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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1957 Montag, den 8. März Hummer |9

Der Gtechlin

Vornan von Theodor Kontane

13. Fortsetzung.

Nein, Gräfin. Und außerdem, den wollt ich sehen, der das Ihnen gegenüber zuwege brächte."

Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine vornehmen Be­ziehungen?"

Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften, deren genea­logischer Kalender noch über den Gothaischen hinauswächst, auf du und du. Und wenn es in Java oder auf Island rumort oder der Geiser mal in Doppelhöhe dampft und springt, dann springt auch in unserm Stechlin ein Wasserstrahl auf, und einige (wenn es auch noch niemand gesehen hat), einige behaupten sogar, in ganz schweren Fällen erscheine zwischen den Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in die Ruppiner Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme Beziehungen."

Ich auch", sagte Melusine.

Wrschowitz aber, dessen Augen immer größer geworden waren, mur­melte vor sich hin:Sehr warr, sehr warr."

14. Kapitel.

Es war zu Beginn der Woche, daß Waldemar seinen Besuch im Barbpschen Hause gemacht hatte. Schon am Mittwochfrüh empfing er ein Villet von Melusine.

Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich mein Be­dauern aussprechen, daß ich vorgestern nur gerade noch die letzte Szene des letzten Aktes (Geschichte vom Stechlin) miterleben konnte. Mich ver­langt es aber lebhaft, mehr davon zu wissen. In unsrer sogenannten großen Welt gibt es so wenig, was sich zu sehen und zu hören verlohnt: das meiste hat sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen. Allen vorauf, wie mir scheint, in Ihre Stechliner Gegend. Ich wette. Sie haben uns noch über vieles zu berichten, und ich kann nur wiederholen, ich möchte davon hören. Unsre gute Baronin, der ich davon erzählt habe, denkt ebenso; sie hat den Zug aller naiven und liebenswürdigen Frauen, neugierig zu sein. Ich, ohne die genannten Vorbedingungen zu erfüllen, bin ihr trotzdem an Neugier gleich. Und so haben wir denn eine Nachmittagspartie verabredet, bei der Sie der große Erzähler sein sollen. In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht, und man hört nicht das, was man hören wollte. Das darf uns aber in unserm guten Vorhaben nicht hindern. Die Baronin hat mir etwas oor- geschwärmt von einer Gegend, die sie ,Oberspree' nannte (die vielleicht auch wirklich so heißt), und wo's so schön fein soll, daß sich die Havel­herrlichkeiten daneben verstecken müssen. Ich will es ihr glauben, und jedenfalls werd ich es ihr nachträglich versichern, auch wenn ich es nicht gefunden haben sollte. Das Ziel unsrer Fahrt ein Punkt, den Übrigens die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher immer erheblich weiter flußaufwärts das Ziel unsrer Reise hat einen ziemlich sonder­baren Namen und heißt das .Eierhäuschen'. Ich werde seitdem die Vor­stellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit persönlich vor­gestellt haben wird. Also morgen, Donnerstag: Eierhäuschen. Ein .Nein' gibt es natürlich nicht. Abfahrt vier Uhr, Jannowitzbrücke. Papa begleitet uns; es geht ihm seit heut um vieles besser, so daß er sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spät; aber wir haben dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rückfahrt die Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch irgendwo Feuerwerk, und wir sehen dann bie Raketen steigen. Armgard ist in Aufregung, fast auch ich. Au revoir. "Eines Herrn Rittmeisters wohlafsektionierte Melusine."

Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor vier Uhr fuhren erft die Berchtesgadens und gleich danach auch die Barbys bei der Jan owitzbrücke vor. Waldemar wartete schon. Alle waren in jener heitern Stimmung, in der. man geneigt ist, alles schön und reizend zu tfinben.Unb diese Stimmung kam denn auch gleich der Dampfschiffahrts­station zustatten. Unter lachender Bewunderung der sich hier darbietenden Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen und Treppen hinab *<nb schritt, unten angekommen, an den um biefe Stunbe noch leeren Tischen eines hier etabliertenLokals" vorüber, unmittelbar auf das Schiff zu, besfen Glocke schon zum erstenmal geläutet hatte. Das Wetter war prachtvoll, flußaufwärts alles klar unb sonnig, währenb über ber stabt ein dünner Nebel lag. Zu beiden Seiten des Hinterdecks nahm man auf Stühlen unb Bänken Platz unb sah von hier aus aus bas ver- "chleierte Stadtbild zurück.

Da heißt es nun immer", sagte Melusine,Berlin sei so kirchen- arm; aber wir werden bald Köln und Mainz aus dem Felde geschlagen haben. Ich sehe die Nikolaikirche, die Petrikirche, die Waisenkirche die Schloßkuppel, und das Dach da, mit einer Art von chinesischer Deckel­mütze, das ist, glaub ich, der Rathausturm. Aber freilich, ich weiß nicht, ob ich den mitrechnen darf."

