Liebhaber in allen Gestalten.

Von I. W. v o n Goethe.

Ich wollt', tch wär' ein Fisch, So hurtig und frisch;

Und kämst du zu anglen. Ich würde nicht manglen. Ich wollt', ich wär' ein Fisch, So hurtig und frisch.

Ich wollt', ich wär' ein Pferd, Da wär' ich dir wert.

D wär' ich ein Wagen, Bequem dich zu tragen.

Ich wollt', ich wär' ein Pferd Da wär' ich dir wert.

Ich wollt', ich wäre Gold, Dir immer im Sold;

Und tätst du was kaufen, Käm' ich wieder gelaufen. Ich wollt', ich -wäre Gold, Dir immer im Sold.

Ich wollt', ich wär' treu. Mein Liebchen stets neu;

Ich wollt' mich verheißen, Wollt' nimmer verreisen. Ich wollt', ich wär' treu. Mein Liebchen stets neu.

Ich wollt', ich wär' alt Und runzlig und kalt;

Tätst du mir's versagen, Da könnt' mich's nicht plagen. Ich wollt', ich wär' alt Und runzlig und kalt.

Wär' ich Affe sogleich. Doll neckender Streich';

Hätt' was dich verdrossen. So macht ich dir Possen. Wär' ich Affe sogleich, Doll neckender Streich,

Wär' ich gut wie ein Schaf, Wie dep Löwe so brav;

Hätt' Augen roies Lüchschen Und Listen roies Füchschen. Wär' ich gut wie ein Schaf, Wie der Löwe so brav.

Was alles ich wär'. Das gönnt' ich dir sehr; Mit fürstlichen Gaben, Du solltest mich haben. Was alles ich wär', Das gönnt' ich dir sehr.

Doch bin ich, wie ich bin, Und nimm mich nur hin! Willst du bess're besitzen. So laß dir sie schnitzen.

Ich bin nun, wie ich bin; So nimm mich nur hin!

Aus einem alten Logbuch.

Don Friedrich Schnack.

Bob Lee, ein alter Seebär, erster Steuermann auf der BarkMary­land", fuhr im Februar 1732 zwischen Liverpool und Neufundland. Die Bark lies bereits mehrere Wochen vor Wind und muhte sich bald neufund­ländischen Ufern nähern.

Bob und der Kapitän befanden sich in der Ka,ute, jeder in seine nautische Tagesarbeit vertieft. Das Pult des Kapitäns stand dem Arbeits­tisch des ersten Steuermanns entgegen, und zwar so, daß die beiden Seeleute sich wechselseitig den Rücken zukehrten. Tat Bob Lee einen Blick über feine Schulter nach rückwärts, so sah er den Kapitän über seine Schiffsliste gebeugt und Eintragungen vornehmen. Aber Bob war so in sein Logbuch versenkt, in dem einige Berechnungen nicht stimmten daß er weder einen Blick nach hinten warf, noch auch bemerkte, daß der Kapitän die Kajüte verließ. Bob rechnete lange und hartnäckig, endlich war er fertig und rief dem Kapitän die errechnete Lange und Breite zu.

Da er keine Antwort erhielt, wiederholte er. Abermals keine Erwide­rung. Nun stand Bob auf, und im selben Augenblick hob vor dem Pult ein Mann, den Bob für den Kapitän hielt, den Kopf und wandte dem verdutzten Steuermann ein ganz unbekanntes Antlitz zu. Der Steuermann war von Natur nicht feig. Aber als er diesen starren Blick des Fremd­lings auf sich gerichtet fah, verlor er die Fassung und stürzte in furcht­barer Aufregung auf Deck.

Ja, zum Donnerwetter!" rief der Kapitän,was ist los? Was ist denn mit Ihnen?" -Was los ist?" schrie der Steuermann.Wer , der Mensch an Ihrem Pult?"Dort ist doch niemand! »Es ist einer dort. Ein Unbekannter!"Ein Unbekannter? Sie träumen wohl. Es wird der Proviantmeister sein ..."

