und die fremden Pflanzen dort ansgeriss->n, sie werden Spanien zugrunderichten, wenn sie es so weitertreiben. Hätte man nicht allen Grund, das Volk zu hassen? Es ist immer dasselbe, wenn es einmal irgendwo losbricht, dann kann man gewiß sein, daß immer das Dümmste und Ungeschickteste geschieht, was nur geschehen kann. — Aber was soll man tun? Wir gehören nun einmal dazu. Sein Schicksal ist auch unser Schicksal. Man möchte ihnen die albernen Schädel einschlagen, wenn sie einem nicht leid täten."
Siebold hatte mich ruhig angehört. Dann sagte er: „Die Pastrana hat gegen dich gehetzt. Sie ist es gewesen, die den Leuten eingeredet hat, du seiest ein Verräter und Franzosenfreund. Wer Vernunft predigt und einen klaren Blick für das Unheil hat, das über Spanien heraufkommt, ist diesen Leuten ein Verräter. Die alte Hexe Pastrana aber ist em Weib nach ihrem Sinn. Als der Aufstand losbrach, war sie überall dabei,. wo es gegen die Franzosen ging. Sie war es, die das Volk aufgehetzt hat, das Lazarett zu stürmen und die wehrlosen Franzosen abzuschlachten. Du hast dir ihren Zorn zugezogen. Sie behauptet, man würde schon sehen, wie du zu den Franzosen stehst, du würdest gewiß noch die Ehrenlegion bekommen."
Nun begriff ich, was die Bewegung der Celestina hatte bedeuten sollen: den Orden der Ehrenlegion, den ich angeblich erhalten sollte.
„£fa, mein armer Freund", sagte Siebold, „es ist, als sei eine Kraft in dir, gegen die das Böse nicht viel auszurichten vermag. Darum mußtest tm aus Madrid entfernt werden, damit es sich entfalten kann. Und wirklich hat ja das Löwengesicht hier inzwischen gute Arbeit getan."
Da war er wieder bei seinem Löwengesicht. Aber Löwengesicht oder nicht: war es nicht wirklich ss,.als hätte das Böse während meiner Abwesenheit hier die Macht an sich gerissen? Vielleicht hätte ich mich nie von Rosalbas Bett entfernen dürfen.
Meine Gedanken schienen wie immer offen vor Siebold zu liegen. „Ich habe dem Kind nicht helfen können", sagte er leise.
Mein Schmerz, den mich der Zorn über den Auftritt in Tiburcios Posada hatte vergessen lassen, brach neu hervor. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten und ließ mich, von Siebold halb abgewandt, zur Seite in die Polster des Diwans sinken, auf dem wir faßen.
Siebold war aufgeftantien und zur Tür gegangen. Er mag wohl dort wieder an feinem Hebel gerückt haben, denn ich hörte wieder das Knistern über unseren Köpfen und gleich darauf fühlte ich mich wie von neuen Kraftströmen durchfloßen.
„Du darfst dich nicht der Trauer hingeben, FrancescoI , sagte Siebold, indem er meine herab hängende Hand erfaßte, „wir müssen uns sehr zusammennehmen, um unserer Aufgabe gewachsen zu sein. Wer soll diesen Dämon bändigen, wenn nicht wir? Das Fieber deiner Kinder ... ich habe die letzten zwölf von ihnen sterben sehen. Es war fein Fieber, dem mit Medizinen und ärztlicher Kunst beizukommen war. Dein Fran- cesco ist am Leben geblieben, weil er dir am wenigsten gleicht. Die anderen hat dir das Löwengesicht genommen, Francesco! Und es ist darauf aus, auch dich zu vernichten. Mit deiner Taubheit hat es den Anfang gemacht. Nun hat es deinem Leben gegolten oder wenigstens deiner Freiheit."
Ich hatte mich wieder gefaßt, klar standen die Vorgänge in Bayonne vor meinen Augen: „Du hast mich wieder gerettet, Andreas. Wie hast du das gemacht? Hast du den Brief vertauscht?"
Siebold lächelte unergründlich, seine Augen wurden dabei immer ganz milchfarben wie die leuchtende Halbkugel an der Decke: „Wenn alles so leicht wäre, wie das, Francesco! Glaubst du, wir lesen immer, was wirklich geschrieben steht? Und muß ich nicht alles aufbieten, um meine Schuld zu verringern?"
„Deine Schuld?"
