Kranken entging
nicht!" sagt Fritz
des
bat
,Lch seh ihn noch vor mir, den da unten. Sein Kommandant war gefallen. Batterie hört auf mein Kommando! wollte er rufen; da riß es ihn auch weg. ,Vat, Batt', murmelte er nur noch. Selbst zum Schluß hat er nicht an sich gedacht, nur ah das Große, die Pflicht. Armer Kerl! Ach was, arm! Schön hat er's; hört die Vögel fingen, spürt die Blumen über sich und ist noch immer zwanzig Jahre!"
Sie schritten weiter. Und Liliencron erzählte. Wie kalt es damals war am 19. Januar. Wie [ein Trakehnerhengst ihn aus dem wildesten Doppelfeuer herausgerissen; wie endlich der Johanniter kam und bu Kunde, daß ein einiges Reich sei und ein deutscher Kaiser, in die wilde Winterluft schrie. Und bann überall ber Hohenfriedberger, bei alte Schlachtenentzünder! Wie wertlos war da das kleine Eigenleben!
Detlev", mahnte b'te Frau. „Ein Gewitter kommt!" Aber er hörte nicht. Heiß und scheu blickte sein Junge zu ihm auf. Und der Hund jagte kläffend den Schwalben nach, die schon fast den Boden streiften.
Sturm stand auf. Aber Liliencron grüßte ihn. Die Stille hatte doch nicht alles erblühen lassen. Jetzt strömten die Erinnerungen in wilder Fülle auf ihn ein. Der Sturm trug den Rhythmus des alten Schlachtern marfches. , ... .,
Die ersten Tropfen fielen. Wie weit war der Wagen! Als fte ihn endlich erreichten, waren sie durchnäßt. .
„Detlev, wenn du dir nur nicht zuviel zugemutet hast! Dem Bronchial, katarrh!"
„Ach was, ich habe mehr ausgehalten damals! u
Die Frau lächelte weh: „Damals warft du fünfundzwanzig. Da sah er sie an aus ganz großen leuchtenden Augen:
„Ich bin's heute wieder!" — _ . ,
Aber des Nachts schon hatte er wilde Träume von Kanonen, Johannitern und einer falten Januarnacht.
Und am Morgen lag er im Fieber.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.
es bedeutet." ,,
Leise sprach der Kranke: „Mein Leben war hell. Ich habe dich gehM, liebe Frau und Euch und goldene einsame Stunden. Und ich hab W großen wilden Tage gesehn. Deshalb schreckt's mich auch heute nidjt Aber den Marsch möcht' ich noch einmal hören, den Hohenfriedberger. Nicht die Spieluhr! Das ist doch nicht das Rechte, Nein, groß, groß, wie einst müßt es fein!" _ c
Dehmel stahl sich beiseite und schrieb. An den Obersten des Homburg- Infanterieregiments. Das verweinte Mädchen sprang mit dem Briest nach ber Stadt. Dann lag der Kranke still und keiner störte das Schwer gen Stunden vergingen. Ein blauer Sommerabend sank nieder »nm- men klangen durchs Fenster. Vögel fangen.
Mit einmal faß Liliencron aufrecht. In feinen fonft so wMraye Augen lag schon ein fremder Glanz. Er lauschte nach der Gasse. hörten's auch die andern; eine ferne Musik. Näher, näher kam fte, fe Schritte mengten sich darein, Soldatentakt. Dann schwieg die IW ■ lauter Hangen die Schritte. Ein Kommando. Halt. Und dann leg1-1 wieder brausende Hörner ein. .
Lächelnd sank Liliencron in die Kissen: „Der Hohenfriedberger! unv die drunten spielten so aufopfernd schön, wie sie nie gespielt. Für ® , Für einen Großen, Ewigen? Wenige wußten'?. Aber alle wußten, galt einem, der Kampf und Wunden getragen wie ihre Vater. ,
.Für einen Vater spielten sie. Und spielten noch, als Richard DH, der aufschluchzenden Frau wie einem Kinde scheu den grauen e®cu- strich.
Der Hohenfri'ebberoer.
Novelle von Robert Hohlbaum.
Grau dämmerte der erste Frühschein über Alt-Rahlstedt. Im Dunkel lag noch die nahe große Stadt..Leise knarrte ein Haustor. einen Augenblick lang hörte man Hundewinseln; dann schloß ein Mann die Ture. Ganz leise tönte ihm der Vorwurf seines Teckels nach Unschlüssig blieb er stehen Sollte er ihn mitnehmen, den steten Begleiter? Aber nein; am hohen Tag, in voller Sonne, da erhöhte der lustig Springende seine Freude Aber jetzt, da alles Ahnung und Stille war? Der Dichter siegte über den guten Menschen. Langsam schritt Liliencron in .die vergehende Nacht hinaus Vom Alt-Rahlstedter Kirchturm tönten drei schlage. Klar und hell. Und ließen ein ganz seines zitterndes Schwingen zuruck; eine leise Melodie hob sich daraus, die in des Dichters Herz schlich. Tonte fort im Takte seiner Schritte:
„In ber Dämmerung
um Glock zwei, Glock brete ..."
Der Hall ber Schritte erstarb. Weites Wiesenlanb.
Ein zartes Aguarellrot huschte, wird stärker, ließ ben Himmel leuchten wie blaues Glas. Kleine Cirruswolken segelten. Und mit der wunderbaren Erscheinung mischte sich frühlingshaftes Erinnern an zarte liebe Xage. Schmeichelte Liliencrons entblößte Stirne im Verein mit dem Morgenwind, der vom Meere kam.
Immer weiter, schritt Liliencron. Ein kleiner Birkenhain nahm ihn auf. Dankbar genoß er den Morgen wie ein liebes Geschenk, bis die ersten Fabriken Hamburgs zur Arbeit riefen. Da ging er langsam heim.
In einem Laden erstand er eine Wurst, den Teckel für ben versäumten Spaziergang zu entschädigen. Die Kirchenuhr schlug siebenmal, — nicht so zaubervoll jugenblid) wir morgens, sondern ernst und reif — als er die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg.
Die Frau Baronin hantierte schon in Küche und Schlafzimmer; sie war's gewohnt von früher her. Aus einer Zeit, da die „Adjutantenritte dem pensionierten Deichhauptmann ganze zwanzig Mark getragen, um bie er ihr — unpraktisch wie immer — ein golbenes, mit Rauten besetztes Kreuz gekauft hatte Jetzt fang man ihm in allen Landen Hosianna, und die Frau Baronin konnte sich ein Mädchen (elften; auf zwei langte es immer noch nicht. „Die verfluchte Lyrik! dachte Liliencron. Warum schrieb er nicht aus einmal einen Roman mit dreihundert Aus- laqen wie Freuten und Beyerlein? Dann könnte er jetzt Austern essen und ein Glas Madeira trinken, nicht Semmel und Kaffee, konnte eine „chenry Clay" rauchen und nicht die Zehnpfennigzigarre, die er letzt langsam entzündete. „Die verfluchte Lyrik!" Ja richtig, das Lied! Ein Stück Papier, Bleistift, fo! Er schrieb's nieder, befferte, feilte, überlas es noch einmal. „Die liebe, liebe Lyrik!" Und mit einmal schwoll em warmer Stolz im Herzen des bescheidenen Mannes; es Hang! Er mußte es vorlesen. Er sprang auf und sah noch einmal auf bas Blatt: „Ihrer Augen Blau ... Und ihr blondes Haar .. "
Seine Frau hatte schon reichlich weihe Fäden. Und nun ward ber gute Mensch stärker als ber Dichter. Vielleicht kränkte sie's, baß er an andere dachte. An andere? Nein, eigentlich hatte er an niemand gedacht. Nur an das Bild seiner Sehnsucht, an seine Jugend vielleicht Damals hatte er das nicht so schon sagen können, damals als es noch Erfüllung war; er schrieb ja auch seine Kriegsnovellen zehn Jahre später, als er längst ein ehrsamer Spießer geworden und sich nur noch manchmal febnte nach dem alten Landknechtleben. Sehnsucht! Sie wurde plötzlich so übermäßig in ihm. Er nahm den Teckel auf den Schoß und druckte den Kopf in das weiche schwarze Fell. Sehnsucht, Sehnsucht! Noch einmal zurück in die Jugend! Noch einmal alles einsaugen zur Zehrung für — wieviel Jahre noch? Er war alt:
„Und immerfort der Fackel zu, dem Torfahrtlicht der ero’gen Ruh ..
Heute erst verstand er ganz diese Zeilen, die er damals — schon lange war's her! — halb unbewußt hingeschrieben .
Die Hausglocke schellte. Und bald klang seiner Frau tiefe Altstimme: Detlev'" Ein Morgenhäubchen guckte herein, eine kleine Hand reichte einen Brief durch den Türspalt: „ N Geldbrief. Vom Verlag!"
Noch einen Zug paffte Liliencron aus ber Zigarre, bann öffnete er ben Brief. Herrgott! Zweitaufenb Mark! Gab's benn soviel Geld!
