen und Näharbeiten zu verdienen sucht. Was sie noch aufrecht erhält, ist der Gedanke, die deutsche Schauspielkunst durch die Verbrennung des Hanswurst auf neue, gesunde Wege geführt zu haben.

Am 30. November 1760 stirbt sie. Der alte Mühle, bei dem sie wohnte, drückt ihr die Augen zu, zimmert ihr einen Sarg und bringt sie, da niemand eine Komödiantin zur letzten Ruhestätte fahren will, auf einem Schubkarren am anderen Morgen zum nächsten Pfaitrkirchhof. Weil der Pfarrer sich weigert, einersolchen Frauensperson" den Friedhof zu öffnen, muß der Sarg Uber die Mauer gehoben werden. Schnell ist ein Grab geschaufelt, die Tote hineingebettet. Der Enkel des Alten fragt, ob die Frau eine Verbrecherin gewesen sei.O bewähre", meint der Alte er weiß es nicht bessersie war nur ein Theatermensch".

Oer Bär.

Ion H e r y Jl e n z e l.

In dieser Geschichte geht es ein. wenig bunt zu, wie es sich eben; für Geschichten aus der Kirmeszeit gehört. Wenn die Weiber ihre farben­prächtigen Kleider aus den Schränken suchen und in den Kneipen die Schnapsflaschen von grün bis rot aus der Reihe tanzen für all die durstigen Kehlen, dann ereignet sich auch schon manches, worüber die Leute hinterher die Köpfe schütteln, und was sie sich gern immer wieder erzählen, wenn sie behaglich in anderen Stunden beieinander sitzen. _

Das war vor einigen Jahren, da im Grenzmärkischen nach einer Kette von Mißernten der Roggen sich unter der Last der Aehren tief beugte und der Weizen statt der Körner fast gleich die Goldstücke trug, die man für ihn gewinnen sollte. Es gab eine Ernte, die alle Sorgen und Nöte der vergangenen Jahre aufwog. Man weiß, wie das Bauern- volk dann zu feiern versteht, aber am besten wissen das freilich die fahrenden Leute, braunpfiffiges Zigeunervolk. Die lesen es dem Himmel ab oder schmecken es an den Winden, woher es am fettigsten weht. Genug, sie sind da, wo die Geldstücke am lockersten fitzen und wo die jungen Hähne am brutzeligsten braten. Und so kamen sie diesmal ins Grenzmärkische, rechtzeitig, und mit ihren Kartenkunststücken, ihren Zirkuspossen und allerlei Schaustellungen, mehr als geduldet.

Abgesehen von einigen kleinen Betrügereien, die man seltsamerweise entdeckte und die man ihnen gutmütig nachsah, ereignete sich auch nichts oder wurde doch wenigstens nichts offenbar, weswegen man sie hätte aus den Dörfern peitschen sollen. Ihren Geigen und Tamburins hörte man schon gerne zu. So spielten sie auf den Straßen, und die Aeffchen und brummenden Bären tanzten dazu. An den Zeltwagen gab es noch mehr zu bestaunen, und in den Zirkussen des Abends erhob man sich mit auf das Drahtseil zwischen den Sternen, und in dem Gelächter über die Possen der Spaßmacher befreite man sich herrlich aus aller Arbeits- schwere.

Die Zigeuner hatten es gut und die eingesessenen Musikanten nicht schlechter. Es war, als tanzte die ganze Landschaft, so scholl es aus den Dorfkrügen von Geigen und Pauke und Brummbaß.

Aber dies alles wäre heute schon vergessen und kaum noch bedacht, würde nicht eines Tages die Schreckensnachricht die Dörfer durcheilt haben, in der kleinen Stadt, die zu ihnen gehörte, habe sich einer der Zigeunerbären befreit, der stärkste und böseste eben, und es sei wohl nun keiner mehr sicher vor ihm in den Aeckern und Wäldern. Von Ange- fallenen und Toten gar wollten die nächsten Berichte wissen, und die Angst war nun groß bei vielen, obwohl man es ebenso erfahren hatte, daß schon Jäger und Polizei aufgeboten waren, um das entsprungene Tier zu sangen. Gewiß würde man es bald haben, hieß es in den amt­lichen Meldungen. .

Zu der Zeit, eben als der Bär noch umherlres, war auch m einem der versteckteren Dörfer noch Tanz gewesen, und es war auch hier lustig wie überall zugegangen, so daß die Musikanten manchen Freitrunk be­kamen und immer noch ein Stück aufspielen mußten. So kamen sie erst spät in der Nacht dazu, ihre Instrumente endgültig fortzulegen und einzupacken. Den weitesten Heimweg von ihnen hatte der Brummbaß- Spieler. Er machte sich also am frühesten auf, aber er sollte nicht weiter kommen als die anderen, die alle unterwegs liegenblieben.

