Ausgabe 
6.9.1937
 
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(Schluß folgt.)

Der alte Falieri fuhr auf in glühendem Zorn und schwur, daß den, der den boshaften Frevel begangen, die härteste Strafe treffen falle. Indem er feine Blicke umherwarf, fiel ihm auf dem Platze unter der Galerie Mrchaele Steno ins Auge, der in vollem Kerzenfchimmer dastand, und sogleich besah! er den Trabanten, ihn festzunehmen als den Urheber jenes Frevels. Alles schrie auf über den Befehl des Doge, der, indem er fich ganz fernem uber- wallenden Zorn überließ, beide, Signorie und Volk, beleidigte, dre Rechte I der ersteren kränkend, dem letzteren die Freude des Festes verderbend. Die Signorie verließ ihre Plätze, und nur den alten Marino Bodoeri sah I man, wie er iich unter das Volk mischte, voller Eifer von der schweren Be­leidigung sprach, die dem Haupte des Staates widerfahren, und allen Haß auf den Michaels Steno zu leiten suchte. Falieri hatte fich nrcht geirrt, denn in der Tat war Michaels Steno, als er fortgewiesen wurde von der Galerie des Herzogs, nach Hause gelaufen, hatte jene hämischen Worte geschrieben, | in dem Augenblicke, als aller Augen auf das Kunstfeuer gerichtet waren, das Zettelchen an den Stuhl des Doge angeheftet und dann fich unbemerkt wieder entfernt. Recht tückisch gedachte er den empfindlichen Streich zu führen, der beide, Doge und Togareffe, recht tief, recht ans Leben dringend, verwunden sollte. Michaele Steno gestand ganz freimütig die Tat und schob alle Schuld aus den Doge, der ihn zuerst empfindlich gekrankt habe. Die Signorie war längst unzufrieden mit einem Haupt, das, statt der gerechten Erwartungen des Staates zu erfüllen, täglich bewies, wie der kriegerische, zornige Mut in dem erkalteten Herzen des abgelebten Greises nur dem Kunstfeuer gleicht, das aus der Rakete ganz gewaltig emporkmstert, aber sogleich in schwarzen, toten Flocken wirkungslos dahinschwindet. Hinzu kam, daß das Bündnis mit der jungen, schönen Frau (längst wußte man, daß er es vor kurzer Zeit als Doge geschlossen), seine Ersersucht, den alten gaben nicht mehr als Kriegsheld, sondern als vecchio Pantalone36) erscheinen ließ, und so mußte es geschehen, daß die Signorie, gärendes Gift im Innern nährend, mehr geneigt war, dem Michaele Steno recht zu geben als dem bitter gekränkten Oberhaupt. Von dem Rate der Zehen wurde die Sache verwiesen an die Ouarantie36), von der Michaele sonst einer der Häupter war. Michaele Steno habe schon genug gelitten, und eine monatliche Ver­bannung sei genügsame Rüge des Vergehens, so siel der Rechtsspruch aus, der den alten Falieri aufs neue und stärker erbitterte gegen eine Signorie, die, statt das Haupt zu schützen, ihm widersahrene Kränkungen nur als Ver­gehen der leichtesten Art zu bestrafen sich unterstand. ... ,

Wie es denn zu gehen pslegt, daß der Liebende, den em einziger Strahl des Liebesglücks getrossen, tage-, Wochen-, monatelang von goldenem Schimmer umflossen, Träume des Himmels träumt, so konnte sich Antomo auch gar nicht erholen von der Betäubung des wonnereichsten Augenblicks, kaum aufatmen vor füßem Weh. Die Alte hatte ihn tüchtig ausgefcholten wegen des Wagestücks und murmelte und brummte unaufhörlich von ganz unnötigem Beginnen. Eines Tages kam fie aber so seltsam am Stabe hineingetänzelt und gehüpft, wie sie es in ihrer Art hätte, wenn sw von sremdem Zauber berührt schien. Sie kicherte und lachte; ohne auf Antonios Reden und Fragen zu achten, schürte sie im Kamin ein kleines Feuer an, letzte ein Plännchen daraus, kochte, aus allerlei bunten Gläsern Jugre-

M) Rach PhilippisGeschichte von Venedig" (Dresden 1828) II, 14 lauteten die Worte:Marino Falieri dalla della moglie; altri la gode ed egli la mantiene, d. h. Marino Falieri hat eine schöne Frau; ein anderer genießt und er unterhält sie.

