Ausgabe 
5.7.1937
 
Einzelbild herunterladen

Jahrgang 1951

Montag, den 5. Juli

Nummer 51

SietzeimZamilienblAter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Mutter.

Aber sie hob den Kops nicht, sie reichte mir fei: blieben bei der Arbeit, harte, knöcherne Finger, die i nähten ohne zu zittern. Ich wußte schon, was ihre Haltung so versteinerte. Sie hatte sich in den Gedanken verwählt, daß es ein Strafgericht fei. eine gerechte Vergeltung für tausendfache Versündigung. Ich begriff, daß sie völlig mit dem Bruder einig war, mit diesem dickköpfigen und neiü-

6. Fortsetzung.

Mein erster freudiger Gedanke war: das Bett ist leer! Dann ist Rosalba gesund! Sie wird mir jetzt von irgendwoher entgegenspringen! Aber gleich darauf raubte mir eisiges Entsetzen den Atem. Ich kannte die schwarze Mantille, an der Josepha nähte. Sie gehörte zu der Trauerkleidung, die sie immer trug, wenn uns eines der Kinder genommen worden war.

Wankend hielt ich mich an die Türpfosten, meine Stimme röchelte: Rosalba?"

Bayeu kam auf mich zugewandelt, breit, mit gespreizten Beinen pflanzte sich vor mich hin, die Hände immer noch hinten unter den Rock- schößen.Ja, ja, mein Lieber" und er warf den Kopf zurück, eine Wen­dung über die Schulter und halb nach oben, die deutlich genug ausdrückte: fort, weg, aus, hinüber, anderswo, irgendwohin hinauf entrückt.Ja, ja, wie ein Engel ist sie von uns gegangen."

Wann?" fragte ich mit erlöschendem Bewußtsein.

Wann? Gleich am Tag nach deiner Abreife."

Mein Gehör war fort, aber ich las die Worte von seinen Lippen ab, und er bildete sie langsam und deutlich und, wie es schien, mit Genuß, als mache es ihm Freude, mich tödlich zu treffen.

Ja, Rofalba war gestorben, gleich am Tag nach meiner Abreise.

Sie war begraben worden, während ihr Vater auf seiner Reise ge­wesen war, auf dieser völlig unnützen Reise, mit der man mich vielleicht bloß zum Narren gehalten hatte. Es hatte wirklich den Anschein, als hätte man mich bloß fortgeschickt, damit inzwischen alles mögliche Unheil über mich hereinbrechen könne. Ich dachte an das trübe Lächeln der wissen­den Kinderaugen, wie mochte die Seele des Mädchens nach mir gerufen haben, als die Schatten des Todes über sie herabsanksn!

Bayeu stand vor mir, ein lebendiger Vorwurf. Aeußerlich Vorwurf, innerlich uneingeschränkte Genugtuung. Ich wußte was er dachte. Hatte er es nicht immer gesagt?. Ein leichtsinniger Patron, ein schlechter Gatte und Vater, alles andere war ihm wichtiger als Frau und Kind! Vom Krankenbett seines Kindes weg hatte er diese Reise angetreten, eine gänz­lich überflüssige Reise, über deren Zweck und Ziel er nicht einmal Rechen­schaft geben konnte. Während daheim sein Kind starb, jagte er vielleicht irgendeiner leichtfertigen Liebschaft nach. Da konnte man es sehen: man konnte von dem dummen Volk für den allergrößten Maler gehalten wer­den und dabei als Mensch ganz unzulänglich sein, unzulänglich und verächtlich.

Und da saß ja auch Josepha: sie saß am Tisch und nahte schwarze Spitzen auf die Trauermantille, sie hatte den Kopf feit meinem Eintritt nicht wieder gehoben und mich nicht ein einzigesmal angeblickt. Ich ging langsam zu ihr hinüber:Josepha!" Wir trugen ja am gleichen Leid, alle Kinder waren nun tot bis auf Francesco, Josepha war doch die

ine Hand, ihre Finger immerfort Spitzen an-

GOYA

UND DAS LÖWENGESICHT

ROMAN VON KARL HANS STROBL

erfüllten Greis. ,,, , r ,

Ich habe auf Josephas Wunsch bei ihr geschlafen , sagte Bayeu, weil sie nicht allein bleiben wollte."

Schon gut! Mochte er es auch heute tun. Ich hatte hier nichts mehr zu suchen. Hier war ich nur ein Schuldiger, beladen mit Lorwurfen, unerbittlichen Richtern ausgeliefert. Und ich brauchte eine Seele, in die ich meinen Schmerz ausströmen lassen konnte, ich brauchte jemand, der mich mitleidig freisprach, wenn ich mich selbst anklagte. ..

Ich weitete die beklommene Brust durch ein paar tiefe Atemzuge. Zum Glück wußte ich eine solche milde Freundin, jemand^ der vor Selig­keit aufjubeln würde, wenn ich kam. Ich nahm meinen Mantel und ging ohne Abschied davon. Hier war ich ^fertig.

Aber meine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Vor dem Haus in der krummen Calle de las Earretas lieh ich vergebens den Ruf des Zisgen- melkers ertönen. Kein wanderndes Licht gab mir das 3euf)en, datz ich gehört worden fei und eintreten dürfe. Vielleicht war Avila daheim. Vielleicht aber war Martina krank oder gar und dieser Gedanke

erfüllte mich mit Entsetzen es war ihr bei dem Aufstand etwas zu­gestoßen. An der Mündung der Calle de las Carretas in die Plaza de San Andres hatte ich die Reste einer Barrikade gesehen.

