Oer Morgen.

Bon Jakob Kneip.

Der frische Morgen weht ums Haus, Die dumpfen Träume fliehn hinaus. Die mich die Nacht bedrängten. Am Berge schon die Sonne steht. Die grauen Aengste sind verweht, Die mir das Herz beengten.

Nun steigt die Welt zu neuem Laus, Und blaue Fernen tun sich aus, Es dampft im Wald, dem feuchten. Die Wiesen funkeln schon im Tau, Der Himmel glänzt im reinen Blau, Und Strom und Städte leuchten.

Seufzend löste der Bursche die Geldkatze völlig. Wie er sie dem Räuber reichte, sagte er:Du hast doch mit mir gegessen und getrunken, eine Liebe kannst du mir wenigstens antun. Hier lege ich meinen Arm auf den Baumstumpf. Schlag zu, schlag mir die Hand ab; dann glauben sie zu Hause, daß ich mich gewehrt habe." Der falsche Mönch antwortete lachend:Wenn dir deine Hand nicht mehr wert ist, das will ich schon tun", und warf die Geldkatze aus die Erde.Aber hole ordentlich aus, daß es eine glatte Wunde gibt; ich bin ein armer Kerl und kann keine Kurkosten bezahlen", fuhr der Fleischer fort.

Da stand ein fester buchener Stumpf; der Baum war im Winter geschlagen und lag noch neben dem Wege. Auf den Stumpf legte der Fleischer den Arm, der Räuber trat zurück, hielt den Dussek mit beiden Händen und holte aus. Aber wie er niederschlug, nahm der Fleischer schnell den Arm zurück, und während der Säbel tief in das feste Holz eindrang, daß er durch kern Rütteln wieder herauszuziehen war, stürzte er sich auf den andern, griff ihn mit Untergriff, warf ihn krachend auf die Erde, daß ihm die Rippen knackten und kniete auf ihm. Dann faßte er in feinen Kober, den er gerade erreichen konnte, und holte einen Kälberstrick hervor. Mit dem schnürte er die Hände des Menschen zu­sammen; dabei rief er:Keine Grütze im Kopf! Du willst einen Fleischer­gesellen für dumm verkaufen!" Der Kerl beklagte sich, daß er ihn zu fest schnüre.Du sollst die Engel im Himmel pfeifen hören", erwiderte der Fleischer.Denkst du, unsereiner ist so dumm wie Ihr und läßt einen wieder los, den er hat? Wir haben genug in den Kops zu nehmen in unserm Geschäft." Damit ging er von dem Menschen herunter, gab ihm einen Tritt und forderte ihn zum Ausstehen auf.

Der Räuber stand auf, der Geselle ließ ihn vor sich hergehen und führte ihn an seiner Kälberleine. So ging er mit ihm zu der Stadt, wo er seine Zahlung zu machen hatte; dort brachte er ihn erst auf das Gericht und lieferte ihn ab, dann besorgte er fein Geschäft und machte sich auf den Heimweg. Der Räuber wurde verurteilt und hingerichtet.

Die Kunst im Kämmerlein.

Eine zeitgemäße Betrachtung über Earl Spihweg.

Von Hans Reetz.

Nirgends auf den Tafeln der Kunst der Vergangenheit gibt es ähnliche weihevolle Selbstunterhaltungen eines, dem von der weiten Welt und der großen Gottes- und Menschenordnung fast nichts übrig blieb als das ein­same Kämmerlein des Privatmannes. Denn dies, das Private, die ganz und gar amt- und aufgabenlose und gewissermaßen sendungslose Existenz, das ist das, was man als das Besondere Carl Spitzwegs im Auge behalten muß. Er ist nirgends mehr Träger einer Ueberlieferung, keiner mehr von denen, die etwas empfangen haben, um es zu vererben. Er hatte keinen Lehrer und er hinterließ keinen Schüler. Was er zur Welt zu sagen hatte, geriet ihm nur noch in Monologen. Er ist der Privatmann unter den Meistern des 19. Jahrhunderts. Man wird versucht, zu Übertreiben und zu sagen: der absolute Privatmann; einer, der sich sozusagen hermetisch m der Kammer seiner Vorstellungen eingeschlossen hatte und dort die Welt, unabhängig vom Gange der Entwicklung, zu konservieren versuchte. Man lasse sich beileibe nicht durch seine moderne Maltechnik darüber hinweg- täuschen- ja, gerade dieses eifrige Bestreben, die Könnerschaft des flotten Pinsels, der sinnlichen Lichtwirkung und der momentan gesehenen Se= wegung zu beherrschen, verrät um so mehr den Versuch zu täuschen; sich selbst zu täuschen und andere, nämlich über die Tatsache, daß die alte Welt untergegangen war, auch wenn sie zu seinen Lebzeiten, wenigstens äußer­lich, noch zu Recht zu bestehen schien

