Oer Traum.
Von Ludwig Uhland. Es hat mir jüngst geträumet. Ich lüg' auf steiler Höh';
Es war am Meeresstrande, Ich sah wohl in die Lande Und über die weite See.
Es lag am Ufer drunten Ein schmuckes Schiff bereit, Mit bunten Wimpeln wehend, Der Ferg' am Ruder stehend. Als wär' ihm lang die Zeit.
Da kam von fernen Bergen Ein luft'ger Zug daher; Wie Engel täten sie glänzen, Geschmückt mit Blumenkränzen, Und zogen nach dem Meer.
Boran dem Zuge schwärmten Der muntern Kinder viel;
Die andern Becher schwangen. Musizierten, sangen. Schwebten in Tanz und Spiel.
Sie sprachen zu dem Schiffer: „Willst du uns führen gern? Wir sind die Wonnen und Freuden, Wollen von der Erde scheiden. All von der Erde fern."
Er hieß ins Schiff sie treten. Die Freuden allzumal. Er sprach: „Sagt an, ihr Lieben, Ist keines zurückgeblieben Auf Bergen, noch im Tal?"
Sie riefen: „Wir sind alle. Fahr' zu! Wir haben Eil'." Sie fuhren mit frischen Winden, Fern, ferne sah ich schwinden Der Erde Lust und Heil.
Madonna auf dem Dorfe.
Von Willi Steinborn.
Als aus Anlaß der rundzahligen Wiederkehr des Todesjahres eines ollen Meisters seiner reger als sonst gedacht und dadurch allgemeiner bekannt wurde — nur wenige hatten vorher davon gewußt —, daß eines seiner vollendetsten Werke, eine Madonna, nicht in einem Museum irgendwo weit in der Welt, sondern in einer fränkischen Dorfkirche zu finden sei, zog sich an Besuchern plötzlich die Fülle ins Dorf, die das Bild zu besichtigen gedachten. Jedoch gelangten viele nur bis zum Genüsse eines mäßigen Weins in der Wirtsstub« — bis zum eigentlichen Genüsse in der Seitenkapelle der Kirche drangen sie nicht vor; denn die Kirchentür war verschlossen, und den Schlüssel verwahrte der Pfarrer, und der Pfarrer war sonderbar; reichlich sonderbar, murrten die Fremden, die selbst enttäuscht höflich zu bleiben gewohnt waren; der anderen Red« verschweigt man besser.
Der Pfarrer nämlich lächelte wohl stets unbeanstandbar sreundlich, wenn ihm jemand den Wunsch vorbrachte, das Bild zu sehen, aber selten war er hinterher so freundlich, ihn nun auch umgehend zu erfüllen. Vielmehr war es beinahe die Regel, daß er nein sagte. Doch soll in dieser Geschichte nichts ungenau sein: das bare, nackte Rein sprach er nur in Ausnahmefällen. Allein er hatte oft derartig ausgefallene Bedingungen, erschwerende Einwände, aufschiebende Vorwände, merkwürdige Forderungen, daß die Leute beim besten Willen glauben mußten, das bedeute nichts als ein reichlich unverschämt und unverblümt um- ichriebenes Rein. . ,
Indes scheint uns, wir klären das Ganze besser, wenn nur uns aus einen besonderen Fall beschränken und den erzählen, zumal aus ihm gleichzeitig offenbar wird, wie einer doch schließlich vor das Bild treten durfte.
Da kam eines Tages ein Student in das Dorf geradelt, radelte in chwungvoller Kurve vor dem Pfarrhaus vor, sprang ab, lehnte das Rad an den Zaun, stiefelte unverzüglich an die Tür, klingelte — der Pfarrer erschien und fragte: Dürfte ich wohl die Madonna sehen?
Hm, lächelte der Pfarrer, und warum begehrt Ihr das?
Sie ist doch berühmt! antwortete der Student.
Ein reichlich armseliger Grund, sagte der Pfarrer.
Der Student stutzte und wurde ratlos.
Der Pfarrer betrachtete ihn, wartete eine Weile; ein andres Mal tonn! nickte er, und schon wollte er sich in den Flur zurückwenden.
Bitte! rief der Student.
Was? fragte der Pfarrer und blieb.
Ach — ich liebe doch den Meister.
Lieben? fragte der Pfarrer, lieben! sagte er gleich danach vselbedeu- tend. Länger als seit Anfang dieses Jahres?
Seit ich das erste Bild von ihm gesehen habe, und das ist, ist gewesen —
Gut, unterbrach ihn der Pfarrer, etwas anderes: Könnt Ihr Holz hacken?
Der Student, der schon gewonnenes Spiel gehabt zu haben glaubte, wurde jetzt um so verwirrter; erst nach einigem unverständlichen Stottern kriegte er ein Ja, Ich denke, heraus.
So kommt, winkte der Pfarrer.
Sie gingen durch den Borgarten um das Haus herum in den Hof und dort, an einem wedelnden Hund vorbei und zwischen Hühnern hindurch, geradeswegs auf einen Mann zu, der mit Holzhacken beschäftigt war und sich nun fragend aufrichtete, als die beiden neben ihm anhielten. Ja, sagte der Pfarrer zu ihm, Ihr müßt das einstweilen hier lassen, macht Euch zu Hause an Eure eigene Arbeit, Ihr werdet abgelöst, und zum Studenten: Also — versucht Euer Heil; Vorrat ist genügend vorhanden. Damit verließ er mit dem Mann den Hof; der Student stand allein vor Axt und Klotz und einem Berge von ungespaltenem Holz. — Ein Mann mit eigenartigem Humor, wenn er mich auf diese Weise prüfen will, ein Spaßvogel, dachte der Student Und ich kein Spaßverderber, beschloß er; und schmunzelnd griff er nach der Axt, hob den ersten Kloben auf und zerschmetterte ihn. Die Kirchturmuhr schlug zehn.
