„Nein! Ich weiß davon nichts. Ich sah nur, daß Ihre Brigg zu uns heransegelte. Wie ich zu diesem Traumgesicht kam, ist mir ebenso rätselhaft wie der Eindruck, daß mir alle Dinge auf Ihrem Schiff wie seit langem vertraut sind. Ich stehe vor einem Rätsel ..."
Nach dieser Aussage erzählte Bob Lee ihnen die Begebenheit in der Kajüte — und da sie keine Erklärung für all dieses Seltsame fanden, setzten sie ihre Fahrt fort, ohne das Rätsel gelöst zu haben.
Die Geschichte aber trug er in sein Logbuch ein, das bei einer Versteigerung aufgefunden und von einem Kapitän erstanden wurde, der sie eines Abends erzählte.
Märztag.
Von Detlev von Liliencron.
Wolkenschatten fliehen über Felder, Blau umdunstet stehen ferne Wälder.
Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen, Kommen schreiend an in Wanderzügen.
Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen, Ueberall ein erstes Frühlingslärmen.
Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder, Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.
Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen, Wollt es halten, muß es schwimmen lassen.
Der Schlangenbiß.
9t-in .<) n n T e r.
Er spürte einen Stich in der rechten Ferse und fuhr mit dem Friß hoch. Hier sind doch keine Dornen! Es könnte aber doch sein Oder ein spitzer Stein, ein Knochen, irgendwas. Es war gar kein Stich, sondern ein Kratzen, ein Ritzen, richtig wie von einem Dorn. Natürlich gab es Dornen genug, gab es doch Kakteen.
Er ging zurück, um die Stelle zu untersuchen. Eine geringelte, feine Spur!
Jetzt kam der Schmerz im Fuß, ein Stich in regelmäßigen Abständen, ganz regelmäßig wie das Ticken einer Uhr. Sonderbar, so takt- mäßig.
,Lch bin doch nicht gebissen", sagte er laut. Es wurde ihm heiß. Er wußte es beinahe sicher, wollte es nur nicht zugeben. Hatte er nicht eine Sekunde vor dem Stich so etwas wie einen weichen Strick unter der dünnen Sohle gespürt, den er gestreift hatte, nur gestreift, nicht getreten, aber doch berührt? Vielleicht war es eine Täuschung? Nein, es war ganz deuilich gewesen.
Jetzt erst, nachträglich, schauderte ihn. Kann denn das fein? Wäre ja zu dumm. Pah, warum denn ausgerechnet ich? Schlangenbisse sind selten, sehr selten. Die Indianer werden hundert Jahre alt. Tausendmal mehr Menschen werden vom Auto überfahren. Schlangenbiß? Schlangenstich müßte es eigentlich heißen. Ja, nun kann ich darüber nachdenken. Gerade ich, das wäre ja noch schöner.
Ich will jedenfalls, — besser ist besser, ich muß den Kratzer untersuchen.
Er wußte es ganz gut, ganz 'genau, gab es nur nicht zu, redete sich fortwährend das Gegenteil ein. Es war eine sehr ungünstige Stelle, am Hacken, wo die harte Haut der Ferse zu Ende ist und die weiche des Fußes beginnt. Wenn man es wenigstens aussaugen könnte! Er zog den Schuh aus, kniete nieder, drehte sich nach hinten um. Ein kleiner Blutstropfen, vorn Schuh verwischt, weiter nichts. Nur merkwürdig schwarz. Es schmerzte nicht heftiger als ein eingetretener Dorn, wenn man auf die Stelle drückt oder tritt. Aber immerfort, taktmäßig. Und durch das dicke Segeltuch! Ist ja gar nicht möglich! Er wollte lachen. O ja,- es war sehr gut möglich!
Nun wurde der Schmerz heftig, stach tiefer.
Es gibt solche, wo man sofort tot ist, im Augenblick; und solche nach acht Stunden; und solche nach vierundzwanzig Stunden. Aber auch solche, die überhaupt nicht tödlich sind. War es denn eine Klapper? Ich kenne die Klapperschlange zücht, habe noch nie eine gesehen. Es gibt ganz harmlose Schlangen. Wenn ich Schießpulver hätte, das wäre gut. Sechs Schnitte, eine Portion Pulver drauf und angezündet, das zieht alles raus. Es ist ja vielleicht kein Gift, ober nur ein unschädliches. Eine Machete habe ich. — z
Er probierte die Schneide. Sehr scharf war sie nicht. Ich hätte sie aber auch schleifen können im letzten Dorf. Sicher war da irgendein Schleifstein.
