polierten Tische und traut eine Taste Kaffee. Das war alles, was von der Welt noch übrig war.
Die Luft schmeckte naß, lalzig und ein wenig beißend. Wir lagen fest, — der Himmel allein wußte, was aus uns werden sollte. Unermüdlich riefen und antworteten die Nebelhörner, und dann kam dazwischen zuweilen ein verlorener, seltsam betörender Klang aus weiten Fernen herüber. Wenn das Sirenengesang war, dann war es mit uns aus! Dann weh dir, du hübsches, kleines Schiff, fahr wohl, du buntes, reiches Leben! Oder war es Hoffnung und Hilfe? Klangen uns Stimmen der Engel aus himmlischen Gefilden?
Es war nichts anderes als die Kurmufik von Helgoland.
Wir haben es dann doch noch erlebt: ein matter, goldener Schimmer drang durch den Nebel, die brauende Masse geriet in Bewegung, sie begann sich zu lichten, ein gigantischer, überweltlicher Schatten wuchs jäh herauf — nach einer halben Stunde war die Luft klar, da war Helgoland, ein paar hundert Meter weit nur, es stieg leuchtend auf in die Sonne und war Erlösung und ewig neue Offenbarung.
Es ging dann bald weiter. Die Verspätung war nicht mehr einzuholen. „Es währte bis in die Nacht und — fast — wieder an den Morgen" ...
Aber wem je die Zeit lang wird auf dem Meer, der soll getrost am Lande und zu Hause bleiben ...
Es ist ein Glück ohnegleichen, unterwegs .zu sein!
Ich habe stundenlang den Möwen zugesehen, die uns das Geleit gaben. Sie schienen groß wie Adler, sie kreisten unermüdlich hoch über dem Heck, sie flogen mit großartigem, ruhigem Schlag der Schwingen der sinkenden Sonne nach, sie wendeten und trieben wie Segel vor dem Wind; sie zogen dahin in einer Freiheit, unter der es schwer war, ein Mensch sein zu müssen.
Ich saß unter der Flagge am Ende des Promenadendecks, und das Schiss vor mir war leer. Die wenigen Fahrgäste waren mit der Zeit samt und sonders in gastliche Tiefen hinabgestiegen, wo es Würstchen gab, Vier, Ansichtskarten und was sonst noch den Menschen am Leben erhält. Aber da war überhaupt niemand mehr zu sehen, nicht Kapitän, nicht Steuermann, nicht eine einzige Blaujacke. Das Schiss war leer, und ich war ganz allein, die Stunden hatten keine Zahl, und der Tag hatte keinen Namen mehr. Das Schiff fuhr mit mir übers Meer, woher — wohin? — es war ein Schiss der Sage, es hatte keinen Führer, es hatte fein Ziel, es fuhr unter einer Gewalt, die fremd und unsichtbar blieb, aus dem Leben der Erde und der Menschen hinweg in die Unendlichkeit.
Wißt ihr, was das ist: allein sein auf dem Meer? Es ist etwas Ungeheures, es ist etwas so Herrliches und so Grausiges, daß es fast nicht ertragen werden kann.
Seit Kindertagen eines Lebens Sehnsucht — Sehnsucht, immer nur wachsend, niemals gestillt. An jenem Tage habe ich gewußt: nie kommt eine Gnade wie diese wieder. Dies ist die Erfüllung. Ich werde das Meer begreifen können, einmal ...
Ich habe gesessen, allein mitten im Meer, bis die Sonne versunken war, bis es Nacht wurde.
Du armer Narr, der du denkst, daß das Meer etwas ist, das sich begreifen läßt wie ein Tal zwischen den Bergen, wie ein Wald, der den Hang hinanwächst, wie ein Garten, der blüht und vergeht.
Es wird niemals sein. Das Meer gibt sein Geheimnis nicht her. Das Meer verschließt sich vor dir und schließt dich aus. Du mußt hingehen und deine Sehnsucht behalten und von ihr leben und mit ihr sterben.
Vielleicht, daß es sich dir auftut einst, wenn aller Zeiten Ende gekommen fein wird, wenn dieses armen Lebens Schranken niederbrechen und deine Augen sehend fein werden für das, was von Ewigkeit ist.
Solange der Mensch der Erde gehört, muß er immer noch irgendwo landen.
Am nächsten Morgen, — ich stand auf der großen Plattform von Borkum — der Wind ging daher, und die Flut stieg an den Strand: Ueber das Meer bist du gekommen? ...
Heirsberg, kaö OrdenSschioß in Erm'and.
Von Margarete von Olsers.
