Ausgabe 
5.4.1937
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 195Z Montag, den 5. April Nummer 26

Der Gtechlin

Vornan von Theodor Zontane

19. Fortsetzung. »

Martin hielt an.Gnädiger Herr, da liegt wer. Ich glaub, es ist der alte Tuxen."

Tuxen, der alte Süffel von Dietrichsofen?"

Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit ihm is."

Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rüttelte und schüttelte den am Wege Liegenden.Awer Tuxen, wat moakst dr denn hier? Wenn feen Moonschien wiehr, wiehrst du nu all kaputt."

Ioa, joa", sagte der Alte. Aber nian sah, daß er ohne rechte Be­sinnung war.

Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilslichen mit Martin gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen. Und bei dieser Prozedur kam der Trunkene einigermaßen wieder zu.sich und sagte:Nei, nei, Martin, nid) doa: pack mi lewer vörn uppn Bock."

Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da saß er nun auch ganz still und sagte nichts. Denn er schämte sich vor dem gnädigen Herrn.

Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte:Nu sage mal, Tuxen, kannst du denn von dem Branntwein nid) lassen? Legst dich da hin: is ja schon Nad)tfrost. Nod) ne Stunde, dann warft du dod. Waren sie denn alle so?"

Mehrschtendeels."

Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt?"

Nei, gnüdger Herr, vor Katzenstein nich."

Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf dem Bock unsicher hin und her schwankte.

Na, man raus mit der Sprache. Du weißt ja, ich reiß keinem den Kopp ab. Is and) alles egal. Also für Katzenslein nich. Na, für wen denn""

Für Torgelow'n."

Dubslav lachte.Für Torgelow, den euch die Berliner hergeschickt haben. Hat er denn schon was für euch getan?"

Nei, noch nich."

Na, warum denn?"

Ioa, se [eggen joa, he will wat för uns duhn un is so sjhr für de armen Liid. Un denn kriegen rot joan Stück Tüffelland. Un se (eggen ook, he is klöger, as de annern sinn."

Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr dumm seid. Habt ihr denn schon gehungert?"

Nei, bat grab nich."

Na, das kann auch noch kommen."

Ach, gnädiger Herr, dat wihrd joa woll nich."

Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichsofen. Nu steigt ab und leht Euch vor, daß Ihr nicht fallt, wenn die Pferde anrucken. lind hier habt Ihr was. Aber nich mehr siir«cheut. Für heut habt Ihr genug. Unö nu macht, daß Ihr zu Bett fommt, und träumt von .Tüffelland'?'

3n Mission nach England.

21. Kapitel.

Waldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, daß l»er sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer Torgelow, int Wahlkreise Uheinsberg-Wutz gesiegt habe. Bald darauf traf auch ein Brief von Lo­renzen ein, der zunächst die Telegramme bestätigte und am Schluffe hinzu- sstzte, daß Dubslav eigenflid) Herzlid) froh über bett Ausgang fei. Wolde- iior war es auch. Er ging bavon aus, baß fein Baler wohl bas Zeug lade, bei Dreffel ober Borchardt mit viel gutem Menschenverstand und od) mehr Eulenspiegelei seine Meinung über allerhand politische Dinge lunt besten zu geben: aber int Reichstage fach- und sachgemäß sprechen, ios tonnt er nicht und wollt er auch nicht. Wolbemar war so durch- irungen davon, baß er über die Borstellung einer Niederlage, bran er Is Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig rasch linroegfoin, pries es aber boch, um eben biefe Zeit mit einem Kommando 'ach Ostpreußen hin betraut zu werden, das ihn auf ein paar Wochen tnn Berlin fernhielt. Kam er bann zurück, so waren Anfragen in biefer Äahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb I incs Regiments, in dem man sich, von ein vaar Intimsten abgesehen, ^gentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.

lind in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenuser, als Uulbemar hier am Abenb vor seiner Abreise noch einmal vorsprach, um H) bei ber gräflichen Familie zu verabschieden. Es würbe nur ganz. Mntjin von einem abermaligen Siege der Sozialdemokratie gesprochen, 1

ein absichtlich flüchtiges Berühren, das nicht auffiel, weil sich das Ge- fpräd) sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann, die, seit lange dazu aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im Bar- byschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel Entgegen­kommen gefunden hatten. Auch Melusine hatte fid) durch den Besuch der Freunde durd)aus zufriedengestellt gesehen, trotzdem ihr nicht ent­gangen war, was, nach freilich entgegengesetzten Seiten hin, die Schwäche beider ausmachte.

Wovon der eine zu wenig hat", sagte sie,davon hat der andre zu viel."

Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?"

O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß int selben Augenblicke, wo die Herren Platz nahmen, drüben die Glocken der Gnadenkirche geläutet wurden, was denn man ist bet solchen ersten Besuchen immer dankbar, an irgend was onfnüpfen zu können unser Gespräch sofort aufs Kirch­liche hinüberlenkte. Da legitimierten fid) bann beibe. Hauptmann Czako, weil er ahnen mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen würde, gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während Herr von Rex in ber Tat nicht nur von dem .Ernst ber Zeiten' zu sprechen anfing, fonbern auch von bem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, uns nahe bevorstehenden Umschwung erwartete. Was mich natürlich erheiterte."

2ßo[bem <F5 Kommando nach Ostpreußen war bi- auf Anfang No­vember berechnet, und mehr als einmal sprachen im Verlause dieser Zeit Rex und Czako 6ei den Barbys vor. Freilich immer nur einzeln. Verab­redungen zu gemeinschaftlichem Besuche waren zwar mehrsad) einge­leitet worden, aber jedesmal erfolglos, und erst zwei Tage vor Wolde- mars Rückkehr fügte es fid), daß sich die beiden Freunde bei den Barbys trafen. Es war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben der Baronin Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein alter Maler­professor (eine neue Bekanntschaft des Hauses) zugegen waren, was eine sehr belebte Konversation herbeiführte. Besonders der neben seinen andern Apartheiten auch durch langes weißes Haar und große Leuchte-Augen ausgezeichnete Professor hatte gestützt auf einen un­entwegten Peter-Cornelius-Enthusiasmus alles hinzureißen gewußt. Ich bin glücklich, noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden Künstlers gesehen zu haben. Sie kennen seine Kartons, die mir das Bedeutendste scheinen, was wir überhaupt hier haben. Auf dem einen Karton steht im Vordergrund ein Tubabläser und setzt das Horn an den Mund, um zu Gericht zu rufen. Diese eine Gestalt balanciert fünf Kunstausstellungen, will also sagen netto 15 000 Bilder. Und eben diese Kartons, samt dem Bläser zum Gericht, die wollen sie jetzt forffdjaffen und sagen dabei in naiver Effronterie, solch schwarzes Zeug mit Kohlen- strichen dürfe überhaupt nicht soviel Raum einnehmen. Ich aber sage Ihnen, meine Herrschaften, ein Kohlenstrich von Cornelius ist mehr wert als alle modernen Paletten zusammengenommen, und die Tuba, die dieser Tubabläser da an den Mund setzt verzeihen Sie mir altem Jüngling diesen Kalauer, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen sie jetzt ihre Farben herausdrücken. Beiläufig auch eine miserable Neue­rung. Zu meiner Zeit gab es noch Beutel, und diese Beutel aus Schweinsblase waren viel besser. Ein wahres Glück, daß König Friedrich Wilhelm IV. diese jetzt etablierte Niedergangsepoche nicht mehr erlebt hat, diese Zeit des Abfalls, so recht eigentlich eine Zeit der apokalyp­tischen Reiter. Bloß zu den dreien, die der große Meister uns da ge­schossen hat, ist heutzutage noch ein vierter Reiter gekommen, ein Misch­ling von Neid und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am stärksten."

Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten, denn der Alte mit feinem Apostelkopse hatte ganz wie ein Prophet gesprochen. Nur Me­lusine blieb in einer stillen Opposition und flüsterte der Baronin zu: lubabläfer. Mir persönlich ist die Böcklinsche Meerfrau mit dem Fisch- (eib lieber. Ich bin freilich Partei."

Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher Stunde. So war es auch heute wieder. Es schlug eben erst zehn, als Rex und Czako auf die Straße hinaustraten und drüben an dem langgestreckten Ufer Taufende von Lichtern vor fick) hatten, von denen die vordersten sich im Wasser spiegelten.

Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen", sagte Czako. Was meinen Sie, Rex? Sind Sie mit dabei? Wir gehen hier am Ufer entlang, an den Zelten vorüber dis Bellevue, und'da steigen wir in die Stadtbahn und fahren zurück, Sie bis an die Friedrichstraße, id> bis an den Alexanderplatz. Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus "

Rex war einverstanden.Ein wahres Glück", sagte er,daß- wir uns endlich einmal getroffen haben. Seit fast drei Wochen kennen wir mm das Haus und haben noch keine Aussprache darüber gehabt. Und das ist dock) immer die Hauptsache. Für Sie gewiß."

Ja, Rex, das ,für Sie gewiß', das sagen Sie so spöttisch und über­heblich, weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores und für mich gerade gut genug. Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen