Ausgabe 
7.5.1937
 
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haften Ausdruck noch verdeutlicht:Die Stiefmutter tat ihr alles ge­brannte Herzeleid an". Das Märchen2 er liebste Roland" ver­kehrt in grausiger Weise das Muttergeslihl ins Dämonische mit allen tragischen Folgen: Die Stiefmutter will die schöne Stieftochter toten und trifft die eigene häßliche Tochter. *

Tritt in all diesen Märchen die Frau als Mutter uns entgegen, so zeichnet das schöne dänische MärchenDie Sßfarrersfrau" den Fluch, der die Frau trifft, die nicht Mutter fein will:Es gibt andere Frauen, die sich Sorgen machen, wenn sie keine Kinder bekommen, aber die Psarrersfrau fürchtete sich immerfort davor, Laß sie Kinder be­kommen könne". Eine Hexe hilft ihr, aber der Pfarrer entdeckt in einer Mondnacht, daß seine Frau keinen Schatten mehr hat und verstößt sie nach ihrem Geständnis gnadenlos. Wundervoll drückt hier der Volks­mund das Leere, nur noch Ichbezogene der schuldhaft kinderlosen Frau aus: Eine Frau, die keine Kinder wollte ein Mensch, dem kein ^Erleben ^wir hier, zu welchem Wert das Volksmärchen das Mutter- tum erhebt, bann verstehen wir auch den Sinn des dänischen Märchens Der starke Hans":Es war einmal ein Mann, dem gebar seine Frau einen Sohn, und da er gehört hatte, daß Kinder, die man lange an der Brust behält, besonders stark werden, so ließ er diesen Sohn zehn volle Jahre bei seiner Mutter trinken". Hier findet der Glaube an die nährende mütterliche Kraft großartigen und einmaligen Ausdruck. Die Stärke des Kindes wächst, je länger und unmittelbarer es mit dem mütterlichen Blutkreis verbunden bleibt.

Zu tieferer Bedeutung erhebt sich uns heute der Sinn dieses Mär­chens: Je unmittelbarer unser Volk mit seinem mütterlichen Urgrund, seinem Volkstum, verbunden bleibt, desto reinere Kräfte wird es aus ihm fangen. Es wird stark genug werden, den Troll, der, wie tn dem Märchen, manchmal noch umgeht in seinen Träumen, zu besiegen, rote es dem starken Hans gelang. Und wie in dem Märchen werden tn seinem Bereich dann auch verzauberte Wälder schlummernde Kräfte wieder zum Leben erwachen.

Eine Mutter kommt auf Besuch.

Von Ernst K r e u d e r.

Eines Tages kommt eine Karte mit den lieben, altmodischen Schrift­zügen, mit Schlingen, Bogen und Schnörkeln, eine Mäüchenschrift aus den vergangenen neunziger Jahren.Meine Lieben! Vielen Dank für Eure liebenmZeilen, sie haben mich sehr erfreut. Gott sei Dank geht es mir wieder besser und hoffe ich, daß ich nächsten Samstag die Reise zu Euch in den Odenwald antreten kann."

Meine Frau, deren Eltern nicht mehr leben, freut sich fast noch mehr darüber als ich. Aber nun werde ich erst noch einiges durchmachen müssen, bis die Mutter am Samstagnachmittag glücklich hier angekommen ist. Vorerst muß ich mal wieder erzählen, was sie alles gern ißt. Dann wird der Küchenzettel gemacht, obwohl ich weiß, daß sie wieder eine Menge Sachen mitbringen wird. Mit dem Bestellen des Bratenstücks werden wir deshalb bis ganz zuletzt roarten. Außerdem ist es ja immer fo: wenn plötzlich Besuch kommt, ist die Wirtschaftskasse da angelangt, wo sie am wenigsten widerstandsfähig ist.

Ich weih nicht, woran es liegt, daß ich heute, es ist erst Donnerstag, schon ein Gefühl wie vor Ferien habe. Ein Gefühl wie vor Feiertagen, und noch ganz anders. Und sie ist schon über sechzig.

Am nächsten Morgen muß ich in meinem Arbeitszimmer frühstücken. Denn das ganze Wohnzimmer steht bereits draußen auf dem Gang. Unser Mädchen ist früher als sonst gekommen, ich sehe nur noch zwei weibliche Gestalten mit weißen Kopftüchern und weißen Schürzen ab­wesenden Blicks umherstürzen. Mit der ländlichen Stille, mit dem Frie­den, mit der ganzen Behaglichkeit des Landlebens ist es mit einem Male aus. Habe ich hier gewohnt? Ich winde mich zwischen Wassereimern, Scheuerbürsten, langen Besen, aufgestapelten Stühlen und gerollten Tep­pichen hindurch, um die Zeitung aus dem Briefkasten im Hof zu holen. Als ich zurückkomme, tobt die Schlacht bereits in meinem Arbeitszimmer. Jetzt ist nichts mehr da, wohin ich meinen Fuß noch fetzen könnte. Jetzt ist jener Zustand gekommen, wo man plötzlich mit völlig blutleerem Gesicht einen verstaubten Koffer vom Schrank reißt und blindlings packt. Aber da man einen bescheidenen philosophischen Zug besitzt, nimmt man nicht den nächsten Zug, packt man nicht und sagt höchstens, vielleicht etwas belegt:Ich geh mir ein paar Zigaretten holen". Jedes wettere Wort wäre eine Brandfackel in den Pulverturm.

Um eins wird gegessen!" hört man noch, dann geht man den Feld­weg zwischen den grünen Wiesen hinunter, über den Bach zumFelsen- keller", dessen Wirt O'Reilly heißt und der aus Saarbrücken stammt. Auch solche Tage gehen vorüber.

Am nächsten Tage steht das Wohnzimmer wieder im Wohnzimmer, alle übrigen Zimmer sind ebensalls zurückgekehrt, es ist alles wie früher, nur spiegelblank, und man geht vorsichtig über die gewachsten Böden. Aber es ist noch etwas anderes da, in der Luft, hinter den Türen: die Erwartung. In der Küche wird noch eifrig gebacken.

Nach dem betont spartanischen Essen, Linsengericht, fahre ich ins Dorf, um noch einiges zu besorgen. Jetzt wird es langsam ernst. Mit der Tram um Viertel nach Drei wird die so ungeduldig Erwartete endlich ankommen. Die Tram taucht in der Straßenflucht auf, klein, gelb, es ist eine Ueberlanbtram, mein Rad lehnt an der Mauer, dann bremst sie plötzlich neben mir und hält. Ich geb einer kleinen, verängstigt lächelnden Frau die Hand und helfe ihr beim Aussteigen. Sie trägt einen Klemmer ohne Rand, mit einem dünnen, vergoldeten Kettchen, das immerzu schwingt.

Guten Tag. liebe Mutter, jetzt bist du endlich da, war es sehr anstrengend?" Wie durch Zauberei bin ich mit -tinemmal aller Last ledig

Und froh wie als Junge an meinem Geburtstag. Die Gute, die Liebe, jetzt ist sie endlich da. Und der schwere Koffer, den ich ihr abnehme und aufs Rad stelle, ist so verheißungsvoll. Es ist kein richtiger Koffer, wir sagen nur so.

Ich hörte einmal in jungen Jahren, mit heißen Wangen und ernster Miene bei Professor C. in Frankfurt Philosophie. Er begann die erst« Vorlesung im Semester jeweils mit folgenden Worten:Meine Damen und Herren! Was ist Philosophie? Philosophie ist das Streben nach letzter Klarheit!" Er hatte nie gebügelte Hosen an, trug auf dem Weg zur Universität eine Ballonmütze und eine Handtasche, wie sie die Fuß­ballspieler Sonntags tragen, und wie sie jetzt auf dem Gepäckträger meines Rades liegt.

Zuerst sind wir beide etwas verlegen, und so stellt man lauter un­wichtige und sinnlose Fragen. Wieviel Weihnachtsgänse Frau Zink dieses Jahr ausziehen wird, und ob es heute Morgen auch zu Hause geregnet hat? Dann kommen die Neuigkeiten, Frau Zimmermann ist ge­storben, und sie war noch gar nicht so alt

Hoffentlich hast du nicht wieder so viel mitgebracht", sage ich,das sollst du doch nicht." Dabei bin ich voll eitler Hoffnungen.

Nein, gar nichts", antwortet sie lächelnd,du hast ja geschrieben, ich soll diesmal nichts mitbringen. Geh bitte nicht so schnell, du weißt, ich bin keine zwanzig mehr."

Am liebsten ginge ich jetzt gar nicht mit ihr nach Hause. Ich müßte auch kein Fahrrad haben, sondern in einer stillen Seitengasse stünde ein neuer, blauer, geschlossener Wagen. Und ich würde mit ihr hingehen und die Wagentür öffnen und sagen:Steig ein, liebe Mutter, wo soll die Reise hingehen? Was kennst du noch nicht? München, Weimar, Dresden, oder zum blauen Tegernsee?" Denn sie hat von allem noch nichts ge­sehen, sie hat in ihrem arbeitsreichen Leben nicht viel gesehen ... Aber ich glaube, sie würde doch lieber mit mir nach Hause gehen. Diese kleine Reise von drei Stunden ist jetzt schon eine große Reise für sie. Und sie ist auch etwas müde.