Schuster sorgte für ihn wie ein Vater. Rasch sprang er zum Schreibtisch- er mußte ihm sofort danken! Plötzlich blieb er wie gebannt sichen und'starrte auf die Photographie, die ihn als jungen Hauptmann zeigte. Und mit einem Schlag stand alles, alles wieder vor ihm, die ganze große, heilige Zeit. Und der Traum der letzten Jahre: Wiedersehen die großen Stätten! Der Traum, den immer die leidige Frage: „Womit die Reise bezahlen?" erstickt hatte. Heute hatte er Geld.
„Mutting, Mutiing! Pack ein! Wir fahren!" —
„Um Gotteswillen, was ist geschehen? Wohin fahren wir? —
„Wohin, wohin? nach Saarbrücken, nach Spichern, nach Mars-la- Toür! Mit einem Wort: ins Geben! Ins Leben!"
Zwölf Schläge tat die Kirchenglocke. Die kleine Spieluhr auf der Kommode klingelte fein und dünn den „Hohenfriedberger".
Und draußen war goldener, reifer Tag. *
lieber die Ebene von Saint Quentin warfen Wetterwolken ihre ersten Schatten. Vom unheimlich gelbroten Himmel hoben sich scharf drei Gestalten ab, ein Mann, eine Frau, ein Kind. Der kleine Wulf sah mit brennenden Augen zum Vater auf, der so schön vom Kriege erzählte. Aber nun stand Liliencron schweigend entblößten Hauptes und blickte auf ein Heines Soldatengrab. Verwittert und windschief war das Kreuz. Gundermann und Taubnessel wucherten ans dem Hügel.
Er bedeckte sich wieder:
Sommerluft strömte ins Krankenzimmer. Am Bette laßen die Freunde. Liliencron war fieberfrei. Er hatte vom Arzt die Wahrheit verlangt. Und er hatte sie ihm gegeben: „Das Herz, das Herz!" Liliencron hatte schwach gelächelt: „Ich hab' immer zuviel mit dem Herzen gelebt, das rächt sich! Nun ordnete er mit den Freunden ben Nachlaß. Die Novellen sollten .Letzte Ernte" heißen und die letzten Gedichte: „Gute Nacht!"
Er sprach ganz sachlich über Druck und Ausstattung.
Richard Dehmel saß fest bei dem Kranken. Die Schmisse brannten in bem heute so blassen Gesicht. Der weichere Falke trat ans Fenster, um das Zucken in den feinen Zügen zu verbergen.
Aber bem noch immer scharfen Solbatenauge
es nicht. ,
„Komm her, Gustav. Jnbessen, boch ba Helpt , . „
Reuter Wir haben nie gekniffen, wollen's auch heute nicht So, und letz! beugt Euch ein bißchen zu mir! Ich muß leiser sprechen Was ich jetzi sage sollen Frau und Kind draußen nicht Horen. — Ich war'n Lump. Na na, regt Euch nicht auf. Ich mein’s nicht fo schlimm: ’n anständiger Kerl auf meine Art war ich schon. Aber wenn ich so durch Helle Straßen ging an Hellen Sälen vorüber, ba — muht' ich hinein. Unb bann schlug mir 'der verfluchte Baron ins Genick. Da tat ich's nicht unter ,Veuv- Cliguot' unb .Rübesheimer'. Unb Weiber waren auch babei. Seht, ich hab' Frau und Kind lieber als mich, das glaubt Ihr mir wohl. Aber ich konnte nicht anders. Und da hab ich manches durchgebracht, was eben nicht nötig war. Ich hinterlass' nicht viel. Versprecht mir, laßt Frau und Kind nicht im Stich! Aber hängt's nicht wieder an die große Glocke, nm damals bei ber Subskription. Weiß schon, ’s war gut gemeint, aber es hat mir weh getan. Schuster ist ’n anständiger Mensch, der tut auch bas Seine Also, Eure Hanb! — So; unb nun sollen sie kommen!"
Dehmel öffnete bie Tür und rief leise in ben Flur hinaus. Frau und Kind schlichen ins Zimmer. Scheu drückte sich der kleine Wulf an Dehme!. Der legte die Hand dem Kleinen auf den Scheitel unb sagte ganz leise: „Du mußt deinen Vater ehren wie niemand sonst auf ber Welt!"
Die klugen Knabenaugen blickten fragenb:
„Ist Vater ’n Engel?"
Ein widerwillig-schmerzliches Lächeln zuckte in Dehmels Gesicht: „Das wohl nicht. Ader was Größeres: Ein ganzer Mensch. Das verstehst Du noch nicht; aber merk' dir's fest. In zehn Jahren wirst du wissen, was


