Oie junge Mutter.
Von Ruth Schaumann.
Wen Gott beschenkt, der will nichts mehr
Als Gabe fein.
Mein Haupt ist schwer, mein Schoß ist leer, Ring ohne Stein.
Nun schläft der Sohn im Wiegenschoß, Dem Vater gleich.
Wie macht das Kleinste übergroß,
Das Aermste reich I
So senke mir die Stirne her,
Die Lippen dein —
Wen Gott beschenkt, der will nichts mehr Als Gabe sein.
Oie Mutter im deutschen Volksmärchen.
Von Lina Staab.
Mütter und Märchen: eine geheime Verbindung und Uebereinstim- mung waltet im Klang der beiden Worte. Sie sprechen sich wie eine Liedzeile, und wenn wir, vom Klang geführt, in den Sinn hineinhorchen, dann entdecken wir beglückt eine Reihe von Beziehungen zwischen den zwei Begriffen. Das Märchen scheint der weiblichen, mütterlichen Seite der Volksseele zu entsprechen, wie die Sage stärker dem männlichen teile zugehört. Ist nicht der dunkle Urgrund, aus dem in allen schöpferischen Kulturen die Märchen aufgeblüht sind, das Mütterliche über- i Haupt? Was Faust „schaudernd" und „ergriffen tief das Ungeheure iühlend" im Reich der Mütter erlebt: des „Lebens Bilder", die „ewig ;ein wollen", — „des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung, umschwebt Don Bildern aller Kreatur", — „was einmal war in allem Glanz und Schein", — es entspricht in einer wunderbaren Weise der Deutung, die Mlhelm Grimm vom Wesen des Märchens gibt:
„Gemeinsam allen Märchen sind die Ueberreste eines in die älteste Seit hinaufreichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung über- sinnlicher Dinge ausspricht. Dies Mystische gleicht kleinen Stückchen eines zersprungenen Edelsteins, die auf dem von Gras und Blumen überwachsenen Boden verstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden kluge entdeckt werden. Die Bedeutung davon ist längst verloren, aber sie fibt dem Märchen seinen Gehalt, während es zugleich die natürliche Lust am Wunderbaren befriedigt; niemals ist es bloßes Farbenspiel :eh altlos er Phantasie."
Dem mütterlichen Urgrund geheimnisvoll entstiegen, von Müttern Meitergegeben durch die Kette der Geschlechter in der Gestalt der Mär- t henerzählerin, selber das Mütterliche in vielfachen Farben wiüerstrah- !end: das ist das Märchen. Wir wissen heute, daß die gleichen Märchen- notive in verschiedenen Völkern leben. Es handelt sich aber dabei nicht P sehr um Wandermotive, druck Berührung der Völker untereinander gegenseitig übernommen, als vielmehr um Sinnbilder eines Ur-Wissens, •cs vielen schöpferischen Kulturen gemeinsam war und im Märchen die »orm der Erb-Erinnerung angenommen hat. Eben darum sind die Nörchen „niemals ein bloßes Farbenspiel gehaltloser Phantasie".
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Suchen wir nun einmal „zwischen Gras und Blumen" unseres deutschen Bodens „die kleinen Stückchen des zersprungenen Edelsteins!" Wir !werden dabei finden, daß das deutsche Volksmärchen mit feiner ausgesprochen gemllthaften Gestaltung gerne die vielfachen mensch- Uchen Liebesbeziehungen zum Stoff nimmt: Liebe Mischen Nann und Frau, Geschwisterliebe, Freundesliebe, Vasallentreue. Am hellsten aber funkeln jene Stückchen des zersprungenen Edelsteins, in deren geschliffener Fläche sich das Motiv der Mutterliebe spiegelt. $ier glüht der Edelstein tn feiner höchsten Leuchtkraft auf und offenbart fdnen mythischen Ursprung. In der Gestaltung des Muttermotioes ge= ttinnt das deutsche und das ihm artverwandte nordische Volksmärchen slärkste Sprachkraft und ergreifenden Ausdruck. Im deutschen Volks- 1 rärchen lebt eine Ehrfurcht vor dem Mutt er tum, die weit i über die Bedeutung persönlicher Wertsetzung hinausgeht, die vielmehr tief | hineinreicht in die Bezirke völkischer Notwendigkeiten.
