Legende vom Christkind.
Volksweise.
Als Gott der Herr geboren war. Da war es kalt.
Was sieht Maria am Wege stehn?
Ein' Feigenbaum.
Maria, laß du die Feigen noch stehn, Wir haben noch dreißig Meilen zu gehn. Es wird uns spät.
Und als Maria ins Städtlein kam
Dor eine Tür,
Da sprach sie zu dem Bäuerlein:
Behalt uns hier,
Wohl um das kleine Kindelein,
Es macht dich wahrlich sonst gereun. Die Nacht ist kalt.
Der Bauer sprach von Herzen: Ja, Geht in-den Stall!
Als nun die halbe Mitternacht kam, Stand auf der Mann;
Wo seid ihr dann, ihr armen Leut?
Daß ihr noch nicht erfroren seid. Das wundert mich.
Der Bauer ging da wieder ins Hau«, Wohl aus der Scheuer.
Steh auf, mein Weib, mein liebes Weib, Und mach ein Feuer, Und mach ein gutes Feuerlein, Daß diese armen Leutelein
Erwärmen sich.
Und als Maria ins Haus hin kam, Da war sie froh.
Joseph, der war ein frommer Mann, Sein Säcklein holt;
Er nimmt heraus ein Kesielein,
Das Kind tät ein bißchen Schnee hinein, Und das fei Mehl.
Es tat ein wenig Eis hinein.
Und das fei Zucker,
Es tat ein wenig Wasser drein.
Und das sei Milch;
Sie hingen den Kessel übern Herd An einen Haken, ohne Beschwerd
Das Müslein kocht.
Ein.' Löffel schnitzt der fromme Mann
Von einem Span,
Der ward von lauter Helfenbein
Und Diamant,
Maria gab dem Kind den Brei, Da sah man, daß es Jesus sei Unter seinen Augen.
Alaska-Ballade.
Don Franz Erdmann.
In der Goldgräberstadt Nome, an der eisigen Küste der Beringsee, war in einem Winter die Diphtherie ausgebrochen, eine der gefurchtetsten Krankheiten im Norden. Unaufhaltsam lief die Epidemie durch alle Gassen, griff hier und da einem Weißen an die Kehle und stürzte sich mit unheimlicher Wut auf die Eskimos und Indianer. Die Aerzte taten, was Menschenkraft vermag, als aber der geringe Vorrat an Serum nahezu verbraucht war, wurde eine dringende Bitte an die Regierung um den kostbaren Stoff durch den Draht geschickt
Einige Tage darauf kamen dreihunderttausend Ampullen des Serums, in dicke Hasenfelle verpackt, in Nenana, der Endstation der Bahnilnie, an. Aber Nome lag noch weit im Norden, tausend Kilometer weit; dazwischen wilde Gebirge, menschenleere Ebenen über die der Schneesturm heult, Flüsse, die zu übereinander getürmten Eisschollen geworden sind, Strecken längs der Küste, wo gigantische Kräfte den Weg mit einem furchtbaren Durcheinander von Packeis verschüttet haben. Wie a s mitten im Winter ungefährdet mit dem Serum nach Nome kommen?
Man dachte zuerst an ein Flugzeug. Doch es fand sich kein Pilot, der so wahnwitzig gewesen wäre, den Flug durch die Schrecken des no dischen Winters zu wagen. Blieb nur ein einziges Mittel, das uralte Verkehrsmittel — der Hundeschlitten. Alle Stationen an der Telegraph - linie von Nenana bis Nome wurden daher angewiesen, dre besten Hundegespanne und Treiber bereitzuhalten ,
Als erster fuhr der Schwede Gunnar Kasson, em verwegener Kerl. Halbblind vom treibenden Schnee, jagte er sein
Meter durch einen furchtbaren Sturm und lieferte das serum glücklich Der^anadi^ChaAi^Clyff war der nächst«- ^'V?°^"dem^einen einst auf der Jagd ein Auge ausgerissen. Aber er sah mdbewi emen Auge so gut wie manch einer mit zweien nicht. Er wartete schon m * feinem Gespann vor der Station. Kaum war !das> Polli t pullen sicher auf seinem Schlitten untergebracht, so war er auch schon unterweas Das scharfe Auge des unerschrockenen Mannes wurde von einer Flut'von Eiskristallen und Schneeflocken überschüttet dafes^völlig verklebt wurde. Er sah nichts mehr, doch sein braver Le thu ch ihn sicher nach Tanana, wo niemand zu hoffen wagte, daßchm die Fah gelingen würde. Clyff hat nie erzählt, wie es chm ergangen ist.