Turm ist Turm", sagte die Baronin.Das fehlte so gerade noch, daß man b?m armen alten Berlin auch seinen Rathausturm als Turm abstritte. Man eifersüchtelt schon genug."

Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche her klang das Glockenspiel, die Schiffsglocke läutete dazwischen, und als diese wieder schwieg, wurde das Brett aufgeklappt, und unter einem schrillen Pfiff setzte sich der Dampfer auf das mittlere Brückenjoch zu in Bewegung.

Oben, in Nähe der Jannowitzbrücke, hielten Immer noch die beiden herrschaftlichen Wagen, die's für angemessen erachten mochten, ehe sie selber aufbrachen, zuvor den Aufbruch des Schiffes abzuwarten, und erst als dieses unter der Brücke verschwunden war, fuhr ber gräflich Bar- bysche Kutscher neben ben freiherrlich Berchesgabenschen, um mit biefem einen Gruß auszutauschen. Beibe kannten sich seit lange, schon von Lon- bon her, wo sie bei denselben Herrschaften in Dienst gestanden hatten. In diesem Punkte waren sie sich gleich, sonst aber so verschieden wie nur möglich, auch schon in ihrer äußeren Erscheinung. Imme, der Bar- bysche Kutscher, ein ebenso martialisch wie gutmütig breinschauender Mecklenburger, hätte mit seinem angegrauten Sappeurbart ohne weiteres vor eine Gardetruppe treten und den Zug als Tambourmajor eröffnen können, währenb ber Berchtesgabensche, ber seine Jugend als Trainer und halber Sportsmann zugebracht hatte, nicht bloß einen englischen Namen führte, sondern auch ein typischer Engländer war, hager, sehnig, kurzgeschoren und glattrasiert. Seine Glotzaugen hatten etwas Stupides; er war aber trotzdem klug genug und wußte, roenns galt, feinem Vor­teil nachzugehen. Das Deutsche machte ihm noch immer Schwierigkeiten, trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und sogar das bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied, am meisten dann, wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen sah, ihm mitwell, well, Mr. Robinson oder gar mit einem geheimnisvollenindeed zu Hilfe zu kommen. Nur mit dem einen war er einverstanden, daß man ihnMr. Robinson" nannte. Das ließ er sich gefallen.

Now, Mr. Robinson", sagte Imme, als sie Bock an Bock neben­einander hielten,how are you? I hope quite well."

Danke, Mr. Imme, dankel Was macht die Frau?"

Ja, Robinson, da müssen Sie, denk ich, selber nachsehen, und zwar gleich heute, wo die Herrschaften fort sind und erst spät wiederkommen. Noch dazu mit ber Stabtbahn. Wenigstens von hier aus, Jannowitz- brucke. Sagen wir also neun; eher sinb sie nicht zurück. Und bis dahin Haden wir einen guten Skat. Hartwig als dritter wird schon kommen; Portiers können immer. Die Frau zieht ebenso gut die Tür auf wie er, unb weiter ist es ja nichts. Also Klocker fünf: ein Mein' gilt nicht; where there is a will, there is a way. Ein bißchen ist boch noch hängen geblieben von dear old England."

Danke, Mr. Imme", sagte Robinson,danke! Ja, Skat ist das Beste von all Germany. Komme gern. Skat ist noch besser als Bayrisch."

Hören Sie, Robinson, Ich weiß boch nicht, ob bas stimmt. Ich benfe mir, so beibes zusammen, bas ist bas Wahre. Thats it."

Robinson war einverstanben, und da beibe weiter nichts auf dem Herzen hatten, so brach man hier ab unb schickte sich an, bie Rückfahrt in einem mäßig raschen Trab anzutreten, wobei ber Berchtesgabensche Kut­scher ben Weg über Molkenmarkt und Schloßplatz, ber Barbysche ben auf bie Neue Friedrichstraße nahm. Jenseits ber Friebrichsbrücke hielt stch dieser dann dicht am Wasser hin und kam so am bequemsten bis an sein Kronprinzenufer.

Der Dampfer, gleich nachdem er das Brückenjoch passiert hatte, setzte sich in ein rascheres Tempo, dabei die linke Flußseite haltend, so daß immer nur eine geringe Entfernung zwischen dem Schiff und den sich dicht am Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen war. Jeder Bogen schuf den Rahmen für ein dahinter liegendes Bild, das natürlich die Form einer Lünette hatte. Mauerwerk jeglicher Art, Schuppen, Zäune zogen in buntem Wechsel vorüber, aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit und ber Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein Stück Garten­land, darin ein paar verspätete Malven oder Sonnenblumen blühten. Erst als man die zweitfolgende Brücke passiert hatte, traten die Stadt­bahnbögen so weit zurück, daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein konnte; statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetze Wege sichtbar, unb wo bas Ufer kaiartig abfiel, lagen mit Sand be­ladene Kähne, große Zillen, aus deren Innerem eine baggerartige Vor­richtung die Kies- unb Sandmafsen in bie dicht am Ufer hin etablierten