Jäh, fast ohne Uebergang ist der Sommer gekommen. Das Laub der Bäume ist dicht geworden und der Wind, der vom Meer her so häufig über das flache Land Ostpreußen weht, bewegt das schwer hängende, dunkelgrüne Gezweig der Birken, die rechts und links der Chaussee stehen.
Es berührt einen jedesmal, wenn man aus dem Reich kommt, wieder von neuem, wie weit und einsam dieses Land ist. Beim raschen Vorüberfahren im Auto hastet das Auge an den sehr vereinzelt hingestreckien Gehöften. Wenig Fußgänger begegnen uns. Die Frau mit dem weißen Kopftuch, das das schmale Gesicht dunkel verschattet, im blitzblauen Kleid, an dem der Wind zerrt, kommt den kleinen Wiesenpsad wie in einer großen Einsamkeit daher.
Hin und wieder aber sieht man Leute bei der Heuernte, hoch werden die Fuder auf den Wagen getürmt. Die Heuernte scheint trotz der Dürre, die in Ostpreußen dem schneelosen kalten Winter gefolgt ist, nicht allzu schlecht auszufallen und hier, in diesem Teil der Provinz wenigstens, den wir im Auto durchqueren, stehen auch die Felder einigermaßen, und die Kartoffeln sogar stellenweise gut. Ein tüchtiger Regen, so sagt man allgemein, kann noch viel retten.
Der Rand der silbergrün schimmernden Felder ist gesäumt vom Blau der Kornblumen, die Ferne von der bläulichen Waldlinie.Rach einem Gewitter ist der Tag von einer unendlichen Klarheit, der Blick geht auf diesem flachen Lande wirklich bis in die fernste Ferne. Der Himmel ist von einem sehr tiefen, fast italienischen Blau.
Gegen dieses Blau — nun ist das Land ein wenig wellig geworden und waldreich! — taucht der schwere Turm und gewaltige Bau jenes Ordensschlosses auf, das Heilsberg, die Stadt zwischen Alle und Simser, eine der frühesten Siedlungen der Ordensritterzeit, überragt. Durch enge, winklige Gassen und Gäßchen muh das Auto und bann
über einen schönen Marktplatz, der west und breit daliegt, von Häusern mit malerischen Giebeln und Laubengängen umgeben, die an die Bauart alter schlesischer Städte erinnern. An der gotischen Pfarrkirche mit dem hohen viergehelmten Glockenturm, den ein goldschimmernder kriegerischer Sankt Michael krönt, geht es vorbei und zu der Burg hinan, dem Ziel unserer Fahrt.
In dem weiten gestreckten Hos, den zwei lange Gebäude späterer Zeit, es ist die in ihrem Kern noch mittelalterliche Vorburg, rechts und links flankieren, lassen wir unser Auto zurück. Es bleibt im Schutz einer froh- beschwingten sandsteinernen heiligen Katharina zurück, die auf dem hohen Sockel inmitten des Hofes zwischen schattigen Ahornen steht. Vor uns aber liegt, durch eine Brücke erreichbar, fast überraschend mächtig in seiner gedrängten Form, das Hochschloß mit seinem achteckigen Bergfried und den kleinen zierlicheren Scitentürmen.
Das Tor, das zum Burghof führt, ist niedrig und dunkel, aber tritt man hindurch, ist da wieder jenes Gefühl jäher Ueberrafchung wie bei dem ersten Anblick der Burg. Der fast quadratische Hof mit seinen Säulengängen ist ein Wunder an Schönheit und architektonischer Harmonie. Die niedrigen gotischen Bogen des unteren Umgangs verbinden wuchtige Säulen, so wird es ein Bild der Kraft und des fest auf der Erde Ruhenden. Der obere Umgang lockert diese Schwere leicht, und hoch geschwungen sind die gotischen Bogen, und die Säulen aus schwedischem Sandstein wirken zierlicher. Vollendung dieses Hofraumes aber ist das ihn überwölbende Blau des Sommerhimmels.
Von nun an umgibt uns der ganze Zauber der Vergangenheit, und während wir die Treppen zum „Großen Remter" emporsteigen, wird uns die Zeit lebendig, die die Burg entstehen und Schauplatz mannigfacher historischer Ereignisse werden lieh. Eine harte und blutige Zeit fürwahr, die diesem Schloß Form und Gestalt gegeben hat. Seine Herren und seine Fahnen hat es gewechselt, Feuer und Blut, Sturm und Belagerungen haben seine Mauern umbrandet, aber es hat doch allen Wandel der Geschichte überdauert! Wie ein trotziges: „Dennoch" steht es da im Herzen Ostpreußens, Zeugnis ältester deutscher Kultur! Die Burg wurde in ihrer jetzigen Gestalt (ursprünglich war sie eine Befestigung der Pruzzen, die sie den Ordensrittern zweimal in heißem Kampfe entrissen) im Jahre 1350 von dem Bischof Johann von Meißen auf- gebaut, und die einstige Ordenssiedlung Heilsberg, nun eine stark- befestigte Stadt, wurde zum Bischofssitz erkoren.
