SietzeimZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957

Freitag, -en 8. Oktober

Nummer 78

Eugenie Hrandet

ROMAN

von Honore de Balzac

7. Fortsetzung.

Nanu, was haben Sie denn?" fragte er.

Aber mein Vater kommt doch", sagte Eugenie.

Nun und?"

Herr Gründet trat ein, warf seinen scharfen Blick aus den Tisch, auf Charles und sah alles.

Ah! Ah! Ihr gebt euerm Neffen ein Fest, das ist gut, sehr gut, aus- gezeichnet", sagte er, ohne zu stottern.Wenn die Katze aus ist, tanzen die Mäuse aus dem Tisch."

Fest?" dachte Charles bei sich, außerstande, die Lebensweise und die Sitten dieses Hauses zu ahnen.

Gib mir mein Glas, Nanon", sagte der Alte.

Eugenie brachte das Glas. Grandet zog aus seiner Hosentasche ein Hornmesser mit mächtiger Klinge, schnitt sich eine Scheibe Brot ab, nahm ein wenig Butter, die er sorgfältig auseinanderstrich, und begann im Stehen zu essen. In diesem Augenblick tat Charles Zucker in seinen Kaffee. Vater Grandet bemerkte die Stücke Zucker, sah seine Frau forschend an, die blaß wurde, und machte drei Schritte vorwärts; er neigte sich zum Ohr der armen Alten und sagte zu ihr:

Wo habt Ihr denn all den Zucker hergenommen?"

Nanon hat welchen bei Fessard geholt. Es >var keiner da."

Es ist nmnöglich, sich das ungeteilte Interesse vorzustellen, das die drei Frauen an dieser stummen Szene nahmen. Nanon war aus der Küche in den Saal gekommen, um zu sehen, wie die Dinge da liefen. Charles, der seinen Kaffee gekostet hatte und ihn zu bitter fand, suchte den Zucker, den Grandet schon weggestellt hatte.

Was suchst du, Reffe?" sagte der Alte zu ihm.

Den Zucker."

Tu' Milch hinein", versetzte der Herr des Hauses,dann wird dein Kaffee süßer werden."

Eugenie nahm die Untertasse mit dem Zucker, die Grandet schon weg­gestellt hatte, und setzte sie wieder auf den Tisch, indem sie ihren Vater mit ruhiger Miene ansah. Fürwahr, die Pariserin, die, um die Flucht ihres Geliebten zu erleichtern, mit ihren schwachen Armen eine seidne Strickleiter hält, beweist nicht mehr Mut, als Eugenie entfaltete, indem sie den Zucker wieder aus den Tisch setzte. Aber der Geliebte belohnt feine Pariserin, die ihm ihren zerfleischten Arm zeigt, auf dem jede verletzte Ader mit Küssen und Tränen gebadet und durch das Vergnügen geheilt wird; ivähreud Charles nie hinter das Geheimnis der tiefinnern Aufregung kommen sollte, die das Herz seiner Cousine zerriß, als sie jetzt ein Blick des alten Böttchers nieder­schmetterte.

Du ißt nichts, Frau?"

Die arme Sklavin kam heran, schnitt sich jämmerlich ein Stück Brot ab und nahm eine Birne. Eugenie bot mutig ihrem Vater Weintrauben an, wobei sie sagte:Koste doch meine getrockneten Trauben, Papa! Lieber Vetter, Sie essen sie doch, nicht wahr? Ich habe diese hübschen Trauben hier für Sie geholt."

Pah! lucim man sie nicht aufhält, werden sie Saumur für dich aus­rauben, Neffe. Wenn du fertig bist, wollen wir zusammen in den Garten gehen, ich habe dir Dinge zu sagen, die nicht gezuckert sind."

Eugenie und ihre Mutter warfen einen Blick aus Charles, über dessen Ausdruck sich der junge Mann nicht täuschen konnte.

Was bedeuten denn diese Worte, lieber Onkel? Seit dem Tod meiner «trnen Mutter... (bei diesen Worten wurde seine Stimme meid)) gibt Es kein mögliches Unglück für mich ...

Mein lieber Nefse, wer kennt die Leiden, durch die Gott »ns prüfen luül?" sagte seine Tante zu ihm. .

_Ta, ta, to, tu", sagte Grandet,da fangen die Dummheiten schon an. isd) sehe mit Kummer, lieber Nesse, deine hübschen weißen Hände.

Und er zeigte ihm die Art Hammelschultern, die die Natur ihm ans linide der Arme gesetzt hatte.

uDas sind Hände, um Taler zu sammeln! Du bist dazu erzogen worden, deine Füße in das Leder zn stecken, aus dem die Brieftaschen gemacht werden, in denen wir die Wechsel aufheben. Schlimm, schlimm!"

Was meinen Sie damit, lieber Onkel? Ich will gehängt werden, wenn 4 ein Wort verstehe ...

Komm", sagte Grandet. , , , r .

Der Geizhals ließ die Klinge seines Messers zuklappen, trank seinen Weißwein aus und öffnete die Tür.

Lieber Vetter, Mut!"