Die Stelle war recht ungeschickt. Vorne wäre zehnmal besser gewesen, man hätte hantieren können. Nun, die Schnitte waren zu machen, es war nicht schwierig. Er schnitt einen in gerader Richtung und zwei quer, ein X mit einen senkrechten Strich durch die Mitte. Etwas zu vorsichtig male ich da, ich hätte ruhig ein wenig tiefer schneiden dürfen! Es blutete dennoch ganz ordentlich. Ganz schwarz. Das war Gift, da half kein Leugnen.
Und es war ja auch das Vernünftigste, der Gefahr ins Auge zu schauen, statt sie sich zu verhehlen. Aber was nützte es schließlich, es kam aufs selbe heraus.
Also auch eine moralische Wirkung, dachte er. Man gibt sich schon 0 verloren. Wirkung auf die Nerven. Man muß die Nerven beiseite ,.en, ausschalten, vergessen!
Das Auspressen war schwieriger. Er konnte nicht die ganze Kraft anwenden. Er drückte, so stark er konnte, die Fingernägel tief eingrabend.
Jetzt fiel ihm etwas ein. Er hatte ja eine Schachtel Streichhölzer, gut halb voll. Aber wie das anstellen an der dummen Stelle? Er versuchte, auf die Kante des Fußes drei, vier Streichhölzer übereinander zu legen. Sie glitten herunter.
Die Sonne stand schon tief im dunstigen Westen. Manchmal blickte er auf, schätzend, wie spät es sein könnte. Eine, vielleicht auch zwei Stunden konnte es noch dauern, bis es dunkel wurde. So lange konnte er also noch gehen. Er baute vor sich alle Zündhölzer auf, bis auf zwei, die er an die Schachtel zurücksteckte, und eines zum Anzünden; in Sternform häufte er sie übereinander, die Zündköpfe nach innen. Es siel ihm ein, wie sie früher, vor Jahren, angeheitert, übermütig, eine Schachtel Streichhölzer, die in einem Kaffeehaus in einem vernickelten Halter auf dem Tisch stand, angestecki hatten. Pusch! Auf einen Schwupp war die ganze Schachtel voll Hölzer abgebrannt. Lausbubenstreiche.
Einen solchen Schwupp tat es jetzt auch, als er das Häufchen an* steckte, den Fuß darüberhaltend. Der Brandschmerz war nicht so schlimm, ein Stich durch das Bein bis zum Oberschenkel, ober war der andere Schmerz der stärkere? Er wünschte, das Brennen hätte mehr geschmerzt, weil er annahm, daß die Wirkung bann um so besser sein müsse.
Ob er so die gleiche Wirkung hat? Es wäre besser gewesen, das Feuer auf dem Fuß abjubrennen, das ist klar. Sie sagen, bann zerreißt es die Wunde in Fetzen, öffnet sie mehr. Nun, es war eben nicht anders gegangen.
Er riß fein Taschentuch in drei Streifen, knüpfte sie zusammen und verband die Ferse. So eine dämliche Stelle, das kann ja niemals halten. Er richtete sich auf. Seine Beine waren steif vom Knien und Hocken, das verwundete fühlte sich holzig an.
Abbinden! fiel ihm ein. Verdammt, die Hauptsache! Er setzte sich wieder hin, nahm den Verband ab und umbanb den Fuß oberhalb des Knöchels.
Wie konnte ich das vergessen! Äußerem ist der Verband schwach und nicht sachgemäß. Er versuchte zu gehen. Es ging. Der Schmerz der Brandwunde schien nun allerdings erst zu kommen. Es war eine richtige Blase. Doch Der andere Schmerz war der stärkere. Es fuhr hin und her durch das Bein bis zum Knie wie ein spitzes Eisen mit Widerhaken. Das ganze Bein schwoll an. Den einen Schuh trug er in der Hand. Er wußte es nicht mehr. Plötzlich sah er ihn, schaute ihn an. Was sollte er damit, das vertretene unnütze Ding. Er warf ihn weg. Der rechte Fuß war schon so geschwollen, daß er noch einmal so dick schien wie der linke. Es war ein Gefühl, als hinge unter der Fußsohle ein dicker, saugender Schwamm, er konnte nicht richtig auftreten, der Fuß war zu lang, er mußte sich erst daran gewöhnen, hinkte erbärmlich. Ein Stock wäre besser gewesen als der formlose, schädige Fußlappen, ein Stock, um sich darauf zu stützen. Ist denn nirgends ein Stock?