„Wessen Geschöpf ist dieses Löwengesicht, wenn nicht das meine? Meine Vermessenheit hat es ins Geben gerufen! Wollte ich nicht meinen Meister übertrumpfen und wagen, was er nicht gewagt hat? Nun hat sich mein Geschöpf gegen mich empört, und keine Feindschaft ist grimmiger als die eines Geschöpfes gegen feinen Schöpfer. Da hat sich die Singdogma nun den Fesseln entrissen und ihre abgründige Bosheit ist frei geworden. — Ist nicht die Welt voll Unheil, seit sie auf die Erde losgelassen ist? Das Blut auf den Schafotten der französischen Revolution, das Blut der Schlachten seit Jahrzehnten — alles ist ihr Werk. Das Unheil, das Spanien bevorsteht, wird sie nicht sättigen, sie wird über die Gehängten, Verstümmelten, zu Tod Gemarterten lachen und mehr Greuel begehren. Immer wenn ein großer Irrsinn über die Menschheit gekommen zu sein scheint, hat sich so ein Dämon von seinen Ketten losgemacht und schleudert geistige Stürme in die Welt. Zauberer und Magier in Tibet schaffen solche Wesen, und wenn die Menschheit der geistigen Führer, die Gutes wollen, nicht achtet, gewinnt das Böse Macht über die Seelen. Alle großen Zerstörer sind von solchen schweifenden Dämonen besessen. Vielleicht trägt auch Napoleon so einen Zerstörungsdämon in sich. Welche Macht ist in diesem beleibten, kleinen Mann, dessen Hirnanhangdrüse von einer Krankheit ergriffen ist, von der er noch nichts weiß, die ihn aber vernichten wird? Vielleicht ist es meine Belisa, die sich auch seiner als Werkzeug bedient."
Während Siebold sprach, hatten meine Gedanken eine sonderbare, aber sehr bestimmte Richtung genommen. Mit einer mich selbst überraschenden, jähen Gier hatten sie ein Wort aufgegriffen, bas Siebold gesprochen hatte. Was hatte er von seiner Schuld gesagt, dadurch auf ficb geladen, daß ihm eine Singdogma entkommen war, ein Geschöpf feiner Einbildungskraft, und sich auf die Welt gestürzt hatte? Wie, wenn das Unheil, das mich betroffen hatte und insbesondere das gehauste Mißgeschick der letzten Zeit, gerechte Vergeltung einer Schuld war, die noch keine Sühne gesunden hatte... Meiner Schuld, die Unheil wirkte, hervorgerufen durch eine ganz andere Art von Löwengesicht, das kein Geschöpf der Einbildung war. Durch einen Schatten aus meiner Vergangenheit, durch ein Verbrechen, das ein Gespenst belebt hatte, die Gestatt einer versührten und verlassenen Braut Christi. Es waren vielleicht die letzten racheerfüllten Gedanken einer Sterbenden, die herumirrten und sich meiner zu bemächtigen suchten.
(Fortsetzung folgt.)
einwirkte, wie sie dazwischenschrien, wie Empörung und Wut ihre Gesichter verzerrte. Obzwar Larosa ihnen ossensichtlich aus einem mir unbekannten Grund Zurückhaltung empfohlen hatte, waren sie doch außerstande, sich zu beherrschen und brachen, als die Pastrana geendet hatte, in einen Lärm aus, der wie fernes Wogenbranden in mein Ohr drang. . -
Dabei trafen mich verächtliche ober haßerfüllte Blicke, als hätte das, was die Pastrana gelesen hatte, irgendeinen Bezug auf mich und habe mich um ihre Zuneigung gebracht.
Ich war es satt, mich von allen so mißbilligend anglotzen zu lassen, sprang vom Herd herab, trat rasch an die Pastrana heran und riß ihr das Blatt aus der Hand.
। ufruf des Königs Karl an feine getreuen Spanier. Darin stand, daß der Prinz Ferdinand das Unrecht, das er begangen, eingesehen habe und von seiner angemaßten Würde zurückgetreten sei. Er aber, der dicke Karl, habe als rechtmäßiger König Spaniens auf seine Krone verzichtet und habe sie, in der Einsicht, daß kein anderer imstande sei, Spanien zum Glück, zum Ruhm und zur Größe zu führen als der Kaiser Napoleon, diesem übertragen. Er, der dicke Karl, beteuerte, daß dies nur aus unendlicher Liebe zu Volk und Land geschehen sei, und daß die Spanier sich eines solchen Opfers wert erweisen und ihrem neuen König mit Gehorsam und Vertrauen entgegenkommen sollten.
Nun gut, es war geschehen, was hatte kommen müssen und nicht anders hatte kommen können. Napoleons Wille hatte gesiegt, sein Plan war gelungen; aber ich sah nicht, in welchem Zusammenhang das hier mit mir gebracht werden konnte.
Als ich das Blatt sinken ließ, gewahrte ich, daß die Celestina mit spöttisch verzogenem Gesicht durch eine Bewegung des Kopfes nach mir hinüberdeutete und irgend jemandem ganz offensichtlich mit Bezug auf mich ein Zeichen machte: ihr Zeigefinger beschrieb einen kleinen Kreis über ihrer linken Brust.
