Ausgabe 
5.4.1937
 
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Vernichtung der alten Wertordnung heißt, heißt hier im Reich Bewahrung, ja, Beschwörung der Vergangenheit, kurz: Romantik. Die Romantik Spitz­wegs ist insbesondere Spät romantit; denn längst war aus der geistigen, religiösen und politischen Sehnsucht der Frühromantik nach dem Mittel- alter, als nach jener Zeit, da Reich und Christentum Europas Mitte waren, die bürgerliche Sehnsucht, ja, das kleinbürgerliche Heimweh nach derguten alten Zeit" geworden.

Spitzweg hat dieser Sehnsucht die besondere Form gegeben. Er hat noch einmal, wenigstens im Bilde, die alte Sehnsuchtsheimot des deutschen Herzens aufgebaut: die deutsche Kleinstadt. (Und es gab ja eigentlich nur deutsche Kleinstädte.) Er erlebte sie noch einmal mit allen Fasern eines liebenden Künstlerherzens: und durchaus mit dem düsteren Gefühl des absoluten Endes. Daher schwanken seine Bilder immer zwischen der Frische einer unmittelbaren Darstellung und dem spätromantischen Nachempfinden einer bereits nur noch als Bühnenwelt möglichen Wirklichkeit. Er ver­mochte darin sehr wohl zu unterscheiden: indessen geriet es ihm nicht mehr anders.

Hier, aus dem nicht länger zu übersehenen Zwiespalt der alten Ideale und der neuen Wirklichkeit, entspringt auch die Quelle seines Humors. Er hat diese Kluft mit Resignation wahrgenommen, hat sie aber in dem hohen Bewußtsein des Herzens von der Allheit der Welt und also von der Un­verbrüchlichkeit aller Schöpfung zu versöhnen versucht. Da ist z. B.Der Porträtmaler": Das was einst Gewand, ja, Form wirkender geschichtlicher Mächte war, ist nun zum Paradier- und Renommierkostüm irgendeines gleichgültigen Privatmannes geworden, eines komischen Kauzes, der sich mit dem verschollenen Ruhm der alten Geschlechter schmückt, anstatt selber Geschichte zu machen: der deutsche Spießer. Da sind dieMondschein­politiker": Das sind wirklich die deutschen Michel, die im heimeligen Ge- winkel debattieren, während die anderen den Union Jack, das Sternen­banner und die Trikolore über den Plätzen der Erde aufziehen. Vollends deutlich reden feine Soldatenbilder: Das sind nur noch Lebkuchenmänner, Figuren vom Kasperletheater, Karnevalsoldaten und Kinderschrecke: kurz: Nachtwächter des Krähwinkeler Nachtwächterstaates, in dessen Geschütz­lafetten getrost die Vögel nisten und vor dessen Geschützrohren die Spinnen ihre Netze aufhängen können. Da ist endlichDer Bibliothekar": der da auf der schwankenden Leiter steht, die aus der verdämmernden Tiefe heraufraqt, ist eine völlig vernagelte Negistrataren-Existenz als symbo­lischer Diener des Geistes jener Wissenschaft, die am liebsten vor jede freie Tat ein Buch stellen möchte und die am Ende der Tage alle Geschichte in Museen und Bibliotheken konserviert. Eine fürwahr komische Welt- und Menschenordnung, in der die Pferde anstatt vor, hinter den Wagen ge­spannt werden, und in der der Mensch anstatt auf den Beinen, auf dem Kopf gehen soll. Damit ist durchaus auf die geschichtliche Lage des 19. Jahr­hunderts gezielt, wo die Spannung zwischen der Geist- und Wertwelt und der Wirklichkeit allerdings außerordentlich groß war. Daher spielen die Aussichtslosen in Spitzwegs Welt eine so große Rolle, die die das Leben verpaßt haben und verpassen, und die darüber zu Sonderlingen und Käuzen geworden sind.

Spitzwegs Bedeutung beruht auf dem Gehalt an Symbolik. Er hat es zuwege gebracht, mit den malerischen Mitteln der naturhasten Darstellung echte Sinnbilder und Bekenntnisse des deutsch-bürgerlichen Schicksals seiner Zeit zu prägen. Und deshalb sollte man sich freimachen von der unrichtigen Meinung, es handle sich bei ihm bloß um einen harmlosen Flötenbläser des Jdvlls, um einen Gsnremaler gemütlicher Zustände oder gar einfach um den Kauz in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts. Damit bleibt man an der Oberfläche. Er hat auf seinen Täfelchen durchaus Ge­schichte gemalt: und zwar einen erheblichen Teil der Geschichte des Unter­ganges der deutsch-bürgerlichen Herzenswelt. Denn auch er, so gut wie Goya und Daumier, hatte den apokalyptischen Blick.

