Subrkuf.
Bon Johann Georg Fischer.
Ist doch ein Augentrost auf Erden
Ein rechter Fuhrmann mit seinen Pferden!
Den breiten Rücken, wie von Felsen,
Wie wiegen ihn die Tritte stramm!
Und an den langgemähnten Hälsen
Die Dachshaut und der Messingkamm!
Und drüben neben der Haberschrannen
Zechen die Fuhrleut' bei mächtigen Kannen;
Wie glitzern am Brusttuch die Kugelknöpfe, Bon Silber schwer die Pfeifenköpse!
Was das ein Stolz ist bei Roß und Mann!
Komm einer her, der's schöner kann.
Mit dem Marktkorb geht eine Dirn' vorbei;
Aus der Schenke ein Heller Fuhrmannsschrei:
Was krieg' ich, wenn ich komm' die Nacht?
Er zieht sie ans Fenster, und sie lacht:
„Die Hand auf den Mund und ein Schloß daran, Wenn's nicht der Mund verschweigen kann." Wie huscht sie über den Platz davon!
Wie klingt die Schenke vom Jodelton!
Doch ich, der eben vorüber kam, Alles von Grund in Obacht nahm. Ist doch ein Augentrost auf Erden Ein rechter Fuhrmann mit seinen Pferden, Und geht wie ein frischer Trunk ins Blut, Wenn er den Knall und den Jodler tut!
Eisenbahn und Poesie.
Von Arnold Ulitz.
Mein Dater ist alter Eisenbahner, einer meiner Brüder ist noch in »llem Dienst, und mein fünfjähriger Sohn Christian liebt die Eisen- dchn mit heiligem Ernst, und wenn ich selber auch „unter die Dichter zizangen bin", ich weih doch von der Eisenbahn etwas sehr Wichtiges: OT weiß etwas von ihrer Poesie, und hiervon möchte ich erzählen.
Wer über die Zusammenkopplung von Eisenbahn und Poesie zu Lheln wagt, der tut es sicherlich nur ein« einzige Sekunde lang, in itr zweiten schon wird er seltsam besinnlich. Denn von Kindesbeinen an Heben wir sie ja alle, von den holden Tagen an, da wir sie noch „Pufs- bchn" nennen, bis in unser reifes Alter, wo wir geradezu erschüttert Mr dem grandiosen Wunder der modernsten Lokomotive stehen, vor dlser hinreißenden Mischung aus Kraft und Form. Nein, man lacke nifjt, wenn ich den verwegen klingenden Satz ausspreche: Eisenbahn ist Immer romantisch!
Nicht nur die erste, altväterisch gemütliche Eisenbabn, wo aus den • »jenen Personenwagen die vermutlich heroischsten Menschen ihres Zeit- ; »Ilers mit hellgrauen und lila Zylinderhüten winkten, während ihre ; Aiine insgeheim doch ein wenig gebebt und die tapferen Herzen doch di wenig gebubbert haben, nicht nur sie, die wahrlich noch eine „Pust- ’ bchn" war, und von der sehr angesehene Gelehrte das schreckenerregende A:tachten abgaben, sie werde durch ihre höllischen Ausdünstungen di« Üicker verseuchen und durch ihre rasende Gesckwindtgkeit. Über die ein tintiger Radfahrer nur höhnisch lachen kann, die unglücklichen Anwoh- to geisteskrank machen, nein, nicht nur diese rührend „Erste" ist roman- ; Hsh, sondern auch die heutige, herrliche und wahrhaft rasende, dennoch pin Feld vergiftende, kein Gehirn verstörende Eisenbahn ist romantisch nn!> besitzt neben ihrer Zweckmäßigkeit und ihrer Prägung als Werk des tchnenden Verstandes noch reiche Gemütswerte
Eisenbahn muß freilich im umfänglichsten Sinne verstanden werden: Üii)t allein um das rollende Material handelt es sich, sondern um das Mmte Drum und Dran: um die Eisenbahnstrecke, die Stellwerke, iit Bahnhöfe und -Höfchen, um jedes Bahnwärterhaus, um jeden Men- fen, der auf irgendeine Weise im genial durchdachten Riesenbetriebe Imstbar ist. um das Rattern, Sausen, Dröhnen, um das Fauchen, känaufen. Zischen, um den schwarzen Qualm und den schneeweiß sau- Imben Dampf, um jedes Signallicht handelt es sich, in einem Wort: im den ganzen gigantischen Organismus, um den lebendurchbluteten Menftaat der Eisenbahn, und wenn dies einmal klar ist, wage ich mit Jumerfidjt zu sagen: Hier, hier ist Poesie!
