GiehenerKmilieniMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957
Freitag, den 8. Januar
Nummer 2
Klick aus dem Spielzeugladen
Roman für das große und kleine Volk
Von Friedrich Schnack
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig
8. Fortsetzung.
„Danke!", erwiderte der Kapitän mit feierlicher Miene und hob den rechten Zeigefinger nachlässig. „Alle Mann an Bord!"
Und Klick nahm die Matrosen und Seejungfern, wie sie frisch aus der Schachtel gekommen waren, und beförderte sie auf Deck. Fröhlich schwankte das Schiff, steif wedelte das Schilf, und die Seerosenblätter machten sich unverschämt breit. Die Matrosen und Matrosinnen hängten ihre rosig angemalten Porzellangesichter über das Schiffsgeländer. Der Steuermann hatte ihnen Haltung beigebracht.
„Segel ab!", ordnete der Kapitän an.
Ritsch, ratsch! sank die Leinwand.
„Anker auf!"
Die Winde spielten, der Anker ging in die Höhe, das Haltetau wurde
Abfahrt, hipp, hipp, hurral", schrie der Steuermann und winkte mit der Mütze.
„Ahoi!", rief Ali.
Die Fregatte fuhr ab. Gleich einer Möwe glitt sie hinaus durch das Inselfeld der Seerosenblätter. Nun war die „Anastasia" nicht mehr ein Fahrzeug ohne Matrosen oder nur mit eingebildeten, jetzt konnte sie sich mit ihren blauen und weißen Hosen unter den Masten bet jedem Schiffsmann sehen lassen, und das verdankte man Ali, der Schiffsschneiderm.
Gemütlich blickten sie der „Anastasia" nach: vor einer guten Brise schwebte sie an den Seeroseninseln vorüber. Dann sagte der Kapitän: „Geh doch mal ins Haus, Klick, und sieh, wo denn eigentlich unser Tee bleibt. Drei Tassen und tüchtig Brötchen."
Klick eilte hinweg.
Ein Verlorener wird gefunden.
Die große Schifserhand des Kapitäns strich über Alis Haar.
Erzähl mir von dir!", forderte er mit Wärme und Zutrauen auf.
Ali runzelte die Stirn. Klick habe doch schon alles erzählt, meinte sie.
„Ich möchte wissen, wie es bei dir zu Hause ist, bei deiner Tante Mittwoch, was du tust und treibst ..." CE r.
Ich hole die Ausgaben bei den Zeitungen und schaffe sie auf den Postplatz. Manchmal begleitet mich Klick", berichtete sie. „Die Tante ist zweiundsechzig, aber noch ganz gesund, bis auf ihr Knochenreißen. Das hat sie vom zugigen Postplatz. Wir haben einen gelben Kater, Schnurr heißt er An seinem Fell wärmt sich Tante im Winter die Hande. Dann liegt er auf ihrem Schoß unter einer Decke. Alle Zeitungskunden kennen ihn Aus dem Waldschlößchen-Gasthaus bringt ihm der Oberkellner Essen. Der ist ein Katzensreund. Tante hat zwei Zimmer und eine Küche, in dem kleinen Zimmer schlafe ich. Das ist alles ..."
„Erinnerst du dich an deine Eltern?"
„Ich war zu klein "
„Was war dein Vater?"
„Weiß nicht. Arm."
„Und du bist in Dresden geboren?"
„In Ratibor. Vater und Mutter sind in Polen gestorben. Ich weih aber nichts darüber, weil auch die Tante Mittwoch nichts weiß. Sie polte mich hierher, als ich zwei Jahre alt war. Ich bin Minderwertigkeits-
„Was bist du?" Der Kapitän wunderte sich „Du lieber Himmel, du meinst Minderheitsdeutsche. Wie kommst du zu diesem Wort?"
Ali verstand nicht, was der Kapitän auszusetzen hatte. „Tante sagt so " erwiderte sie Tante lieb Leitung, darin steht es."
'„Das scheinen ja arobarttae Blätter zu sein! Und wer kocht, wenn Frau Mittwoch am Postnlatz Zeitungen verkauft?"
„Ich!"
„Kann ich da nicht mal mitessen?"
Sie schüttelte sanft den Kopf.
„Das schmeckt Ihnen nicht. Und dann ..."
Sie brach jäh ab.
„Was: dann?"
Sie senkte das Gesicht. Nein, sie wollte es nicht sagen.
„Und dann? Wie meinst du? Sag mir's!"
„Es reicht nur für zwei", sagte sie beherzt und blickte verschämt zur Seite.
Er war gerührt.
Klick kehrte von seinem Auftrag zurück. Der Tee käme sogleich.
„Wie steht's mit der Rechnung für die Besatzung, Klick", fragte der Kapitän.
„Dafür ist die Schiffsschneiderin zuständig", antwortete der.
„Gib mir die Rechnung, Ali!", wandte sich der Kapitän an das
Mädchen.
Sie schaute fragend auf ihren Freund.
„Die unbekleideten Puppen kosten nichts", sagte dieser. „Die Anzüge allerdings werden nicht billig sein. Es ist ja Maßarbeit."