Der dritte war Leonhard Sepalla, der eine der schlimmsten Etappen des ganzen Weges über den gefürchteten Tananafluß zurücklegte, obgleich chm schließlich dabei das Gesicht erfror und er mehr tot als lebendig in Kallands ankam.
Noch schlimmer erging es dem Eskimo Pete Olfen, dem die Fahrt über den Norton-Sund zufiel. Man riet chm, die Nacht abzuwarten, da gerade ein wütender Orkan tobte, und dann die bei weitem längere Route um die Bucht zu nehmen. Jede Stunde Verzögerung aber konnte ein Leben in Nome bedeuten. Darum vertraute Pete auf sein Hundegespann und stob in die Nacht hinaus. Die Dünung hatte das Eis aufgebrochen, und Pete mußte große Strecken über das wogende, krachende Eis fahren. Doch Pete gelang das Uebermenfchliche, er kam über die Bucht.
So wurde die kostbare Ladung von Mann zu Mann weitergereicht, und jeder von ihnen war ein Held an selbstloser Hingabe und Opfermut, wie ihn kein Epos heldenhafter schildern kann.
Inzwischen aber waren durch die Schneestürme die Telegraphendrähte nach Nome zerstört worden, und die Einwohner erduldeten schreckliche Nächte in verweifelter Ungewißheit, ob das Serum sie erreichen würde. Schon war der größte Tell der Strecke zurückgelegt, bis die Reihe an den letzten der Hundeschlittenführer, William Shannon in Gelosnin, kam. Aber William, ein erfahrener Treiber, hatte einige Tage zuvor bei einem unglücklichen Sturze den Knöchel des rechten Fußes gebrochen. Wer sollte an seiner Stelle die gefahrvolle Fahrt wagen? Der Orkan tobte mit unverminderter Wut, und eine Fahrt durch die sturmge- peitschte Nacht bedeutete für den Unerfahrenen sicheren Tod. Alles stand auf dem Spiel. Nach langem, fruchtlosem Hin und Her atmete man erleichtert auf, als William Shannon selber einen jungen Deutschen, den Fallensteller Fred Faber, vorschlug, den irgend ein dunkles Geschick nach Gelosnin verschlagen hatte. Wenn einer, so meinte Shannon, so sei es dieser, denn er sei zäh wie ein Wolf und stark wie ein Bär. Eiligst wurde Fred herbeigeholt, und der Gemeindevorsteher fragte ihn, ob er das Gespann gegen hohe Belohnung treiben wolle. Da nahm Fred bedächtig die rußige Pfeife aus dem Munde und sagte laut: „9cf) fahr und ich kann es, aber bezahlen lasse ich mir die Fahrt nicht."
