Ausgabe 
6.9.1937
 
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Jahrgang <957

Montag, -en 6. September

Nummer 69

Unterdessen hat sich dem Volke, das immer mehr im innern Hofe des Palastes zusammengelaufen, ein wunderlich seltsames Schauspiel eröffnet. Man wollte den jungen Menschen, den man unbedingt für tot hielt, aufheben und forttragen, da hinkte mit lautem Jammergeschrei ein altes häßliches, Iwctb heran, machte sich, die spitzen Ellenbogen in Seiten und Nucken bohrend, im dicksten Hausen Platz und rief, als sie endlich bei dem entseelten Junglmge stand:Laßt ihn liegen Narren! tolles Volk! er ist ia nicht tot. Nun kauerte sie nieder, nahm den Kopf des Jünglings auf den Schoß und nannte, seine Stirn sanft streichend und reibend, ihn bei den süßesten Namen. Betrachtete man das abscheuliche Fratzengesicht der Alten, wie es herabhmg über des Jünglings bildschönem Antlitz, dessen milde Zuge im bleichen Tode erstarrt lagen, während auf dem Gesicht der Alten em widriges Muskelspiel herumhüpfte, betrachtete man, wie die schmutzigen Lumpen hin und her flatterten über die reichen Kleider, die der JnnOmg trug, wie die dürren, braungelben Arme, die Knochenhände auf tPt fönrtIP AUT hör nffv»nv» QQn.n. kz.3 CVZL -TI___a .'n. , t TH7 bet 5^

Doge und Dogaresse

Erzählung von E. T. A. Hoffmann.

3. Fortsetzung.

Als Antonio ganz aus seiner Betäubung erwacht war und die Alte an !emem Lager erblickte, die ihm soeben einige stärkende Tropfen eingeflößt »atte, so sprach er, lange den düstern, schwermütigen Blick starr aus sie ge- uchtet, m,t dumpfem, mühsam gehaltenem Ton:Du bist bei mir, Marga- '«ta! das ist gut! wo hält' ich denn sonst eine treuere Pflegerin als dich? _ Ach, verzeih' mir nur, Mutter, daß ich blödsinniger, ohnmächtiger »nabe nur einen Augenblick daran zweifeln konnte, was du mir entdecktest! ja, du bist die Margareta, die mich nährte, die mich pflegte, ich wußte es «schon immer, aber der böse Geist verwirrte mir die Gedanken. Ich labe (ie gesehen sie ist es sie ist es. Hab' ich dir nicht gesagt, daß irgendein dunkler Zauber in mir ruhe, der mein Selbst unwiderstehlich ^herrsche? Aus der Dunkelheit blitzstrahlend ist er hervorgetreten, um mich n namenlosem Entzücken zu verderben! Ich weiß jetzt alles alles! »var nicht Bertuccio Nenolo mein Pflegevater, der mich erzog auf einem ^andhause bei Treviso?"Ach ja", erwiderte die Alte,wohl war es Jiertuccio Nenolo, der große Seeheld, den das Meer verschlang, als er mit 2liÄt6cerfranä sbin Haupt zu schmücken gedachte."Unterbrich mich ucht , sprach Antonio weiter,höre mich geduldig an! Es ging mir gut dem Bertuccio Nenolo. Ich trug hübsche Kleider immer war der Tisch kweckt, wenn mich hungerte, ich durfte, hatte ich meine drei Gebete ordent- hergesagt, herumschwärmen nach Gefallen durch Wald und Flur. Dicht beim Landhause befand sich ein dunkles, kühles Pinienwäldchen voll Duft Md Gesang. Da streckte ich, müde vom Springen, an einem Abend, als !°)vn die Sonne zu sinken begann, mich hin unter einem großen Baum Und starrte hinauf in den blauen Himmel. Mag es sein, daß der würzige «eruch der blühenden Kräuter, in denen ich lag, mich betäubte, genug, ^me Augen schlossen sich unwillkürlich, und ich versank in träumerisches t nbrüten, aus dem mich ein Rauschen, gleich als fiele ein Schlag dicht neben uiir ms Gras, erweckte. Ich fuhr auf in die Höhe; ein Engelskind mit hirnrn- *'cyem Antlitz stand neben mir, schaute in holder Ailmut auf mich herab ii:o sprach mit iüßer Stimme: ,Ei, mein lieber Knabe, wie schliefst du so Itzon, so ruhig, und doch war dir der Tod so nahe, der böse Tod.' Dicht neben Deiner Brust erblickte ich eine kleine schwarze Schlange mit geborstenem v"ipt: das Kind hatte das giftige Tier mit dem Zweige eines Nußbaums Schlägen, in dem Augenblick, als es zu meinem Verderben sich heran- u: geln wollte. Da erbebte ich in süßem Schauer ich wußte ja, daß oftmals «:gel herabsteigen aus dem hohen Himmel, um sichtbarlich den Menschen !U retten vor dem bedrohlichen Angriff irgendeines bösen Feindes ich nk nieder auf die Knie, ich erhob die gefallenen Hände. ,Ach, du bist ja | » Lichts, den der Herr sandte, mich zu retten vom Tode', so ries

