Ausgabe 
8.1.1937
 
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und anderen Kindern von Hause fortgegangen war und ihn das Schwesterchen verloren hatte.

Es ist doch gut, meinte Ali zu Klick,daß wir an der Elbe entlang den Umweg gemacht haben."

Wenn du auch keine schöne Muschel sandest, so hast du doch vielleicht einem Kind das Leben gerettet", sagte der kluge Freund.Wie leicht hätte der Junge ertrinken können."

Die unsichtbare Ohrfeige.

Bom Eßtisch des Buchhalters Bodenweber war die Butter ver­schwunden. Die Kost war noch einfacher geworden, als sie es schon ohnehin gewesen.

Wer nichts hat", belehrte er seinen Sohn,tut gut daran, seine Lage durch Einschränkung und durch Verminderung der Ausgaben zu ver­bessern."

So was heißt Notverordnung!", sagte Klick.

Bei schlechtem Geschäftsgang müssen die Unkosten gesenkt werden", fuhr Herr Bodenweber fort.

Bis zu einer gewissen Grenze!", sagte Klick.Dann sängt die Sache an faul zu werden. Wenn man bloß an den Einsparungen verdient, wird es ungemütlich." _

Derart waren die volkswirtschaftlichen Gespräche, als Herr Boden­weber nur noch an drei Nachmittagen in der Woche seine Buchhalter­tätigkeit im Spielwarenladen ausübte. Die übrige Zeit verbrachte er damit, sich nach Gelegenheitsarbeiten umzutun, Adressen zu schreiben und in der Sonne zu lustwandeln. Der Platz an der Sonne blieb ihm un­geschmälert.

Die letzten Wochen hatten auch Frau Trockenhut stark mitgenommen. Sie mußte ein Herzheilbad aufsuchen.

Hoffentlich wird Frau Trockenhut wieder halbwegs gesund", sagte Klick.Die ganze Welt ist krank."

Hast recht", meinte Herr Bodenweber,die Welt ist krank. Wer dafür den Arzt wüßte und das rechte Bad! Hineinschmeihen sollte man den Globus."

Aber es geschah nichts, und der Vater bezog weiterhin seinen Platz an der Sonne.

In dieser Zeit, da Klick keinen anderen Ausweg sah und das tägliche Leben immer spröder wurde, erfand er sich einen wohlhabenden Onkel aus Amerika. Der sah wie ein Bruder von Sassafrah aus, nur bartlos, mit denselben stahlblauen Augen, ein stattlicher Mann: sein Wunschonkel. Den konnte er sich wünschen, wie er wollte. Es ist klar, dieser gewünschte Onkel hatte keine Kinder: eine Frau brauchte er auch nicht zu haben, die mäkelt ja doch nur und ist im besten Fall nicht angenehmer als die Wirt­schafterin von Saisasratz, die ihm nicht fo recht gefiel. Klick ging auf die Straße und dabei stellte er sich vor: der Vater und er liegen früh noch in den Federn, als es auf einmal klopft. Man ruft:Herein! Wer ist da?" Der Onkel aus Amerika!" Man zieht sich an, und der reiche Onkel führt sie in die Geschäfte, wo er ihnen neue Sachen kauft. Nun ist alles in Ordnung, man sitzt richtig im Fett. Butter ist fürs ganze Jahr da, für alles ist gesorgt, auch der Spielzeugladen von Frau Trockenhut wird mit Geld gestützt. Ali kann die Säuglingspflege erlernen.

So schön malte er sich dieses wunderbare Ereignis aus. Als er über den Altmarkt ging, fragte er die geschwätzige Blumenfrau am Denkmal, mit der er oft seinen Scherz hatte:Haben Sie vielleicht meinen Onkel aus Amerika gesehn? Ich habe ihn verloren!"

Ich auch!", sagte die immer gutgelaunte Frau.Wie sah er denn aus, und wann hast du ihn denn verloren?"

Braun sah er aus, genau so wie Ihre Strümpfe. Im Winter hab ich ihn verloren und hier, wo Ihr Stand steht."

Junge, Junge!", rief sie, auf seinen Scherz eingehend,hast du schon einmal eine Blumenfrau im Winter auf dem Altmarkt erblickt?"

Ja .. ", erwiderte er, da war es eine mit Weihnachtsbäumen .."

Auf der Seestraße begegnete ihm Ali. Sie fuhrdas Kind" aus, ihr Zeitungspapierbaby.