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Am Anfang einer ganzen Reihe von Märchen steht die Sehnsucht No ch dem Kind. In Worten von zeitlosem Wirklichkeitsgehalt und rihrender Schlichtheit der Empfindung wird sie laut. Im „Daum e s - di ck" sagt der arme Bauersmann: „Wie tft’s so traurig, daß wir keine Kader haben! Es ist so still bei uns und in den anderen Häusern ift's (t laut und lustig". „Ja", antwortete die Frau und seufzte, „roenn's nur ein einziges wäre und roenn’s auch ganz klein wäre, nur Daumens s ofe, fo wollt ich schon zufrieden fein; wir hätten's doch von Herzen li.-b." König und Königin im „D o r n r ö s ch e n", die sprechen jeden $.ig: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!", und kriegten immer trens. „S chneewittchen" wird als das leibhaftige Wunschbild der Butter geboren, die am Fenster mit dem schwarzen Ebenholzrahmen sitzt n>d näht, in den Schnee hinausblickt und sich dabei in den Finger sticht: ’.fyäti ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz .toe das Holz an dem Rahmen". Wie fein findet hier der alte Volks- Haube Ausdruck, daß das Kind etwas vom Wefen der Dinge mitbe- tanmt, die die Mutter umgaben, als sie es unterm Herzen trag. Er- Sieifenb beginnt das Märchen „D i e Nelke": „Es war eine Äöntgtn, Fk hatte unser Herrgott verschlossen, daß sie keine Kinder gebar. Zu
einem der schönsten Beispiele der ungeheuren Vildkrast der Märchensprache gehört der Anfang des Märchens „Das Eselein": „Es lebten ' einmal ein König und eine Königin, die waren reich und hatten alles, was sie sich wünschten, nur keine Kinder. Darüber klagte die Königin Tag und Nacht und sprach: „Ich bin wie ein Acker, auf dem nichts wächst". Das Unglück der Unfruchtbarkeit wird hier in einem unmittelbar ungeschauten Bild einprägsam gestaltet, aus dem die Klage der Frau, der das Muttersein versagt ist, erschütternd spricht.
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Da aber die Märchen alle in der Zeit sich begaben, „da das Wünschen noch hals", wird all den Frauen, die sich so sehnlich Kinder wünschen, auch ein Kind geschenkt, das sie dann um alle Schätze der Welt nicht hergeben. Als etwas Kostbares sind diese Kinder oft von feindlichen Mächten bedroht, wie Kleinode werden sie behütet und ihre Mütter erfinden tausend Listen, um die bösen Mächte zu täuschen und ihr Kind behalten zu dürfen. Im „R u m p e l st i l z ch e n" bietet die Königin dem Männchen „alle Reichtümer des Königreiches" an, wenn es ihr das Kind lassen wollte; aber das Männchen sprach: „Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt". Leben wird hier gegenüber totem Reichtum als der größere Besitz erkannt. Man denkt zugleich an jenen uralten grausamen Volksbrauch, etwas Lebendiges in ein Fundament einzumauern, damit dem Bau Dauer befchieden sei.
Aber nicht nur mit den Kräften des Verstandes retten die Mütter ihre Kinder, weit Größeres gelingt ihnen mit den Kräften des liebenden Herzens. Ihre Selbstüberwindung geht fo weit, daß z. B. die Mutter im „T o t e nh e rnd ch e n" fogar ihren Schmerz um ihr totes Kind besiegt und nicht mehr meint, damit fein Totenhemdchen, das naß von ihren Tränen war, trotfnen kann. Die Mutter der „Gänsemagd" fchneidet sich ins eigene Fleisch, damit sie — ein wundervolles Bild der Schutzkraft mütterlicher Liebe! — ihrer Tochter drei Blutstropfen als Talisman mitgeben kann.