Als alter Vagabund jedoch hatte er sich rechtzeitig noch von der Straßk sortgeschlagen und war über eine Lichtung hin in die Tannen ge. krochen. Da wäre er wohl auch bis in den Mittag liegengeblieben, hätte ihn nicht nach Stunden schon, eben noch vor Morgen, ein aufsteigendes Gewitter geweckt und vertrieben. Soweit nüchtern war er schon wieder, um bis zum nächsten Bauernhof zu finden. Nur den Brummbaß hatte er vergessen. Als er es endlich bemerkte, war er schon glücklich in dec Scheune im Stroh, brummte verdrießlich, aber machte doch eine weg­werfende Geste, großartig wie ein König, der Im Trünke sein Reich verschenkt, und legte sich nieder, um erst mal weiterzuschlafen. So wollen wir ihn auch ruhig schlafen lassen. Denn wer uns jetzt mehr angeht, das ist der Herr Wirt vomGoldenen Lamm", eben aus der kleinen Stadt, aus der der Bär entlief.

An diesem Morgen war es, zur Zeit, da das Gewitter stch schon entladen hatte, daß er nach feiner Doppelbüchse griff und beschloß, auf Jagd zu gehen. Seine Frau tarn gerade dazu, wie er den Hut aus­setzte und sich zur Tür wandte. Sie war erschrocken und erstaunt zu­gleich, denn sie glaubte nichts anderes, als daß er entschlossen fei, den Bären auszutreiben und zu erlegen. -

Mann", rief sie gleich,willst du denn gar nicht an deine Frau und Kinder denken. Den Bären! Dich hat es wohl?!"

Mein Gott, was war in ihn gefahren, der doch sonst alles bedachtsam überlegte, der auf alles ein Wenn und Aber halte, wenn sie am Biertisch politisierten. ,

Er warf die Türe zu und schritt hinaus, em Held, den ihr Weh­klagen nicht zurückrufen konnte.

Nun müßt ihr wissen, daß er an das Gezeter seiner Frau schon ge­wöhnt war, daß er, als er sie diesmal nur kommen hörte, schon gleich Einwendungen ahnte und so seine Ohren taub stellte und schnell ihr ent- sloh, ohne auch nur eins ihrer Worte richtig aufzunehmen. Zudem hatte er die Nacht durchgezecht, und sein Schädel war so voll Bienen, daß das auch so gar nicht verwunderlich war. Ihn hatte es eben Über­fällen, auf Jagd zu gehen, und so war er hinausgekommen.

Der Bär fiel ihm erst ein, als er schon mitten im Walde war. Da war er mit eins wieder nüchtern. Da stand er nun, der Wirt vom Goldenen Lamm", und der Wald war gleich stiller noch, und sein Herz konnte er schlagen hören. Wo war wohl der Bär? Leise suchte der Jäger wieder vom Walde weg auf den Weg zu kommen.

Aber da hielt es ihn bald. Dicht an der Lichtung, beinah am Wege, dort, wo wir wissen, der alte Musikant seinen Brummbaß unter den Tannen hatte stehenlassen, da packte es den Wirt, daß er vor Schrecken wieder verhielt. Ja, da brummte der Bär nun. Ja, da stand er groß und braun unter den Tannen, ein Untier. Jedesmal, wenn der Wind einen der Tannenzweige über die Saiten des Brummbasses trieb, brach dem kühnen Jäger neuer Angstschweiß aus.

Brumm! machte der Brummbaß.

Brumm! murrte der Bär hin zum Wirk.

Nun mußte er handeln, nun mußte er das einzige versuchen, was ihn noch retten konnte, nun mußte er schießen.

Brumm! machte der Brummbaß.

Brumm! murrte der Bär.

Da knallte es auf, und noch einmal knallte es und noch einmal. Uno da fiel dann der Brummbaß, da fiel dann der Bär.

In die Stadt zurück raste der glückliche Schütze, der Retter der Bauern und Bürger.

Wen er nun traf, der erfuhr es, hastig ihm zuzurufen. Der Bär «ft erledigt, der Bär von ihm getroffen, der ihn fast selber zerfleischte.

Unmöglich!" sagte der Bürgermeister. Aber der Wirt vomGoldenen Lamm" versicherte es immer wieder. Ha, abends sollte es einen Fest' schmaus bei ihm geben. Die lachenden Gesichter der Gerichtsschreiber und Polizisten mußte er sich ja ganz anders deuten, denn er wußte es j» noch nicht, daß der Bär heute morgen verhungert und friedfertig, j«, man kann sagen, reumütig fast, bei den Zeltwagen der Zigeuner von selbst wieder sich eingefunden hatte.

Und das sagte man ihm auch jetzt noch nicht. So schadenfroh können die Menschen sein, wenn sich einer wie ein Held gebärdet und nicht ahnt, wie komisch er wirken muß. Ja, es tot noch der Bürgermeister ein übriges dazu und fuhr mit demGoldenen-Lamm"-Wirt zur Stätte seiner Heldentat hinaus.

Da war freilich der Bär nicht zu finden. Aber der alte Musikant stand da und hielt bekümmert seinen zertrümmerten Brummbaß in den Händen.

Sehen Sie, Herr Bürgermeister", sagte er,sieh mal, Lammwnt, hier hatte nun ich auch gelegen, hätte mich das Gewitter nicht rechtzeuig geweckt. Da ist nun der Blitz bloß in den guten alten Brummbaß 9e fahren."

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Srudt «nd Verlag: Drühlfche UniversitätSbruckerei R. Lange, Gießen.