Dahin gehört vor allem auch sein fast manischer Hang zur Darstellung der Architektur. In vielen seiner Bilder verrät sich geradezu eme Art Ausschweifung eines von der Baukunst Trunkenen. Das leuchtet ein; denn grade an ihren, an die Gesetze der Natur gebundenen Werken, konnte er einen Halt gewinnen, den es sonst nicht mehr gab. In diesenwirk­lichsten" Kunstwerken war die Welt scheinbar noch durchaus unangefochten und für immer da. Hier hatte sein einsames Herz den Glauben den es brauchte. Nie konnte er sich genug tun mit dem vielfältigsten Aufwand seines baumeisterlichen Herzens. Immer ist alles reich, bewegt, gestuft, gestaffelt, vielfach belichtet oder beschattet. Die Straßen fuhren aufwärts und abwärts, und immer irgendwo in die Unendlichkeit einer Ferne^ Und auch seitlich, rechts und links, haben sie nie ein Ende, führen sie in Gassen und Winkel, über steile Stiegen und breite gemächliche Treppen. Nirgends haben je Baumeister eine solche Vielfalt von vor- und zurücktretenden Fas­saden erfunden, von gegliederten Giebeln, die hinaufstürzen, Balustraden, Erkern Vortritten und Konsolen, die sich kühn über die Straße brüsten, die das Rund ihrer spiegelnden Fenster dem Betrachter entgegendrehen oder die einen bescheidenen Fensterplatz verbergen. Da ist es Tag. Da durch­wärmt die Sonne langsam das Gestein. Und unter ihrem Licht gleißen die Tünchen auf. Da wirken die Handwerker in den Gewölben. Da kräuselt der Rauch aus den Schornsteinen und da weht der linde Hauch die Mittags- gerüche herein. Oder es ist Nacht. Da fällt der Schein des Mondes in die Straßen herunter wie in Schluchten. Da zehrt die Bleiche die Farben auf. Da reißen die Schatten Klüfte ins Gestein. Da kommt die Kolofsal- Silhouette herunter und verlöscht alles mit der Schwärze des Unterganges.

Einmal hat Spitzweg ohne weiteres das Gespenst gemalt, em Bild wider alles Vertrauen auf die fünf Sinne: Ein Anonymus begegnet in der nächtlichen Straße einem Anonymus. Der eine erscheint als wandelnde Nachtbehörde, der andere als X. Niemand wird je erfahren, wer die waren, die sich da begegnet sind. Aber man wird nach diesem Bilde wissen muffen, was sonst noch hinter diesem deutschen Kleinstädter zu suchen ist, nämlich Goya und Daumier; nämlich das selbstquälerische Nichts des freien Willens, die verschwiegene Tortur des in der Einsamkeit feines Kammer- dafeins Gemarterten. , ,, ,, . .

Der Unterschied zwischen Daumier und Spihweg besieht dann, daß der eine nicht mehr hat, was der andere noch hat. Er beruht aber auch auf der besonderen geschichtlichen Lage und Sendung Frankreichs einerseits und Deutschlands anderseits. Was nämlich dort im Westen Umsturz und

Oer Ouffek.

Von Paul Ern st.

Der Nierenwald gehörte am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts einem Grafen von Heym, der ein großer Liebhaber der Jagd war. Der Wald war durch räuberische Uebersälle verrufen. Es wurde dem Grafen wohl gesagt, er müsse Leute aufbieten und ihn säubern, aber der er­widerte dann immer, seinetwegen brauchten die Bürger nicht durch seinen Wald zu gehen, und er habe keine Lust, sein Wild vergrämen zu lassen.

Ein Fleischergeselle übernachtete in einem Wirtshaus, das am Ein­gang des Waldes stand und erzählte dem Wirt, daß er am anderen Morgen früh aufbrechen müsse und durch den Wald gehen wolle; er habe für seinen Meister eine Zahlung zu machen. Dabei warf er eine schwere Geldkatze auf den Tisch und prahlte. daß sie an zweihundert Gulden enthalte. Der Wirt schüttelte den Kops und warnte ihn; außer den beiden war nur noch ein Mönch in der Wirtsstube; und der Wirt sagte, er solle froh sein, daß nur zuverlässige Leute feine Prahlerei ge­hört haben, denn im Walde sei es nicht geheuer, und man könne nie wissen, ob nicht die Räuber ihre Helfershelfer in den Wirtschaften am Rande des Waldes halten, die ihnen von Wanderern mit Geld Nachricht geben Der Mensch lachte und sagte, ihm sollte nur ein Räuber kommen, er wisse schon, wie er ihn ausnehmen solle. Dabei streichelte er seinen großen gelben Fleischerhund, der neben ihm lag; der Hund sah zu ihm hoch und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden.