i das holde Wesen streckte aber beide Arme nach mir aus und lispelte, D em höheres Rot auf seinen Wangen leuchtete: ,Ach, du lieber Knabe, ich « ia kein Engel, ein Mädchen, ein Kind wie du!' Da vergingen die Schauer ? namenloses Entzücken, das mich mit sanfter Glut durchströmte ich «o aus, wir schlossen uns in die Arme wir drückten Lipp' aus Lippe J

I sprachlos, weinend, schluchzend vor süßem, unnennbarem Wehl Nun rief eine silberhelle Stimme durch den Wald: ,Annunziata Annunziata ' muß nun fort, du herzlieber Knabe, die Mutter ruft', fo lispelte das Mädchen; ein unsäglicher Schmerz durchfuhr meine Brust. ,Ach ich K io , schluchzte ich; heiße Tränen, die das Mädchen vergoß a Jte!nJeb auf meine Wangen. ,Jch bin dir so herzensgut, du lieber Knabe , rief das Mädchen, indem sie den letzten Kuß mir auf meine Lippen 'Annunziata! rief es aufs neue, und das Mädchen verschwand im Gebüsch! Sieh, Margareta, das war der Augenblick, in dem der mäch. "ge Liebesfunke in meine Seele fiel, der, ewig stets neue Flammen ent- zundend, m nur fortglühen wird! Wenige Tage nachher wurde ich hinaus­gestoßen aus dem Hause. Vater Blaunas sagte mir, als ich es nicht lassen konnte, von dem Engelskinde zu reden, das mir erschienen, und dessen süße Stlmme ich zu vernehmen glaubte in dem Rauschen der Bäume, in dem Gelispel der Quellen, in dem ahnungsvollen Sausen des Meeres ia ba fugte mir Vater Blaunas, das Mädchen könne niemand anders gewesen sein als Nenolos Tochter Annunziata, die mit ihrer Mutter Franzeska nach gekommen, andern Tages aber wieder abgereiset sei. 5? blutter Margareta! Hilf Himmel! Diese Annunziata es ist n 'fe l ®a.mit hüllte sich, vor unsäglichem Schmerz weinend und schluchzend, Antomo in die Kissen ein.Mein lieber Tonino", sprach die Alte,ermanne dich, widerstehe doch nur tapfer dem törichten Schmerz! Ei, wer mag denn gleich verzweifeln in Liebesnot, ei, wem anders blüht denn das goldene Blümchen Hoffnung als dem Verliebten? Am Abend weiß man nicht, was der Morgen bringt: was man im Traum geschaut, kommt lebendig dahergegangen. Das Schloß, das in den Wolken schwamm, K ®tne!nm(!1 blank und herrlich aus der Erde. Sieh, Tonino, du gibst nichts auf meine Reden, aber mein kleiner Finger sagt es mir und wohl noch jemand anders, daß auf dem Meer dir die leuchtende Liebesflagge mit entgegenweht. Geduld, mein Söhnlein, Tonino Aduld! So versuchte es die Alte, den armen Antonio zu trösten, denn in der Tat, ihre Worte klangen wie liebliche Musik. Er ließ sie gar nicht mehr ti0" fuh; Bettelweib auf der Franziskanertreppe war verschwunden, und statt ihrer sah man die Haushälterin des Herrn Antonio in anständigen ^u^ronenkleidern aus San Marco herumhinken und die Bedürfnisse der Tafel elnkausen. ' "