Du liegst nachts am offenen Fenster, die ganze Welt scheint zu Nhfen und atmet nur noch leise, da hebt in der Ferne der seltsame »Ikgelaut eines nicht endenwollenden Lokomotivenpfiffes an, unb ein «trecken durchsährt dich, aber siehe, es ist ein süßer Schreck, eine wohlige «n^ft: Alle ruhen, aber die dort sind unermüdlich! Der heulende Laut tigert sich zur höchsten Stärke, schwillt ab, verstummt und überläßt Eh der Stille und Finsternis. Die Eisenbahn hat ihren Zauber aus« jfibt, vielbedeutsam, voller Andeutung und Verheißung, wie sie ist.
fahrende Zug ist immer erregend; entweder wirkt er wie segelnde Wen und mac^t sehnsüchtig nach der Ferne, oder er erweckt Heim- Jeti, oder er beglückt mit tiefstem Behagen: Ich, ich kann ruhen, aber «n mußt wandern!
Oder du wandelst auf nächtlichen Feldwegen und siehst mit einem *<te die tief an den Boden gekuschten Lichter einer Strecke oder das Wein einer Station. Dann ist es durchaus nicht nötig, daß du in der «Imbahn nur die Erlösung aus schwerer Müdigkeit siehst, sondern sie «!kt gewaltig auf dich ein, sie ist schön! Malerisch schön und dichterisch W, es läßt sich hier kaum trennen.
Aber es muß keineswegs Nacht sein. Du siehst etwa von der Eisen» bahn nichts anderes als nur die Rauchfahne, die eine Zeitlang am Horizont beharrt, oder du hörst nur das charakteristische Eifenbahngeläut, dieses sachlich hämmernde, dennoch musikalische Achtungrusen, das die Schranken mederflnken läßt, und nun denke dir zu diesem fernen Geläut einen heißen Sommertag, wo die kochend, Luft über den Chausseen und den Dächern flimmert, denke dir ein goldenes, fruchtschweres Getreidefeld dazu, und du bist tief verwundert, wie wenig die Eisenbahn „stört", wie sie im Gegenteil organisch in di« Landschaft hineingewachsen ist. Daß sie die Natur nicht verschandelt, sondern selber so natürlich wirkt, das ist ihr Wunder, und nur das Dampfschiff kommt ihr hierin gleich. Adolf Menzel, der das Walzwerk gemalt hat, hat auch die Eisenbahn zwischen Potsdam und Berlin gemalt. Er hat mit seinen wunderbaren Augen schon sehr srüh erkannt, daß die Eisenbahn kein Fremdkörper in der Landschaft ist, sie ist hineingewachsen, ist ein Gegenstand des heutigen Naturgefühls und unserer Liebe: sie ist poetisch.
Du fährst an einem Bahnwärterhäuschen vorüber. Es liegt mutterseelenallein sehr weit von jedem Dorf, geschweige von einer Stadt Der Beamte steht und salutiert, er macht keiner toten Sache seine Ehrenbezeugung, sondern er grüßt den Geist, er steht als Sinnbild des Pnicht- begrtffs, der die Moral des Eisenbahnstaates bildet. Ein kleiner Köter bellt, und im Garten blühen Sommerrosen mit ihren freundlichen, und doch schwermütigen gelbumstrahlten Blütengesichtern, auf ihren hohen, kräftigen Schäften, mit ihren mächtigen Blättern Am Zaun des Gärtchens und über Seinen hängt trocknende Wäsche Ein Kind liegt zappelnd in einem Korbe und kreischt dem herrlich donnernden Ungetüm des 0-Zuges zu. Vielleicht hat der Bahnwärter zuweilen Sehnsucht nach den leuchtenden Städten, denen der Zug zusaust, vielleicht aber hat ein Rast- loser, der aus dem Fenster des Zuges schaut, auch einmal Sehnsucht nach dem strengen, engen, aber klaren und sriedlichen Bezirk eines solchen winzigen Häuschens, nach einem solchen Gärtchen, nach solchen schlichten Blumen. So wie ich's beschrieb, sehen viele Bahnwärterhäuschen in Oberschlesien aus, und da ich gerade sie während meiner Jugend sah und von ihren Sonnenrosen träumte, sei mir gestattet, daß ich sie für die poetischsten Bahnwärterhäuschen sämtlicher Eisenbahnstrecken der Welt erkläre.