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Jrn Sorgen um ihr Kind besiegt die Mutter selbst den allgewaltigen und unerbittlichen Tod: Die Not ihrer Kinder läßt im Märchen die Mütter aus dem Grabe zurückkehren. In „Brüderchen und Schwesterchen" tritt um Mitternacht die tote Königin herein: „Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm zu trinken". Bis über das Grab hinaus erweist die Mutter ihrem Kinds Gutes. Freilich kann sie es — ein sehr feiner, vielen Märchen gemeinsamer Zug — nur dann, wenn gläubige Kindesliebe ihrem inbrünstigen Wunsch, zu helfen, entgegenkommt: Aschenputtel pflanzt fln Haselreis auf der Mutter Grab, begießt es mit ihren Tränen, und es wird jener Haselnußbaum daraus, der sich „rüttelt und schüttelt" und „Gold und Silber" über Aschenputtel wirft. In dem dänischen Märchen „Eder- land die Hühner m a g d" glaubt die stille, geduldige kleine erlaub, obwohl ihr die sterbende Mutter nur einen Teigtrog, einen Besenstiel und eine Schürze gegeben hat, doch daran, „daß ihre Mutter sie gleich lieb gehabt hätte wie die beiden Schwestern", und siehe, die Mutter kommt aus dem Grab hervor, zu dem sich die ratiofe Ederland flüchtet, und hilft ihr. Geht aber ein Kind mit dem Geschenk mütterlicher Liebe nicht achtsam um, dann weicht auch feine schützende Kraft von ihm: Die Königstochter in der „Gänfemagd" ist wehrlos der bösen Kammer- jungfer ausgeliefert, nachdem sie das Läppchen mit den drei Blutstropfen der Mutter verloren hat.
Wie hier im Einzelfall die schützende Macht durch das Blut der Mutter versinnbildlicht wird, so geht das Märchen im ganzen von dem dluchaften Muttertum aus. Es kennt nicht das übertragene Gefühl allgemeinen mütterlichen Erbarmens, mit dem eine Frau sich eines fremden Kindes annimmt. Das Bereich des Märchens ist das Elementare, es schildert nur das naturhaft einfache Gefühl, im Guten wie im Bösen. Im „F u n d e v o g e l" ist es der Förster, also ein Mann, der sich des Findelkindes annimmt, während die Köchin das Kind töten will. Höchstens die Amme, also eine Frau, mit der das blutsfremde Kind doch körperlich verbunden war, hilft ihm manchmal, wie im Märchen vom „L ämm- ch e n und Fischchen".
Diese Unfähigkeit, dem blutsfremden Kinde Mutter zu fein, ist auch der tiefere Grund, warum das Stiefmuttermotlo im deutschen Volksmärchen einen so breiten Raum einnimmt. Für die ungebrochene Gefühlswelt, aus der das Märchen stammt, ist ein Kind von aller Welt verlassen, wenn es die Mutter verloren hat. Nichts kann die Liebe der Mutter, die der natürliche Lebensgrund des Kindes ist, ersetzen. Vereinfachend und die Unmittelbarkeit der Wirkung dadurch steigernd, wie es das Märchen gerne tut, geht es in feiner Darstellung nicht komplizierten Neid- und Haßgefühlen durch alle verschlungenen Pfade nach, sondern zeichnet Stiefmütter und Schwiegermütter als absolut boshafte Wesen, die ein für allemal die Kinder, die nicht aus ihrem Blute stammen, hassen, quälen und verstoßen. Für das Elend solcher wahrhaft „stiefmütterlich" behandelter Kinder findet das Märchen erschütternden Ausdruck: „Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: „Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage — wenn das unsere Mutter wüßte —". Das Märchen gibt mit der Eindringlichkeit einer musikalischen Sequenz den gleichen Vorgang oft mit den gleichen Mitteln wieder, und [o rufen auch die drei Blutstropfen der „Gänfemagd": „Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen!" Als Aschenputtels Vater sich eine andere Frau nahm, „da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an". In der „W e i ß e n und der schwarzen Braut" tritt das Motiv des Neides klar hervor: „Als die Stiefmutter fah, daß sie und ihre Tochter kohlschwarz und häßlich war, die Stieftochter aber weiß und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher und sie hatte nichts anderes im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun könne". In dem Märchen „Die wahre Braut" wird die gleiche Aussage durch einen eigenartig fchönen, bild-


