plötzlich diese sagen: Sie dürfen mein Fräulein nicht zu sehr vernachlässigen um meinetwillen, gnädiger Herr.
Was heißt das, stutzte er.
Ich bin doch nur die Zofe", flüsterte sie.
Und da er wortlos einen Augenblick stand, erzählte sie ihm flugs dieselbe Geschichte, die ihm vorher die Gelbe aufgetischt hatte, nur daß die Rollen nun getauscht erschienen.
Zwei Kammermädchen, die sich auf meinen Ball geschlichen haben! dachte der Kurfürst voller Zorn. Er wandte sich brüsk und ging, ein paar seiner Gardisten zu suchen, die die beiden Uebeltäterinnen mit Schimpf und Schande aus dem Schlosse führen sollten. Unterwegs aber, da ihm zu Sinn kam, daß sie beide doch eigentlich ein paar recht frische appetitliche Dinger wären, beschloß er, sie zunächst in ein entferntes Gemach des Schlosses bringen zu lassen und sie dort noch einmal zu verhören.
Die beiden Dominos, die inzwischen, nichts Gutes ahnend, in der Absicht, sich aus dem Staube zu machen, schon bis zu den Garderoben gekommen waren, wurden dort ergriffen und zitternd vor Angst in das bestimmte Zimmer geführt. Als der Kurfürst eintrat, fielen sie, obwohl sie noch immer nicht wußten, wer er war, weinend und händeringend vor ihm nieder. Er ließ sie aufstehen und befahl ihnen in strengem Ton, ihm nun alles zu gestehen. Da kam es denn heraus, daß keine ein Fräulein und keine eine Zofe, sondern daß sie beide ein paar Kölner Bürgermädchen waren, die sich diesen Scherz erlaubt hatten, um sich auch einmal unter den Leuten „von Stand" zu belustigen. Die Mär vom Fräulein und der Zofe hätten sie, die Wahrheit zu sagen, in ihrer Ausgelassenheit erfunden, ohne zu ahnen, wie sie dadurch in die Patsche kommen könnten. Und es wäre ja auch noch alles gut gegangen, wenn sie nicht unter der Wirkung des ungewohnten und reichlichen Eharn- pagners beide vergessen gehabt hätten, wer nun von ihnen das Fräulein und wer die Zofe hätte sein sollen.
Woher sie die Kühnheit genommen hätten, fragte der Kurfürst, sich einzubilden, daß sie von den Damen nicht unterschieden werden könnten?
Oh, antwortete die Gelbe, der schon etwas von ihrer früheren Munterkeit wieder aufzukeimen schien, sie hätten sich zu Anfang tüchtig um- iieguckt und umgehorcht und es denn gemacht wie die andern alle. Das ei gar nicht schwer gewesen.
Wenn sie aber nun, forschte er wiederum, dem Kurfürsten selbst in die" Arme gelaufen wären — was bann?
Die Gelbe lachte, ein kurzes innerliches Lachen, das klang, als ob einer mit leichter Hand ein wenig über ein Spinett hinstrich. Die Blaue aber machte große Augen und sagte: Das hätten sie sich gerade gewünscht. Denn der Kurfürst sei, das wüßten sie gewiß, nicht nur der schönste Mann im Land, sondern auch der gütigste zu dem Frauenzimmer.
Da nahm er die Maske ab, so daß sie ihn erkannten. Oder ob sie schon vorher etwas geahnt hätten — wer will das sagen? Der Kuckuck mag wissen, wie hellsinnig Frauenzimmer in solchen Dingen sind. Jedenfalls fielen sie gar nicht wieder in große Angst, sondern schauten recht getrost auf Clemens Augusten. Der seinerseits, an der Angel der Schmeichelei zappelnd, mochte zwar mit ihnen nicht wieder zum Fest' zurück- kehren, sie aber auch nicht aus den Fingern lassen. Darum ließ er kurzerhand in dem Zimmer, wo er sich befand, aufdecken und setzte sich zum zweitenmal mit ihnen zu Tisch. —
Und bald war er wieder bei dem Komödienspiel, das sie sich mit ihm erlaubt hatten und bas ihn mehr beschäftigte, als er sich zugeben wollte. Da gestanden ihm die Mädchen — um jetzt die ganze Wahrheit zu sagen — daß sie auch den Rollenwechsel in voller Absicht vargenommen und sich gerade von dieser Erfindung eine besondere Wirkung versprochen hätten. Denn wenn man schon einmal auf einen Maskenball gehe, dann sei eine doppelte Verkleidung doch noch lustiger als eine einfache, weil sie noch geeigneter sei, die Verwirrung anzustiften, die nun einmal zu solcher Veranstaltung gehöre. Clemens August war begeistert und entzückt von soviel weiblicher Verschmitztheit und vergaß vollkommen, daß er drüben in seinen Sälen dem Adel seines Landes ein Fest gab.
