zehrte, die von den Aerzten aufgegeben waren, schlugen erkennend die Augen auf. Betende Frauen sanken einander weinend in die Arme. Acht Tage später hatte sich die düstere Wolke der Epidemie über die Stadt gehoben und war ins Grenzelose zerslattert.
Heute ist an der Stelle, wo die Wachtposten einst den Schlitten mit dem Toten fanden, em steinernes Denkmal zu sehen, auf dessen Sockel ein Schlitten mit Zugtieren steht, darauf die im Schmerz zusammenge- krllmmte Gestalt eines Mannes, der krampfhaft mit beiden Händen die Lenkleine umschlossen hält. In die vordere Wand des Steinsockels sind die Worte aus dem Evangelium eingehauen:
Der aber hat die größere Liebe.
Der sein Leben gibt für seine Brüder.
Und darunter:
Dem Retter aus Todesnot.
Die dankbare StM Nome.
Gt. Nikolaus.
Von Martin Weise.
St. Nikolaus, St. Nikolaus,
Der wandert jetzt von Haus zu Haus; Schaut durch die Fenster in die Stuben, Ob all' die Mädels und die Buben Auch immer artig und fleißig sind, Sich freuen auf das himmlische Kind.
St. Nikolaus hat viel zu tun, Er darf nicht rasten, kann nicht ruhn. Das Fest der Weihnacht ist bald da Mit Glitzerglanz und Gloria.
Viel Wünsche steckt er in den Sack Und trägt sie alle huckepack.
Ihr Kinder, lernt euer Sprüchlein sein. Kommt St. Nikolaus zu euch herein. Wird er nur den mit Lob bedenken, Aus seinem Sacke Nüsse schenken, Der brav sein Verslein sagen kann, Und da steht wie ein rechter Mann.
Die andern aber holt, o Graus, Er aus der warmen Stube heraus. Da hilft kein Weinen und kein Klagen, Er faßt sie alle hart beim Kragen Und läßt, weil sie nicht beten und singen, Auf ihrem Rücken die Rute springen.
Nürnberger Märchen.
Von Hans Friedrich Blunck.
Zu einer Zeit, als unser Land sehr arm war, als der Feind große Teile losgerissen harte und seine Heere auf unfern Feldern lagerten, da machte sich auch der Verlocker die Trostlosigkeit der Menschen zunutze. Er kaufte sich mit falschem Geld viele Kleinode und Schmuckstücke und war besonders darauf bedacht, heimlich die Wünschelruten und Allertürschlüssel im Land in seine Hand zu bekommen.
')iun war da in der Stadt Nürnberg irgendwo ein altes Gebäude, in dem lag, das wußte er, unter allerlei Gerümpel eine solche Zauberrute verborgen. Eine Greisin hatte sie besessen, ohne zu ahnen, was für einen Schatz sie im Hause hatte. Jetzt war die Arme in ihrer Kammer Hungers gestorben
Aber der Locker wußte Bescheid und machte sich auf, das Zauberreis zu gewinnen.
Das war gar nicht so leicht; der Uralte, dem die Rute einstmals gehört hatte, ging in der Stadt um und wachte über seinen Schatz; nicht Mann, nicht Frau, nur ein unschuldiges Kindlein vermochte die Rute aufzuheben, jedem andern war der Tote über.
Und es mußte zum Christmarkt fein, sonst sand das Kind sie nicht.
Der Verlocker fuhr also nach Nürnberg, stieg in einem großen Gasthof ab und besah sich die Stadt, die wie alle anderen arg zu leiden hatte. Viele arme Leute gingen aus den Straßen auf und ab, versuchten, kleine Dinge, die ihnen lange lieb gewesen, zu verkaufen, oder boten Reiser und Besen oder Hampelmänner aus, nur um einige Pfennige zu bekommen. Und dem Verlocker gefiel es, denn der Hunger ist ein großer Sünder und treibt die Menschen ihm zu.
