Ernst Lldei.
Mensch und Kämpfer.
Von Hanns Arens.
Es gibt wenige Flieger, die so allgemein bekannt geworden sind, wie Ernst Übet. Jeder Junge kennt ihn, von den Erwachsenen ganz zu schweigen. Er ist bei uns so bekannt und beliebt wie Lindbergh m Amerika. Schon im Kriege zählten wir Jungen ihn zu den liebsten Fliegern neben Richthofen, Boelcke und Jmmelmann. Und nach bem Kriege bewunderten wir seine Flugkünste; wir konnten ihn immer wieber sehen, uns immer neu begeistern. Das liegt natürlich nicht allein an bem Piloten- ber Flugsport hatte bie Verehrung unb Liebe aller deutschen Jungen.' Wendet sich aber erst einmal die Jugend einem Menschen zu, schenkt sie ihm ihre Liebe, dann kann er bestimmt damit rechnen, „berühmt" zu werden, ob er will oder nicht. Das ist richtig und schön und wird immer so bleiben. Wer ost mit kleinen und großen Kindern über diesen oder jenen Flieger gesprochen hat, wird erfahren haben, daß es immer — mit einer Ausnahme, und zwar Richthofen — Ernst Übet war, dem ihr Herz gehörte. Woran liegt bas? Woher kommt biefe Verehrung? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Zum ersten liebt der Deutsche bie Fliegerei; sie ist ihm eine immer wieder neu sich festigende Sportliebhaberei. Ja, das Sportliche in der Fliegerei, vor allem nn Kunstflug, ist es, was uns immer wieder zur Fliegerei im allgemeinen und zum einzelnen Flieger im besonderen hinzieht. Hinzu kommt noch etwas anderes, etwas fcfyr Verständliches: Während andere Völker nach dem Kriege mit großer Selbstverständlichkeit den Flugsport betrieben, ihre Fliegerstaffeln ausbauten, ihre Jugend vor allem zum Fliegen heranbildeten, mußten wir untätig zusehen. Wir wußten uns zwar zu helfen durch den Segelflug, aber dieser war nur sehr wenigen zugänglich; die meisten mußten „zu Hause" bleiben, in den Himmel gucken und eine heimliche Sehnsucht bis zur Weißglut treiben. Der große Drang der deutschen Jugend, auch fliegen zu dürfen, fand kein Ventil. Ist es da ein Wunder, wenn sich die Jugend zumindest theoretisch mit dem geliebten Sport beschäftigte? Diese Liebe äußert sich darin, auf jede Flugveranstaltung zu laufen (einer ber ganz vom Fliegen Besessenen war unb ist ber Staatsschauspieler Mathias Wiemann; bei Regen und Sonnenschein war er „dabei"), Bücher über Flieger und ihre Erlebnisse zu lesen. Modelle zu bauen und — wenn gute Vorbedingungen vorhanden waren — einen Segelflugkurs mitzumachen, um endlich selber fliegen zu können. Diese so lange unterdrückte Flugbegeisterung ber deutschen Jugend mußte naturgemäß einen Ausdruck finden in der Verehrung bekannter Flieger und ihrer Taten.
Run war es Ernst Übet vor allen anderen, der nach dem Kriege mit aller Energie den Flugsportgedanken wachgehalten hat. Rach vielen Mühen gelang es ihm, regelmäßige Flugtage zu veranstalten, um so im Deutschen die uralte Sehnsucht zu erhalten und zu vertiefen, bis es einmal wieder unser selbstverständliches Recht sein würde, in den Himmel zu steigen, wenn es uns danach gelüstet. Udets großes Verdienst um die deutsche Fliegerei liegt in dieser klar erkannten nationalen Pflicht, die ihm von keinem aufgezwungen mürbe, sondern seiner Liebe zum Vaterlande, einer fanatischen Leidenschaft zum Fliegen entsprang. Dieses erkannte und fühlte die Jugend. Zum andern sah sie mit eigenen Augen, welchen Flugkünstler sie in Übet besaß. Konnte sie ihn nicht auf Fluglagen sehen, so war ihr im Kino bie Möglichkeit gegeben, „ihren Übet" in ben bekannten Berg- und Schneefilmen von Arnold Fanck, Allgeier und Luis T r e n t e r zu sehen. In seinem eigenen Film „Wunder des Fliegens" lernte sie ihn noch aus nächster Nähe, beinahe „persönlich" kennen. Sie sah und erlebte den Menschen Übet, ber ihren Vorstellungen entsprach: schlicht, männlich, heiter, ohne jede Starpose. Jugend ist besonders empfindlich, wenn ein von ihr verehrter Mensch sie in diesen Eigenschaften enttäuscht. Aus alledem erklärt sich auch wohl die Beliebtheit seines (früher hier besprochenen) Buches „Mein Flie g erleb e n", weil es so ist, wie der Mensch und Kämpfer Ernst Übet wirklich ist. Diesem Buch gab Übet diesen wenige, für ihn sehr bezeichnenden Worte mit auf den Weg:
„Ich schreibe dieses Buch für die Jugend, die nach uns kommt. Denn sie wird einst der Richter unserer Taten fein. Ich widme es meinen toten Kameraden, denn sie haben das Beste von uns allen getan. Und wenn ich sonst noch einen Zweck mit diesem Buch verbinde, so ist es der: ich möchte zeigen, daß es das Schicksal jedem von uns in bie Hand gegeben hat, ob wir Krämer fein wollen oder Soldaten, ob wir das Leben genießen wollen, ober unser Glück für nichts achten vor einer Idee, die bie kleine Barke unseres Daseins in ben ewigen Strom ber Geschichte hinausträgt." —
Wie stark der Eindruck ist, den dieses Buch auf alle Menschen macht, möge ein Brief des bekannten Dichters der SA. Herybert Menzel zum Ausdruck bringen: „... Das Buch „Mein Fliegerleben" von Ernst Übet begann ich gleich zu lesen, obwohl ich anderes tun wollte. So blieb ich beim Buch bis zum Spätnachmittag. Und nun muh ich Ihnen sagen, wie dankbar ich Ihnen bin. Das sollen Sie besser daraus ersehen, wie schnell ich Ihnen schreibe, als daß ich jetzt große Worte mache. Das ist wieder ein Buch, das alle meine Kameraden kennenlernen sollen. Ich werde an Sturmabenden daraus vorlesen. Ich bin glücklich, daß ich Übet selbst einmal sehen durfte über mir — auf dem Tempelhofer Feld am 1 Mai 1933. Da grüßten wir ihn alle, jubelnd, und das ist ein Gruß, bem kein anderer gleichen kann, sonst hätte ich ihm geschrieben. Aber was wären hier Worte? Wir wissen ihn irgendwo fliegen für Deutschland, das macht uns stolz unb fo grüßen mir ihn nicht mit Worten, sondern mit unseren Herzen."
In seinem Buch erzählt Übet auch in einem Kapitel sein Luftduell mit dem britischen Fliegerleutnant Maasdorp, das mir hier zum Abdruck bringen möchten, weil es den Menschen, Kameraden und Kämpfer Ernst Übet wohl am besten vor uns lebenbig werben läßt.
„Wir fliegen mal allein, mal im Staffefoerbanb, aber wir fliegen jeden Tag. Und fast jeder Flug bringt einen Kampf. Am 28. März bin ich mit Gußmann unterwegs. Patrouillenflug auf Albert zu. Es ist Nachmittag. Die Sonne steht schon im Westen. Ihr greller Schein beißt in die Augen. Man muß von Zeit zu Zeit mit dem Daumen das Licht abblenben und den Horizont nach Gegner absuchen. Sonst wird man überrascht. Der tote Guynemer hat an der ganzen Front Schule gemacht. Plötzlich ist doch ein Engländer über uns. Er stößt auf Gußmann zu, Gußmann weicht aus, drückt nach unten. Hundert Meter tiefer sehe ich sie herumkurven. Ich spähe nach einer Stelle, wo ich ben Engländer packen kann, ohne Gußmann zu treffen.
Einen Augenblick hebe ich ben Kopf. Da sehe ich einen zweiten Engländer auf mich zuschießen. Er ist kaum hundertundfünfzig Meter ent* fernt. Auf achtzig Meter eröffnet er bas Feuer. Ausweichen unmöglich, ich fliege auf ihn zu. Tack—tack—tack bellt mein Maschinengewehr, tack— tack—tack belfert seins zurück. Noch zwanzig Meter Entfernung. Es sieht aus, als fallen sich unsere Maschinen in ber nächsten Sekunde rammen. Da, eine kleine Bewegung, haarscharf springt er über mich hinweg. Die Böen seines Propellerwindes schütteln mich, Duft von Del weht über mich hin. Ich drehe eine kurze Kurve. „Jetzt beginnt der Kurvenkampf" denke ich. Aber er hat auch gedreht, und wir sausen wieder schießend gerade aufeinander zu wie zwei Turnierreiter mit eingelegten Lanzen. Diesmal überfliege i ch ihn.
Wieder Kurve. Wieder ist er mir direkt gegenüber. Wieder stürzen wir aufeinander los. Die dünnen, weißen Fäden der Leuchtfpurmunition hängen wie Gardinen in der Luft. Keine Handbreit fegt er über mich hinweg ... 8224 steht am Rumpf feines Flugzeuges in schwarzen Buchstaben. Ein viertes Mal. Ich fühle, wie meine Hände feucht werden. Das da drüben ist ein Mann, der den Kampf feines Lebens kämpft. Er oder ich ... einer von uns wird bleiben ... es gibt keinen anderen Ausweg. Zum fünften Mal. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, aber der Kopf arbeitet kalt und klar. Diesmal muß die Entscheidung fallen. Ich nehme ihn ins Visier, ich halte auf ihn zu, gerade auf ihn zu. Ich bin entschlossen, keinen Strichbreit auszuweichen.