Inzwischen trieben die beiden Spitzbübinnen auch jetzt noch ihr Doppelspiel weiter. Wenn Clemens August sich allzusehr der einen widmete, dann rief plötzlich die andere im Ton der Herrin: Annette, vergiß nicht, daß bu nur bie Zofe bist! Was ihn.alsbald veranlaßte, sich der Vernachlässigten zuzuwenden. Bis wiederum die erste ihn aufstörte, indem sie mit zärtlichem Vorwurf sagte: Gnädiger Herr, das Fräulein ist auch noch da. — Und jedesmal, wenn ihre List den gewünschten Erfolg hatte, wollten sie sich schier totlachen. Als aber der Kurfürst, einigermaßen ermüdet von dem Hin und Her, zu bedenken gab, daß man einen Spaß auch nicht zu Tode hetzen dürfe, wurden sie plötzlich ernst und tarnen damit heraus, — um nun endlich die ganze volle Wahrheit zu sagen — daß sie sich den Kniff mit dem Fräulein und der Zofe durchaus nicht nur zum Ulk, sondern recht eigentlich zum Schutz ihrer Tugend aus- gebacht hätten, indem auf diese Weise immer die meist bedrängte aus dem Feuer gezogen und der Angriff auf die andere abgelenkt werden sollte.
Diese Eröffnung verblüffte den Kurfürsten derart, daß er ganz betreten wurde. Und als bie Mädchen nun nach Hause verlangten, machte er keine Anstalt, sie zu halten, ließ sie sogar in einem Hofwagen nach Köln -urückfahren. Erst als sie fort waren, konnte er wieder lachen. — Nein! sagte er zu sich. Daß Verführung sich jeder Spitzbüberei bedient, bas kenne ich zur Genüge. Aber baß Tugend mit List unb Lustigkeit sich selbst nerteibigt, bas war mir neu. Und ich muß sagen: es hat inir sehr gut gefallen.
Rosenmontag in Alt-Nürnberg.
Von S. D r o st e- H ü l s h o f f.
In ber alten freien Reichsstadt Nürnberg befindet sich, sorgfältig aufbewahrt, ein mächtiger, bilbergezierter Band, in welchem Hans Sachs, der heitere Schuhmacher unb Poet, in launigen Versen ausführlich von dem „Schönbartumzug" ber Nürnberger Metzger unb Messer- fchmiebeWdes Jahres 1539, ber zugleich auch ber letzte für alle Zeiten werben sollte, berichtet.
Solcher „Schönbartchroniken", bereit Verfasser allerdings lange nicht so berühmt wurden wie Meister Sachs, gibt es eine ganze Reihe — denn bie Metzger- unb Messererzunft befaß bas Recht bes Schönbartlaufens burch volle 190 Jahre unb es war Sitte, baß jeder dieser mehr ober minder prunkvollen Fastnachtsumzüge jedesmal in eigenen Büchern in Wort und Bild verewigt wurde. Dies erklärt sich wohl daraus, daß in den Zeiten, da alle Kleinigkeiten, ja selbst auch Mummenschanz, Maskeraden und Fastnachtsspiele in weit höherem Maße als heute von obrig keitlichen Vorschriften und Verfügungen abhängig waren, die Erlaubnis zur Abhaltung derartiger Lustbarkeiten eine hohe Auszeichnung sowohl für die betreffende Zunft als auch die Stadt, in welcher sie stattfinden durften, bedeutete. Die prächtigen Schauspielen von jeher sehr zugeneigten Nürnberger waren denn auch außeror^ mtlich stolz auf ihren Schönbartlauf, welcher ber Messerer- und Metzgerzunft von Kaiser Karl IV. im Jahre 1349 als Zeichen feiner besonderen Huld gestattet wurde — und zwar nach ber Ueberlteferung, weil jene Zünfte gelegentlich eines Aufstandes als einzige treu zu ihm gehalten haben sollen.
Das Schönbartlaufen — häufig auch Schempert- oder Schembart- taiifen genannt, was sich wohl von dem mittelhochdeutschen Worte „scheme", d. h. Maske oder Larve" ableitet — wurde jeweils an den drei letzten Tagen vor ber großen Fastenzeit abgehalten. Die jüngeren Mitglieder ber beiden Gilden verkleideten sich in enganliegende Kostüme aus mehrfarbiger und häufig mit bunten Mustern unb Glöckchen verzierter Leinwand, schmückten ihre hohen Hüte mit grünen Büschen unb wehenden Schleiern und liefen unter Geschrei und Gejohle durch bie Gassen, wobei sie an bie sie umbrängenben Leute mittels mächtiger Rutenbündel ober Speere Schläge austeilten.
So war es in ben Anfangsjahren — als aber im Laufe ber Zeiten ber Wohlstand ber Stabt immer mehr anwuchs unb auch, wie biss später so üblich, bie Jugend der vornehmen Kaufmannsfamilien, der „Geschlechter" gegen entsprechende Geldentschädigungen an dem lustigen Treiben keilnehmen durfte, zeigten sich allmählich die Umzüge in stets prunkvollerer und abwechslungsreicherer Ausstattung. An Hand der „Schönbartbücher" läßt sich genau verfolgen, wie bie Läufer zuerst Musikanten, bann auch noch Knechte, welche mit Hilfe kleiner, abgeschnittener Tannenbäumchen bem Zuge Platz schassen mußten, mitsührten, und wie nach und nach die Kostüme immer prächtiger wurden. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatten Seide und Atlas bie schlichte Leinwand längst völlig verdrängt, an die Stelle der einfachen anliegenden Tracht traten phantastisch geschnittene, geschlitzte und mit Brokatstoffen in leuchtenden Farben unterlegte Gewänder, welche nicht selten Goldstickereien zierten, auf den Hüten prunkten wallende Federn, und statt der Ruten verwendete man eine Art Pulverbüchsen, die man, sehr zum Entsetzen ber Zuschauer, möglichst dicht unter deren Nasen abzuseuern pflegte. Biele der Schönbartläuser verkleideten sich auch als Tiere, meist als Schafe, Esel und Bären, und führten auf den freien Plätzen unter tollen Sprüngen allerlei Tänze auf, für welche Darbietung sie bann von ben Umstehenden Geld einsammelten. Im Jahre 1475 endlich' erfand man als neue Bereicherung der Lustbarkeit die sog. „Höllen". Dies waren auf Schlitten ober Wagen befestigte phantastsche Ausbauten — ähnlich den- fenigen, welche bei ben Faschingsumzügen in München und am Rheine heute noch gebräuchlich sind, — sie wurden durch die Gassen gezogen, und dienten allerhand närrischem Volk zum Aufenthalt. Da sah man Burgen, in denen die verschiedensten Teufel und Hexen ihr Wesen trieben, mit Narren bevölkerte Schiffe, Drachen, ja zu Anfang bes 16. Jahrhunberts führte man — wenn man ben Berichten Glauben schenken barf — sogar einen kunstvoll gearbeiteten, überlebensgroßen mechanischen Satan mit, ber ben ganzen Weg über unermüdlich als alte Weiber hergerichtete Puppen verschlang — und etliche Jahre später■ eine zierliche Laube, in welcher schöne Frauen ältliche Narren an langen Leimruten zappeln ließen.
Doch ber hübsche unb harmlose Brauch, ber alljährlich viel fremdes Volk, ja selbst Fürsten und edle Herren von weither als Zuschauer anlockte, artete allmählich aus. Die Schönbartläuser wurden von Jahr zu Jahr wilder unb ausgelassener unb verübten gegen bas Publikum unb besonders gegen Frauen unb Kinber allerlei Roheiten, infolge beren es nicht selten zu blutigen Schlägereien kam. Auch in ben „Höllen" brachte man balb bie verschiedensten Darstellungen, durch welche Zeitereignisse ober hochgestellte Persönlichkeiten in berbfter Weise verspottet würben — unb als sich nun die Schönbartläuser 1539 den in Nürnberg damals sehr einflußreichen Prediger- ber Lorenzkirche, Andreas Osiander — denselben mit dem zusammen Hans Sachs bas sogenannte „Ewige Evangelium" neu bearbeitet hat — zur Zielscheibe ihres Witzes erkoren und ihn auf sehr kränkende Art öffentlich verhöhnten, untersagte auf dessen Betreiben ber Hohe Rat ber Stadt noch im gleichen Jahre ben Schönbartumzug — unb ließ sich auch trotz allen Gegenvorstellungen ber Bürger unb ungeachtet eines Aufruhrs, welchen die um ihr Privileg gebrachten Metzger unb Messerschmiede inszenierten, nicht mehr zur Zurücknahme des Verbotes bewegen.
DeroniworUich- Dr. Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruderet, A. Lange, Gießen.