Natürlich muß gerade in dem Augenblick, wo wir endlich da find, die Hausfrau fort fein. Was ist das für eine Begrüßung? Später er­scheint sie, strahlend, mit frischen Blumen aus dem Garten. Der Kaffee­tisch ist gedeckt und mit Blumen geschmückt, es ist wie am Geburtstag, festlich. Selbst im Kuchen steckt ein kleiner Strauß.

Nun fitzt die Mutter endlich. Sie muß sich auf der Kautsch erst ein wenig ausruhen, dann reden drei Leute eine Zeitlang ununterbrochen und so lebhaft, daß das ganze Zimmer summt. Die geheimnisvolle Hand­tasche steht neben dem niedrigen Kautschtischchen. Noch ist es nicht so weit.

Dann fetzt sich die Mutier wieder auf, nimmt die Gläser mit dem vergoldeten Kettchen ab und sagt, daß sie jetzt mal auspacken wolle. Sie hätte uns doch eineKleinigkeit" mitgebracht. Die Spannung ist aufs Höchste gestiegen. Bevor sie aber die verdächtige Handtasche öffnet, sage ich:Halt! Das muß feierlich begangen werden". Und dann stelle ich drei Gläser auf das Tischchen und öffne die FlascheFeiner alter Malaga, Gold", denn den trinkt sie am liebsten.

Was nun kommt, ist eigentlich etwas für Kinder. Aber die sind wir inzwischen wieder vor der Mutier geworden. Ich fülle die Gläser:Erst ein Wtilkommensschluck! Prost, liebe Mutter!"

Prost ihr Kinder!" sagt die Mutter und ist ganz rot vor Aufregung und Freude. Und wir sind es wohl auch.

Dann wird ausgepackt. Eine Schachtel Pralinen kommt zum Vor­schein und ein Freudenschrei meiner Frau ertönt. Dann fünf Schachteln Zigaretten und zehn Zigarren! Da ich das Zeremoniell liebe, trinken wir darauf alle einen Schluck Malaga. Dann kommen wunderbare und so nützliche" Sachen. Eine ganze große Hartwurst! Eine Dose Gänsefett! Zwei große Dosen Oelsardinen. Jedesmal wird ein Schluck getrunken. Briekäse, das Beste vom Besten. Ein halbes Pfund feinster Kaffee. Dann ist eine Pause. Stürmische Dankrufe.

Das ist aber wirklich zuviel. Mutsch!"Das hättest du wirklich nicht tun sollen!"Jetzt wollen wir aber Kaffee trinken!"

Ich glaube", sagt sie vergnügt,da liegt noch was ganz unten drin."

Und nun kommt etwas ganz Schweres zum Vorschein, das sich kühl und weich anfühlt. Wir reißen die Hüllen auf. Es sind zwei zarte, junge Hähnchen!

Du wolltest doch immer mal ein Hähnchen ganz allein effen", sagt sie vergnügt zu mir, von den Küssen meiner Frau unterbrochen.

Prost! Das ist ja das reinste Weihnachtsfest!"

Und 3um Schluß zieht sie noch eine kleine Flasche Kognak heraus. Dreistem.Zum Verdauen nach den Hähnchen."

Ich weiß nicht, wer von uns dreien sich am meisten freut. Und so schenken kann nur eine Mutter, denn sie kennt die kleinsten Wünsche. Aber ich weiß auch, daß sie lange dafür gespart hat ...

Nun wird aber Kaffee getrunken. Wir befinden uns alle in einem eigenartigen Taumel, Freudentaumel, vergessen ist alle Bitternis, alles Schwere, was die Jahre brachten, was sie immer wieder bringen werden, die Sorge ums tägliche Brot, die Sehnsucht nach Reisen, nach einem eigenen, kleinen Häuschen am Fluß mit einem großen Garten und alten Bäumen, die Zukunft ist jetzt nur noch wie ein großer, goldgelber Kuchen mit einem Blumenstrauß darin, denn die Mutter ist auf Besuch ge­kommen.

Liebe, gute Mutter, ich weiß, daß dir diese ganze freudige Aufregung gar nicht so gut bekommt, und daß du auch deine Baldriantropfen für die Nacht mitgebracht hast. Aber bis dahin werden wir noch manches Glas Malaga trinken, und auch den Dreistem probieren.

Ich weih, daß du schon sechzig bist und noch sehr rüstig, aber wir beide sind erst in den Dreißig, und bis wir erst so weit sind, bann werden wir wohl einmal nicht mehr wie Kinder vor deiner Handtasche sitzen, sondern nur noch davon erzählen können, wie von der guten, alten Zeit, als du noch einst auf Besuch zu uns kamst ...

Bernntwörtlich. Dr. Hans Thyrtot. Druck und Derlag: Drühl'sche UntversitätS-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Giehe«.