Jetzt war es mir unmöglich, länger an mich zu halten. Ich fpr-ang auf das Weibsbild zu, riß es am Handgelenk zu mir her und schrie es an:
„Was soll das heißen? Seid ihr alle verrückt geworden?"
Die Celestina sträubte sich wie eine wütende Katze, und im Augenblick sah ich nichts als lauter finfter drohende Gesichter um mich her. Alle nahmen gegen mich Stellung, ich hatte keinen einzigen Freund unter all diesen Leuten, selbst Narvaez hatte sich von mir abgewandt.
Plötzlich erhielt ich einen Stoß vor die Brust, die Hand der Celestina wurde mir entrissen, und dann sprang Martincho zwischen mich und sie. Mit schäumendem Mund spie er mir einen Schwall von Worten ins Gesicht. Ich konnte ja nicht hören, was er sagte, aber ich bin gewiß, daß er mir keine Kosenamen gab. Wenn Martincho jo loslegte, so trug er wohl allen Unflat von Schimpfworten zusammen, deren die spanische Sprache sähig ist.
Schon wollte ich die Faust heben, um ihn ins Gesicht zu schlagen, da sühlte ich meinen Arm ersaßt und herabgedrückt. Es war Siebold, der da neben mir aufgetaucht war und mich mit sich fortzog. Seine Macht über die Leute war so groß, daß man uns Platz machte und gehen ließ, obzwar es eben noch so ausgesehen hatte, als wollten sie alle zusammen über mich herfallen.
Wir hatten nur ein kleines Stück zu gehen, um zu Siebolds Haus zu gelangen. Es lag in dem Winkelwerk hinter dem Rastro, dem Trödelmarkt Madrids, und stammte noch aus der Maurenzett. Hölzerne Gitter verschlossen die Fenster nach der Gassenseite, der Hof war von einem Säulengang umgeben, der eine Galerie trug. Auf dem Strahl des Springbrunnens tanzte eine gläserne Kugel, stieg und fiel und stieg wieder und glitzerte dabei im Mondlicht Im Erdgeschoß lagen die Räume, in denen Siebold seine rätselhaften Versuche vornahm. In den dürftig ausgestatteten Zimmern des ersten Stockwerks wohnte und schlief der Doktor.
Er führte mich in eines dieser Zimmer, in dem nichts anderes war als ein längs den Wänden laufender Diwan. Kaum hatten wir den Raum betreten, so erhellte er sich durch ein sanftes mildes Licht. Seine Quelle war eine Halbkugel aus Milchglas, die an der Decke befestigt war, und dieses dem Mondlicht ähnliche sanfte Leuchten ausftrömen ließ. Diese Einrichtung war mir neu, und neu war mir auch das Netz von Drähten, das unter der ganzen Decke ausgespannt war und von dem eine Menge von eisernen Spitzen nach unten starrte.
Der Doktor rückte an einem Hebel neben der Tür, und ein Schwarm von bläulichen Funken lief über das Netz hin, jeder von ihnen schien zu einer der eisernen Spitzen hinzueilen, wo er verlosch. Sogleich durchrieselte ein angenehmes Gefühl meinen ganzen Körper, ich verspürte eine Belebung aller meiner Sinne, und der dumpfe Druck des Saufens in meinem Ohr war von mir genommen.
„Hörst du das Knistern?" fragte der Doktor.
Er hatte offenbar ganz leise gesprochen, aber ich hatte ihn ttotzdem gehört, und nun hörte ich auch das Knistern, auf das er mich aufmerksam machte und das wohl von dem Netz über unseren Köpfen kam.
Siebold rieb sich lächelnd die Hände, er schien mit sich zufrieden, und sah mich erwartungsvoll an. Ich verstand, daß er nun bereit war, die Fragen zu beantworten, die ich an ihn zu stellen hätte.
Noch schwangen der Zorn und die Empörung über das Betragen der Leute in Tiburcios Schenke in mir. „Was war das mit den Leuten im .Schwarzen Herrgott'?", stieß ich hervor.
„Sie sind aufgebracht gegen dich. Sie wissen, daß du in Bayonne gewesen bist, und nun glauben sie, daß du zu dem Ausgang beigetragen hast, den die Sache genommen hat."
„Sie meinen?"
„Sie meinen, daß du Ferdinand geraten hast, abzudanken. Sie sind überzeugt, daß du ein Freund der Franzosen und ein Feind des Volkes bist."
„Diese Tölpel, diese Schafsköpfe ... meine Wandgemälde im Palast Godoys haben sie vernichtet, sie haben den botanischen Garten verwüstet