Blitzlicht ber Erinnerung: Bei Lens habe ich's gefehn. Ein Luftduell. Die beiden Maschinen jagten aufeinander, prallten zusammen. Die Rümpfe, zu einem Metallklumpen zufammengefchweißt, stürzten in bie Tiefe. Die Flächen allein flogen weiter, ein ganzes Stück, flatterten zu Boden. Wie zwei wütende Eber rennen wir gegeneinander an. Wenn er jetzt bie Nerven behält, sind wir beide verloren!
Da, er biegt ab, weicht mir aus. In diesem Moment trifft ihn meine Geschohgarbe. Sein Apparat bäumt sich, wirft sich herum auf den Rücken und verschwindet in einem riesigen Granattrichter. Erdfontäne, Rauch ... Zweimal umkreise ich bie Stelle, wo er gestürzt ist. gelbgraue stehen unten, winken mir, schreien.
Ich fliege nach Hause, ich bin schweißnaß am ganzen Körper, bie Nerven vibrieren noch. Zugleich ein dumpfer, bohrender Schmerz in ben Ohren. Ich habe mich nie um abgeschossene Gegner gekümmert. Wer kämpft, barf nicht auf bie Wunden sehn, bie er schlägt. Aber dieses Mal möchte ich wissen, wer ber andere war. Gegen Abend, in ber Dämmerung, fahre ich hinaus. Ein Feldlazarett liegt dicht bei der Stelle, wo er abstürzte. Dort haben sie chn wohl hingebracht. Ich lasse ben Arzt bitten. Er kommt. Sein weißer Mantel leuchtet gespenstisch im grellen Licht der Karbidlampe. Er hat einen Kopfschuß gehabt, der andere, ist sofort tot gewesen. Der Arzt übergibt mir feine Brieftasche.
Visitenkarten: „Leutnant C. R. Maasdorp, Ontario, RFC 47. Vom Royal Flying Corps" also. Bild von einer alten Frau und ein Brief: „Du mußt nicht soviel Feindflüge machen, denk doch an Vater und mich." ... Ein Sanitäter bringt mir bie Nummer bes Flugzeuges. Er hat sie her- ausgeschnitten. Sie ist mit kleinen Blutspritzern übersät. Ich fahre zur Staffel zurück. Man barf nicht baran denken, daß eine Mutter um jeden meint, ben man abschießt". —
18 Jahre nach biesem Kampf, am 30. September 1936, erhielt Ernst Übet von ber -Mutter seines tapferen Gegners einen Brief, der in seiner Menschlichkeii wohl zu den ergreifendsten Briefen zu zählen ist, bie je von Müttern geschrieben wurden:
Lieber Oberst Übet!
Meine Tochter sandte mir Ihr Buch, desgleichen eine übersetzte Abschrift jenes Teiles Ihres Buches, der vom Tobe meines Sohnes Charlie hanbelt. — Die freundliche Art, in der Sie von ihm sprechen, hat mich sehr gerührt, daß Sie feinen Mut schätzten, und daß Sie auch einen Bericht seines letzten Kampfes in Ihr Buch einfügten, daß Sie feinen Namen dabei sozusagen unsterblich machten. — Eines bin ich sicher, nämlich dessen, daß, wenn er Sie überlebt hätte, er von Ihnen unb Ihrem Mut mit ber gleichen Hochschätzung gesprochen hätte. —
Alle diese Jahre hindurch haben sein Vater und ich die Erinnerung an ihn bewahrt, immer in der Sehnsucht zu wissen, wie ihn der Tod getroffen hat, und wo er begraben liegt. Nach Beendigung des Krieges versuchte sein Bruder, Major L. Maasdorp, fein Grab zu finden, doch ohne Erfolg. Ich sende Ihnen heute zwei Photos von Charlie, die in Soubon ausgenommen wurden, bevor er nach Frankreich hinüberfuhr, ungefähr aus dem Juni/Juli 1917; er war damals 23 Jahre und drei Monate alt. Ich habe Charlies Bild neben das Ihre gehalten, beide so jung, so fein, so rein, — und meine Seele bäumt sich auf gegen die Unbarmherzigkeit des Krieges, der soviel Leid und Verzweiflung in glückliche, liebende Familien bringt. —
Mein Mann und ich find jetzt beide alt — 861/- bzw. 8314 — und wir sind beide so dankbar, diesen wunderbaren Bericht gesunden zu haben, bevor mir sterben müssen. — Wir sehen auf Sie als auf einen rounberbaren Mann mit einem guten Herzen. —
Wenn es Ihnen nichts ausmacht, so mürben mir sehr gerne missen, wie alt Sie sind verglichen mit Charlie.
Ich würde es sehr hochschätzen, einige Zeilen von Ihnen zu erhalten Sollten Sie deutsch schreiben, so habe ich einen Freund hier, der es für mich übersetzen würbe. Aufrichtig Ihre M. M a a s b o r p.
Berantwortlich vr. HansTbhrivt. — Druck undDerl.4g:Drühl'scheUniversitäts-Duch. undSteindrucker ei. R. Lange,Gießest.