Aber jeder Spaß muß auch ein Ende haben, dachte der Student nach einer Stunde und schmunzelte nicht mehr. Der Schweiß rann ihm wie ein Bach von der Nasenspitze, und im Daumenwinkel der rechten Hand hatte sich eine Blase gebildet.
Spaß — soll das noch Spaß sein? ergrimmte der Student nach zwei Stunden, was fällt dem Kerl ein? Jedoch hackte er trotzig unentwegt weiter. Außerdem ist Mittag, rechnete er, wieder ruhiger werdend, und es muh sich ja alsbald etwas ändern.
Dennoch ereignete sich vorläufig nichts, was feinem Rechnen entsprochen hätte; niemand erschien; und gar machten sich noch die letzten Lebewesen aus seiner Nähe davon, die Hühner und der Hund, aus der Sonnenglut des Holzplatzes in den Schatten des Stalles und der Hütte; alles, was lebte und sich bewegen konnte, ruhte jetzt im Schatten, hatte den Schatten ausgesucht und ruhte jetzt, ja, jawohl schlug der Student zu.
Erst um eins hörte er endlich, daß eine Tür nach dem Hof geöffnet wurde. £)a setzte er — nachtragend war er nicht — vor Freude einen solchen Hieb auf den Klotz, daß er seine Glieder förmlich elektrisierte, den Schluhhieb, Schluß, Sieg und Triumph!
Aber wie er aufblickte, stand nicht der Pfarrer vor ihm, verheißungsvoll den Kirchenschlüssel schwenkend, wie er es sich längst während der Arbeit ausgemalt hatte, sondern eine Magd, die einen Löffel schwang, und in der andern Hand hielt sie einen Napf dünner Suppe.
Der Student stürzte so sausend aus seinen Himmeln, daß er weder den Versuch machen konnte, augenblicklich davonzugehen, noch sich zu entrüften, noch wenigstens die Suppe abzulehnen: er nahm gehorsam Napf und Löffel; und er löffelte den Napf leer, stellte Napf und Löffel beiseite und machte sich, da er immer noch nicht auch nur einen einzigen Gedanken ober auch nur das kümmerlichste Gefühl aufzubringen vermochte, ohne Aufschub still wieder ans Werk; in dumpfer Mechanik werkelte er fortan fort.
Doch als die Turmuhr die vierte Stunde vollendet meldete, belebte sich der Student plötzlich. Eine wilde Wut brauste über ihn hin. Er fing an, lästerlich zu fluchen. Er fchleuderte die Axt zu Boden. Er stieß den Klotz um. Er spie ins Holz. Und dann rannte er in wahnsinnigen Sprüngen zu seinem Rad, schwang sich hinauf und raste davon. Und es befreite ihn wonnig und vollends, wie er den Ort immer weiter hinter sich brachte und wie auch der Kirchturm schließlich, als er gelegentlich zurückblickte, hinter den Hügeln verschwunden war.
Aber auf einmal mußte er seines geliebten Meisters gedenken, um dessen Bild er gekommen war, und dessen Anblick er sich nun durch seine Flucht verscherzt hatte. Dcr fühlte er einen Schmerz an seiner Seele bohren; und der bohrte; und es war der richtige schmerzliche Schmerz mit seinem Bohrer bohrend und nicht Scham vielleicht, beileibe nicht. Jcb bin nicht schuld, sprach der Student, als habe ihn jemand angeklagt, ich nicht, sondern der Pfarrer. Das sprach er eine ganze Zeit, immer dasselbe. Dann sprach er dasselbe nicht mehr und sprach nicht und gar nichts mehr; welche Zunge läßt sich auch zu einem Satz bewegen wie — zum Beispiel wie: Ich habe ihn verraten? Dann fuhr der Student langsam; langsamer. Dann kehrte er um.
Als der Student wieder vor dem Pfarrhaus anlangte, stand der Pfarrer gerade vor der Tür in Unterhaltung mit einem Bauern; er beachtete den Ankommenden nicht. Ein Fremder! mußte ihn erst der Bauer aufmerksam machen.
Wo? schaute sich der Pfarrer suchend um.
Verzeihung, näherte sich der Student.
Ah, meinerseits Verzeihung! sagte der Pfarrer, und er sagte es wie zu einem, der ihm zum ersten Male begegnete, lächelnd, eine freundlich gemessene Höflichkeit in der Stimme, nicht mehr, nicht weniger, fonft nichts, Verzeihung, baß ich Euch warten lieh, Ihr wollt bas Bild sehen?
Nein, antwortete ber Stubent.
Was könntet Ihr sonst wollen?
Euer Holz hacken!
Der Pfarrer trat einen Schritt auf ben Studenten zu.
Mann! sagte der drohend in unheimlichen Ernste, wenn Ihr einen Hintergedanken auch nur von ferne haben solltet —
Der Stubent erschrak; weil er sich jedoch wirklich in keiner andern Absicht als der ausgesagten wieder hier befand, weil er sich in diesem Augenblick wie an keinem dieses Tages im Innersten unschuldig fühlte, verharrte er vor dem nahe gerückten Angesicht des Pfarrer aufrecht und standhaft.
Da reichte der Pfarrer dem Studenten unversehens die Hand. Seid für heute mein Gast, bitte ich herzlich, sagte er; denn bas beste Licht, Müßt Ihr wissen, ist srühmorgens in ber Kapelle.