8S) Als alten Hanswurst; derPantalone" ist eme stehende Figur der ><>nezianischen Posse.

31 Gericht der Vierzig.

fing Antonio nach einigem Stillschweigen an,höre, Kamerad Pietro, I wenn du heute zehn Zechinen verdienen könntest, opne dein Leben in Gefahr m setzet würde dir das nicht lieber fein?" -Ei freilich", lachte Pietro aus vollem Halle.Run", fuhr Antonio fort,so nimm dwse zehn Zechinen, wechsele mit mir die Kleider und Überlasse mir deine Stelle. Statt d-m« will ich hinaufsahren. Tu' es, mein guter Kamerad, Pietro! Pietro sck;ut- telte bedächtig den Kops und lprach, das Gold m der Hand wiegend.Ihr seid sehr gütig, Herr Antonio, mich armen Teufel »och immer Euren Kame­raden zu nennen und freigebig dazu! Ums Geld ist § mir freilich zu tun, aber der fchönen Dogareffe den Strauß selbst m bie Hand zu geben, ihr süßes Stimmchen zu hören ei, das ist's doch eigentlich, warum man sein Leben auss Spiel setzt. - Run, weil Jhr's seid Herr Antomo, mag S darum sein!" Beide warfen fchnell die Kleider ab, kaum war Antomo mit dem Ankleiden fertig, als Pietro rief:Schnell hinein in die Maschine, das Zeichen ist schon gegeben." In dem Augenblick leuchtete das Meer ans im slammenden Widerschein von tausend lodernden Blitzen, und die Lust, das Gestade erdröhnte von wirbelnden Donnern. Mitten durch dw knistern­den, zischenden Flammen des Kunstfeuers fuhr mit des Sturmwindes Schnelle Antonio auf in die Lüste unversehrt sank er weder zur Galerie, schwebte er vor der Dogaresse. Sie war auf gestanden und vorgetreten, er fühlte ihren Atem an feinen Wangen fpielen er reichte ihr den Strauß; aber in der unfäglichsten Himmelswonne des Augenblicks faßte ihn wie mit glühenden Armen der brennende Schmerz hoffnungsloser Liebe. Sinn­los, rafend vor Verlangen - Entzücken - Qual, ergriff er die Hand der Dogareffe drückte er glühende Küsse darauf rief er mit dem schneidenden Tone des trostlosen Jammers:Annunziata!' Da riß ihn die Maschine, wie das blinde Organ des Schicksals selbst, fort von der Geliebten, hmab ms Meer, wo er ganz betäubt, ganz erschöpft in Pietros Arme fcmk, der feiner in der Barke wartete. ~ . <«_

Unterdessen war aus der Galerie des Doge alles m Aufruhr und Ver­wirrung geraten. An den Sitz des Doge hatte man em kleines Zettelchen angeheftet gefunden, auf welchem in gemeiner venetiamscher Mundart die Worte standen:

11 Dose Falter della della muier, I altri la gode i. lut la mantien. Zwar ist der Doge Falier' Der fchönen Dame Eheherr, Doch hält er nur und hat sie nie, Und andere, die gewinnen sie."38)

biemien hmeinwerfend, eine Salbe, tat fie in eine kleine Büchse und bmkte damit, laut kichernd und lachend, von bannen. Erst am späten Abend kam sie zurück, setzte sich keuchend und hüstelnd in den Lehnstuhl und sing, rote von großer Erschöpfung zu fich selbst gekommen, endlich an:Tomno, mem Söhnlein, Tonino, von wem komme ich her? fteh zu, ob du raten kannst. Antonio starrte sie an, von seltsamer Ahnung ergriffen. Run kicherte die Alte:Von ihr selbst komme ich her, von dem lieben Täubchen, von der holden Annunziata!"Mache mich nicht wahnsinnig, Aitel , schrie Antonio.Ei was", fuhr die Alte fort,ich denke immer an dich, mem To- nino f Heute morgen, als ich unter den Säulengangen des Palastes feilschte um schönes Obst, murmelte das Volk von dem Unglück, das die (fröne Dogaresse betroffen. Ich frage und frage, da spricht ein großer un­geschlachter, toter Kerl, der, gähnend an eine Säule gelehnt, Limomen kaut. Ei nun, an der linken Hand der kleine Finger, an dem hat em Skorpwnchen die jungen Zähnchen probiert, und das ist ein bißchen ins Blut gegangen nun, mein Herr, der Signor Dottore Giovanni Basseggro, ist eben oben, der wird nun wohl schon das Händchen mitsamt dem ginger weggeschmtten haben.' Und in dem Augenblick, daß der Kerl das spricht, entsteht em großes Geschrei auf der breiten Treppe, und ein kleines, ganz kleines Mannlem kugelt, von Fußstützen der Trabanten wie ein Kegel getrieben, die Smfen herab uns vor die güße, fchreiend und lamentierend. Das Volk famme t sich um ihn herum, laut lachend; der Kleine ^erarbeitet sich und strampelt mit den Beinen, ohne in die Höhe kommen zu können, da springt aber der rote Kerl herbei, rasst sein Dottorchen auf, nimmt ihn m die Arme und rennt mit ihm, der immerfort aus vollem Halse schreit und heult, was die Beine laufen können, fort nach dem Kanal, wo er mit ihm in die Gondel hmemfleigt und davonrudert. Ich dachte es wohl, daß, sowie der Signor Basseggio das Messer ansetzen wollte an das schöne Händchen, der Doge ihn die Treppe hinabstoßen ließ. Ich dacht' aber noch weiter! Geschwind ganz ge» schwind nach Hause das Sälbchen kochen hinaus damit m d-n Herzog- liehen Palast! Da stand ich auf der großen Treppe, mem blankes Flaschlem in der Hand. Der alte galieri kam gerade herab, der blitzte und prustete mich an: ,Was will das alte Weib hier?' Aber da machte ich einen Kmx, t,ef tief bis an die Erde, fo gut es nur gehen konnte, und sprach, daß ich woyt ein Mittelchen hätte, daß die schöne Dogaresse geheilt sem so le gar bald. Sowie der Alte das hörte, blickte er mich starr an mit recht entsetzlichen Augen und strich sich den grauen Bart zurecht; bann packte er mich bei beiden Schultern und schob mich herauf und hinein in das Gemach, daß ich beinahe der Länge nach hingestürzt wäre. Ach, Tonino, da lag das holde Kind hm- gestreckt aus die Polster, leichenblaß, seufzend und stöhnend vor Schmerz und leise klagend: ,Ach, nun bin ich wohl schon durch und durch vergiftet! Aber ich machte mich gleich darüber her und nahm das dumme Pflaster des einfältigen Doktors herab. O Herr des Himmels! b,e niedliche kleme Hand blutrot gefchwollen. Run, nun meine Salbe kühlte linderte. ,Das tut ja wohl, sehr wohl', lispelte die kranke Taube. Ta rief der Marino ganz entzückt: .Taufend Zechinen find dein, Alte, wenn du mir die Dogareffe rettest', und verließ das Zimmer. Drei Stunden haft ich nun dagefesfen, die kleine Hand in meiner haltend und fie streichelnd und p legend. Da erwachte das liebe Weibchen aus leichtern Schlummer, m den sie gesunken, und fühlte keinen Schmerz mehr. Nachdem ich den neuen Ver­band gemacht, blickte fie mich an mit vor Freude leuchtenden Augen. Da sprach ich: ,Ei, gnädige Frau Dogaresse, Ihr habt ja auch schon einmal einen Knaben gerettet, da Ihr die kleine Schlange tötetet, die ihn stechen wollte zum Tode, als er schließ' - Tonino! da hättest du sehen sollen, wre, als leuchte ein Strahl des Abendrots hinein, das blasse Antlitz sich schnell färbte wie die Augen funkelndes Feuer blitzten! ,Ach ja. Alte , sprach sie, ,ach ja ich war noch ein Kind auf meines Vaters Landhause. Ach, es war ein holder, lieber Knabe o, wie gedenk' ich noch seiner es ist mir, als sei die Zeit mir gar nichts Glückliches mehr begegnet. Kun sprach ich von dir, daß du in Venedig wärst, daß du noch alle Liebe, alle Wonne jenes Augenblicks im Herzen trügest daß du, nur um noch einmal in die Himmelsaugen des rettenden Engels zu schauen, die gefährliche Luftfahrt gewagt, daß du ihr den Blumenstrauß gegeben hattest am Gioveoi malio 1 Tonino Tonino 1 da rief fie wie in Begeisterung: ,Jch es gefühlt ich hab' es gefühlt als er meine Hand an feine Lippen drückte, als et meinen Namen nannte ach, ich wußt' es ja nur majt, was fo feltfam mein Innerstes durchdrang, es war wohl Lust, aber auch zugleich Schmerz: Bring' ihn her her zu mir den holden Knaben . Antonio warf sich, als die Alte dies sprach, auf bte firne nieder und rief wie wahnsinnig:Herr des Himmels! nur jetzt, nur jetzt laß mich nicht unicr gehen in irgendeinem Ungeheuern Schicksal nur nicht, bis ich le gescyau , bis ich sie an meine Brust gedrückt." Er wollte, daß die Alte ihn gleich andern Tages hinsühren sollte, was sie ihm aber rund abschlug, da bet alte galten beinahe zu jeber Stunbe bie kranke Gemahlin zu besuchen pflegte.

Mehrere Tage waten vergangen, bie Dogaresse war von bet Alten ganz geheilt, aber noch immer blieb es unmöglich, ben Antomo Hinzufuhre . So gut fie es nur vermochte, tröstete die Alte den Ungeduldigen, immer wiederholend, wie sie mit der holden Annunziata von dem Antonio Iprea) , den sie gerettet, und der sie so inbrünstig liebe. Antonio von taufend Dualen der Sehnsucht, des Verlangens gefoltert, gondelte, lief auf den Platz umher. Unwillkürlich lenkten ihn feine Schritte immer und immer roicofi nach dem herzoglichen Palast. An der Brücke neben der Hintern Seite oe Palastes, den ©efängnifen gegenüber, stand Pietro auf ein buntes Ru gelehnt; im Kanal wogte, an Säulen befestigt, eme Gondel, bie groar I > aber mit zierlichem Verbeck, buntem Schmtzwerk, fa mit bet veneziam a) Flagge geschmückt war unb beinahe bem Bueentoro glich. Sowie Pie den ehemaligen Kameraden gewahrte, rief er ihm laut zu:®b S'g" Antonio, seid mir tausendmal gegrüßt mit Euern Zechinen ist m Glück gekommen I" Antonio fragte ganz zerstreut, was er für em ® meine, erfuhr aber nichts Geringeres, als daß Pietro beinahe tagltgi Abendstunden ben Dogen mit bet Dogaresse h,nübergondeln muffte i» der (SJuibecca, wo unfern von San Giorgio Maggiore der Soge em .. Haus besaß. Antonio blickte den Pietro starr an und fuhr dann Wnel*t,CI bu Kamerad, du kannst wieder zehn Zechinen verdienen und mehr,.wenn willst. Laß mich deine Stelle vertreten ich will den Dogen hmuberruo