Es war hier gekämpft worden, und in der letzten Venta vor Madrid, wo ich Cids wegen Rast gemacht hatte, war mir von den Greueln dieser Straßenkämpfe erzählt worden. Die Spanier hatten sich von den Dä­chern der Häuser herab verteidigt, und die Franzosen hatten eines nach dem andern erstürmen müssen. Gewiß hatte Avila selbst den Ausstand nicht mitgemacht, das sah dem Mann nicht ähnlich, er verdiente ja an den Franzosen, aber hatte trotzdem nicht auch sein Haus zum Schauplatz eines mörderischen Ringens werden können, wenn es von Aufrührern besetzt war?

Mein Fuß stieß an Mörtelbrocken und Trümmer von Ziegeln, es war jedoch zu dunkel, um zu sehen, ob Avilas Haus Spuren eines Kampfes trug.

In der Angst, die mich befallen hatte, reifte ein Entschluß in mir, der, längst schon erwogen, bisher immer verworfen worden war. Ich war außerstande, diesen Zustand der Unsicherheit und der ständigen Sorge um unsere Liebe länger zu ertragen. Ich wollte mir Martina holen und wenn ich sie ihrem Gatten mit Gewalt entreißen mußte. Mit Rosalbas Tod war das letzte Band zwischen Josepha und mir zerrissen. Sie stand mit ihrem Bruder gegen mich zusammen. Gut! Mochte sie sich ganz an ihre Familie halten und mich ziehen lassen. Die Franzosen waren die Herren im Land. Was Spaniens Unglück war, das war mein Heil. Ihr Gesetz würde gelten und mir und Martina die Trennung unserer Ehe erleichtern.

Nachdem ich mich zu diesem Entschluß durchgerungen hatte, wurde ich ein wenig ruhiger im Gemüt. Es war, als dringe mit ihm in die Trauer um den Tod meines Kindes und die Angst um Martina ein Strahl von Licht. Wenn man nach langem Schwanken endlich weiß, welchen Weg man zu^gehen hat, dann will es einem scheinen, als seien Hindernisse und Schwierigkeiten schon halb weggeräumt. Gewiß würde ich mit meinem Entschluß nicht zu spät kommen, Martina würde nichts geschehen sein, das konnte das Schicksal nicht wollen, Gott würde gnädig sein. Und nebenbei begann ich plötzlich, da mir eben Martinas Amulett einfiel, trotz meines sonstigen Unglaubens auch eine starke Hoffnung auf dieses zu setzen. Gott und das Amulett! Ich meinte, Gott würde großmütig genug fein, mir zu gestatten, daß ich nebenbei auch auf das Amulett vertraute.

Durch solche trostreiche Gedanken erleichtert, wanderte ich durch die Straßen und legte mir gefaßt die Schritte zurecht, die nun zunächst zu unternehmen waren.

Mit einemmal stand ich vor Tiburcios PosadaZum schwarzen Herr­gott!" Die Tür war geschlossen, die Fenster waren verhängt, aber ich konnte nicht daran zweifeln, daß Tiburcio Gäste hatte. Plötzlich erfaßte mich eine Sehnsucht nach Menschen. Vielleicht konnte ich vorsichtig Er­kundigungen einziehen und etwas über Martina erfahren. Mein Knöchel klopfte das Zeichen des Eingeweihten an die Tür. Sie öffnete sich nach einer Weile, der Mozo steckte den struppigen Schädel durch den Spalt, grinste und ließ mich ein.

Die verräucherte Spelunke war voll von Gästen. Alle meine Be­kannten waren da: und aller Blicke richteten sich bei meinem Eintritt auf mich. Aber es siel mir auf, daß sich kein Freudengeschrei erhob, wie ich es erwartet hatte, da ich mich nach längerer Abwesenheit wieder ein- fand. Ich las von den Mienen die verschiedensten Ausdrücke ab, Er­staunen, Verwunderung, Mißtrauen, Unwillen, bis zur gehässigen Bos­heit auf Martinchos Gesicht, alles, nur kein fröhliches Willkommen, wie ich es sonst gewohnt war. Niemand begrüßte mich, niemand rückte wie fonst zur Seite, um mir Platz zu machen. Nur mein Freund Narvaez hob, beinahe widerwillig und fast wie verlegen, zwei Finger zur Stirn.

Es war, als stände ich wie ein Wildfremder oder gar ein verdächtiger Mensch unter diesen Leuten, die mich sonst bis auf Martincho liebten oder wenigstens gelten ließen.

Sie schienen, als ich eintrat, in einem heftig erregten Gespräch ge­wesen zu fein und wandten sich, nachdem sie mich eine Weile angeftarrt hatten, wieder der Pastrana zu. Die alte Hexe hatte ihren Platz an der Tür verlassen und schien zum Mittelpunkt der Gesellschaft emporgerückt zu sein. Alle drängten sich um das fcheußliche Weib, das ein Blatt in der Hand hielt, aus dem sie wohl vorgelesen hatte.

Ich setzte mich, da ich keinen andern Platz fand, auf Tiburcios Herd, und der Mozo stellte einen schweren Rioja neben mich hin. Die Pastrana begann wieder zu lesen, aber ich sah, wie Larosa, dessen Kopf von einem blutigen Tuch umwickelt war, mit einem Seifenblick auf mich Vorsicht gebot.

Was die Pastrana las, konnte ich nicht hören. In meinen Ohren war das dumpfe Saufen der Taubheit, einsam und ausgeschlossen saß ich unter den Menschen, deren verändertes Benehmen ich mir nicht erklä­ren konnte. Ich sah nur, wie das, was die Pastrana las, auf die Hörer