Annas Lied.
Von Achim von Arnim.
Goldne Wiegen schwingen, Und die Mücken singen.
Blumen sind die Wiegen, Kindlein drinnen liegen, Auf und nieder geht der Wind, Geht sich worin und geht gelind.
Wie viel Kinder wiegen? Wie viel soll ich kriegen? EinS und zwei und dreie, Und ich zähl' auss neue, Aus und nieder geht der Wind, Und ich weine wie ein Kind I
Das bäuerliche Besicht.
Von Joses Martin Bauer.
ES gibt irgendwo ein eigenartig eindringliches Bild der schwedischen Dichterin Selma Lagerlös, ein Bild, da- unter die Leute kam, ehe der gleichmachende Stift deS Photographen rin glatte«, nichtssagende« MätterleinS« gesicht mit ein wenig Güte, ein wenig Klugheit und sehr viel Ausdruck«- armut daraus machen konnte. Weil dieses Ungerechte nicht geschah mit dem Bild der Dichterin, drnni ist es Gesicht geblieben, sprechende«, erzählende« Gesicht, aus dessen alten Angen viel Güte, viel Weisheit, viel jimg gebliebene Freude schaut, so dast man die tiefen Furchen, die wir Bäche und Gräben und Ackerraine das Gesicht durchziehen, nicht mehr als die Zeichen eine« gebrechlichen Alters sieht.
Lange kann man diese« Bild beschauen, und immer wieder gibt e« neue Eindrücke, weil niemand die Mühen, Nöte und Sorgen de« erlebten Lebens daraus weggestrichen hat. Die Arbeit deS Leben« steht darin, mit der diese Arbeit vollendet wurde, und plötzlich lernt man tiefer sehen, wenn nia» die herbe, bäuerliche Umwelt kennt, in der diese« Gesicht sich formte, bi« e« so wurde, wie nur wenige es kennen.
Noch steht die geivaltige menschliche AusdruikSkrast eines Augenpaares darin, noch leuchtet die Freude darin, die Beglückung eines erfüllten Leben«, und man denkt kaum daran, dast dieses Gesicht einmal in der Auslösung alles Menschlichen erlöschen wird, denn schon haben sich die Zeichen einer ewigen Zeit eingegraben, und es spricht daran« die ewige Landschast, da« ewige bäuerliche Dienen, der Gleichmut einer Welt, die sich ewig so spiegeln loirb, wo der Zeitraum eine« Menschenlebens ohne Bedeutung ist vor der unendlichen Ausgabe.
Dieses gleiche Bild aber begegnet »n« vielleicht hundertmal an federn Tag, es begegnet uns überall dort, >oo Bauern in selbstverständlicher Hingabe ihr Leben abdienen, an ihr Land verpflichtet, das diese« gleiche wunderbare Gesicht hat. Richt immer freilich sind die Züge so tief gezogen und die Zeichen der Verpflichtung oder des abgediente» Leben« fv klar geprägt, aber ein Widerschein des Ackerlandes und der harten Heimat spielt um jede« Bauern- antlitz.
Wenn ein schlichtes Handwerk seine Menschen zeichnet, dast man sie unter den anderen erkennt, dann muß wohl erst recht da« bäuerliche Tun seine Menschengesichter zu besonderer Ausdruckskraft formen. Denn waS im einen Fall eine erlernbare Kunstfertigkeit ist, die fich im Etnzelmenfchen vielleicht zu hoher Meisterfchaft entwickelt, da« ist im anderen Fall eine jahrhundertealte Bestimmung, ein Fortlvachsen des gleichen klaren Berufes durch Geschlechter hindurch. Die Hand sonnt sich nach dem alltäglichen Tun, der Rücken beugt oder strasst sich entsprechend der Arbeitshaltung, und da« Gesicht als Spiegelbild der inneren Schau spricht noch klarer von dem Ein- finden eines Menschen zu seinem Berus.
Dem einen ist mir die Zeit einer LebeuSentwicklung gelassen, daß seine Haltung und sein Gesicht sich bilde nach dem bernslichen Tun. Dann laim wohl erst das Altersgesicht zum Spiegel des Lebensdienstes werden. Der Bauer aber hat vielleicht schon ein halbes Jahrtausend einer gleichen, gleichmütigen Erfüllung seines schweren Berufes hinter sich. Die Hände des Wiegenkindes sind schon breiter und dem Kind der Gasse ist schon der Gang eigen, den man lernt, wenn immer ein Stück bäuerlichen Werkzeuge« eine Schulter drückt. Und das Gesicht eine« kleinen, henkelzöpsigen Mädchen« schaut schon mit den gleichen Augen so in eine unbestimmte Weite, wie es die reife Frau tut, die den Raum unendlicher Felder ansznschauen hat.
Es braucht sich im Menschen, wenn er wächst nnd erwächst, nicht« mehr so sehr nach dem Tun des Berufes zurechtzuformen, luic es bei dem anderen notwendig ist, der in einem Berus einen neuen Weg beschreitet, den ihm noch niemand ausgetreten hat.
Tausendfältig, wie das Land, ist da« bäuerliche Gesicht, Vom kliub her begonnen, Hessen AuSbrnck vielleicht noch Staunen über bas Abspielen selost- verstänblicher Geschehnisse ist, bis zum greisen Manu, der ein stille«, gleich- niütige« Gesicht bem bäuerlichen Land entgegenhält, da« sich barm wieber- sieht. Es ist ein wimberliches Erlebnis, wenn man bei einem großen Ereigni- einmal zehntansenb ober hunderttausenb Bauerngesichter ime ein Meer vor sich sehen kann. Kein Gesicht gleicht bem anberen, unb buch ist über alle ein großer gleicher Zug gezeichnet, etwas von ber weiten Schau, Die bas Augenblickliche nicht gelten läßt unb schon die fernen Hintergründe vergangener oder kommender Dinge zu schauen scheint.
Wenn ein verstehende« Lächeln so über taufende von Bauerngesichtern kommt, dann ist es, al8 ziehe über einen ernsten Tag Plötzlich em verwehter Streisen Sonnenlicht unter windgetriebenen Wolken. Und wenn dann diese Gesichter alle, die tausendsach verschiedeii lind doch in der Art des Schaneiis gl üch sind, wieder still liegen, dann ist darüber die Ruhe des ernsten Landes, die wunderbare Ausgeglichenheit, die eine große Weite mit ungezählten selbständigen Bildeinbrücken znr Kraft eine« einzigen Bildes zusammenführt.
Von alten Leuten, die vierzig ober fünfzig ober mehr Jahre nebeneinander gegangen sind, will der Bolksmnnd wissen, daß sie einander ähnlicher würden mit jedem Jahr nnd jedem Jahrzehnt de« Beisammensein«, bis sie wie Geschwister dann miteinander durch das Alter gehen, und je
schwerer e« ihnen wurde, die Verschiedenartigkeit de« Wollen« nnd Denken» in eine gleiche Richtung zu bringen, desto klarer loirb ber Gleichklang de» Alters sein, desto ähnlicher werden die Menschen dann in ihrem Alter werden.
Warum sollte diese« Gleiche nicht gelten dürsen vom Menschen in seinem Zusammenleben mit dem, was ihn bis zum letzten erfüllt, weil e« mit ihm ber gleichen Ausgabe bient?
DaS Ackerland ist boch nicht wesenlose« Ding ohne Leben, es ist nicht Handwerksstoff wie ba«, wa« atiberc Menschen in anderen Bernsen brauchen. Das Lanb ist selbst Mitschaffenber, es ist eigentlich da« Schassenbe allein, unb ber Bauer bient in seinem Leben nnd feiner Arbeit boch nur bem einen, daß dieses Schassen nie zu Ende gehe. Dem Laiid freilich ist die ewige Zeit AUgcmeHen, und der Bauer muß in seinem zeitlich begrenzten Raum dem dienen, baß vom Werber bis zum Sterben da« Schassen ber Erbe weitergehe. Rach ihm werben die Hände am Pflug wechseln nnd da« Gesicht darüber ivird sich verjüngen unb bie Tage de« Wachsen« werden weiter- gehen, bi« auch diese« Gesicht mehr unb mehr sich gestaltet nach ber Klarheit unb Vielfältigkeit unb Reinheit ber Erbe, be« Lande«, ber ewigen Landschaft.
E« mag dem andere» Menschen, ber nicht um den Bauern weiß, kühn erscheinen, lvenn ba« menschliche Gesicht dessen, der da« Land hütet, mit bem ewigen Gesicht beS Lande« verglichen lvird. Der Zweisler aber möge selbst einmal in den bäuerlichen Menschen zu erschauen versuchen, >va« da« Land zu erschauen »n« gegeben hat. Hub er wirb bie kleine Volksweisheit von den verschieden gearteten Menschen, die im Zusammenlebe» sich mehr und mehr aneinander gestalten bi« z» geschwisterhafter Gleichheit, daran verstehen lernen.
Kein Stift möge die vielen Züge de« Kummer«, be« Leibe«, bet Röte unb ber Menschlichkeiten bnrau« wegzuzeichneu versuchen. Denn an ewige» Dingen ober an Dingen, bie am Ewigen sich geformt haben, bars ber aubere Mensch nicht deutelnd zu verbessern versuchen, weil ba« Gesicht be« Bauern so wenig sich eignet, baß mau barin bie kleinen Züge be« Selbstvetstänblichen verwische, wie e« bie Lanbschast verträgt, baß man mit menschlich an«- gebachten Verbesserungen ihr Gesicht «eriinbert.
Erst bann, wenn man biefeu Menschen wegreißt von bem, wa« ihn formte und fein Geficht bestimmte seit Jahrtausenden, wird dieseSMenschen- gesicht mild und vom großen Leid zerfurcht werden, ohne die Güte, die vom Ewige» her darein gezeichnet ist, ohne die Klugheit, die da« Dienen zur Herrenhaften Ausgabe gemacht hat, ohne den AnsdruckSreichtum, der schließlich da« Gesicht de« ganzen Volkes zu bestimmen vermag.
Dleerfabrt
Von Gertrud Papendick.
Wir verließen Hamburg mit der „Cvbra" an einem warmen, windstillen, verschlafeiien Morgen. Die Frühe Ivar grau unb verhangen, bei aller Milbe ein wenig fröstelnd, ein wenig hoffnungslos in ber schweren Gebämpstheit beö Lichtes unb ohne bie schwingende Erregung, bie sonst bie Abfahrt gibt.
Die große, geliebte Stabt ragte {remb und kühl, sie glitt mit Türmen und Masten nnd Kranen langsam rückwärts in Dunst unb Versunkenheit. Zwischen mehr imb mehr entweichenden Ufern trug im- bie stumme Elbe in eine rätselhafte, verschleierte Ferne hinaus.
Rach langen, seltsam bleiernen Stunden geisterte Cuxhaven aus dem Rebel heran, von einem flüchtigen Lichtstrahl erhellt; zum letztenmal grüßte die menschliche Erde, — unb um uns schloß sich die fremde, uferlose, verhangene Weite.
Wer auf« Meer hinanSführt, dein sollte die Svime scheinen, ber sollte unter bem Dach eines leuchtenden Himmels dahinfahren, von tausend Verheißniigen gesegnet.
Wir zogen dahin gleich einem Schicksalsschiss, wir waren lauter Verbannte aus der Fahrt »ach einem unbekannten und grausig verhüllte» Ziel.
Zum Glück >var die gute, alte „Cvbra", dieser Kerl mit bei» bösartigen Name», ein behagliches fchwinnnendeS Haus, in besten Schoß man vor aller Unbill bes Wetter« unb des Leben« geborgen schien. Der Hnpagdaiupser war voll von Ferienreisenben, bie auf den zahllosen Liegestühlen fest eiu- gepackt umherlageu, und benen nach Vertilgung eine« stärkenden Frühstück- nun nicht« mehr übrigblicb, al« sich auf dieser eintönigen Meerfahrt bodenlos zu langweilen. Auch dieses soll möglich sein, je nun ...
Ich weiß nicht — e« war doch eine großartige FahrtI Sie hatte etlua« vom Rausch des Abenteuer«, voui Reiz de« Geheimnisvolle» unb war boch luieber erfüllt von all den taufenb Segnungen der Stille ...
Ma» setzte feine Hoffnungen aus Helgoland: Bei Helgoland wird e- immer schön I
Je tiefer wir hineinpflügten in die unbewegte unb lichtlose Weite, desto schwerer umschlug uns der Nebel. ES lourbe zwölf, es würbe halb zwei. Wo tuaren wir? Nicht« zu sehen I Die Maschine stoppte ab, wir lagen still. Das Nebelhorn ber „Cvbra" erhob feine toarnenbe Stimme, unb au« ber Undurchdringlichkeit antwortete es bunips, brohenb unb geisterhaft, von hier und von dort, immer und immer wieder, eine Stunde lang unb länger. Erregung kroch über da« Schiff. Hinter weißen, bewegnngslosen Manern lauerte ein Unheil, da« man nicht sah, ein namenloses Verhängnis, das jeden Angenblick Vernichtung werde» konnte.
Wo war die selige Insel, der ragende Fels im Meer?
Die „Cvbra" setzte sich wieder in Bewegung, langfam, ganz vorsichtig, beständig tutend, stoppte wieder, lag still. Dann tauchte es jäh und drohend dicht vor uns im Rebel auf, ein riesenhafte- schwarze- Ungeheuer, da« im nächsten Augenblick zu einer friedlichen Barkasse wurde.
Gott sei Dank, man war dem Leben, bem freundlichen Tag wieder nahe. Nun wurde alles auSgebootet, was nicht mit nach Shit wollte, zuerst die Fahrgäste für Helgoland, dann nacheinander Arnrnm, Wyk ans Föhr und Norderney. Zuletzt kamen wir Vorkuiner brau. Zum Glück waren e- nut wenige, unb die Sache verlief srieblich.
Zehn Riiberfchläge weit, unb bie „Cvbra" war bom Nebel verschlungen, es ging fünf Minuten lang in« Ungewisse, bann ein Fallreep hinaus, und ba war man an Bvrb ber kleinen, reizenden „Rheinland", bie blank und sauber und säst leer war. Ich (aß aus dem obersten offenen Deck ich saß mitten in bet Nordsee, mitten in einem ungeheuren Nicht« au einem hübschen,