Das kleine Männchen mit den lebhaften blauen Augen, das uns durch die Burg führte und im reinsten ermländischen Dialekt, geläufig, ober unaufdringlich seine Erklärungen gab, erzählte uns, daß seine Familie von jenen schlesischen Siedlern adstammt, die einst vom Ritterorden zur Urbarmachung und Kultur des Landes hierher gerufen wurden. Tiel hieß der Mann und wird in ganz Heilsberg „das „Tielche" genannt, denn die freundlichen Ermländer haben ihre Luft an Diminutiven, sie hängen gern an alles ein „chen" an, was sehr gemütlich klingt, das „n" aber lassen sie — in Heilsberg wenigstens — grundsätzlich fort. Das „Tielche" ließ uns in Ruhe die Schönheiten der Burg genießen und gab uns nur gewünschten und bann einfachen und klaren Bescheid.
Einen schöneren Raum für prunkvolle Festlichkeiten kann man sich nicht denken als den „Großen Remter" in diesem Ordensschloß. Die Decke ist ein Wunder von Sterngewölbe in reinster und schönster Form, die Wandmalereien, die zum Teil wieder aus der sie lange deckenden Tünche zum Vorschein gekommen sind, geben einen Begriff von der Farbenpracht des gewaltigen Raumes. Fast noch schöner als der große ist der kleine Remter, dessen Wände und Sterngewölbe (das auf einen einzigen Schlußstein zuläuft) in einem wundervollen, satten Purpurton gehalten sind. In der gotischen Kapelle überraschen reiche barocke Holzschnitzereien, die Orgel ist ein Traum in Weiß und Gold, in der bewegten Freudigkeit ihrer Form sich sehr schön in den Raum fügend.
Nachdem uns das Tielche noch in die finsteren Tiefen des Burgver- Uehes mit zweifachem Gefängnisraum hatte blicken lassen, fliegen wir in lichtere Regionen auf die Höhe des Bergfrieds. Ach, der Blick da hinaus — weit geht er in das wellige Land, das sommerlich vor uns lag. An diesem klaren Tag war die fernste Ferne erkennbar. Unter uns aber kauerten die Häuser des Städtchens mit ihren guten schweren Dächern, aus deren Schornsteinen der Rauch des abendlichen Herdfeuers stieg. Dicht an den Fluh sind die Häuser gestellt und friedlich schimmerten die Wasser der Alle, die aber hier besonders reißend und tief sind, im Licht. Große Turmschwalben strichen in raschem Flug auffunkelnd in sommerlicher Lust an uns vorbei, und bei jeder Wendung leuchtete die helle Innenseite ifjrer Flügel wie Gold im Schein der Abendsonne.
Wir haben noch ein Heimatmuseum im Schloß besichtigt, ermlän« dischen Hausrat und Volkstrachten bewundert, an denen die mit echtem Gold sehr kunstvoll und reich gestickten Hauben der Bäuerinnen aus- allen. Ich sehe gern die innere Konstruktion, das Gebälk alter Dächer, o fliegen wir auch hier bis ganz unter bas Dach hinauf unb standen taunenb unter ben gewaltigen Jahrhunderte alten Balken aus mäch- tgen Eichenstämmen, benen man bie „Hanbarbeit" ansieht.
Nachbem wir bann noch ben Turm erklommen hatten, in bem einst Crmlanbs berühmtester Sohn, Domherr unb Gelehrter, Kopernikus, gearbeitet und ben Blick aus eben bem,eiben kleinen Fenster, an bem wir ftanben, in bas Firmament hatte gehen lassen, geleitete uns bas Tielche in bie Kellergewölbe bet Burg. Er entzünbele eine Fackel unb lieh uns zwischen ben ungeheuerlich bieten Mauern in bas geheimnisvolle Dunkel unterirbischer Gänge unb in ben stattlichen Weinkeller sehen.
Wieder an bas Tageslicht emporgestiegen, hielten wir noch einmal inne im Burghof, in Hessen Gängen nun bie Dämmerung bes sinkenden Tages war, währenb bas Dach unb ber massige Bergsned vom Glanz ber sinkenben Sonne angeleuchtet, in einem kräftigen warmen Rot gegen ben Himmel ftanben. Heimfahrend suchte unser Blick noch lange bie massigen Umrisse ber Burg, dieses gewaltigen Denkmals oftpreußischer Geschichte.
Deranlworlllch: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Detlag: Brühlfche UnivrrfitätSdruckerei R. Lange, Dießen.