Oder du stehst im letzten Wagen eines Zuges, und es ist einer jener beglückenden Wagen, deren Rückwand Fenster hat — und die Erde saust unter dir hin, und nun muß es nur eine schnurgerade Strecke sein, ganz hinten schmelzen die silbernen Parallelen ineinander. Es gibt kaum ein erregenderes Sinnbild für Ferne und für Daoonfahren als dies.
Oder stelle dich auf eine Brücke, unter der eine Eifenbahnstrecke verläuft, am besten auf eine jener phantastischen Brücken, zwischen deren Pfeilern sich der Betrieb eines Ranaierbahnhofs abspielt, wo Strang neben Strang nach einem für den Laien rätselhaften System sich erstreckt, wo einer in den anderen mündet oder ihn schneidet, dann kommst du aus dem Schauen nur schwer heraus, so schön ist das, und einem abgestoßenen Wagen, der unternehmungslustig lossaust und immer müder und schwächer wird, bis er traurig stehen bleibt, kannst du unersättlich zuschauen.
Für die Eisenbahn behalten wir unsere wundertätigen Kinderaugen und unsere kindhafte Schöpserischkeit. Sie macht es uns ja leicht, weil sie trotz aller Maschinerie gemütvoll wirkt.
Wir Väter, wir schenken unseren Jungen mit Vorliebe Eisenbahnen, aber wir setzen uns höchst selber auf den Fußboden, bauen verwickelte Gleisanlagen, errichten Bahnhöfe, lassen Signalglocken ertönen und Lichter aufblitzen, lassen Schranken auf- und niederschnurren, koppeln Wagen an- und auseinander; wir gönnen einigen die wohlverdiente Ruhe auf einem Abstellgleise, und andere verpflichten wir zu emsigster Rasselei, und immer wieder sind wir entzückt vom großartig einfachen Wunder der Drehscheibe, di« eine westwärtsfahrende Lokomotive spielend leicht im rechten Winkel nach Norden zwingt, und immer wieder begeistert von der Pfiffigkeit der Weiche, die zwei schmollend nebeneinander laufende Gleispaare nötigen, im Interesse des von uns genial erdachten Fahrplans auf ihr Schmollen zu verzichten und sich in den Dienst des Ganzen zu fügen.
Ober wir tun uns mit unserem Christian zusammen, um eine technisch« Großtat zu vollsühren; wir legen die Strecke vom Arbeitszimmer über ein paar Türschwellen hinweg bis ins Kinderzimmer. Wir sind der Direktionspräsident und die gesamte Beamtenschaft des Bezirks „Arbeitszimmer", und unser kleiner Junge hat die gleiche Aemterfülle da drüben zu versehen. Wir hören unsere Stimmen und sind doch hundert Meilen voneinander weg, weil uns ja die Eisenbahn verzaubert und selber zu Zauberern verwandelt hat. Und nun „bimmelt" Christian da drüben in der nahen Fern«, damit ich, hundert Meilen weg, auch gut aufpasse, damit nicht etwa ein Unglück geschehe, und ich passe wirklich gut auf, ich bin durchaus im Dienst und habe Pflichtgefühl, und nun rasselt und rattert der Zug heran und strengt sich so brav an, über die Schwelle zu kommen, es gelingt ihm, und er rollt beschleunigt und ver- Kugt wieder In die Ebene hinab, muß wieder bergauf, eilt wieder be= roingt herunter, schon sehe ich ihn und bimmle begeistert Die Weltreise ist glorreich geglückt, der Zug aus „Christiansstadt" fährt im Bahnhof „Vaterstadt" ein. Und dann steigen sie aus, die vielen hundert Menschen, die gar niemals eingestiegen sind: Väter und Mütter, die ihren Sohn besuchen, Bräutigame, die während des Urlaubs zur Braut reifen, Kaufleute mit Musterkoffern, traurige Schwarzgekleidete die in diese ferne Stadt gekommen sind, um jemanden zu begraben
Ja, alles dies sehe ich, obwohl es gar nicht da ist, ich sehe es sogar bei der Spieleisenbahn, aber bei der „großen Eisenbahn" ist es ja wirklich da, das ganze Leben!
Dies ist die Wunderkrast der Eisenbahn, bk sichtbar dahinfährt und als unsichtbares, aber kostbarstes Frachtgut die Poesie selber besördert. Wenn aber jemand dies nicht fühlt, dann liegt die Schuld nicht am Gegenstand, nicht an der Eisenbahn, fonbern der Desekt liegt — wie so oft — im Beschauer.


