Eichener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1957 ßreitag, den 7. Mai Nummer 35
Der Stechlin
Roman von Theodor Fontane
28. Fortsetzung.
Und dazu dann Forellen und ein Landjäger, der eben einen Wilderer oder Haberseldtreiber über den stillen See bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und ist der See aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir unser Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen, und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich auch. Denn mir fällt ein, Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm, dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch war, immer in Gastein zusammen und viel an seiner Seite. Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten Uebermenschen etabliert; eigentlich gibt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die, die man durchaus zu einem .lieber' machen will. Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch welche gesehen. Ein Glück, daß es, nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man verzweifeln. Und daneben unser alter WilhelmI Wie war er den so, wenn er so still seine Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm erzählen? So was, woran man ihn so recht eigentlich erkennt."
„Ich darf sagen ,ja', Herr von Stechlin. Habe so was mit ihm erlebt. Eine ganz kleine Geschichte; aber das sind gerade die besten. Da hatten wir mal einen schweren Regentag in Gastein, so daß der alte Herr nicht ins Freie kam und, statt draußen in den Bergen, in seinem großen Wohnzimmer seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut es eben ging. Unter ihm (was er wußte) lag ein Schwerkranker. Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete, sehe ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt und übereinanderpackt, und als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln: ,Ja, lieber Fromme!, da unter mir liegt ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung hat, ich trample ihm da so über den Kopf hin ...' Sehn Sie, Herr von Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser."
Bubslao schwieg und nickte. „Wie beneid ich Sie, so was erlebt zu haben", hob er nach einer Weile an. „Ich kannt ihn auch ganz gut, das heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm war, und dann oberflächlich auch später noch. Aber seine eigentliche Zeit ist doch seine Kaiserzeit."
„Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit seinen großem Zwecken."
„Richtig, richtig", sagte Dubslao, „das schwebte mir auch vor; ich könnt es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und so einen kriegen wir nicht wieder. Uebrigens sag ich das in aller Reverenz. Denn ich bin kein Frondeur. Fronde mir gräßlich und paßt nicht für uns. Bloß mitunter, da paßt sie doch vielleicht."
Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen, und um halb acht ging der Zug, mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte, dieser herkömmlich ersten Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden. Man erhob sich von der Tafel, und während die Gäste, bunte Reihe machend, untereinander zu plaudern begannen, zogen sich Woldem'ar und Armgard unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war feit einer Stunde schon voraus, und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Bar- byschen Hause. Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard es hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang- und Höslichkeitsstreiterei. „Ja, wenn es jetzt in die Kirche ginge", sagte Armgard, „so hättest du recht. Aber unser Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher Landauer geworden, und Waldemar und ich sind, vier Stunden nach der Trauung, schon wieder wie zwei gewöhnliche Menschen. Und sich dessen bewußt zu werden, damit kann man nicht früh genug anfangen."
„Armgard, du wirst mir zu gescheit", sagte Melusine.
Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter Bahnhof eintraf, waren Rex und Czako bereits da — beide mit Riesensträußen —, zogen sich aber unmittelbar nach Ueberreidjung ihrer Buketts wieder zurück. Nur die Baronin und Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig und warteten unter lebhafter Plauderei bis zum Abgänge des Zuges. In dem von dem jungen Paare gewählten Coupö befanden sich noch zwei Reifende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille, konnte nur ein Sachse sein, der andere dagegen, mit Pelz und Juchtenkoffer, war augenscheinlich ein „Internationaler" aus dem Osten oder selbst aus dem Südosten Europas.
Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern. Dann bestiegen sie wieder den draußen haltenden Wagen. Es war ein herrliches Wetter, einer jener Vorfrühlingstage, wie sie sich gelegentlich schon im Februar einstellen.
„Es ist so schön", sagte Melusine. „Benutzen wir's. Ich denke, liebe Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein und dann an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung."
Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, wo sie von dem holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen, sagte die Baronin: „Ich begreife Stechlin nicht, daß er nicht ein Coupö apart genommen."
Melusine wiegte den Kopf.
„Den mit der goldenen Brille", fuhr die Baronin fort, „den nehm ich nicht schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Störung. Aber der andere mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe, wenn nicht gar ein Rumäne. Die arme Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch wieder nicht."
„Wohl ihr."
„Aber Gräfin ..."
„Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu hören. Und doch hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit: gebranntes Kind scheut das Feuer."
' „Aber Gräfin ..."
„Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und fuhr an demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in einem Punkte ganz wie Dresden: nämlich erste Station bei Vermählungen. Auch Ghiberti — ich sage immer noch lieber .Ghiberti' als .mein Mann'; .mein Mann' ist überhaupt ein furchtbares Wort — auch Ghiberti also hatte sich für Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu passieren."
„Weih, weiß. Endlos."
„Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit uns gewesen, ein Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren aber allein. Und als ich aus dem Tunnel heraus war, wußt ich, welchem Elend ich entgegen« lebte."
„Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste Freundin, und ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein Schicksal."
Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße zurückgezogen, und hier angekommen, sagte Czako: „Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir bis in das Restaurant Bellevue."
„Tasse Kaffee?"
„Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel Suppe, ne Forelle en miniature und ein Poulardensliigel, — das ist zu wenig für meine Verhältnisse. Rund heraus, ich habe Hunger."
„Sie werden sich zu gut unterhalten haben."
„Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem, wenigstens Menschen, die, wie ich, wenn Sie auch drüber lachen, aufs Geistige gestellt find. Ein bißchen mag ich übrigens an meinem elenden Zustande selbst schuld sein. Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehen und begreife nach wie vor unfern Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester! Er hatte doch am Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze Komtesse."
„Czako, Sie werden wieder frivol."
34. Kapitel.
Unter den Hochzeitsgästen hStte sich, wie schon kurz erwähnt, auch ein Doktor Pusch befunden, ein gewandter und durchaus weltmännisch wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon angegrautem Backenbart. Er war vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle nehmen zu lassen. „Das Studium der Juristerei ist langweilig und die Karriere hinterher miserabel" — so war er denn als Korrespondent für eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte sich dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewußt. Das ging so durch Jahre. Ziemlich um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner Stellung aufgab, war auch Dr. Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach Amerika hinüber begeben. Er fand indessen das Freie dort freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst in Neuyork, bann in Chikago versucht hatte, nach Europa zurück. Und zwar nach Deutschland. „Wo soll man am Ende leben?" Unter