Nun hatte der gute Knecht Ruprecht wie in jedem Jahr mit dem ersten Schnee allen Nürnberger Kindern eine echte Rute gebracht, um sie zu warnen — das geschieht ja auch in andern Städten. Wenn die Beschenkten aber bis zum Weihnachtsabend fleißig und gut waren, durften sie zu Nürnberg alle Ruten auf dem Christmarkt verbrennen, gerade bevor die Lichterbäume angesteckt wurden.
Der Verlocker wußte aber von der alten Sitte der Kinder und baute darauf feinen Plan, die Rute aus dem alten Haus zu gewinnen.
Als der Weihnachtsabend gekommen war und die Kleinen schon auf die Stunde warteten, wo sie aus Besen und Ruten ihr Feuer anzünden durften, kam er wie ein uraltes Männchen zu den Knaben und Mädchen, brachte braune Kuchen vom Markt und fragte, ob er ihnen sonst eine Freude bereiten könne.
Aber die Kinder waren scheu vor dem Fremden. Endlich faßte sich ein kleiner Junge ein Herz. Er sollte sich einmal einen Buckel machen, krähte er. Was geschah? Der Alte hatte, bautz, einen großen Höcker auf dem Rücken und eine fingerlange Nase dazu. Das hatten die Kinder ja nicht erwartet. Jetzt solle er seinen Hals so lang machen wie einen
Laternenpfahl, wünschte jemand. Nicht zu glauben, da hatte der Alte einen Hals, drei Ellen lang. Was immer die Schelme noch von dem Fremden verlangten, geschah; der Locker tat wie ein Hanswurst; er zog sich lang, er zog sich kurz, und die Kinder folgten ihm lachend und jauchzend.
Ein armer Besenbinder wurde das Treiben gewahr. Und weil Knecht, Ruprecht sein Kind ganz und gar vergessen hatte, meinte er, es bekäme vielleicht bei solchem Umzug einen braunen Kuchen ab, und riet ihm, sich dazu zu drängen. „
Als der Locker in seiner Verkleidung nun das ärmste der Kleinen ohne Reiser und Besen sah, da hatte er ja einen Grund, es auszuschicken. Gerade als er mit der Kinderschar an dem dunklen Haus ohne Licht vorbeikam, hielt er an, tat, als wenn es nun genug und Zeit sei, zum Markt zurückzugehen. Das kleine Mädchen aber behielt er zurück, war freundlich und fragte so recht mitleidig, warum es denn nicht Reis noch Rute bei sich habe.
Ach, antwortete das Ding, sein Vater müsse immer alles verkaufen, und Knecht Ruprecht habe seiner vergessen. Nun, dem wolle er abhelfen, tröstete der sonderbare Fremde und zeigte dem Kind einen Schlüssel. Und dann gab er ihm ein brennendes Lichtlem in die Hand und sagte, es solle nur getrost die alte Tür aufschließen, gleich auf der Diele läge alles, was Knecht Ruprecht vergessen hätte. Da würd's auch seine Rut« finden.
Das Kind war erst ängstlich, dann tat es, wie ihm geheißen ward, und der Böse blieb auf' der Straße und horchte und wartete in seiner Gier.
Im Haus war es aber sehr düster, das Licht warf nur einen schwachen Schein. Das kleine Mädchen hatte Mühe, die Stufen zu gewinnen, ihm war, als flüsterte und wisperte es und riet ihm von allen Wänden. Weil es indes durchaus sein Ruprechtrütlein haben wollte, um es auf dem Markt ins Feuer zu werfen, und weil die andern Kinder nicht wißen sollten, daß der gute Knecht es so ganz und gar vergessen hatte, nahm das Mädchen allen Mut zusammen. Und es suchte den Haufen mit Gerümpel ab, den die Leute beim Tod der alten Frau zusammen- geworfen hatten, und fand zwischen Flaschen und Tüchern und Lumpen wirklich ein Ding, wie es sich's wünschte. Rasch nahm es die Rute auf und freute sich, gleich mit den andern zum Markt ziehen zu können.