rDer Giovedi grasso war gekommen. Glänzendere Feste als jemals sollten ihn ferern Mitten auf dem kleinen Platz von San Marco wurde ein hohes Gerüst errichtet für ein besonderes, nie gesehenes Kunstfeuer, das ein sieche, der sich auf solch Geheimnis verstand, abbrennen wollte. Am Abend bestieg der alte Falieri mit seiner schönen Gemahlin, sich spiegelnd im Glanze seiner Herrlichkeit, seines Glücks, und mit verklärten Blicken alles um sich her auffordernd zum Staunen, zur Bewunderung, die Galerie. Im Begriff, sich auf den Thron niederzulassen, wurde er aber den Michaele Steno gewahr, der auf derselben Galerie, und zwar fo Platz genommen hatte, daß er die Dogaresse beständig im Auge behielt und von ihr notwendig bemerkt werden mußte. Ganz entbrannt von wildem Zorn, von toller Eiser- suchi, 'chrie Falieri mit starker, gebieterischer Stimme, man sollte äugen- blmlich den Steno von der Galerie entfernen. Michaele Steno erhob den Arm gegen den Falieri, in dem Augenblick traten die Trabanten hinzu und nötigten ihn, der vor Wut mit den Zähnen knirschte und in den ab cheulich- sten Verwünschungen Rache drohte, die Galerie zu verlassen.

Unterdessen hatte sich Antonio, den der Anblick seiner geliebten Annun- ziata ganz außer sich selbst gebracht, durch das Volk fortgedrängt und schritt tausend Qualen tm zerrissenen Herzen, einsam in dunkler Nacht am Gestade' des Meeres hin und her. Er gedachte, ob es nicht besser sei, in den eiskalten Wellen die brennende Glut zu löschen, als langsam totgesoltert zu werden von trostlosem Schmerz. Viel hätte nicht gefehlt, er wäre hineingesprungen m das Meer, schon stand er auf der letzten Stufe, die hinabführt, als eine Stimme aus einer kleinen Barke hinausries:Ei, schönen guten Abend, Herr Antomo." Im Wiederschem der Erleuchtung des Platzes erkannte Antonio den lustigen Pietro, einen seiner vormaligen Kameraden, welcher in der Barke stand, Federn, Rauschgold auf der blanken Mütze, die neue gestreifte Jacke bunt bebändert, einen großen schönen Strauß duftiger Blumen tn der Hand.Guten Abend, Pietro", rief Antonio zurück, welche hohe Herrschaft willst du denn heute noch fahren, daß du dich so schön geputzt hast?'Ei", erwiderte Pietro, indem er hoch aufsprang, daß die Barke schwankte,et, Herr Antonio, heute verdiene ich meine drei Zechinen, ich mache ja die Fahrt hinauf nach dem Markusturm und bann hinab und überreiche diesen Strauß der schönen Dogaresse."Ist denn", fragte Antonio,ist denn das nicht ein halsbrechendes Wagestück, Kamerad Pietro?" Nun", erwiderte dieser,den Hals kann man wohl ein wenig brechen, und dann zumal heute geht's mitten durch durch das Kunstfeu . Der Grieche sagt zwar, es sei alles so eingerichtet, daß kein Haar einem angehen solle vorn Feuer, aber" Pietro schüttelte sich. Antonio war zu ihm hinabgestiegen m die Barke und wurde nun erst gewahr, daß Pietro dicht vor der Maschine an dem Seil stand, das ans dem Meere stieg. Andere Seile, mittels deren die Maschine angezogen wurde, verloren sich in die Nacht.Höre, Pietro",

^ungilng trug, tote die dürren, braungelben Arme, die Kn der Sttrne, auf der offenen Brust des Jünglings zitterten in der $at,' man mochte sich inneren Grauens nicht erwehren. War es denn nicht an» Zufthen, als sei es des Todes grinsende Gestalt selbst, in deren Armen der ^ungling lag? So kam es denn auch, daß die umstehenden Leute einer nach dem andern still fortschlichen und mir wenige Übrigblieben, die den Jüng- img, als « mit einem tiefen Seufzer die Augen aufschlug, faßten und auf °er Men Geheiß nach dem großen Kanal trugen, wo eine Gondel beide, und den Jüngling, aufnahm und fortfchaffte bis nach dem Hause, das die Alte als die Wohnung des Jünglings bezeichnet hatte. Bedarf es oenn noch gesagt zu werden, daß der Jüngling Antonio, die Alte aber das Vettelweib von der Franziskanertreppe war, das durchaus seine Amme sein Ivollte r

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________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger