An Dich.

Von Carl Wolsf.

Gestern nacht, ich hatte kaum meine Augen zu, schon erschienst du mir im Traum als ein Känguruh.

Hüpfen konntest du possierlich, und du warst apart gebaut, und du fraßest sehr manierlich lauter grünes Kraut.

Auch am Tage säh ich dich gern mal ab und zu so als Känguruh, denn du warst im Traum für mich ein ganz neues Du.

Rheinischer Karneval.

Von Walter Henkels.

Dünnes und Schäl, die beiden weitbekannten rheinischen Originale, ergehen sich in Köln. Tünnes grüßt ehrerbietig jeden, der ihnen begegnet. Fragt Schäl:Sag, Tünnes, woröm deist de bat?" (Warum tust du das?)Och", antwortet Tünnes,en der Fastelooenszick dun ich bat immer, wer weiß, ob et nit ene Präsident es!" (In der Fastnachtszeit tue ich das immer; denn wer weiß, ob es nicht ein Präsident ist!)

Damit sind wir schon in das Narrenschiff eingestiegen, das da schaukelt zwischen Scherz, Ernst, Satire und tieferer Bedeutung, und damit ist schon angedeutet, was es mit dem rheinischen Karneval auf sich hat. Es ist jener wunderbare, schmackhafte Humor, jene unbedingte Lebensfreude, die hier zu Hause sind. Witz und Spott und Selbstverlachung, Weisheit und Torheit stehen dicht beieinander. Kaum irgendwo hat das Volk in diesen Tagen mehr'' Mutterwitz, nirgendwo ist die Ausgelassenheit größer. Das Herz wird jedem Rheinländer warm, wenn er einen der alten und doch ewig jungen Karnevalsschlager vernimmt, wenn er z. B. dentreuen Husaren" anmarschieren sieht.

Das rheinische Brauchtum zur Fastnachtszeit ist nach den einzelnen Landschaften verschieden. In den Großstädten findet die sogenannte .^Inauguration" des Karnevals bereits am 11. im 11. statt. Die Kölner selber nennen es Beginn derSession". Sie beginnt mit großen Bällen innerhalb geschlossener Gesellschaften. Des Karnevals Anfang ist eigentlich jedoch erst am Donnerstag vor Fastnacht. Es gibt wohl keine rheinische Stadt, die ihn nicht prunktvoll feiert. Aber auch auf dem Lande feiern sie ihn, so z. B. in Hunsrück und Eifel, wo sie diesen Tag denDecken- donnerschdiesch" nennen, denfetten" Donnerstag, an dem siefett" leben und wenig arbeiten. Der rheinische Schalk geht dann schon um. Alt und jung setzt sich zusammen, verulkt sich und tut Bachus und Gambrinus ordentlich Bescheid. Die Jugend zieht um, singt und juchzt und läßt sich Mehl und Eier schenken.

Gehörig wird der Donnerstag dort gefeiert, wo die Weiberfastnacht zu Hause ist. Und das ist in nicht wenigen großen und kleinen Städten der Fall. An diesem Tag führtmet Jejuuts un vil Buhei" die Frau das Regiment, und besonders nimmt man an diesen Tagen die Junggesellen aufs Korn. Im Bergischen Land und am Niederrhein veranstaltet die Jugend .Zeloch", ein Gelage mit Tanz und Spiel. In einigen Gegenden des Niederrheins zieht derAäzebär" von Haus zu Haus, ein in Erbfen- stroh gehüllter Bursche, von der Kinderschar mit Gejohls begleitet. Der Chronist will wissen, daß man sich am Niederrhein früher gegenseitig schlug, man nahm einen sogenanntenVuebuch", einen Wacholderbusch, oder Zweige der Stecheiche, womit sich Knechte und Mägde Schläge ver­setzten. Der Brauch soll auf einen alten Fruchtbarkeitszauber zurückgehen. In Dülken am Niederrhein besteht seit Jahrhunderten dieBerittene Narrenakademie", die sogenannteErleuchtete Monduniversität", die früher bewährte Mitglieder auf Grund voraufgegangener Prüfungen zu Rittern oder Professoren ernannte oder mit dem Doktorhut zierte. Die Doktor­würde wurde o. a. auch Goethe verliehen. Bei diesen akademischen Sitzungen ging es in Dülken lebhaft zu. Das Neujahrsfest der akademischen Zeitrechnung, nämlich das junge Licht, die Neumondszeit, wurde besonders festlich gefeiert. Die akademische Satzung gebot, daß die Teilnehmer bei Neumondzeit auf einem Steckenpferd um eine Windmühle reiten mußten.

Heftig und laut ist das Getriebe in den Großstädten, besonders in Köln und Düsseldorf, in Koblenz, Aachen und Trier und im goldenen Mainz. Hier wird es in diesem Jahre besonders lustig zugehen; denn dieMainzer Ranzengarde" feiert ihr lOOjäfjriges Bestehen. Einen Ranzen", d. h. einen Umfang von 6 Fuß, das sind rund 2 Meter, und dazu ein Mindestgewicht von 2 Zentner mußten dieRekruten" früher aufweifen, wenn sie in diesesRanzengardebataillon" eingestellt werden wollten. In den Fastnachtstagen ist alles, groß und klein, arm und reich, von einer unbeschreiblichen Narretei befallen. Der Fremde, der herkommt, will es einfach nicht glauben, was da an Witz und Spott, an Einfalt und Weisheit produziert wird. Ein einziger Optimismus hat das Volk befallen. Jeder und jedes beherzigt die Parole: Freut euch des Lebens!

Wer einmal in einer der großen Städte einen Rosenmontagszug erlebte, wer einer ProklamationSeiner Tollität des Prinzen Karneval" beiwohnte, wer die geistvollen Reden und Moritaten aus derBütt" vernahm, wer die prunkvollen Fremdensitzungen sah, der wird, so oder so, einen Abglanz des Lachens, das er erlebte, mitnehmen in den Alltag.

Die Rosenmontagszüge sind wahre Narrenzüge. Was sie in einem langen Jahre ausgebrütet haben, alle wesentlichen Dinge, die sich im letzten Jahre auf unserem nicht immer schönen Planeten zutrugen, werden originell und mit viel künstlerischem Geschmack verarbeitet und nehmen auf unzähligen Festwagen Gestalt an.

Die Rosenmontagszüge sind meist unter einem bestimmten Motto aufgezogen. Die Kölner z. B. nennen ihren diesjährigen ZugMärchen und Sagen aus aller Welt", die DuisburgerSchlager auf Schlager". In Düsseldorf geht der Umzug am Rosenmontag unter der Bezeichnung Lachendes Volk"; in Mainz heißt die ParoleNeunmal elf im närrischen Flug". UeberaU herrscht die schönste Maskerade. In allen Straßen und Gassen tummelt sich das Narrenvolk. Auch die Kinder machen begeistert mit. Wer nicht kostümiert und maskiert ist, trägt wenigstens eine große bunte Papierblume im Knopfloch oder führt einePritsche" aus Holz oder Pappe mit, womit er feinem Nächsten eins versetzt. Auf allen Straßen fchunkeln sie zu den Karnevalsschlagern. Fremde, die zu Hunderttausenden in die großen rheinischen Städte strömen, sind bald im großen Meer des Karnevals untergetaucht. Die kostümierten Stadtsoldaten, die vielerlei Garden in unwahrscheinlich prunkvollen Uniformen nehmen manch hübsches Mädchen gefangen, und nur gegen ein Lösegeld, einen Butz, d. h. einen ordentlichen Kuß, wird es wieder freigegeben.

Konfetti und Papierschlangen durchflirren das Gewoge. Und über allem thront er, der Herrlichste von allen, umgeben von einer Ehrengarde, die in ihrer Farbenpracht ihresgleichen sucht: Prinz Karneval. Sein Schutz­patron ist, kurz gesagt, der heilige Narrikus. Ernst ist das Leben, hetter derFasteier", möchte man mit dem Dichter sagen lassen. Er herrscht als souveräner Fürst an diesen vier, fünf Tagen uneingeschränkt.

- Und am Ende, am Aschermittwoch, trifft sich das Narrenvolk noch einmal zum Fischessen, und manch einer verdrückt heimlich einen sauren Hering. Bisweilen soll dieser und jener auch, beharrlich und tiefernst, einen ausgewachsenen, prächtigen Kater spazieren führen. Vielleicht, wer weiß, auch einen Affen, wie im Volksmund hierzulande der Katzenjammer bildhaft bezeichnet wird ...

Oas Fräulein und die Zofe.

Eine Fastnachtsgeschichte von Otto Anthes.

Clemens August, der Kurfürst von Köln, gab auf feinem Schloß zu Bonn ein großes Maskenfest. Der ganze Adel des Landes war geladen, aber auch allen Fremden von Stand, die sich zufällig in den Grenzen des Kurfürstentums aufhielten, war der Zutritt gestattet. Der Kurfürst, dem seine heimischen Schönheiten bis zum Ueberdruß vertraut waren, so sehr, daß er sie sämtlich durch die Masken hindurch herauskannte, strich durch die Säle, um vielleicht unter den fremden Damen etwas aufzuspüren, was seinem übersättigten Geschmack zusagen möchte. Da gewahrte er in einer Seitengalerie zwei weibliche Dominos, einen blauen und einen gelben, die, obwohl sie ohne Kavaliere ganz für sich an einem Tische saßen, bereits übermäßig vergnügt waren. Da er sie ein Weilchen beobachtete, sand er, daß sie seinem Champagner und den Leckerbissen seines Büfetts mit einer gewissen Inbrunst zusprachen. Der Lakei, der sie bediente, hatte alle Hände voll zu tun, um ihre taut geäußerten Wünsche zu befriedigen. Das reizte die Neugier des Kurfürsten, und als er sich ihnen nun näherte, empfingen sie ihn mit einem ausgelassenen Gelächter.

Ich bin erstaunt, meine Damen, redete er sie an, Sie so heiter zu sehen, obwohl, wie ich zu meinem Befremden bemerke, sich noch kein Kavalier Ihrer Unterhaltung gewidmet hat.

Die Gelbe, die ein wenig kleiner und üppiger war als die andere, erwiderte mit einem deutlichen Anflug von kölnischer Mundart, es sei ihm nicht verwehrt, diesem Mangel abzuhelfen.

Er setzte sich und war bald in einem lebhaften Gespräch mit der Gelben, die sich keck und fWagfertig zeigte, während die Blaue zurückhaltend und fast ängstlich erschien, nachdem er an dem Tische Platz genommen hatte. Als er aber mit seiner gelben Schönen zum Tanz angetreten war, Hub sie plötzlich in einem gänzlich veränderten Tone an: Gnädiger Herr, ich muß Ihnen etwas sagen.

Ich bitte! beeilte er sich zu erwidern.

Nehmen Sie sich ein wenig mehr meines gnädigen Fräuleins an, sagte sie gesenkten Blicks.

Ihres gnädigen Fräuleins? gab er betroffen zurück. Ja, wer sind denn Sie?

Ich bin die Zofe, flüsterte sie verschämt.

Die Zofe! rief er und runzelte die Brauen. Wie kommst du da herein?

Nicht böse werden, gnädiger Herr! flehte sie. Sehen Sie und sie erzählte, daß ihr gnädiges Fräulein, ohne jeden Anhalt in der Gesellschaft, doch gar zu gern auf den Ball gegangen fei und sie überredet habe, in einem von des Fräuleins Kleider mit ihr zusammen die Dame zu spielen. Da aber nun der gnädige Herr sich allzuviel mit ihr, der Zofe, beschäftigt habe, sei ihr bange geworden, daß jene gekränkt sei und es sie nachher fühlen lassen könnte.

Der Kurfürst, obwohl ein wenig verstimmt, war doch auch wieder gereizt und gefeffelt von dem ungewohnten Abenteuer. An den Tisch zurückgekehrt, wandte er sich alsbald der Blauen zu und war fast erstaunt, sie nunmehr viel hübscher und galanter zu finden als die Gelbe, wo er doch vorher der gegenteiligen Meinung gewesen war. Und da er jetzt seine ganze Huld auf sie sammelte, ward sie auch lebhafter, funkelte mit den Augen hinter ihrem Fächer hervor und gab Antworten, die keineswegs von Schüchternheit zeugten, wenn sie auch, wie ihm vorkam nicht jo geradezu waren, wie die Keckheiten der Gelben.

Es geht doch nichts über eine gute Herkunft, dachte er und wir schon bereit, die ungehörige Anwesenheit der Zofe um der reizvollen Herrin willen zu verzeihen. Beim Tanz aber mit der Blauen allein hörte er