Ein Schalk. Sassafrah sandte ihm einen huschenden Augenblitz.
„Die kosten auch nichts", erklärte die Schneiderin.
„Spaß!", rief der Kapitän. „Ich lasse mir keine Anzüge schenken und gar für meine Schiffsbesatzung. Bei uns Seeleuten heißt es: Was nichts kostet, ist nichts wert, und was nichts wert ist, bringt Unglück. Nichts zu machen, wir haben unsere Erfahrungen. Die Rechnung, bitte!"
Scherzte er?
„Auch die Püppchen müssen bezahlt werden", sagte er zu Klick.
„Ich werde mich bei Frau Trockenhut nach dem Preis erkundigen.
Ali schwieg. Sie wollte keine Bezahlung haben.
„Ali!", mahnte Sassafrah.
Sie verzog ihr Gesicht, beinahe hätte sie losgeweint. Da klopfte ihr aber der Kapitän zärtlich auf den Rücken und sagte: „Wir sprechen noch darüber."
In diesem Augenblick erschien die Wirtschafterin mit dem Tee und einem Berg belegter Brötchen.
Aber Sassafrah kam auf die Schneiderrechnung nicht zurück. Als sie mit dem Tee fertig waren, führte er die beiden ins Haus, durch eine Glasveranda mit sonderbaren Blumen zu einer Muschelsammlung, der kostbaren Taucherbeute. Die Muscheln waren auf einem Tisch ausgelegt. Darauf stand noch eine kleine Treppe, über und über beladen — es sah aus, als jagten die großen Muscheln die Stufen hinauf, eine hinter der andern her. Was für riesige und seltsame Dinger! Solche Muscheln hatten weder Klick noch Ali je gesehen. , ..
„Häuser von Porzellan!", sagte der Kapitan. „Tierschlosser vom Meeresgrund." _ ,
Wunderbar sahen sie aus. Die einen schimmerten silbern, die anderen blinkten weiß wie Eierschalen. Wieder andere waren von schwerem Perlmutter überzogen und glänzten in einem seltsamen Farbenlicht, als spiegelten sie Regenbögen der Tiefsee. Einige waren darunter mit Oefsnungen wie die rosigen Rachen großer Blumen. In ihren Höhlen dämmerte ungewisser Schimmer. Viele hatten Zacken und Buckel. Flache Schalen lagen daneben, riesige Psahlmuscheln, ganz tintenblau. Man konnte sich an diesen Formen, Farben und Lichtern kaum sattsehen.
„Woher sind die alle?", fragte Klick.
„Sie haben weite Reisen zurückgelegt", sagte der Kapitan. „Aus allen Meeren der Erde stammen sie" . . . ......
Er deutete auf flammende Muscheln, von lapan-.schen Tauchern gefischt. Die tintenblauen hatten Negerhände dem Roten Meer entrissen. Die gezackten waren von der Flut an die spanische Küste geschleift worden, das Mittelmeer hatte sie in seinem Schoß gewälzt. Die weihen hatte die Ostsee ausgespien. Der Indische Ozean hatte die silbernen Gehäuse hervorgebracht. Die engen Röhrenmuscheln mit den gelben Tiqerflecken waren an der afrikanischen Brandung aus Netzen gesammelt. Schätze aus sieben Meeren.
, Zwanzig Jahre hab ich dazu gebraucht, sie zusammenzubringen. Von Fischern, Matrosen, Kapitänen, Heizern und Händlern habe ich sie gekauft, eingetauscht und geschenkt bekommen. Jede Muschel hat ihre Fund- und Jagdgeschichte, doch kenne ich sie nicht. Man mutz sie sich dazu erfinden/
Klick hielt eine große Perlmuttermuschel an Alis Ohr.
„Horch!", sagte er. „Das Meer rauscht, die Muschel hat das Brausen aufbewahrt."
Ali laulchte in ein fernes Meer. Sie hörte es summen.
. Das Meer oder dein Blut", sagte der Kapitän. „Das Blut ist auch ein Meer voller Strömungen und Stürme. Wenn in der Ostsee Sturm tobt", setzte er geheimnisvoll hinzu, „spür ich es in mir. Vielleicht deshalb, weil sich mein Nerz an das Meer verloren hat."
Klick sah den Kapitän mit einem tiefqebannten Blick an. Im Geist sah er ihn auf einem großen Schiff durch die Wellen reiten und jagen.
Als sie sich von ihm verabschiedet hatten, gingen sie zum Elbufer hinunter. Da sie noch Zeit hatten, reichte es für den Umweg. Die Stadt stand unter dem Himmel wie ein blauzackiger Bergzuq. Ali wunfckste, ein nnar Muscheln am Ufer zu finden. Klick erzählte ihr. es gebe solche r/it Perlen. Die liegen in den Muscheln wie kleine Kinder m den Betten. Wie hüblch muß das dock, nusfehen! Eine Verlenkette hätte sie gern. Die gefundenen Perlen fädelt man einfach auf.