Herr Kapitän, ich bitte Sie, er stand vor Jhsem Pult und schrieb etwas auf Ihre Tafel. Als ich aufftand, blickte er mich starr an. »Er? Wiefo?" fragte der Kapitän.Weiß der Teufel, ich kenne ihn nicht! Ich habe den Mann noch nie gesehen!" »Sie sind verrückt , lachte der

Kapitän.Ein Fremder bei uns! Und schon fünf Wochen sind wir auf dem Meer."Alles recht!" antrooriete Bob.Aber ich habe den Mann gesehen!"Nun, bann schauen Sie bitte nach, wer es ist!"

Bob Lee zauderte.Ich habe niemals an Spuk geglaubt", erwiderte er.Aber diesmal ist mir nicht geheuer."Bob, Mann! Gehen Sie in die Kajüte und machen Sie sich nicht zum Narren!"

Bob wurde blaß.Herr Kapitän, Sie kennen mich. Ich bin vor keiner vernünftigen Handlung zurückgewichen. Doch wenn es Ihnen nichts aus­macht, Herr Kapitän, so steigen Sie bitte mit mir herunter!"

Sie gingen hinunter und sahen sich um. Niemand war in der Kajüte. Nun, Steuermann", sagte der Kapitän in aller Ruhe,habe ich unrecht?" Aber ich habe doch gesehen", antwortete jener,wie der Mensch auf Ihrer Tafel schrieb."Da müßte es wohl zu lesen fein", antwortete der Kapitän und ergriff die Tafel. .

Da stand nun in der Tat etwas. Der Kapitän runzelte die Stirn und sagte:Haben Sie das geschrieben, Steuermann?" Bob Lee las: Steuert nach Nordnordwest!" Die Schrift war groß und klar.Sie haben sich einen Scherz erlaubt?" rief der Kapitän unmutig.Bei meiner Ehre", versicherte der Steuermann,ich bin es nicht gewesen." Der Kapitän vertiefte sich aufmerksam in die Schriftzüge. Dann befahl er: Schreiben Sie auf die Rückseite der Tafel: Steuert nach Nordnordwest!" Bob tat es. Der Kapitän verglich die beiden Handschriften.Holen Sie den zweiten Steuermann." Der zweite Steuermann trat herein und schrieb. Desgleichen der Proviantmeister, der Küchenchef und alle Mann der Bark,« die des Schreibens kundig waren. Keine der Handschriften hatte Aehnlichkeit mit der geheimnisvollen.Das Schiff muß durchsucht werden. Los!" befahl der Kapitän. .

Man durchsuchte das Schiff von vorn bis hinten die Sache war zu sonderbar aber keine fremde Seele lieh sich entdecken. Endlich kehrten sie in die Kajüte zurück. Der Kapitän bohrte die Fäuste in die Taschen. Was meinen Sie, Steuermann?" fragte er Bob Lee.Ich habe keine Er­klärung: aber ich sah den Mann und Sie sahen die Schrift. Es muß etwas daran fein!"Weiß Gott", antwortete der Kapitän,ich glaube es auch. Wir wollen der Sache nachgehen! Der Wind ist gut, was liegt daran! Steuern wir nach Nordnordwest! Ich bin neugierig geworden ..."

Sie taten es. Nach drei Stunden berichtete die Wache im Krähennest des Vordermastes, daß sie einen großen Eisberg gesichtet habe, und nach­träglich, daß eine Bark am Eisberg liege. Der Kapitän sah durchs Fern­rohr und in der Tat, da war ein mächtiger Eisberg und ein anscheinend gescheitertes Schiff. Auf Deck wimmelte es von Leuten.

Der Kapitän schickte die Boote aus. Man holte die Unglücklichen, und so erfuhr man, daß sie aus Quebeck tarnen und nach Liverpool wollten. Zum Unheil waren sie in Treibeis geraten und eingefroren. Schon einige Wochen hatten sie in dieser entsetzlichen Lage zugebracht. Ihre Freude und Dankbarkeit war ungeheuer.