Fred kannte Williams Gespann und dessen Leithund Balte. Oftmals hatte er William ein Stück Weges begleitet, wenn dieser mit feinem Schlitten an den Jagdstellen vorüberkam, wo Fred auf Beute lauerte. Allmählich waren ihm alle die Pfiffe und Zurufe, womit William feilte Hunde regierte, vertraut, und er durste sich rühmen, schon nach einigen Versuchen mit der Lenkleine die Herrschaft über den Leich und und das Gespann gewonnen zu haben. Darum fetzte er nun fein ganzes Vertrauen auf die Hunde. -
Der Schneesturm heulte bei Dunkelwerden um die Häuser von Gelosnin. Dennoch waren die Bewohner am Dorfausgang versammelt, um Fred Faber abfahren zu sehen. Da kam er, fast unkenntlich in dem dicken Pelz, lachte allen noch einmal zu, winkte mit der Hand. Gleich darauf war er im Schneetreiben verschwunden. Wütend fiel ihn auf der ungeschützten Ebene der Sturm an und warf sich mit furchtbarer Gewalt gegen seine Brust, daß ihm der Atem ausging. Die Hunde keuchten, und ihre Flanken begannen zu zittern. Nur langsam kam Fred vorwärts. Alle Augenblicke muhte er vom Schlitten springen und nebenher durch den meterhohen Schnee stapfen, daß ihm trotz des Orkans der Schweiß von der Stirn rann. Aber der Leithund Balte tat feine Pflicht. Kilometer auf Kilometer ging es vorwärts, bis Fred zu einer Höhe kam, uon wo er die mit Packeis bedeckte Bucht überschauen konnte, an deren jenseitigem User Nome lag. Noch lag die gefahrvolle Uebersahrt vor ihm Wehe ihm, wenn die Hunde dort auf dem Eis in eine der tückischen Wasserlachen gerieten, die von Zeit zu Zeit über das geborstene Eis quellen. Von Neuschnee überdeckt, sind sie gefährlicher denn Schlingen und Fußangeln. Pfoten und Weichen der Hunde gefrieren sofort, und jeber Hundeschlittenführer ist verloren, wenn er es nicht sogleich bemerkt. Von solchen Gedanken beunruhigt, fuhr Fred den ziemlich steil ab- fallenden Hang zur Bucht hinab. Todesschweigen war um ihn her. Kem Baum, kein Strauch. Heulend kam der Sturm über das Eis und überschüttete ihn mit scharfkantigen Eisstücken. Die Hunde winselten und sahen ihn kläglich mit blutunterlaufenen Augen an. Sie waren völlig er chöpft. Er muhte ihnen Ruhe gönnen. Ihm selber zitterten die Knie. Er konnte sich kaum noch aufrecht halten. Auf allen Vieren kroch er zu Balte dem Getreuen, der traurig den Kopf hängen ließ. Mit Tranen in den Augen umarmte er ihn, küßte ihn auf die struppige Stirn und raunte ihm flehend ins Ohr: „5>alt aus, Balte, du Guter, halt aus! Dann zog er einen Sack vom Schlitten und entnahm ihm einge Hastn- felle die er zur Sicherheit mitgenommen hatte. Er umwickelte damit die 'Beine der Hunde, um sie gegen die todbringende Feuchtigkeit zu
Eine Weil« lagen sie so ermattet im hohen Schnee. Allmählich aber fühlte Fred, das ihm die schreckliche Kälte durch den Pelz und die Kleidung drang. Er konnte sich nicht mehr aufrichten. Die Beine waren ihm wie gelähmt. Mit letzter Kraftanstrengung zog er sich auf den Schütten, griff noch der Senfleine und stieß keuchend hervor: „Vorwärts, Balte!
Der Hund heulte auf und tat einen Schritt. Jaulend sprangen die anderen Hunde auf und zogen an. Hinunter glitt der Schlitten von dem hoben Ufer auf das Eis der Bucht. Dort drüben lag Nome Dort drüben harrten sie feiner verzweifelt. Doch die Kräfte schwanden ihm mehr und mehr Zusammengekrümmt lag er auf dem Schlitten, der auf dem glatten Eise schneller dahinglitt. Erleichtert griffen die Hunde aus. Nun galt es, dem Ziele zu, das chn alle Not und Qual vergehen lief), er mutzte
Im Morgengrauen sahen die Wachtposten, die am anderen Ufer der Bucht harrten, im heulenden Schneesturm eine zusammengesunkene Gestalt aus einem Schlitten auftauchen, der von einem Rudel dampfender Hunde gezogen wurde. Sie stürzten chm entgegen hoben den leblosen Körper des (Erfrorenen vom Schlitten und trugen ihn in das Blockhaus.
In knapp einer Stunde wußte es ganz Nome, ^^emm arbeitete. Schon liefen Gerüchte von Wundern der Heilung um. Dom tfieber Ver


