Ausgabe 
8.1.1937
 
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NachiNed.

Bon Friedrich Hebbel. Quellende, schwellende Nacht voll von Lichtern und Sternen! In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis.

Das Wesentliche.

Von Generaloberst Hans v. Seeckt f.

Mit dem Schöpfer der Reichswehr, dem Generalobersten Hans v. Seeckt ist auch ein bedeutender Schriftsteller hin­gegangen, der nach seinem Rücktritt 1926 in mehreren viel beachteten Schriften politische und soldatische Fragen mit her­vorragender Klarheit und Geschliffenheit des Ausdrucks an­packte. Zu seinem Gedächtnis bringen wir einen Auszug aus seinem HauptwerkGedanken eines Soldaten".

Das Wesentliche ist die Tat. Sie hat drei Abschnitte, den aus dem Gedanken geborenen Entschluß, die Vorbereitung der Ausführung oder den Befehl, die Ausführung selbst; in allen drei Stadien der Tat leitet der Wille. Der Wille entspringt dem Charakter, dieser ist für den Han­delnden entscheidender als der Geist. Geist ohne Willen ist wertlos, Willen ohne Geist ist gefährlich.

Der Handelnde, den wir hier Feldherr nennen, muß zur Erfüllung der Aufgabe, die an ihn herantritt, eine Vorbildung, ein Wissen mit- bringen. Gut, aber nicht notwendig ist es, wenn er Zeit gehabt hat, sich im Berufsstudium auf den großen Augenblick seines Lebens, die Tat, vorzubereiten. Der Wert des durch Studium erworbenen Wissens dars nicht überschätzt werden. Vor den eigenen Entschluß gestellt, darf der Handelnde nicht die Enzyklopädie seines Faches im Geiste durchblättern und nicht sich erinnern wollen, wie die Feldherren von Alexander bis Zielen in ähnlichem Fall gehandelt hätten. Wissen, wie z. B. das aus dem Studium der Kriegsgeschichte gewonnene, ist nur dann von lebendigem, praktischem Wert, wenn es verarbeitet, wenn aus der Fülle der Einzel­heiten das Bleibende, das Wichtige gewonnen und dem eigenen geistigen Schatz einverleibt ist, und die Gabe dazu hat nicht jeder.

Aus der Aufgabe heraus fetzt sich der Handelnde das Ziel, gleichviel, ob er diese Aufgabe sich selbst stellen konnte und welcher Handelnde war je ganz frei! oder ob sie ihm Umstände und höherer Befehl zu­wiesen. Das Ziel seines Handelns wird er stets sich weiter stecken, als er es im eigensten Innern für erreichbar hält; er wird dem Glück auch einen Spielraum geben; aber es nicht über diesen verständigen Spiel­raum hinaus auszudehnen, erfordert weise Beschränkung und Kunst­gefühl. Hier liegt die feine Grenze zwischen dem kühnen Feldherrn und dem Hazardeur. Diese Zielsetzung ist wesentlich beeinflußt von dem Ur­teil über die eigenen Mittel und Kräfte aller Art, wie durch das über den zu erwartenden Widerstand, und erst aus dieser Ueberlegung heraus ergibt sich das endgültige Urteil über die Erreichbarkeit des Ziels. Aus diesen vielgestaltigen Erwägungen und wer wollte es leugnen! Stimmungen heraus zeichnet sich mit zunehmender Deutlichkeit das Bild des Entschlusses ab. Zweifel erheben ihr Haupt; so vieles liegt im Dun­keln. Riesengroß steht die Verantwortung vor dem ringenden Geist. Jetzt spricht der Genius sein entscheidendes Wort, die Faust fällt auf den Tisch, der Entschluß ist gefaßt, und der Befehlende tritt hinaus in den Kreis der harrenden Vollstrecker seines Willens.