Der Mönch bat den Gesellen am andern Morgen, ob er sich ihm auf feinem Wege anschliehen dürfe, und der Mann antwortete lachend, wenn er sich vor so einem armen Kerl von Spitzbuben fürchte, der vor Hunger nicht ... könne, so wolle er ihn mit beschützen.

Die Geldkatze war aus Leder, mit schönen grünen, blauen und roten Lederstückchen verziert, lustig bestickt, und mit blanken Messingbeschlägen versehen. Der Mönch sah die sich an und freute. sich über die fchone Arbeit und der Geselle erzählte, was sie gekostet hatte, denn ein ordent­licher Fleischergefelle hält darauf, daß er eine gute Geldkatze hat, damit er nicht bei feinem Meister zu borgen braucht. So tarnen denn die beiden ins Gespräch und gingen. Und nachdem sie einige Stunden im Wald gegangen waren, sagte der Geselle:Nun ist es Frühstückszeit, der Magen will fein Recht". Die Beiden hetzten sich aus die trockenen Buchen­blätter und jeder holte vor, was er in der Tasche hatte. Der Fleischer sah mitleidig auf den Schnappsack des Mönchs, dann hielt er ihm feinen Kober hin und sagte:, das ist fette Rotwurst, reines Gut, die kann jeder mit Appetit essen". Der Mönch machte Gegenworte, aber der Ge­selle schnitt ihm ein spannenlanges Stück ab, schnitt dazu einen Runken Brot und schob ihm beides auf der Klappe des Kobers zu. Die Beiden machten sich ans Essen; der Gesell zog einen Buddel Schnaps vor und sprach:Aus die fette Ware gehört auch ein ordentlicher Schluck ; damit tränt er' dem Mönch zu; dieser nahm den Buddel, und der Fleischer fuhr ermutigend fort:Davon kriegt einer keine Läuse in den Bauch'.

Die Beiden aßen mit den Taschenmessern, indem sie von ihrem Brot abschnitten und die Wurst aus der Schale herausgruben. Der Hund tag zu ihren Füßen und paßte; wie der Geselle fertig war, warf der ihm die zusammengedrückte leere Schale zu, und der Hund schnappte sie in der

Kamerad", sagte der Mönch,du hast mir ja noch gar nicht ge­sagt was du machen willst, wenn Räuber kommen .Mit zweien nehme ich es auf", erwiderte der Fleischergeselle.Mein Hund stellt den einen, und für den andern habe ich meinen Dussek hier umgefchnallt. Der schlägt Knochen glatt durch. Willst du glauben ober nicht, wenn ich hier ein Kalb habe, dem schlage ich den Kopf ratsch ab mit dem Sabel.

Der Mönch wollte den Säbel sehen und der Fleischer zog ihn aus der Scheide.Der Dussek, das ist das Richtige für den Fleischergefellen .sagte erIm Griff ist Blei. Schwing chn mal, wie der zieht. Der Mönch nahm den Säbel und schwang ihn; der Hund hatte sich auf die Hinter­beine gesetzt, der Fleischer lag behaglich, die Hande unterm Kopf, beide sahen dem Mönch zu, wie er den Säbel schwang. Plötzlich holte der Mönch weiter aus, machte einen Schritt auf den Hund zu und schlug dem mit einem Schlage den Kopf ab. _. . . ...

Der Flei cher sprang auf. Der Mönch schrie ihn an:Die Katze her! Der Geselle stand niedergeschlagen da, und die Tranen rollten chm aus den Augen.Mach schnell!" schrie der Mönch und fchwang drohend den Dussek. Zögernd löste der Bursche die Schnallen. Plötzlich hielt er mne und sagt?:Ich kann mich bei meinem Meister nicht Eder sehen lassen, denn der glaubt mir doch nicht, daß ich starker Ker!! mich mcht habe wehren können. Mein ehrlicher Name ist hm. Es tut mir nur um meine Eltern leid, die können ja nicht mehr auf der Straße gefjen iann zeigt jeder auf sie und sagt: .Das sind die Eltern von dem Spitzbuben, der mit dem Geld durchgegangen ift." .

Ja, unsereins kann ja manchmal vor Hunger nicht ..., aber Dafür haben wir Grütze im Kopf", sagte der Raiwer;mit fo einem klugen Fleischergefellen werden wir immer noch fertig."