Oie unwahrscheinliche Giadt.

Von Milana Jank.

Noch vier Tage hatte ich Zeit, dann ging mein Schiff nach Alaska. Noch einmal fühlte ich in mir den Wunsch, das WunderNeuyork" zu schauen. Neuyork, das eine Welt für sich ist. Noch einmal hatte ich das Verlangen, den Zauber des Broadway, der Park Avenue, der Fifth Avenue, der Lexingion Avenue, der Riverside Drive, des Central-Parks, des Holland-Tunnels, der Grand Central Station und der Pennsylvania- Station, den Zauber der Wallstreet und der Stock Exchange in mich auf- zunehmsn. Nicht nur die Himmelslinie Neuyorks schauen, auch seine unter­irdischen Welten wollte ich ein letztes Mal sehen. Noch einmal die Herr­lichkeit be*- Straßen in mich aufnehmen, die den Staat New Jersey durch­queren. Noch einmal den Hudson hinunter zu denPalisades, die gleichsam das Hochland von Bayern sind für die Neuyorker. Noch einmal nach Queens, nach Brooklvn, nach Richmond. Noch einmal die Menschen in Coney Island tarnen sehen und als Gegensatz dazu die Stadt der Columbia-Universität. Noch einmal hinausgesagt sein nach dem klassischen West Point, um jene noch einmal zu sehen, die in den Western Mountains auf Skiern meine Freunde und Schüler waren.

Nock, einmal die Stadt des Staates Neuyork sehen, des Staates, der dasErcelfior" der Bergsteiger als Motto wählte,Excelsior", immer auf­wärts, ever upward. Den Glanz, den Schimmer, den Ruhm Neuyorks erleben und erfahren. Die pulsierende Kraft sehen, die glanzlosen und die matten Menschen, die leuchtenden, die prachtliebenden. Noch einmal das Konglomerat von Steinen sehen, die Menschen aller Rassen und Nationen der ('-he: die Rubine, Saphire, Smaragde, die Koralle, den gefleckten Türkis den lila Amethyst, den geschliffenen Diamanten, die schwarze Kohle u"h den Kiesel des Menschenstroms, den großen Strom, der aus der M-'-l^hett der qan>en Erde dort zulammenstießt.

So-'U- Ferry: Menschen steigen ein in die Subway, Mensch Nummer eins »*» -wei, Menlch Wummer drei bis hundert, Mensch von Banken, von R"dereien, von Zollhäusern. Ihre Gesichter sind völlig unbeschrieben.

Sie erzählen nichts von Nackenschlägen, nichts von Hieben, die brechen, die vernichten, die stark machen. Sie sind Menschen ohne Programme und ohne Problem«.

Beaver-Street, Wallstreet, Fulton-Street, City Hall, Canal-Street, Houston-Street, Vierzehnte Straße hält die Subway wieder. Es kommen die Menschen der Banken. Scharf sieht man ihnen in die Augen.Um wieviel schöner ist doch der Mann als die geputzte Frau", denkt man sich. Er rasiert sich nur, reinigt die Zähne, zieht den Anzug an. Die Frau muß sich putzen, muß künstlich ihre Schönheit heben."

Willensstärke Gesichter der Börsenmänner, der Brokers, die ihre For­derungen an das Leben stellen können. Menschen, die kluge Kinder in die Welt setzen, weil sie klug sind.

Gigantisch pulst das Leben durch Neuyork, mit den U-Bahnen, den Hochbahnen, den Straßenbahnen, den Autobussen.

Ich stehe das letztemal vor demMatterhorn" der Neuen Welt, dem Empire-State-Building, vor dem Matterhorn aus Stein und Stahl. In seiner Symmetrie gleicht es dem schönsten Felsendom der Alpen. Sensation wäre es, sich abzuseilen Über die glatte Mauer. Das Empire-State-Building könnte der wunderbarste Klettergarten der Stadt Neuyork fein, statt der Palisades am Hudson.

Am Fuß des Domes mit der eisernen Konstruktion, den Menschengeist errichtet hat, zieht der Broadway vorbei die größte Straße aller Erd­teile, dieStraße des Lichts": jener Broadway, der immer im magischen Licht erstrahlt, der mit dem Sinken der Nummer immer und immer unheimlicher wird. Dort sitzen die Menschen ohne Dichterphantasie, die Männer mit der scharfen Beobachtungsgabe für die Finanzangelegenheiten der Erdteile. Auf ihren Tischen ausgebreitet liegen die Landkarten der Welt, und neben der Mafchine der rasch denkenden Sekretärin steht der Globus. Wie ein Spielding mutet er an, doch er ist Symbol für die Beherrschung der Meere und Kontinente mit Geld.