Richt jeder Tat ist so glückliche Empfängnisstunde, so einfacher Ge­burtsakt beschert. Versammlungen, Beratungen, Ausschüsse, Kriegs- und andere Räte sind und um so größer, um jo gefährlicher kraftvollem und schnellem Entschluß feind. Meist sind sie aus Bedenklichkeiten und kleinen Verantwortungen zusommengefetzt, und der zum Handeln Drän­gende erträgt schwer die sich dehnenden Stunden der Beratung. Ich ent­sinne mich aus der Teilnahme an solchem Kreis eines Mitgliedes, das schlechthin zu jedem Gegenstand sprach und stets die gleiche Rede hielt. Zuhören, schweigen und zustimmen zu können, sind seltene Gaben, weit sel­tener, als die Rednergabe selbst, die am schlimmsten wirkt, wenn ihr die Fähigkeit aufzuhören versagt ist, wie dem Mann, der das Radfahren erlernte.

Das Material, das der zum Handeln Berufene zum Unterbau feines Entschlusses gebraucht, werden Gehilfen ihm zutragen; er wird für Ein­zelheiten den Rat sachverständiger und erfahrener Männer hören, und bis an die Grenze des letzten Entschlusses folgt ihm vielleicht der eine Ver­traute. Es ist ein Kennzeichen des wahren Führers, ob er Ratschläge anhören und sie verwerten, selbst befolgen kann, ohne doch die Freiheit verantwortungsvollen Handelns zu verlieren.

Run muß befohlen werden, damit der Entschluß Gestalt annehmen kann. In diesem Stadium der Tat gelangt der Wille des Handelnden zum stärksten Ausdruck; denn, wenn bisher nur die inneren Widerstände zu überwinden waren, der Entschluß etwas Eigenes, ein Teil des Selbst

war, so trifft er, sobald er Form gewinnt, aus die äußeren Widerstände, die in seiner Weiterleitung in und durch andere menschliche Kanäle liegen. Um so schärfer und klarer muß sich der Wille, der aus dem Entschluß ent­springt, jetzt auch in der Form durchsetzen. Richt umsonst verlangen wir im militärischen Leben eine besondere Befehlssprache. Sie muß den Willen des Befehlenden fo klar zum Ausdruck bringen, daß fchwacken Geistern kein Zweifel bleibt und daß widerstrebende unter den Willen des Führers gezwungen werden. Mit beiden Arten von Vollstreckern feines Willens muß der Befehlende rechnen und die Hemmnisse, die durch beide entstehen können und immer entstehen werden, durch die Kraft und Klarheit seiner Sprache auszuschalten oder herabzumindern versuchen. Läßt er andere in seinem Namen befehlen, so muß er gewiß sein, daß sie diese seine Sprache sprechen; denn, so sehr auch gewisse, allgemein ge­bräuchliche Formen des Befehls Arbeit und Verständnis erleichtern, so darf doch dem Befehl nicht das eigentlich Charakteristische der Sprache fehlen, die eben nur der eine Mann spricht. Je höher der Befehlende steht, um so weiter ist der Weg von ihm bis zur letzten ausführenden Stelle, um so größer die Gefahr, daß der Entschluß an Kraft einbüßt, der Wille sich nicht bis in alle Fasern des Körpers durchsetzt. Daher ist es nun die große Aufgabe des Feldherrn, den eigenen Willen fo stark in die Gefäße hineinzuzwingen, daß fein Pulsschlag noch in den äußersten Veräste­lungen fühlbar bleibt. Der Wille Friedrichs und Napoleons lebte in ihrem letzten Grenadier.

Die Gehilfen des Befehlenden sind die unentbehrlichen Weiterleiter bei Ausführung feines Entschlusses. Ihre Auswahl ist schwierig und dem Zufall unterworfen, ihr Wert oder Unwert oft erst zu spät erkannt; Enttäuschung über Mitarbeiter ist das tägliche Brot des Führers; ihre Kräfte und Schwächen rechtzeitig zu erkennen und danach das ihnen zu schenkende Vertrauen zu dosieren, ist eine seiner wichtigen Aufgaben. Die dem Führer nahestehenden Männer, der Stab des Feldherrn, müssen, wenn nicht von seinem Geist, dann von seinem Willen so durchdrungen fein, daß sie ihn ausführen, fei es aus Ueberzeugung, aus Gehorsam oder aus Furcht. Das gleiche ist von den Unterführern zu verlangen, die in ihrem Teilbezirk die vollstreckenden Anordnungen zu dem Befehl des Feldherrn treffen. Dieser wird ihnen fo viel, aber nicht mehr befehlen, als er für die Durch­führung feines Willens für erforderlich hält, und ihnen für die Vollstreckung die Freiheit lasten, die allein bereitwillige Mitarbeit im Geist des Ganzen verbürgt. Ohne ein wenig Optimismus kommt der Führer nicht aus.

