Ausgabe 
7.6.1937
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

GiehenerZamilienbliitte

Jahrgang 1937

Montag, den 7. Juni

Nummer 43

Der GteGöin

2Romar< von Theodor Fontäne

36. Fortsetzung.

Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist Ihre Sache; da will Ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie mir was

versprechen. Besinnt er sich unb kommt er zu der Ansicht, dah das alte

Preußen mit König und Armee, trotz all seiner Gebresten und alt­modischen Geschichten, doch immer noch besser ist als das vom neuesten

Datum, und daß wir Alten vom Cremmer Damm und von Fehrbellin her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz für die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenom­men, kommt es zu solcher Rückbekehrung, dann, Lorenzen, stören Sie diesen Prozeß nicht. Sonst erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch."

Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie, wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre.Das alles, Herr von Stech­lin, kann ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Waldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewäh­ren lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was mir nicht zu­kommt. Nicht ich werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit wird - sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine."

Der Alte lächelte.Ja, ja."

42. Kapitel.

So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte sich der , Alte wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und ( wenig Beängstigung.

Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als der Morgen i da war und Engelke das Frühstück brachte, sagte Dubslao:Engelke, schaff die Wabe weg; ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn. Krippen­stapel hat es gutgemeint. Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft der Natur."

Ich glaube doch, gnädger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft kann die

i Wabe nich an."

Du meinst also: ,für'n Tod kein Kraut gewachsen ist'. Ja, das wird f es wohl sein; das mein ich auch."

Engelke schwieg.

Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus nächster ; Mhe stammte, doch durch die Post befördert worden war. Er war von Ermyntrud, behandelte die durch Koseleger und sie selbst geplante Grrin- I; düng eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte sich «m Schluffe dahin, daß,wenn sich hoffentlich binnen kurzem ihre V Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden", I Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue, f. sittlich zu Heilende in das Asyl ausgenommen werden möchte.

Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal und sagte I dann:Oh, diese Komödie... ,wenn sich meine Wünsche für Ihre fort- ? schreitende Gesundheit erfüllt haben werden' ... das heißt doch einfach, | -wenn Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn'. Alle Menschen > sind Egoisten, Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch sinen ganz besonderen Jargon. Cs mag so bleiben, es war immer so. Wenn sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden Menschen­verstand andrer hätten."

Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in dos Kuvert und rief Agnes.

Das Kind kam auch.

Agnes, gefällt es dir hier?"

Ja, gnädger Herr, es gefällt mir hier."

Und ist dir auch nicht zu still?"

INein, gnädger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich möchte immer j Bier fein."

Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und nachher. 3a, nachher ..."

Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.

Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat an ihn ^eran und sagte:Gnädger Herr, soll ich nicht in die Stadt schicken?

Nein."

Oder zu der Buschen?" ,

Ja, das tu. So ne alte Hexe kann es immer noch am besten.

In Engelkens Augen traten Tränen.

Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an.Nein, Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich habe es bloß so hingesagt. Die Buschen soll nich kommen. Es würde mir wohl auch nicht viel schaden, aber wenn man schon so in sein Grab sieht, dann muh man doch anders sprechen, sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten. Und das möcht ich nich, um meinetwegen nich und um Wolde- mars wegen nich... Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein... Die käme mir am Ende gleich nach, um mich zu retten. Nein, Engelke, nich die Buschen. Aber gib mir noch von den Tropfen. Ein bißchen besser als der Tee sind sie doch."

Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, daß es zu Ende gehe.Das ,Jch' ift nichts damit muß man sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er ,Tod' heißt, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn."

Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte: Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang."

Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke lief hin und her, und Agnes faß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die halb­geöffnete Tür in das Zimmer des Kranken. Erst als schon der Tag graute, wurde durch das ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte matt vor sich hin, und auch Agnes schlief ein.

(Es war wohl schon sieben die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen bereits in einem hellen Schein, als Engelke zu dem Kinde herantrat und es weckte.Stech upp, Aqnes."

Is he dod?"

&Neü He floppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr so upp

Ick grul mi so."

Dat brukst du nid;. Un kann ook sinn, he floppt sich wedder gefunn... Und nu, stech upp un bind di ook en Doog utnn Kopp. Et is noch en beten küll brüt. Un denn geih in'n Goaren un plück em (wenn du wat sinnst) en beten Krokus oder wat et fünften is."

Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda hinaus und ging auf das Rundell zu, um nach ein paar Blumen zu suchen. Sie fand auch allerlei; das Beste waren Schneeglöckchen. Und nun ging sie, mit den Blumen in der Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie die Sonne drüben aufftieg. Sie fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein Gefühl des Lebens. Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging auf den Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände ge­faltet, stand neben feinem Herrn.

Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Schoß.

Dat sinn de ihrsten", sagte Engelke,un wihren ook woll de besten sinn."

43. Kapitel.

Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und schmerzlos, das Zeit­liche gesegnet hatte. Lorenzen wurde gerufen; auch Kluckhuhn tarn, und eine Stunde später war ein Gemeindediener unterwegs, der die Nach­richt von des Alien Tode den im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte, voran der Domina, dann Koseleger, dann Katzlers und zuletzt den beiden Gundermanns.

Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein, der eine von Adelheid, der andre von Armgard. Adelheid machte dem gräflichen Hause kurz und förmlich die Anzeige von dem Ableben ihres Bruders, unter gleichzeitiger Mitteilung,daß das Begräbnis am Sonnabend mittag ftattfinben werbe". Der Brief Armgarbs aber lautete:Liebe Melusine! Wir bleiben noch bis morgen hier, noch einmal bas Forum, noch einmal ben Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi trinken, bann kommt man roieoer, unb bas ist für jeben, ber Rom verläßt, be­kanntlich ber größte Trost. Wir gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und bleiben unter anberm einen halben Tag in Monte Caffino, wo (verzeih meine Weisheit) bas ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich liebe Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel berühren wir nur kurz und gehen gleich bis Amalfi, wenn wir nicht das höher gelegene Ravello bevorzugen. Dann erst über Sorrent nach Capri, dem eigent­lichen Ziel unserer Reise. Wir werden nicht bei Pagano wohnen, wo, bei allem Respekt vor der Kunst, zu viel Künstler sind, sondern weiter abwärts, etwa auf halber Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfeh­lung. In acht Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir bann einen Brief von Dir vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar, ein Zu­stand, ben ich mir als Kinb immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders Poetisches vorgestellt habe. Küsse meinen alten Papa. Nach Stecklin hin tausend Grüße, vor allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die Schwster, die Mutter (nur nicht die Tante) Deiner glücklichen. Dich immer und immer wieder zärtlich liebenden Armgard."

Armgards Brief kam kaum zu feinem Recht, weil sowohl der alte Graf wie Melusine ganz der Erwägung lebten, ob es nicht, trotz A. n»