Mußt schon wieder Säuglingsschwester spielen, Ali?", rief er, aber sie ging auf seinen Scherz nicht ein. Sie platzte von einer Neuigkeit.

Denk nur, Klick", sagte sie hastig,bei der Tante Mittwoch war heute morgen ein Herr, der gab ihr das da für mich!"

Der Onkel aus Amerika!, dachte Klick.

Sie holte aus ihrer Rocktasche ein blankes Fünftnarkstück.

Was war denn das für ein Herr?"

Groß war er und braun im Gesicht. Er kaufte der Tante eine Rund- funkzeitfchrift ab und sagte, er hätte eine Schneiderrechnung zu bezahlen."

Sassafraß!", rief Klick und tat einen Satz.Wie anständig von ihm." Ich wollte aber gar keine Bezahlung haben", erwiderte Ali.

Bezahlung, Bezahlung!", äffte Klick nach.Strick ihm dafür eine Leibbinde, so einen Onkel muß man sich warmhalten."

Eines Morgens dann, als Klick, zur Schule gehend, In der Haustür ein wenig verweilte, kam tatsächlich der erträumte Onkel. Er war glatt­rasiert, braun im Gesicht, stattlich und trug eine große, braune Tasche. Ihr entnahm er einen Brief, auf dem stand: Herrn Nikolaus Bodenweber und genau die Straße und Hausnummer.

Hier Klick!", sagte der Briefträger,ein Eilbrief für dich."

Klick sah, daß das Schreiben von der Lotteriestelle stammte: ach, viel- leicht waren die Lose abgegeben worden! Er riß den Umschlag auf und las: Von einem sehr geehrten Herrn las er, und daß man ihn beglück­wünsche, und daß auf fein Los Nummer 25 233 der zweite Hauptgewinn mit zwanügtaufend Mark entfallen sei. Und: hochachtungsvoll hoch- achtungvoll zwanügtaufend Mark und hochachtungsvoll zwanzig­tausend Mark Hochachtungsvoll!

Donnerwetter! Das eine Los hatte also gewonnen.

(Fortsetzung folgt.)

Ihre derben Schuhe klirrten über das Flußgeröll. Muscheln gab es Knug, Flußmuscheln, leere, die aufklafften, halbe, die mit Perlmutterglanz immerten, zerbrochene und von Sand durchschwemmte, Perlen jedoch enthielten sie nicht. Entweder waren ihre Perlenkinder herausgerollt m den Fluh oder längst aufgelesen von anderen Kindern, die auch Perlen­ketten haben wollten. Ob es überhaupt die richtigen Muschelschalen waren? Klick wußte es nicht genau, er machte auch gerade Jagd auf kleine Fische, die sich im seichten Uferwasser wärmten.

Ins Perlensuchen vertieft, schlenderte Ali allem. Zwischen ihr und Klick spannte sich ein großes Stück des Ufers. Da horchte sie jäh auf. Was war das? Jämmerliches Kinderweinen drang zu ihr. Sie spähte umher. Woher das Weinen? Kein Kind zu sehen. Wie aus dem Wasser tönte es an ihr Ohr, als ob dort unten in der Tiefe ein Kind auffchluchzte. Ein Perlenkind? Sie tat ein paar Schritte, lauschte aufmerksamer deutlicher erscholl das Weinen. . m ,

Mutti, komm ...", glaubte sie zu hören, Worte, halberstickt tn Weinen.

Ein Kind!

Sie lief und lief dem Weinen entgegen.

Mutti, komm!"

Weit und breit keine Mutti.

Ob sie ertrunken, ob sie ins Wasser gegangen war? Schreck durchzitterte das Mädchen. Mit laut klopfendem Herzen rannte sie. Am Rand der Wiese, wo ein paar Büsche kauerten, fand sie einen blassen, von Tränen über­spülten und fast leergeheulten Jungen. Krampfhaft stieß feine kleine Brust, er schluchzte, würgte, war außer sich. Vier Jahre mochte er alt fein.

Wein nicht, Kleiner!", tröstete sie, strich ihm über das Haar, streichelte seine Wangen,wo ist denn deine Mutti?"

Mutti!", stieß er hervor, ein Häuflein Unglück und Verlassenheit. Von Tränen und Staub war fein Gesicht beschmutzt. Ali putzte ihm die Nase, wischte seine Tränen. Da wurde er ruhiger.