Kein Handelnder, kein Befehlender hat mit Fassung des Entschlustes und seinem Befehl zur Ausführung genug getan; er bleibt für die Durch­führung in seinem Geist, für die Verkörperung feines Willens bis zum letzten Augenblick verantwortlich. Wie er sich hierüber Gewißheit ver­schaffen kann, das führt in die Einzelheiten der Regierungs- und Befehls­technik hinein, die hier nicht geschildert werden kann. Am Abend vor einer Schlacht überzeugte ich mich, ob unser Befehl überall durchgedrungen war, und bekam von einem braven Berliner die kurze Antwort:Ick jreife an." Er hatte uns verstanden, und das war das Wesentliche.

Kärntner Geschichte.

Von Joses Friedrich Perkonig.

Die kleine, wahre Geschichte, die hier zu erzählen sein wird, ereignete sich im schmerzensreichen Sommer des Jahres 1920, als in allen Ohren nach der große Lärm des abziehenden Weltgewitters nachhallte. Da hörte man nicht den kleineren Lärm aus dem fernen, halb unbekannten Kärnten, das sich anfchickte, feine Stimme zu sondern, in jene, die dieses schöne liebe Land auch weiterhin deutsch haben wollten, und jene, die es den Süd- slawen auszuliefern beschlossen, da standen im Schatten tapfere, unver­gessene Männer, die in die Geschichte eingehen werden, doch damals nannten kaum die Nächsten ihre Namen. Wie hätten da andere, kleinere Leute zu ihrem Rechte kommen können, sie, die einzeln ja nichts waren als Stimmen, die nicht gewogen, sondern nur gezählt wurden, die nur zusammen ein Volk ergaben.

Doch jetzt ist es an der Zeit, von kleinen, ernsten und lustigen Helden zu reden, da die großen längst gebührend gefeiert worden sind, von merk­würdigen Menschen, die zwar nicht ihr Blut vergossen haben und natürlich in den Heldenliedern jener Zeit keinen Platz finden werden, die man auch bald vergessen haben wird, wenn sie nicht überhaupt schon vergessen sind, die aber doch eigentümliche, rührende Helden waren auf ihre Weise, und ohne die das Bild jener Zeit nicht vollständig wäre.

Und so laßt euch denn erzählen von der alten Miadl, einer Greisin in einem Dorf an den Karawanken, deren Leben still, armselig und eintönig war, wie eben das Dasein eines Menschen, der nur noch auf den Tod wartet, das sich aber zuletzt für einen kurzen Augenblick zu der Weisheit des großen Salomo erheben follte.

Die alte Frau war einmal Magd gewesen, später bann hatte sie einen Keufchler geheiratet, aber das kleine, schindelgedeckte Haus, in dem sie zwar eine arme Bäuerin, aber doch eine Bäuerin fein wollte, brannte bis auf die Mauern ab, der Mann starb, die Miadl wurde eine Botin, und als sie achtzig Jahre alt geworden war, begann die Gemeinde für sie zu sorgen.

Hat man das Brot für die letzten Tage vor dem Sterben auch ver­dient, es ist immer ein hartes Brot, es wird einem nicht nachgetragen, man muß es holen, und es ist gewiß ein Fehler dieser Welt, daß die Ehren nicht immer auf jene fallen, die ihrer würdig sind, daß reiche Faulheit manchmal mehr bedeutet als armer Fleiß.

Es war nun so, daß die Greisin die Verwunderung der Leute über ihr langes Leben wohl spürte, vielleicht mochte auch der eine ober andere lieblose Spott an ihr Ohr geweht worden sein, doch sie meinte, es stunde ihr nicht an, Klage zu führen wer würde ihr auch sein Ohr geliehen haben?, und sie mußte schweigend in sich tragen, was man ihr an w spätem Kummer auflud. Sie rächte sich auf ihre Weife, indem sie an dem