Im oberen Broadway, wo dieSternenstraße des Lichts" beginnt, hinter Times Square, dort ist das Herz der Kunst, des Kabaretts, des Films, des Theaters. Dort werden Stars weggeholt nach Hollywood, und dorthin kehren neunzig vom Hundert wieder zurück, in ewigem Kreislauf.

Abend ist es. Da gehe ich durch die Lichtflut zum letztenmal und quere hinüber zum Central-Park, von der Theaterstadt kommend. Dort greifen die Wolkenkratzer zum Himmel mit flammenden Lichtern, sie greifen hinein in den dunklen Horizont. Sinfonie: Licht, Finsternis und Burgen. Das Licht und die Burgen sind die Taten von Menschen Menschen Menschen, die nur Gäste auf Erden sind. Das ist der Felsengrat Neuyorks, majestätisch, gleich dem Zug des Karwendels bei Innsbruck, durchschneidet er die Luft.

Sehr teuer ist in diesenKastellen" selbst das einfachste Heim. Doch der Blick schweift über den Central-Park, ein Stück Natur zwischen den Burgen der Finanz, der Hotels, der Technik.

Die Grand-Central-Station ist wohl der prächtigste Bahnhof aller U-Bahnen dieser Erde, die mit ihrem Labyrinth von Gleisen, über denen sich oberirdisch die größten Hotels und Bureauhäuser zum Himmel strecken. Hier arbeiten Hand in Hand die besten Ingenieure aus dem alten Europa mit den lachenden, denewig lachenden Menschen" von USA., den Kindern der.gewesenen Europa-Generationen.

Die märchenhaften Unterwelten des Hudson-Tunnels, der Grand Cen­tral-Station, der Pennsylvania-StatDN sind die Eingangstore in den Kon­tinent, dessen siebzig Jahre alte Städte im Westen Universitäten haben und Städte geworden sind, wie Innsbruck und München. Man könnte glauben, daß es wirklich stimmt, wenn man sagt,der denkt am schnellsten, der am schnellsten baut." Man wird mitgerissen, mitgerissen vom starken Puls- fchlag des strömenden Lebens. Nicht Genießen ist Amerika, sondern wuchtiges Miterleben. Es wachsen die Universitäten, die Städte, die Dörfer, die Industrien, die Plantagen, die Eisenbahnen, die Straßen. Wunderschöpfungen macht Amerika mit seinen deutschen, englischen und skandinavischen Ingenieuren, die sich Fisher, Smith, Baker und Johnson nennen. Nur Bayreuth fehlt ihnen noch und Weimar, doch von Kunst können 120 Millionen Menschen nicht (eben.

Für USA. ift die Kunst und der beredjtiqte Stolz: die Himmelslinie der Manhattan Beach, die Silhouette des Central-Parks, der Riverside Drive, das Titanenwerk der Technik: die Washington-Brücke über den Hudson, die Radio-Stadt mit den kühnen Projekten, die erstaunlichen Konturen, die von großen Männern gezeichnet sind. Heute, morgen, viel­leicht in tausend Jahren werden sie von Göttern vernichtet werden, die Wunderwerke der Technik.

Ununterbrochen pulst das Geben der Erdbewohner in einem großen Strom durch den Broadway, die Fünfte Straße, die Park Avenue, die Lexington Avenue, über d-e Manhattan Bridge, die Brooklyn Bridge und in den Straßen um die City Hall. KeinMemento mori warnt jeden Tao ein neuer Strom

Von den groben Pressea-häuden leuchten die rollenden Bänder mit: V,,ckistaben Worten Sähen Berichten, hie Weltgeschichte rieht in Glühbirnen vorbei, jede Minute Gefch-Hen der W-E

Das lebte Mal aeht es durch hie 42. Strahl y,in Times Sonare, kreuzend die Künste Strafte, jene Stroh- durch die die Zeitunasmentchen. die Ziegfeld Girls, die Millionäre und die schwarzen Neger strömen

Wir wissen: Menschliche Liebe kann sterben, und Liebe stirbt. Wenn schwere Dinge, die Probleme der Sehnsucht waren, keimende, phantastüche Wünsche wenn Träume Tat geworden sind, lebt auch dieSehnsucht" nicht mehr.

Doch dieSehnsucht" nach Neuyork bleibt bestehen. ..The unbeüevable city ist das gewaltige Präludium für jene unglaubliche Welt, die in verklärendem Licht derGigantik technischer Wunder" immerbar leuchten wird. Und gebaut wurden diese Wunderdinge von den einzelnen Steinchen der Europarasien, vom Genius überragender europäischer Geister, von den einsamen Männern, die die Curopaschiffe brachten.

Verantwortlich Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steinbruderei, 2t Lange, Gießen.