Sei still, wein' nicht mehr. Ist schon gut. Ich bring dich zu deiner Mutter. Wie heißt du denn?"

Das leise, ängstliche Stimmchen nannte den Namen :Hei... HeiniI", brachte er heraus.

Und wie noch?"

Schmitt..."

Schmitt heißt du, Heini Schmitt. Hm ...!" Schmitt gab es leider genug.

Wo wohnt denn deine Mutti?", fragte die zärtlich Besorgte.

Das wußte er nicht. Er wußte nur, daß er eine Mutti hatte, die ihm fehlte.

Wo bloß der Klick bleibt!", murmelte sie.

Klick fischte noch immer im Wasser.

Klick, ahoi!", rief sie wie ein Schiffer,schnell, zu Hilfe!"

Klick sprang aus dem Wasser und fegte heran. Wie ein Schnelläufer japste er.

Was ist denn los?"

Ali deutete auf den Jungen.

Sieh, was ich gefunden hab!"

Was ist denn das fürne Perle?", meinte er verwundert und begriff nicht recht.Warum heult er denn? Tut ihm was weh?"

Er weint nach feiner Mutter. Muß sich verlaufen haben." Verlaufen? Daß sich fo'n kleiner Matz jo weit heraus verläuft!" Ernsten Gesichts betrachtete sie den Findling, der da im Gras wie ein schauernder Vogel hockte. In dicken Tränen schwammen seine Augen. Vertrauend sah er zu ihnen auf, den großen Leuten.

Vielleicht ist er gar ausgesetzt worden, Klick. Oder geraubt. Das gibts." Klick durchsuchte die Kleidung des Jungen. Manchmal haben ausgesetzte Kinder einen für den Finder bestimmten Brief in der Tasche. Ader Heini hatte bloß ein paar Kieselsteine, zwei Muschelschalen und eine welke Blume in seiner einzigen Tasche.

Er hat auch Muscheln gesucht", meinte Klick scherzend.

Er weiß nicht, wo seine Mutter wohnt."

Wir müssen ihn im Fundbüro abliefern."

Flüchtig dachte Klick an den Beamten, bei dem er sich nach feiner ver­lorenen Mütze erkundigt hatte.

Im Fundbüro?", fragte Ali erstaunt.Du bist nicht gescheit. Hast tm eine Ahnung, was man mit Findelkindern tut. Zur Wache müssen wir ihn bringen."

Bringen wir ihn zur Wache! Also hör. Kleiner, Moses ohne Binsen­körbchen! Deine Mutter hat dich ausgesetzt oder verloren, was weiß ich. Du weißt es ja selbst nicht. Zum Glück hat dich Prinzessin Ali am Ufer gefunden. Sie nimmt dich mit und bringt dich zu feinen Herrschaften. Du wirst Augen machen. Dort ist ein Mann mit einem Schnurrbart und goldenen Knöpfen. Er wird für dich sorgen. Komm, hoppla!"

Sie faßten den Jungen bei den Händen und setzten sich in Bewegung. So gingen sie der Stadt entgegen. Mit freundlichem Geplauder führten sie den Findling. Sie hatten aber kaum dreißig Schritte zurückgelegt, als Heini Schmitt nicht weiterkonnte. Er war todmüde. Da trug ihn Klick auf den Schultern.

Nicht lanae danach gab es eine neue Stockung, und Heini Schmitt wurde abgeladen. In wabnfinniger Eile stürzte eine Frau am Ufer entlang, ein Kind rannte hinter ihr her. Wie aufgelöst vor Verzweislung schien die Frau. Man härte sie jammern und rufen.

üeini! Heini! Wo bitt du? Heini!"

, Da kommt ia feine Mutter", sagte Klick,Gott sei Dank!"

Aber Heini hörte nicht, wie angstvoll seine Mutter noch ihm rief. Er war auf dem Schuttersiß wie ein müder Reiter im Sattel eingefchlafen.

flier ist Ihr Heini!", brüllte Klick und hob den Jungen herunter.

Die Frau jagte herbei. Die Angst um ihr Kind sprach aus ihren Zügen. Es ist ihm nichts zugeftoßen, Frau Schmitt", beruhigte sie Klick.Wir haben ihn aehmben und wollten ihn auf der Wache abliefern, er wußte nämlich nicht die Wobnuna "

Sie erfuhren non der Mutter, die ihr roieberaefunbenes Kind an bie Brust drückte, daß er vor mehreren Stunden mit feinem Schwesterchen