Der Ton des jungen Mädchens ließ Charles erstarren; er folgte seinem schrecklichen Verwandten, von der tödlichsten Unruhe ergriffen. Eugenie, ihre Mutter und Nanon gingen in die Küche, einer unbezwinglichen Neu­gierde folgend, die beiden Schauspieler dieser Szene zu beobachten, die sich in dem kleinen, feuchten Garten abspielen sollte, wo der Onkel zunächst schweigend mit dem Neffen auf und ab ging. Es setzte Grandet nicht in Verlegenheit, Charles vom Tod seines Vaters unterrichten zu müssen, aber er fühlte eine Art von Mitleid mit ihm, weil er ihn ohne Pfennig wußte, und er suchte nach Formeln, um die Verkündung dieser grausamen Wahrheit'zu mildern. Du hast deinen Vater verloren. Das ließ sich leicht sagen. Väter sterben vor den Kindern. Aber: Du bist völlig mittellos. Alle» Unglück der Erde war in diesen Worten zusammengefaßt. Und der Alte machte zum drittenmal die Tour durch den Mittelweg, dessen Sand unter feinen Schritten knirschte. Bei den bedeutsamen Umständen unsres Lebens klammert sich unsre Seele fest an den Ort, wo das Glück ober das Leid über uns hereingebrochen ist. Daher musterte auch Charles mit besonderer Aufmerksamkeit die Buchsbaumsäume des kleinen Gartens, die welken Blätter, die herabfielen, die Schäden der Mauer, die feltsamen Formen der Obstbäume und all die malerischen Einzelheiten, die seinem Gedächtnis eingeprägt bleiben sollten, ewig verknüpft mit dieser außerordentlichen Stunde, durch die eigentümliche Mnemotechnik der Leidenschaften.

Es ist sehr heiß, sehr schön", sagte Grandet und schöpfte tief Lust.

Ja, lieber Onkel, aber warum ...?"

Nun gut, mein Junge", versetzte der Onkel, 'id) habe dir schlechte Nachrichten zu bringen. Dein Vater ist sehr krank. . ."

Aber warum bin ick; hier?" sagte Charles.Nanon", schrie er,Post­pferde! Ick) werde wohl einen Wagen im Ort finden", wandte er sich an (einen Onkel, der unbeweglich dastand.

Pferde und Wagen sind linnütz", antwortete Grandet und sah Charles an, der verstummte und dessen Augen starr wurden.Ja, mein armer Junge, du errätst es. Er ist tot. Aber das ist noch nichts, es gibt etwas viel Schlimmeres, er hat sich erschossen ..."

Mein Vater?"

Ja, aber das ist noch nichts. Die Zeitungen beurteilen das, als wenn sie dazu das Recht hätten. Wart, lies!"

Grandet, der sich die Zeitung von Cruchot geliehen hatte, hielt den unse­ligen Artikel Charles unter die Augen. In bem Augenblick löste ber arme junge Mann, ber noch ein Kinb war, nod) im Alter ber unbefangenen Ge­fühlsäußerungen staub, fick) in eine Flut von Tränen auf.

So, bas ist recht, buchte Granbet bei sich. Seine Augen ersd)reckten midj. Wo er weint, ist er gerettet.Das ist immer noch nichts, mein atmet Nesse", fuhr Granbet mit lauter Stimme fort, ohne zu wissen, ob Charles ihn hörte;bas ist nid)ts, bu wirst bich darüber trösten, aber ..."

Niemals! niemals! mein Vater! mein Vater!"

Er hat dich ruiniert. Du bist ohne Geld!"

Was madjt mir das? I Wo ist mein Vater? mein Vater!"

Das Weinen und Schlnd)zen tönte schrecklich zwischen diesen Mauern und wurde vom Eck-o zurückg'eworfen.

Die drei Frauen weinten, von Mitleid ergriffen: Tränen sind ebenso ansteckend, wie es das Lachen sein kann.

Ohne auf seinen Onkel zu hören, flüchtete sich Charles in den Hof, fand die Treppe, stieg in sein Zimmer hinauf, warf sich quer über da» Bett, vergrub das Gesicht in die Kissen und weinte, wie's ihm ums Herz war, fern Bon seinen Verwandten.

Man muß den ersten Anfall vorüberlassen", sagte Grandet, als et in den Saal zurückkam, wo Eugenie und ihre Mutter hastig ihre Plätze miedet eingenommen hatten und mit zitternden Händen arbeiteten, nachdem sie sich die Augen gewischt hatten.Aber dieser junge Mann bringt es zu nichts; er beschäftigt sich mehr mit dem Toten, als mit dem Geld."

Es schauderte Eugenie, als sie ihren Vater sich so über den heiligsten Schmerz äußern hörte. Von diesem Augenblick an begann sie, ihren Batet zu richten. Charles Schluchzen klang, wenn auch gedämpft, durch das hell­hörige Haus; und seine abgrundtiefe Klage, die von der Erde herauszu­kommen sck)ien, hörte erst gegen Abend auf, nachdem sie allmählich schwächer geworden war.

Armer junger Mann I" sagte Frau Granbet.

Ein verhängnisvoller Ausruf. Vater Granbet sah feine Frau, Eugenie unb bie Zuckerschale an; er bachte toieber an bas außerorbentliche Frühstück, bas für ben unglücklichen Verwanbten bereitet worben war, unb pflanzte sich in der Mitte des Saales auf.

Nun hört mal!" sagte et mit feiner gewohnten Ruhe.Ich hoffe, daß Sie nicht mit Ihren Verschwendereien fortfahren, Fran Grandet. Ich gebe Ihnen nicht mein Geld, um den jungen Fant mit Zucker zu überschütten."

Die Mutter kann nichts dafür", sagte Eugenie.Ich bin schuld, ich ..." Vielleicht weil bu münbig bist", sagte Granbet, seine Tochter unter* brechend,willst bu mir widersprechen? Denke baran, Eugenie ..

»Lieber Vater, ber Sohn Ihres Bruders soll nicht Mangel haben an..