Die Steppe schwieg, kahl und flach, weit und breit kein Strauch und kein Ast.
Wenn nur die Sonne noch blieb, bis er zu Menschen kam. Sie ging ganz langsam wie immer, aber ihm schien es, als rase sie mit entsetzlicher Geschwindigkeit dem Dunstrand der Erde zu, um jeden Augenblick zu versinken. Man kann sie nicht aufhalten, nichts tonn man aufhalten, es geht seinen Gang, ein Uhrwerk, ein grausamer Mechanismus, alles geht weiter, niemand kann es aufhalten. Er sah einen Schatten, er war riesig lang. Die Sand ebene verfärbte sich blaßrot, dann immer feuriger. Und dabei wurde es kühler. Eine Viertelstunde nach, zehn Minuten, dann war es Nacht, kam die erbarmungslose tropische Finsternis.
Und er humpelte und hinkte, mit kleinen Schrittchen, hüpfend, schweigsam, langsam, eine verwundete Schnecke.
Ich könnte mich eigentlich hinsetzen und eine Zigarette rauchen! Wozu die Plackerei.
Da, nicht weit, erhob sich eine schwache Bodenwelle aus der grau erkalteten Steppe. Eine Vodenerhöhung, eine Oase. Daß er die nicht eher gesehen hatte! In der Nähe eines solchen Erdhaufens ist immer eine dünne Quelle ober zum mindesten eine Pfütze, ein sumpfiges Wasserloch. Und wo Wasser ist, da ist auch eine Haltestelle für die Reifenden, für die Tiere irgend eine Unterkunft, eine Hirtenhütte, ein Rastplatz, Menschen- stall, D'ch auf vier Pfählen.
Er spähte in die sickernde Dunkelheit, hüpfte weiter, schleifte das kranke Bein nach wie einen hölzernen Stelzfuß. Es war wirklich so etwas wie eine Hütte, eine Mauer, ein Haus. Aber kein Feuerschein. Vielleicht doch, man sieht ihn nicht immer gleich. Es stand davor. Eine Hausruine aus zerbröckeltem Lehm. Die dürre Mauer war noch warm von der Sonne.
Lange blieb er so stehen, an die warme Mauer gestützt wie auf einen tröstenden Freund. Dann schob er sich durch die Türöffnung hinein. Schutt, Unkraut, Unrat. Er ließ sich niederfallen wie einen schweren Sack. Geborgen, unter Dach. Der Mensch braucht ein Dach über sich, wenn es auch zerlöchert ist, wenn auch die Sterne Durchblicken. Irgendwo in der Nähe war ein Tümpel, in kurzen Abständen quakten die Ochsenfrösche. Fledermäuse schwangen um das zerbrochene Dach, streiften ihn auf der Jagd nach Mücken und Nachtschmetterlingen. Und hell und rasend wie zu wirbelndem Tanz geschlagene Stahlsaiten zirpten die Grillen.
Der Kopf schmerzte ihn, Uebelkeil würgte. Von Norden kam ein feiner Wind, trug den kühlen, giftig übersüßen Hauch des Waldes her.
Ihn fror. Bin ich denn schon so müde, daß mir die Augen zufallen? Er griff sich ins Gesicht, fühlte unter den Augen. Das Gesicht war geschwollen. Er betastete es. Fürchterlich geschwollen. Die Augen steckten tief im aufgequollenen Fleisch.
Er war noch wach, als die heiße Frühsonne durch das zerstörte Gebälk stach. Er war wach, schlief nicht, er spürte jetzt keine Schmerzen mehr. Und er sah alles ganz genau. Der schmale, dunkelblaue Streifen am Fuß der Mauer, wer mochte den so schön blau und kühl gemalt haben?
Verantwortlich Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche Univerlttäts-Buch. und Steindruckeret. «.Lange, Gieße«.