Nun hatte das Kind sich mit seinem dünnen Lichtlein aber so viel gedreht und gewendet, es wußte zwischen den winkligen Türen und Treppen nicht mehr, woher es gekommen war. Weil aber in einer der Scheiben ein wenig Licht schien, ging es darauf zu, preßte das Gesicht daran und sah gerade auf den Christkindelmarkt hinaus. Da hatte es Furcht, sich durch das Haus zurückzutappen, fand eine Tür und ein Schloß und — oh, wie freute es sich, die Tür sprang vor seinem Schlüssel auf, eine kleine Treppe führte gerade auf den Marktplatz. Schon kamen von allen Seiten die Nürnberger Kinder angezogen, um ihr Feuer an- zuzünden; das kleine Mädchen lief hinaus und war froh, das dunkle Haus hinter sich zu haben.
Der Verlocker wartete währenddes noch immer auf der Straße. Als niemand zurückkehrte, wurde er besorgt um den 'Schlüssel und um die Zckuberrute. Weil aber nur ein Kind das Ding zu heben vermochte, versuchte er sich zu gedulden, schuppte sich in seiner Verkleidung, rückte sich den Hut von einem Ohr aufs andere und stampfte mit den Füßen vor Kälte. Endlich hob er sich auf die Zehen, um von draußen durchs Fenster zu blicken. Da war kein Licht mehr zu sehen, weder oben noch unten.
Der Böse bekam einen rechten Schreck; er fuhr dreimal hin und her, besah sich das Haus von allen Seiten und meinte, gleich müsse die kleine Suchende zurückkehren — wer sollte solchem Boten wohl etwas antun? Ais er dabei auch zur Marktseite lief, warfen schon alle Kinder ihre Ruten zusammen. Da kam ihn die Furcht an, daß auch die Rute, die er suchte, dazwischen sei; er also hin, entdeckte das Mädchen mit dem Schlüssel, drehte sich vor Zorn, sprang in den Reiserhauf, riß alles auseinander und durcheinander und stöberte vergeblich nach dem Zauber- ftab. Von Zeit zu Zeit reckte er beide Fäuste hoch und klagte, heulte und jammerte. Die Kinder lachten darüber; sie meinten, er machte wieder seinen Spaß mit ihnen.
Daß der Böse seine Rute nicht gesunden hat, ist so gekommen:
Als der arme Bürstenbinder nach seinem Töchterchen rief, das er verloren hatte, gewahrte auch er die vielen guten Reiser, die die Nürnberger zu Häuf warfen. Und es tat ihm leid um die schönen Birken, die er für feine Besen brauchen könnte. Er raffte also unauffällig mit dem Fuß einige zur Seite, und schob sie sich unter den Arm. Dann sah er sein Kind, das er suchte, nahm es an der Hand und zog es rasch nach Haus, er hatte kein ganz reines Gewissen. Wenn's doch erst Abend wäre und ich die Reiser zugearbeitet hätte, dachte er. Batz, stolperte er, da lagen vier fertige Besen vor seinen Füßen, gerade vor seinen Füßen, gerade fo viel, wie er hatte schaffen wollen.
Das ist ja fein, staunte der Besenbinder, hob sie auf und wußte gar nicht, woher sie kamen.
Nun kann ich dem Kind eine schöne Weihnacht bereiten und ein Lichterbäumchen besorgen, dachte er. Ach, wären wir erst daheim! Schwupp, war er schon in seiner Kammer, und alles war nach seinem Wunsch bestellt.
Da staunten Vater und Tochter. Wenn wir es doch immer so gut hätten, dachte der Mann und sah sich in der Kammer um — immer so gut bis zum Lebensende.
„Soll geschehen", sagte der Besen auf einmal laut und verneigte sich. Und bann grüßte er und ging aus der Tür; vielleicht hatte ihn einer gerufen, der mächtiger als Mensch und Verlocker ist.
Aber das ist gewiß, die beiden Menschen haben es gut seitdem, und sicherlich wird es ihnen weiter wohlergehen. Sie haben's auch besser verdient als der Alte, der auf der Nürnberger Christkindelmette alle Ruten auseinanderwarf in seinem Zorn und doch die rechte nicht sand.
Verantwortlich: Dn Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.