Als das letzte Boot ankam, und der Steuermann die Geretteten an Bord klettern sah, fuhr er zurück. Da war ja ein Mann, der das gleiche Gesicht hatte, wie jener geheimnisvolle Fremde in der Kajüte. Anfangs glaubte Bob, er leide an Sinnestäuschung; aber er wurde immer sicherer, denn er erkannte auch die Kleidung wieder. So ging er denn nach einiger Zeit zum Kapitän und sagte zu ihm:Die Geschichte wird immer sonder­barer, Kapitän! Unter den Schiffbrüchigen ist ein Mann, der gleicht auf ein Haar dem Fremden an Ihrem Pult."

.Das ist ja tolll" antwortete der Kapitän.Wo ,st der Mann? Sie suchten ihn und sanden ihn bei dem Kapitän des gescheiterten Schisses. Alsbald tarnen die beiden herbei und sprachen ihren herzlichen Dank für die Rettung aus Seenot aus. Der Kapitän wollte den Dank nicht gelten lassen und lud sie ein, in der Kajüte einen (Brog zu trinken. Unten bat der Kapitän den geretteten Fahrgast, ein paar Worte auf eine Tafel zu schreiben.Es soll kein Scherz sein, Herr, nichts liegt mir ferner, aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Bitte erfüllten."

Aber von Herzen gern, Herr Kapitän!" antwortete der Fahrgast.

Schreiben Sie bitte: Steuert nach Nordnordwest!" Obwohl sich der Fahrgast über die Bitte verwunderte, zögerte er nicht, sie sofort zu erfüllen. Der Kapitän nahm wieder die Tafel und betrachtete mit schärfster Aufmerksamkeit die Schrist. Dann kehrte er sie um und hielt dem Gast die andere Schreibfläche hin:Das ist doch Ihre Handschrift, nicht wahr?"

Der Passagier verwunderte sich:Aber Sie sahen mich doch schreiben!" Und diese Schrift?" fragte der Kapitän, indem er die Tafel neuer­dings umroanbte. Der Mann betrachtete die beiden Seiten voller Ver­wirrung. Er begriff nicht und fragte:Was fall das? Und wer hat das andere hier geschrieben?"

Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten', entgegnete der Ka­pitän.Mein Steuermann behauptet, er habe heute mittag in dieser Kajüte gesehen, wie Sie diese anderen Worte auf diese Tafel schrieben."

Der Kapitän des gescheiterten Schiffes und der Fahrgast sahen einander überrascht an, und der Kapitän fragte:Haben Sie etwa auch von dieser Tafel geträumt?" Der andere verneinte.

Wie?" sagte der Kapitän der Brigg.Was hat der Herr heute mittag getan?"

Ja", entgegnete der andere Kapitän.Da ist etwas Seltsames vor­gefallen, worüber wir bereits mit Ihnen sprechen wollten. Dieser Herr, den die Entbehrungen sehr angegriffen hatten, tat heute mittag einen tiefen und gründlichen Schlaf anscheinend aus Erschöpfung: Wir hatten Angst um ihn und weckten ihn daher nach einer Stunde. Er erwachte, sah uns an und flüsterte:Kapitän, ich weiß es, wir werden noch heu'» gerettet!" Er berichtete uns von einem Traum, in dem er an Bord einer Brigg war, beschrieb uns deren Aussehen, deren Flagge, und erklärte, daß eben dieses Schiff unterwegs fei. Und nun denken Sie: als Ihr Schiff kam, glich es genau dem feiner Erzählung, und auch die Flagge stimmte."

Der Kapitän der Brigg fügte hinzu:So hat Euch also die Schrift, von wem sie auch stammen mag, vor dem sicheren Untergang gerettet." Und er erzählte, was vor ihrer Entdeckung geschehen fei, und wie er schließlich den Kurs geändert habe.Aber sagen Sie", wandte er sich an den geretteten Fahrgast,Sie haben wirklich nicht von meiner Schreib- tafel geträumt?"